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Endlich frei— was nun ?

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Die Eingliederung ehemaliger Straftäter in die Gesellschaft erweist sich als besonders schwierig. Deshalb ist die Betreuung dieser Menschen auch so überaus wichtig.

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Die Eingliederung ehemaliger Straftäter in die Gesellschaft erweist sich als besonders schwierig. Deshalb ist die Betreuung dieser Menschen auch so überaus wichtig.

Er hat ein „krummes Ding gedreht“, war im Gefängnis und wird jetzt — endlich — entlassen. Was zuerst wie die verlockende Freiheit aussieht, entpuppt sich nun als ein Berg schier unüberwindlicher Probleme. Wenn erst das Entlassungsgeld verjubelt ist, stellen sich plötzlich existentielle Fragen: Wo werde ich wohnen, wovon werde ich leben, wem kann ich mich anvertrauen?

Es gibt eine ganze Reihe von offiziellen und inoffiziellen Stellen,

die sich um die Strafentlassenen kümmern. So ist unter anderen auch die Beratungsstelle der Erzdiözese Wien oft erster Anlaufpunkt für ehemalige Häftlinge.

Karl Buchwald, der dort die Kontaktgespräche führt, kurzfristig warme Kleidung, Essen oder ein Ubergangsquartier besorgt, wirkt weitaus nüchterner als man sich einen Mann an seiner Stelle vorstellt. Mit naivem Idealismus allein wäre seine Aufgabe allerdings auch nicht zu bewältigen. Er muß die einzelnen Personen realistisch einschätzen und danach weitervermitteln. Je nach ihrer Anpassungsfähigkeit kann er ihnen eines der Ubergangsquartiere anbieten: ein Wohnheim in Breitensee gibt 23 Männern eine Schlafmöglichkeit, in einer Wohngemeinschaft finden elf Personen und in mehreren Stadtwohnungen weitere neun eine billige vorübergehende Unterkunft.

Das Heim und die Wohngemeinschaft werden derzeit von 25 ehrenamtlichen Mitarbeitern, meist Frauen aus der Legion Mariens, aber auch von Studenten und Zivildienern betreut. Pater Leonhard Bianchi betreut seit Beginn des Wohngemeinschaftsprojektes im Jahre 1970 die Entlassenen, übernachtet bei ihnen und führt über die Ereignisse Buch.

„Wir lassen den Männern soviel Freiheit wie möglich und machen ihnen soviele Vorschriften wie nötig, z. B. die tägliche Sperrstunde.“ Der grauhaarige, zähe Priester hat im Laufe der Jahre festgestellt, daß es den Typus des Strafentlassenen nicht gibt. „Jeder ist eine ganz eigene Persönlichkeit für sich und muß als solche behandelt werden.“ Ob er sich schon oft in seinen Schützlingen getäuscht hat? „Natürlich, aber im Laufe der Zeit merke ich es schneller.“

Voraussetzung für diesen Einsatz sind jedoch nicht bloßer Idealismus und Engagement allein. Pater Bianchi braucht gereifte Persönlichkeiten als Mitarbeiter, denn nur solche können diesen durchwegs labilen Menschen wirklich helfen. Das Alter spielt dabei wenig Rolle.

Es wäre vernünftig, wenn die Männer etwa drei Monate in der Wohngemeinschaft bleiben. Daß da manch einer nur zwei Tage, ein anderer wiederum ein Jahr bleibt, beweist, welche Flexibilität bei der Betreuung von Haftentlassenen notwendig ist.

Der Erfolg dieses Wohnprojek- tes läßt sich nicht so einfach messen. Leider werden viele der ehemaligen Häftlinge irgendwann wieder einmal rückfällig. Wenige Wochen in einer geregelten Umgebung können eben einen Menschen, der durch seine negative Vergangenheit geprägt worden ist, nicht gänzlich ändern. Doch für diese Menschen bedeutet es schon einen enormen Vorteil, wenn sie zumindest einige Zeit unter sogenannten „normalen“ Bedingungen leben können. Manche heiraten auch, finden eine Arbeit und gleichzeitig wieder An-’ Schluß an die Gesellschaft.

In engem Zusammenhang mit den Existenz- und Wohnproble- men und dem starken psychischen Druck steht die Sorge um eine Arbeitsmöglichkeit. Welcher Arbeitgeber zieht in wirtschaftlichen Krisenzeiten, wie wir sie heute haben, nicht einen Unbe scholtenen dem ehemaligen Häftling vor?

Zwar erhalten die arbeitslosen Entlassenen vom Sozialamt eine regelmäßige Unterstützung, aber die Untätigkeit wirkt demoralisierend und verlockt nur zu erneuter Kriminalität. Die Erzdiözese versucht zwar, diese Menschen zumindest tageweise in Ar- beitsprojekten (siehe auch Seite 5) unterzubringen und manchmal findet sogar einer eine reguläre Stellung. Diese ist aber gefährdet, sobald sein Vorleben bekannt wird.

Sowohl Karl Buchwald als auch Pater Bianchi loben die ausgezeichnete Zusammenarbeit aller staatlichen und anderen Stellen, die mit der Betreuung Haftentlassener befaßt sind. Dazu gehört auch die Initiative des mittlerweile pensionierten Mittelschulprofessors Hans Klecker. Als ehrenamtlicher Bewährungshelfer oder bei intensiven Glaubenskursen der Cursillo-Bewegung, die im Gefängnis abgehalten werden, lernt er die Männer schon während der Haft kennen.

Kleckers unermüdlicher Idealismus wirkt ansteckend, auch auf die ehemaligen Häftlinge. Er, der nie „ich“ sagt, dafür aber umso öfter vom „Wir“ und seinen „Freunden“ spricht, versucht jetzt, gemeinsam mit den bereits Entlassenen Ubergangsquartiere für jene, die erst aus der Haft kommen, einzurichten. Das ist nicht leicht, doch „es gibt immer wieder Glücksfälle“ in Form von Möbelgeschenken oder auch Geldspenden. Was seine Freunde am meisten an ihm schätzen: „Er ist immer da, wenn man ihn braucht. Man kann ihn immer erreichen.“ Klecker meint darauf nur bescheiden: „Ich tu’ halt, was ich kann. Wir brauchen eben viel Kraft.“ Man kann sie ihm und allen, die sich um die Betreuung Strafentlassener bemühen, nur von ganzem Herzen wünschen.

Beratungsstelle für Haftentlassene der Erzdiözese Wien, Stephanspl. 6/3/3/13, TeL: (0222) 53 25 61/394. Sprechstunden: Mo-Fr 10-12 Uhr.

Aus der Haft in die Freiheit: Bewährung im Leben (Butterweck)

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