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„Ein Mittelding zwischen Fürsorger und Radikalinski“

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Den Sozialarbeiter gibt es noch nicht lange. Bis vor kurzem hieß er Fürsorger. Allerdings handelte es sich dabei meist um eine Fürsorgerin, weil dieser Beruf zum größten Teil dem weiblichen Geschlecht vorbehalten blieb. Erst mit dem Sozialarbeiter wurde er auch für Männer attraktiv.

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Den Sozialarbeiter gibt es noch nicht lange. Bis vor kurzem hieß er Fürsorger. Allerdings handelte es sich dabei meist um eine Fürsorgerin, weil dieser Beruf zum größten Teil dem weiblichen Geschlecht vorbehalten blieb. Erst mit dem Sozialarbeiter wurde er auch für Männer attraktiv.

Die damit im Zusammenhang stehende Veränderung des Berufsbildes ist eine Folge von gesellschaftspolitischen Veränderungen. Vor allem hat der Fortschritt im Gesundheitswesen ebenso wie die technische und zivilisatorische Entwicklung andere Bedingungen geschaffen. Der Fürsorger bzw. die Fürsorgerin der zwanziger Jahre waren in erster Linie für die Gesundheit ihrer Schützlinge zuständig, was sich auf die damalige schlechte Ernährung, die oft katastrophalen Wohnverhältnisse und die mangelnde Hygiene zurückführen läßt. Hingegen hat sich der heutige Sozialarbeiter eher um das durch Umweltschäden hervorgerufene psychische Fehlverhalten seiner „Klienten“ zu kümmern. Wobei allerdings nicht nur der einzelne, sondern seine ganze Umgebung miteinbezogen werden muß.

Das Interesse an diesem Beruf ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Frau Direktor Dr. Maria Simon von der Akademie für Sozialarbeit in der Ottakringerstraße spricht von einem Andrang an Studenten, der in keiner Weise bewältigt werden könne. „Wenn wir vor ein paar Jahren eine Klasse mit 18 oder 20 Leuten füllen konnten, war es das höchste der Gefühle. Jetzt haben wir Hunderte Bewerber.“

Die Folge: Schon im Februar dieses Jahres wurde eine Aufnahmesperre verhängt. Nicht zuletzt deshalb, weil die offenen Planstellen in keiner Weise diesen Andrang befriedigen können. Denn obwohl Sozialarbeiter auf den verschiedensten Gebieten, wie Strafanstalten, psychiatrische Kliniken, Flüchtlingslagern und Ähnlichem dringendst benötigt würden, sind von offizieller Seite wenig oder gar keine Posten dafür vorgesehen. .

Der Sozialarbeiter ist „Vermittler“ zwischen dem Bedürftigen und der Gesellschaft, in deren Auftrag er steht. Daraus resultiert auch sein Dilemma. E r kämpft gegen Mißtrauen auf beiden Seiten: jener des „Klienten“, der in ihm den Beauftragten einer Institution sieht, die ihm von vornherein suspekt erscheint, und jeher Gesellschaft, die in ihm ein „Mittelding zwischen Fürsorger und Radikalinski“ entdeckt,

wie es Felix Mendelsohn vom Internationalen Sozialdienst formuliert hat.

Dieses Mißtrauen abzubauen, sind die verschiedensten Bestrebungen im Gange. So wird zum Beispiel versucht, den Behördencharakter des Jugendamtes weitgehend abzuschwächen. Vorschläge junger Sozialarbeiter, die zur Eigeninitiative gegriffen haben, werden dabei weitgehend berücksich-’ tigt. Georg Diemetz, Sozialarbeiter im 16. Wiener Gemeindebezirk, spricht von dem Erfolg, der durch derartige Bemühungen erzielt worden i?t. „Die Heimeinweisungen sind rapid zurückgegangen. Zwangsmaßnahmen gegen Eltern konnten auf ein Minimum reduziert werden.“

Das Image des Fürsorgers, der kommt um die Kinder wegzunehmen, um sie in ein'Heim zu stecken, wurde also weitgehend durch jenes des beratenden und helfenden Sozialarbeiters abgelöst, der bei den Bedürftigen zunehmend eine Vertrauensstelle einzunehmen beginnt. Daß diese Sympathie häufig in eine etwas extreme Einseitigkeit mündet, steht auf einem anderen Blatt.

Weil der Sozialarbeiter seine Bemühungen, dem Klienten zu helfen, nur aljzuoft als „Schrei in der Wildnis“ (Mendelsohn) empfindet, läuft er Gefahr, sich gegen die Interessen des Staates zu wenden, den er eigentlich vertritt. Einen „angestellten Nein-Sa-

ger“ nennt sich Georg Diemetz. Der

Sozialarbeiter versteht sich also nicht mehr (so wie der Fürsorger) als Überbringer einer Botschaft von der Gesellschaft zum Armen, Elenden, sondern er hat eine Rückkoppelungsfunktion an die Gesellschaft übernommen, in die erverändernd eingreifen möchte.

Das gesteigerte Interesse, das diesem Beruf im Augenblick entgegengebracht wird, hat verschiedene Gründe, die hier gar nicht alle erfaßt und aufgezählt werden können. Wahrscheinlich liegt es vor allem an der zunehmenden Kontaktlosigkeit, der Unfähigkeit zu einer echten Kommunikation, einem Kreativitätsverlust und damit im Zusammenhang mit einem allgemeinen Sinnverlust überhaupt,

der zu psychischen Krankheiten, Verhaltensstörungen, Sucht und schließlich Kriminalität führen kann. Der Sozialarbeiter möchte hier eingreifen, verlorengegangene Zusammenhänge sichtbar machen, Unbewältigtes lösen helfen.

Fast, so hat man den Eindruck, wurde Sozialarbeit zu einer Art Religionsersatz, und der Sozialarbeiter zum Seelenpriester, der eine gestörte Ordnung wiederherstellen möchte. Ein Rollenbild, gegen das er sich selbst am meisten wehrt: „Häufig wird man auch maßlos überschätzt. Die Bevölkerung hält einen dann für einen etwas verrückten Idealisten.“ So Georg Diemetz.

Die Berufsausbildung eines Sozialarbeiters beträgt zwei (nach Abschluß der Matura) Jahre an einer der acht Sozialakademien Österreichs. Frau Direktor Simon nennt das ein „Unikum in der Welt, das gibt es nur noch in Ghana.“

In Europa beträgt die Ausbildung in sämtlichen Ländern drei bis vier Jahre, manchmal sogar fünf. Bei uns sind Bestrebungen, das Studium zu verlängern und auszuweiten, seit längerem im Gange, Ergebnis gab es allerdings bis jetzt keines. Dieser kurzen Ausbildungszeit entspricht natürlich nicht nur die Qualifikation, sondern auch das Gehalt. Es ist mit 6000 Schilling netto das eines Maturanten. Auch die Aufstiegschancen sind sehr begrenzt.

Welche Möglichkeiten hat nun der diplomierte Akademieabsolvent? Die meisten Stellenangebote kommen immer noch vom Jugendamt, das die weitaus größte Anzahl von Sozialarbeitern beschäftigt. Daneben gibt es dann noch die Erwachsenenbetreuung in der die verschiedenen Kliniken, Obdachlosenheime und Strafanstalten eingeschlossen sind, und die Gesundheitsfürsorge. Wobei vor allem in psychiatrischen Kliniken und Strafanstalten der Mangel an Sozialarbeitern besonders katastrophal ist Zwar ist ein Gesetz in Vorbereitung, das für jede Strafanstalt mindestens einen Sozialarbeiter vorsieht, zur Zeit ist jedoch noch nicht einmal dieses absolute Minimum durchgehend verwirklicht worden.

Zum Vergleich: Die Strafvollzugsanstalt Stein mit rund 1000 Insassen hat 2 Sozialarbeiter. Das bedeutet, daß ein Sozialarbeiter 500 Personen zu betreuen hat. In psychiatrischen Kliniken sieht es diesbezüglich noch viel dürftiger aus. Neben diesen offiziellen Betätigungen ergreifen manche Sozialarbeiter die private Initiative.

Ein interessantes Experiment startete Dr. Klaus Rückert zusammen mit den Kollegen Harald Picker und Max Kompein (alle vom Sozialtherapeutischen Institut Wien) im Sommer 1976 mit der Gründung einer „Therapiefarm“ am Bisamberg. Auf diesem, in Eigenregie gemieteten Bauernhof verbringen Kinder und Jugendliche aus dem Wohnasyl in der Gänsern- bachstraße unter Rückerts Obhut ihre

Wochenenden. Wie unendlich schwierig es ist, diese Jugendlichen aus dem verwahrlosten Milieu an ein normales Zusammenleben zu gewöhnen, darüber wissen Rückert und Kollegen ein Lied zu singen. „Mit aggressiv Verwahrlosten zusammenzuleben grenzt an Selbstaufgabe.“

Die härteste Arbeit liegt dabei im Anfangsstadium. Sind die Jugendlichen soweit „resozialisiert“, daß sie in die Gemeinschaft aufgenommen werden können, beginnt die eigentliche „Behandlung“, was auf Rückerts Bauernhof soviel heißt wie: zusammen leben, arbeiten, essen, schlafen, eine familienähnliche Atmosphäre schaffen.

Der Erzieher nimmt dazu Sprache, Ausdrücke seiner Schützlinge an, wird von diesen geduzt, geht auf ihr Verhalten ein, akzeptiert es (ein wesentlicher Punkt), um schließlich auf der neu geschaffenen Vertrauensbasis aufzubauen. In der eigenhändigen Instandsetzung des völlig verrotteten Anwesens sowie in der Bewegung in frischer Luft, dem Umgang mit Pflanzen und Tieren sehen die drei Sozialarbeiter einen wesentlichen Teil ihrer Therapie.

Einen ebenfalls recht interessanten Versuch unternahmen zwei engagierte Sozialarbeiterinnen im 22. Wiener Gemeindebezirk. Um den häufig isoliert lebenden Müttern Gelegenheit zu Kontaktgesprächen zu geben, „damit sie überhaupt einmal miteinander reden“, wurde eine sogenannte Mutter-Kind-Gruppe gegründet. Hier können sich die Mütter über ihre Probleme unterhalten, während ihre Kinder in einem angrenzenden Raum betreut werden.

Auch die Studenten der Sozialakademie haben die Eigeninitiative ergriffen. So wurde eine „integrierte Jugendgruppe“ geschaffen, in der Körperbehinderte mit Gesunden zusammenkommen können. Dies allerdings nicht auf der Basis: Gesunde betreuen Behinderte, sondern nach dem Prinzip der Gleichberechtigung und gegenseitigen Anregung.

Das Betätigungsfeld eines Sozialarbeiters ist im Grunde riesengroß. Um so wichtiger wäre es, hier mehr Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen.

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