Digital In Arbeit

Geld ist nur ein Signal

1945 1960 1980 2000 2020

Finanzhilfe & Kinder: Junge Paare in Wien kümmert es wenig, dass es in Zukunft mehr finanzielle Unterstützung für den Nachwuchs geben wird.

1945 1960 1980 2000 2020

Finanzhilfe & Kinder: Junge Paare in Wien kümmert es wenig, dass es in Zukunft mehr finanzielle Unterstützung für den Nachwuchs geben wird.

Das Strahlen in den Gesichtern des jungen Ehepaars ist echt und lebendig. Es erzählt vom Glück, bald Eltern eines Kindes zu werden; Harmonie und Einklang in einer Beziehung, die keine Schlagzeilen macht. "Mitte September ist es soweit", sagt die 29-jährige AHS-Lehrerin Christiane Schindegger, die im vierten Monat schwanger ist.

Kinderbetreuungsgeld? Bis Ende des Jahres erhält die Pädagogin das normale Karenzgeld, auf das sie durch die erworbenen Versicherungszeiten Anspruch hat. "Ab Anfang Jänner bekomme ich dann den erhöhten Betrag, also das Kinderbetreuungsgeld." Der Kündigungsschutz, der nach 24 Monaten Karenzzeit nach der (derzeitigen) neuen Regelung wegfällt, betrifft die Religionslehrerin nicht, weil sie - wie die meisten Junglehrer - einen befristeten Dienstvertrag hat.

Nach einem Jahr zu Hause will Frau Schindegger wieder ein paar Stunden in der Woche unterrichten, um etwas dazuzuverdienen. "Schulstunden werde ich dann mit großer Wahrscheinlichkeit wieder bekommen. Es ist gut, dass man nicht sofort voll einsteigen muss und nur etwa sechs oder nur acht Stunden unterrichten könnte," sagt die Wienerin "Frauen in anderen Bereichen haben es sicherlich viel schwieriger, Teilzeit zu arbeiten und die Zeit relativ gut einzuteilen." Die Lehrerin glaubt nicht, dass Mütter deswegen länger daheim bleiben würden, "da man auf jeden Fall Verdiensteinbußen hat. "Das Kinderbetreuungsgeld bekommt man drei Jahre und die Verantwortung bleibt ein Leben lang", wendet ihr gleichaltriger Gatte Philipp entschieden ein. Er unterrichtet ebenfalls an einer AHS. "Das Geld ist für mich höchstens ein Signal, aber überhaupt kein Anreiz, nur deswegen ein Kind zu bekommen." Nach der zweijährigen Karenzzeit seiner Frau möchte der Lehrer selbst ein halbes Jahr in Karenz gehen, um mehr Zeit mit seinem Kind zu verbringen.

Philipp und Christiane Schindegger wollen, dass ihr Kind einmal in einer Familie mit mehreren Kindern aufwächst. "Ich will viel Zeit in das Kind investieren, aber gleichzeitig auch meinen eigenen Interessen nachgehen", erklärt Christiane Schindegger. Das gemeinsame Kind solle sich in eine familiäre Geborgenheit zurückziehen können, wünscht sich der werdende Vater, denn: "Es wird ohnehin mit einer schwierigen und komplexen Welt konfrontiert." Familie als Ort der Wärme und Geborgenheit in einer kälter werdenden Welt. Das Ehepaar will seinem Nachwuchs sicher nicht die eigenen Vorstellungen aufpflanzen. "Das Kind soll in die Richtung wachsen, in die es gern wachsen möchte", wünscht sich der Lehrer.

Ein hoher Preis Die Zukunftsaussichten des Ehepaars Cavcic mit ihren zwei Kinder Haris,1, und Kenan, 3, sehen nicht so rosig aus. Der 29-jährige Bosnier Ednad, von Beruf Drucker, verfügt über die österreichische Staatsbürgerschaft. Seine Gattin Alma, bosnische Staatsbürgerin, 26, flüchtete 1992 während des Krieges in Bosnien nach Wien und absolvierte hier eine kaufmännische Lehre. Sie begann in einer Bäckerei zu arbeiten. Zurzeit ist sie im vierten Monat schwanger. Das Ehepaar wünschte sich immer drei Kinder. Die Familie lebt in einer Zweizimmerwohnung in Wien Währing. Es heißt eisern sparen. Urlaub gab es seit Jahren nicht mehr. "Aber das ist der Preis, wenn man Kinder haben will", nimmt es Ednad Cavcic gelassen. Der Kündigungsschutz seiner Gattin, der voraussichtlich auslaufen wird, bereitet ihm hingegen sehr große Sorgen: "Bei der neuen Regelung kann es sein, dass meine Frau einen Brief bekommt und gekündigt wird", sagt er. Und das Kinderbetreuungsgeld? "Können Sie sich vorstellen, wie schnell 6.000 Schilling bei drei Kindern verbraucht sind?"

Dennoch will der Familienvater alles daransetzen, um seinen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. "Das werde ich schon schaffen", sagt er voll Optimismus. "Wenn es sein muss, werde ich einen zweiten Job annehmen." Zurzeit ist die junge Familie auf der Suche nach einer Genossenschaftswohnung ...

Der größte Wunsch des kinderlosen Ehepaars Anita, 34, und Manfred Bruckner, 35, aus Wien ist baldiger Nachwuchs. "Das Kinderbetreuungsgeld ist sicherlich nicht Grund dafür, ein Kind in die Welt zu setzen", sagt die Marketingleiterin. Die neue Regelung findet sie schon sehr positiv, zumal nun auch Studierende, Hausfrauen, Bäuerinnen oder geringfügig Beschäftigte unterstützt werden. Kinder? "Kinder gehören einfach dazu!" sagt Anita Bruckner. "Für mich sind sie der Sinn des Lebens." Sie würde so lange wie möglich in Karenz gehen und auf vieles verzichten, wenn sie eigene Kinder hätte. Eine Familiengründung sei oberste Priorität. Dafür würde Anita Bruckner sogar den von vielen Frauen gefürchteten Karriereknick in Kauf nehmen. 16 Milliarden der Regierung für die Familien pro Jahr? Ist das genug? "Familien sind unsere Zukunft", wendet ihr Ehemann, ein EDV-Spezialist, vehement ein. "Europa braucht nichts mehr wie Nachwuchs. Die Überalterung ist doch jetzt schon extrem!"

Liebe, Vertrauen, Selbstvertrauen würde sie einem Kind weitergeben wollen, sagt Anita Bruckner. Es sollte ein glücklicher Mensch werden, der sich im Leben gut zurechtfindet. "Ein Kind ist eine grundsätzliche Entscheidung in einer Beziehung, die man im Leben fasst", fügt ihr Mann hinzu. In Karenz würde er allerdings auf keinen Fall gehen. "Die Beziehung zur Mutter ist in den ersten Lebensjahren extrem wichtig", sagt er.

Zutiefst verunsichert Ganz anderer Ansicht ist Scala Almut. "Ich möchte meine Tochter auf ihrem Lebensweg begleiten und ihr nichts aufdrücken", sagt die 27-jährige Angestellte im Bereich Freizeitpädagogik. In einem Tragtuch schläft ihre fünfeinhalb Monate alte Tochter Flora. Momentan will sie soviel Zeit wie möglich mit ihr verbringen.

"Prinzipiell finde ich die Neuregelung gut, weil Kinderbetreuung dadurch honoriert wird", sagt die junge Mutter, die nebenbei auf der Sozialakademie studiert. Gleichzeitig fände sie es aber wichtig, dass "Frauen der Wiedereinstieg in das Berufsleben leichter gemacht wird." Durch ihr Studium bleibe sie "dran", sagt sie. "Aber wenn ich jetzt drei Jahre nicht arbeiten gehe, werde ich als Frau in diesen Zeiten irgendwie verunsichert. Und wenn ich dann noch ein Kind bekomme und wieder drei Jahre zuhause bleiben würde, dann wäre es ein leichtes, überhaupt daheim zu bleiben. Aber so soll es nicht sein!"

Für Scala Almut ist das Kinderbetreuungsgeld allein jedenfalls kein entscheidender Anreiz, noch ein weiteres Kind zu bekommen. "Darüber denke ich in der gleichen Weise wie schon vor dem Kinderbetreuungsgeld. Ich bin aber dafür, dass mein Kind Geschwister hat", sagt sie. "Es ist einfach schön, wenn man lebenslänglich einen Begleiter hat, der sehr viel Ähnliches erfahren hat und wo einfach so viel gemeinsame Geschichte da ist ..."

FURCHE-Navigator Vorschau