Influencer - © Fotos: instagram.com/muscles.and.lipstick
Gesellschaft

"Du bist nicht allein"

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Lina Oppolzer ist „Sinn-Influencerin“. Auf Instagram inszeniert sie sich als Frau, die mit sich im Reinen ist. Warum lässt sie sich dennoch von „Likes“ antreiben? Ein Blick hinter die Fassade eines Online-Stars.

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Lina Oppolzer ist „Sinn-Influencerin“. Auf Instagram inszeniert sie sich als Frau, die mit sich im Reinen ist. Warum lässt sie sich dennoch von „Likes“ antreiben? Ein Blick hinter die Fassade eines Online-Stars.

Lina Oppolzer steht in Slip und BH vor ihrem Spiegel. Eine Augenbraue hochgezogen, die schulterlangen Haare über den Kopf geworfen, den Rücken durchgedrückt. Die 29-Jährige blickt in die Kameralinse ihres Smartphones. Unter ihrem Rippenbogen wölben sich Bauchmuskeln. Bizeps und Oberschenkel sind angespannt. „Geflexed“ – wie Bodybuilder sagen. Dann schießt sie zwei Fotos, postet sie auf ihrem Instagram-Account „muscles.and.lipstick“ und schreibt: „Sich eingestehen zu können, dass man vielen Idealen einfach nicht gerecht werden kann oder einfach nicht in ein gewisses Schema passt, war für mich eine Schlüsselstelle meines letzten Jahres.“ „Likes“ um „Likes“ poppen auf. Kommentare wie: „Perfekte Figur“, „Wahre Worte“ folgen. Mittlerweile steht die Zahl 891 vor dem kleinen Herz, das anzeigt, wie vielen Followern der Beitrag gefällt.

Oppolzer ist Influencerin. Früher hätte man zu ihr Meinungsmacherin oder Multiplikatorin gesagt. Heute gelten Frauen wie sie als Stars der Online-Welt, die für Millionen von Kindern und Jugendlichen als Idol fungieren. Regelmäßig, meist mehrmals am Tag, veröffenlichen sie Bilder, Videos, Texte und Sprachaufnahmen zu einem bestimmten Thema oder einfach aus ihrem Alltag. Über Blogs und soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder YouTube treten sie in Kontakt mit anderen Usern. Es ist vor allem ein Kriterium, das Influencer aus der Masse der Social-Media-Nutzer hervorstechen lässt: ihre Reichweite. Das macht sie zu attraktiven Werbepartnern.

Ihre Probleme teilt sie mit Tausenden

Mit 5200 Followern auf Instagram ist Oppolzer ein vergleichsweise kleiner Fisch im Online-Ozean der Influencer. So bespielt etwa die Wienerin Madeleine Alizadeh alias Daria Daria mit ihren Nachhaltigkeitsthemen rund 263.000 Follower. Der Minimalismus-Verfechterin Anna Laura Kummer folgen etwa 130.000 Nutzer. Und die deutsche Beauty-Influencerin Bianca „Bibi“ Heinicke zählt eine Gefolgschaft von mehr als sechs Millionen. Aber es geht noch mehr: Kim Kardashian etwa – für viele der Inbegriff der Influencerszene schlechthin – wird von mehr als 153 Millionen Menschen weltweit abonniert. Doch das sind Dimensionen, von denen Lina Oppolzer nur träumen kann. Uninteressant ist sie für Marketingmanager trotzdem nicht. Im Gegenteil. In Fachkreisen gilt sie als klassische „Nano-Influencerin“. Diese haben zwar nur wenige Tausend Fans, stehen diesen aber umso näher, etwa weil sie direkt auf Kommentare reagieren. Das macht sie für die Follower glaubwürdiger. Allerdings betont Oppolzer, dass es ihr mit „muscles.and.lipstick“ nicht um kommerzielle Vermarktung geht und sie mit ihrem Account auch nichts verdient (ihren Lebensunterhalt finanziert sie als Sprecherin und Model).

Sie will sich bewusst abgegrenzt wissen von Influencer-Kollegen, denen es in erster Linie ums Geldverdienen geht. Zwar schließt sie potenzielle Kooperationspartner nicht generell aus, „aber die müssten zu mir passen“, sagt sie. Bislang hätte es aber nur Anfragen von kleineren Firmen gegeben, die sie für „klischeehafte Frauenthemen“ gewinnen wollten. Ein Genre das Oppolzer ablehnt. Sie ist vielmehr das, was Brancheninsider als Sinn-Influencerin bezeichnen. Gemeint sind damit User, die ihre Social-Media-Aktivitäten in den Dienst einer guten Sache stellen. Diese werden unter anderem der „Body-Positive-Bewegung“ zugerechnet, deren Glaubenssatz lautet: „Jeder Körper ist schön“. Auch neben Oppolzers Profilbild, das sie im Bikini zeigt, steht: „Ich motiviere Frauen, ihren Körper wieder zu lieben“

Rückblick. Anfang 2019 postet Oppolzer zwei vierzehn Jahre alte Fotos, die so gar nicht zu ihren aktuellen Fitness-BeautyBildern passen. Zu sehen ist ein Mädchen im Bikini. Rippen, dünne Arme, der Blick von der Kamera abgewandt. Unter dem Titel „The ugly truth – Magersucht“ steht das Posting: „Frühjahr 2005, es ging mir nicht gut. 50 Kilo. Das Lächeln fiel mir schwer. So schwach, so erschöpft. Es war wohl der dunkelste Ort, an dem ich jemals war: allein mit meinen Gedanken. Ich erinnere mich, wie ich mich aufplusterte, um breiter zu wirken, damit mich nicht noch jemand drauf anspricht, wie dünn ich doch sei.“ Eine Selbstoffenbarung, die Oppolzers Fan-Gemeinde nicht kalt lässt. Zu lesen sind Antworten wie „Du bist eine große Inspiration“ oder „Riesen großer Respekt“. Der Eintrag wird 670 mal gelikt. Es ist die eigene Vergangenheit, ihre Pubertät, die Oppolzer auf ihrem Account thematisiert. Als 15-Jährige hatte sie Kalorien nur als Zahlen im Kopf statt als Nährwert im Magen. Sie erzählt, wie sie sich hat zwingen müssen, nicht zu essen oder zu essen. Ein Teufelskreis, der immer wieder in Selbstbestrafung mündete. Zuflucht findet sie schließlich im Krafttraining. „Das gibt mir Kontrolle“. Oppolzer wählt ihre Worte mit Bedacht. „Damit kann ich meinen Körper formen und mit ihm in Verbindung sein.“ Als sie ein Teenager war, wäre diese Verbindung gekappt gewesen, sagt sie. Indes würden viele junge Frauen beim Erwachsenwerden allein gelassen. „Obwohl sie eigentlich Halt bräuchten“. Wer war für sie da, in dieser Zeit? „Niemand“, sagt die Influencerin. Ein Wort. Es wiegt schwer. Ihre Magersucht wird in der Familie totgeschwiegen. Stattdessen wird auf heile Welt gemacht. Erst als sie im Urlaub zusammenbricht, reagiert die Mutter. Letztlich kämpft die Jugendliche für sich allein, mit sich allein. Erst später teilt sie ihre Sorgen mit Freundinnen, die auch unter der Krankheit leiden. Oder mit Therapeuten. Und heute? Teilt sie diesen Kampf mit der (Online)-Welt.

Postings gegen das eigene Schamgefühl

„Etwas preiszugeben, hilft mir, meine Themen zu bearbeiten.“ Die täglichen Postings wirkten gegen die Schwere und das Schamgefühl. Die Feedbacks zeigten ihr, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Und doch ringt sie immer wieder mit sich, bevor sie auf „Teilen“ drückt. Aber sie stellt sich der Angst. Den Kampf mit sich und dem eigenen Körper – den sie auch als Kraftsportlerin nach wie vor führt – öffentlich zu machen, gibt ihr die Kraft, durchzuhalten. „Frauen werden in Schubladen gesteckt. Immer wird dir gesagt, wie du zu sein hast“, sagt Oppolzer. Bodybuilderinnen wie sie hörten regelmäßig: „Das ist aber nicht mehr schön“. Die Influencerin antwortet dann: „Das ist meine Sache.“ Auch deshalb habe sie immer weitergemacht mit dem Krafttraining. Auch heute. Beim Treffen mit DER FURCHE. Oppolzer sitzt in ihrem Fitnesscenter am Wiener Handelskai,dort wo sie bis zu fünf Mal pro Woche Hanteln stemmt und an Kabelzügen zerrt. Der Feinstrickpullover spannt an den Oberarmen, goldene Creolen-Ohrringe baumeln über den Schultern.

Influencer. Ein Wort das Oppolzer nicht mag. Es ärgert sie, wie unnatürlich sich viele ihrer Kollegen geben. Dem will sie entgegenwirken. Sie investiert täglich zwei bis drei Stunden für Postings, auf denen sie bewusst zeigen will, was man auf Filter-Fotos nicht sieht: Hautdellen, Cellulite, Doppelkinn. Darunter schreibt sie dann:„Instagram vs. Reality“. In Stories löffelt sie Eiscreme und postet sie unter #Salat oder“ #It-girl vs. Eat-girl.“