Digital In Arbeit

Nach dem Scheitern wieder neu leben lernen

1945 1960 1980 2000 2020

Immer mehr Frauen "funktionieren" nicht so wie es ihre Umgebung verlangt. Zufluchts- und Überlebensstätte wird für viele das Frauenhaus der Caritas "Haus Miriam" in Wien.

1945 1960 1980 2000 2020

Immer mehr Frauen "funktionieren" nicht so wie es ihre Umgebung verlangt. Zufluchts- und Überlebensstätte wird für viele das Frauenhaus der Caritas "Haus Miriam" in Wien.

Claudia S. (Name d. Red. bekannt) war, solange sie sich erinnern kann, immer ein eher trauriges Mädchen. Die Eltern gingen arbeiten, sie mußte schon immer auf ihre kleineren Geschwister aufpassen. In die Schule durfte sie nicht regelmäßig gehen, "weil es für ein Mädchen nicht notwendig ist, daß es gescheit ist." Ein Mädchen soll gut kochen können und später einmal eigene Kinder haben und den Haushalt führen.

Als Claudia 14 Jahre alt wurde, wollte sie ihr Vater das erste Mal verheiraten. Trotz vieler böser Erlebnisse und Demütigungen ist es ihr geglückt, sich dem Vater bis zu ihrem 18. Lebensjahr zu widersetzen. In dieser Zeit arbeitete sie als Hilfsarbeiterin ohne Hauptschulabschluß, sie gab ihr ganzes verdientes Geld ihren Eltern, und vielleicht war das der Grund, warum sie in ihrer Familie überleben konnte. Dann floh Claudia in einer Nacht- und Nebelaktion von zu Hause und bat um Aufnahme im Haus Miriam.

Wilma M. (Name d. Red. bekannt), hatte in ihrem Leben schon viele Schicksalsschläge ertragen müssen. Aufgewachsen ist sie, abgesehen von einer kurzen Zeit bei Pflegeeltern, in einem Heim. Unbemerkt hatte Wilma schon mit 16 Jahren angefangen, ab und zu Alkohol zu trinken. Als ihre Heimzeit zu Ende war, begann sie in einem Gasthaus zu arbeiten - und zu trinken. Irgendwann erkannte sie, daß sie ohne Wein nicht mehr leben konnte. Sie lernte einen Mann, ebenfalls Alkoholiker, kennen, bekam fünf Kinder, wovon zwei schon früh starben. Die anderen wurden Wilma nach ein paar Jahren von der Fürsorge abgenommen. Nach der Scheidung hatte sie nichts mehr, und sie dachte sich, wenn sie eine Scheinehe einginge, könnte sie von dem versprochenen Geld wieder ein neues Leben beginnen. Den vollen Betrag hat sie nie erhalten, und das restliche Geld ist ihr zwischen den Fingern zerronnnen. Sie lebte immer wieder bei Freundinnen und hatte verschiedene Männerbekanntschaften - eines Tages landete sie auf der Straße. Irgendwer erzählte ihr vom "Haus Miriam", und so kam auch sie ins Haus.

Geschichten wie diese gibt es viele. Es sind Lebensgeschichten voll Leid, Trauer, Haß, Wut und Selbstzerstörung. Viele Frauen die ins "Haus Miriam" kommen, wissen oft selbst nicht mehr, woher sie kommen, denn mit der Zeit sind sie zu "Meisterinnen der Verdrängung" geworden. Auch das Wohin ihres Lebens ist ihnen nicht mehr bewußt, denn zu oft haben sie in ihrem Leben bereits die Orientierung verloren.

Das "Haus Miriam" der Caritas der Erzdiözese Wien besteht seit 1988 und war ursprünglich ein Heim für alleinstehende Frauen mit Kindern. Der Umstand, daß auch Frauen, deren Kindern nicht bei ihnen leben durften, weil diese bei Verwandten, Pflegeeltern oder in Heimen untergebracht waren, im Haus wohnten, führte zu großen Spannungen unter den Bewohnerinnen. Da es bereits einige Mutter-Kind-Einrichtungen gab, wurde das "Haus Miriam" in ein Wohnheim für Frauen umgewandelt. In Wien ist dieses Haus die einzige Einrichtung dieser Art als betreutes Übergangswohnheim für Frauen in sozialen und psychischen Krisen.

Das Haus bietet Platz für 38 Frauen, die fast durchwegs in Zwei-Bett-Zimmern untergebracht sind. Der Aufenthalt ist grundsätzlich auf ein bis eineinhalb Jahre begrenzt, doch kann dieser Zeitraum nötigenfalls auch überschritten werden.

Ruhe finden Die Frauen sollen nach ihrer Aufnahme erst einmal zur Ruhe kommen und Ruhe finden. In dieser Anfangszeit knüpfen sie die ersten Kontakte zu den anderen Mitbewohnerinnen und lernen das Haus und seine Hausordnung kennen. Viele sind, wenn sie aufgenommen werden noch garnicht "wohnfähig" weil sie bis dahin ausschließlich in Heimen gelebt haben. Es ist also auch viel "Erziehungsarbeit" seitens der Betreuerinnen notwendig. Das Ziel der Begleitung ist es, die Frauen soweit zu unterstützen, daß sie ein ihren Voraussetzungen entsprechendes, selbständiges und möglichst eigenverantwortliches Leben führen können. "Ordnung schaffen im Leben" heißt so viel wie Schuldenregulierung, Arbeitsbeschaffung, Begleiten bei Behördenwegen und viele intensive Einzelgespräche, in denen das bisherige Leben angeschaut und besprochen wird.

Mit welchen Problemen kommen die Frauen? Erna Nußbaumer, Pastoralassistentin und Leiterin des Hauses: "Die Probleme sind sehr unterschiedlich. Es können rein wirtschaftliche Gründe sein, oft geht der Verlust der Wohnung durch Trennung oder Scheidung, viele Erfahrungen mit Gewalt oder sexuellem Mißbrauch einer Aufnahme bei uns voraus. Im Zunehmen begriffen sind psychische Probleme, nicht gesicherter Aufenthaltsstatus bei Ausländerinnen, Alkohol, Psychopharmaka und Drogen."

Während früher der Prozentsatz von Ausländerinnen zwischen 30 und 40 Prozent lag, ist er Ende 1999 bereits auf 50 Prozent gestiegen.

Erna Nußbaumer sieht ihr Haus als eher hochschwellige Einrichtung, da der Schwerpunkt nicht nur auf Bett und Essen liegt, sondern in erster Linie auf einer zielorientierten Begleitung und Betreuung. Für eine Änderung und Verbesserung ihrer Lebensumstände müssen die Frauen aber auch bereit sein. Eine Teilnahme an regelmäßigen "Betreuungsgesprächen" ist daher ab dem dritten Monat des Aufenthalts Voraussetzung für ein Verbleiben im Haus.

Die Kosten für "Miriam" betragen rund vier Millionen Schilling pro Jahr. "Vom Dachziegel bis zum Personal". Frauen zahlen je nach ihrer finanziellen Lage. So zahlen Ausländerinnen ohne Sozialunterstützung 800 Schilling im Monat, auch Österreicherinnen, die die Fristen versäumt haben oder sich bei der Beantragung von Unterstützungsgeldern nicht ausgekannt haben, bezahlen nur 800 Schilling pro Monat. Wenn eine Frau Sozialhilfe in der Höhe von 5.000 Schilling bezieht, zahlt sie 2.000 Schilling im Monat. Die Finanzierung des Hauses erfolgt also teilweise durch die Kostenbeiträge der Frauen, Zuschüsse der Gemeinde Wien und durch die Spendengelder der Caritas. (Spendenkonto PSK 77000044).

1) Adresse: Haus Miriam der Caritas, Schopenhauerstrasse 10, 1180 Wien, Tel: 408 60 45, Fax: 408 60 45/18.

FURCHE-Navigator Vorschau