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Gesellschaft

Die Glocke zur Verschnaufpause

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Caritas-Haus in Graz beherbergt Frauen mit Kindern in Notsituationen. Warum die Schicksale der Familien, die darin wohnen, die Armutsstatistik füttern, und diese noch lange keinen Anlass für Zufriedenheit gibt.

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Ein Caritas-Haus in Graz beherbergt Frauen mit Kindern in Notsituationen. Warum die Schicksale der Familien, die darin wohnen, die Armutsstatistik füttern, und diese noch lange keinen Anlass für Zufriedenheit gibt.

Die Klingel am Haus Elisabeth trägt kein Schild. Wer den Knopf drückt, weiß, was sich hinter der Tür befindet. Manchmal läutet ein Polizist, manchmal ein Zivildiener. Immer bringen sie eine Frau mit. Oft sind es auch die Frauen selbst, die im Haus Elisabeth klingeln, untertags oder mitten in der Nacht. "Not schläft nicht", sagt Maria Bauer. Sie leitet das Grazer "Haus Elisabeth" im Nordosten der Stadt, an der Nothelferstraße, ausgerechnet. Das Haus Elisabeth ist eine Unterkunft der Caritas für Frauen und deren Kindern.

Emilia klingelte im Mai. Mit all ihren Habseligkeiten und ihren beiden Söhnen stand sie vor der Tür. Der Mann, mit dem sie zusammenlebte, hatte mehrere Monate lang keine Miete für die Wohnung bezahlt, ließ sich nicht mehr blicken. Das wenige Geld, das sie sich angespart hatte, hat er mitgenommen. Die 38-jährige Mutter wusste, dass eine Delogierung bevorstand. "Diese Zeit war schrecklich. Ich habe damals nur 45 Kilo gewogen", erzählt die große Frau, die immer noch auffällig schlank ist. Das Haus Elisabeth schenkte ihr in dieser Krise eine Verschnaufpause.

Drei Wochen können die Frauen mit ihren Kindern in der Notschlafstelle bleiben. In dieser Zeit versuchen Maria Bauer und ihr Team längerfristige Lösungen zu finden, nicht nur für die Wohnsituation. "Frauen warten oft sehr lange, bis sie sich Hilfe holen", weiß Bauer: "Die Problemlage ist dann so kompliziert, dass es schwierig ist, sie auseinanderzuklauben."

Druck von allen Seiten

Auch bei Emilia kam der Druck von allen Seiten: Die gebürtige Rumänin hatte keinen Job, der Mann, mit dem sie sich die letzte Wohnung geteilt hat, war gewaltätig, behandelte ihre Söhne schlecht. Das Zimmer, das sich die drei im Haus Elisabeth teilten, war klein. Aber es bot Raum, um Probleme zu lösen.

Bis zu 14 Frauen und sechs Kinder finden in der Notschlafstelle Unterschlupf, sechs weitere Frauen mit drei Kindern können im betreuten Wohnen bis zu eineinhalb Jahre bleiben. Voll ist das Zentrum so gut wie immer. "Frauen mit Kindern wegschicken zu müssen, ist besonders schlimm", erzählt Bauer. Auch Emilia hatte schon letzten Dezember an der Tür geklingelt. Damals war kein Platz frei, sie ging zurück zu ihrem gewalttätigen Mann.

Insgesamt 400 Personen hat das Haus Elisabeth im Vorjahr betreut, 130 davon waren Kinder: Als Maria Bauer vor zehn Jahren im Caritas Haus zu Arbeiten begann, waren es nicht mehr als zehn Kinder pro Jahr.

Die Schicksale, die Bauer und ihre Mitarbeiter Tag für Tag zu hören bekommen, sind das meist unsichtbare Futter der Armutsstatistiken: 1,2 Millionen Menschen in Österreich sind armutsgefährdet, besonders oft sind Familien mit mehreren Kindern oder Alleinerziehende betroffen. Häufig sind es Mütter mit Kindern, die unbemerkt in Not geraten.

Als Ende Oktober die aktuelle EU-Armutsstatistik veröffentlicht wurde, war die offizielle Lesart, dass in Österreich die Zahl der Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten seit 2008 gesunken ist. Das ist zwar statistisch richtig, aber:

"Für Zufriedenheit besteht kein Anlass", mahnt Caritas Präsident Michael Landau. Denn an der Zahl, wie viele Menschen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung haben, hat sich nichts geändert. Ebenso wenig konnte die Zahl der "materiell deprivierten" Menschen, die wegen ihres geringen Einkommens nicht an der Gesellschaft teilnehmen können, reduziert werden. "Genau das sind die Härtefälle", erklärt Judit Marte-Huainigg, die bei der Caritas für sozialpolitische Grundlagen zuständig ist. Verbessert hat sich im statistischen Vergleich seit 2008 lediglich die Erwerbsintensivität - laut Arbeitsmarktdaten von 2011/2012, die der aktuellen Statistik zugrunde liegen. Die derzeitig steigende Arbeitslosigkeit wird sich erst in zukünftigen Armutsstatistiken niederschlagen. Ein Thema, das Franz Küberl, Direktor der Caritas Graz-Seckau, irritiert: "Das vollkommene Schweigen der Elite zum Faktum, dass die Arbeitslosigkeit jeden Monat weiter ansteigt, ist unverständlich." Denn die Arbeitslosen von heute sind die Armen von morgen, auch das belegt die Statistik: 43 Prozent aller Langzeitarbeitslosen in Österreich gelten als armutsgefährdet.

Ein weiteres Indiz für Armut in Privathaushalten kennen die Gerichte: Fast 10.000 Menschen mussten in Österreich vergangenes Jahr Privatkonkurs anmelden. "Zusätzlich schätzt man, dass zwischen 80.000 und 200.000 Menschen überschuldet sind, die von dem juristischen Verfahren nicht ereicht werden", weiß Georg Kodek, Hofrat des Obersten Gerichtshofes und Professor für Zivil- und Unternehmensrecht an der Wiener Wirtschaftsuniversität: "Für sie ist die Situation besonders dramatisch, weil sie keinen legale Möglichkeit haben, ihre Schulden loszuwerden."

10.000 Privatkonkurse im Jahr

Überschuldung ist der häufigste Grund für Delogierungen. Ist es erst einmal so weit, kann auch kein Privatkonkursverfahren mehr helfen. Deshalb meint Kodek: "Prävention ist die wichtigste Aufgabe. Bei diesem Thema müssen alle Disziplinen zusammenarbeiten."

Eine Delogierung ist, wie bei Emilia, auch häufig die letzte Krise, bevor Frauen an der Glocke des Hauses Elisabeth läuten. Andere kommen aus dem Gefängnis, aus gewalttätigen Beziehungen, aus psychiatrischen Krankenhäusern. Manche bringen ihren Hausrat mit, andere stehen im Morgenmantel vor der Tür. "Manchmal fällt uns gar nichts mehr ein", gesteht Maria Bauer, "aber meistens finden wir irgendwie eine Lösung." Bei Emilia war das Team besonders erfolgreich. Sie konnte mit ihren Söhnen in eine kleine Wohnung der Caritas ziehen, wartet jetzt auf eine Gemeindewohnung. Emilia fand Arbeit bei einer Reinigungsfirma, verdient Geld, das ihr kein Mann abnimmt. Ein bisschen zugenommen hat sie auch.