Digital In Arbeit

Echte Cyberliebe

Immer mehr Beziehungen kommen via Internet zu Stande. Vor allem Frauen haben gute Chancen, im WWW ihren Traummann zu finden.

Was suche ich hier eigentlich? Gibt's das, was ich suche, in einer Single-Börse' (klingt irgendwie nach Abverkauf von Restposten)?! Lieber wäre mir natürlich, du (mein Traummann) würdest mir im Kaffeehaus, in der U-Bahn oder im Supermarkt begegnen, aber leider sind wir wohl nie zur gleichen Zeit dort!", schreibt eine Frau in der Partnerbörse von News. Sind die virtuellen Kuppler unseriös und anrüchig? Tummeln sich hier gar nur Spinner herum? Etwa sieben Prozent der Internet-User glauben das, stellte das Marktforschungsinstitut marketagent.com in einer Umfrage aus dem Frühjahr fest. Doch fast ebensoviele Menschen besuchen derartige Webpages regelmäßig. Zumindest solange, bis ihnen ihr neuer Partner im Cyberspace (oder doch im Café) über den Weg läuft.

"Im Internet habe ich deswegen gesucht, weil es mir eine Freundin empfohlen hat", erzählt die 36-jährige Ergotherapeutin Erika*. "Sie hat sich genau zu der Zeit auf diese Art verliebt und mir einige ihrer Mailkontakte vorgestellt. Dabei habe ich gemerkt, dass das keine niveaulose Fleischbeschau ist, sondern wirklich ein Medium, das die Chance vergrößert, mehr von den Menschen kennenzulernen, mit denen man sich versteht, gleiche Interessen hat; sonst muss man das halt eher dem Zufall überlassen. Für mich war es eine Möglichkeit, aktiv etwas dazu zu tun." Im Dezember 2000 hatte sich Erika bei love.at eingetragen, drei Monate später erhielt sie ihr erstes Mail von ihrem jetzigen Partner. "Wir haben einander etwa einen Monat lang gemailt, seit unserem dritten Treffen sind wir zusammen."

6,5 Prozent der Beziehungen

Jeder 15. in einer Beziehung lebende Internet-User hat die Frau oder den Mann des Herzens virtuell kennengelernt, fand Marketagent in der Umfrage unter 3.917 Internet-Usern heraus. Damit hat das WWW dem Urlaubsflirt als Beginn einer neuen Beziehung (3,8 Prozent) den Rang abgelaufen. Die meisten Beziehungen entstanden beim Ausgehen am Abend (27 Prozent), durch verkuppelnde Freunde (20,9 Prozent) und Bekanntschaften am Arbeitsplatz (13,8 Prozent). Doch die These, dass Computer und Internet die Menschen vereinsamen lasse, scheint widerlegt.

Die meisten Internet-Partnerbörsen basieren auf so genannten Profilen. Bevor man auf eine der Suchanzeigen antworten kann, muss man sich erst selbst eintragen. In manchen Foren können die Profile sehr frei gestaltet werden, in anderen wird den Usern eine ganze Palette an mehr oder weniger relevanten Details abgenötigt, bis hin zum Lieblingsschauspieler oder -urlaubsziel. Meist ist die Eintragung kostenlos.

Nicht nur die Zahl der Suchenden und der Internet-Plattformen steigt ständig, auch die Angebote werden ständig ausgebaut. Bei den meisten virtuellen Partnerbörsen besteht die Möglichkeit, dem eigenen Profil ein Foto (manchmal gleich ein ganzes Album) beizufügen und via Chat online zu flirten. Manche Anbieter organisieren auch ganz "reale" Veranstaltungen wie Single-Parties. websingles.at lädt seit kurzem auch dazu ein, kleine (Webcam-)Filme von sich ins Web zu stellen.

Vor allem Frauen haben gute Chancen im Internet fündig zu werden, denn in allen virtuellen Partnerbörsen haben sich mehr Männer als Frauen eingetragen. Bei websingles.at sind es fast dreimal so viele Männer wie Frauen. Während Er sich freuen darf, wenn er einige E-Mails bekommt, wird Sie mitunter schon am Tag der Eintragung von Dutzenden Zuschriften überhäuft.

Wer sich gut schriftlich ausdrücken kann, auf sein Gegenüber eingeht und sich auch traut, etwas von sich herzuzeigen, hat in diesem Medium Startvorteile. "Wenn man vielleicht zwei, drei Wochen mit jemandem konferiert, der durch Inhalte und Witz besticht, wird dieser automatisch immer attraktiver", so Claudia Gutjahr, die mit ihrem Freund die Plattform websingles.at betreibt: "Man verliebt sich so in Leute, denen man mangels Brad-Pitt-Aussehen sonst keine Chance gegeben hätte."

"Die Faszination des Internets wird auch immer wieder so begründet, dass die Möglichkeit besteht, schnell auf einer sehr persönlichen Ebene zu kommunizieren. Es finden Themen Eingang in die Kommunikation, die im nicht-virtuellen Kennenlernen schwieriger anzusprechen wären", stellt die Hamburger Volkskundlerin Gerrit Herlyn fest. Hinzu komme, dass die Menschen wegen der relativen Anonymität im Netz einander sehr bald intime Details aus ihrem Leben anvertrauten. Dadurch entstehe eine Privatsphäre, die der von realen Beziehungen schon sehr nahe komme. Manche Menschen verlieben sich auf diese Weise bereits vor dem ersten Treffen.

Sonja* kennt diese Symptome: "Das emotionale Tohuwabohu, der ständige Drang zum dämlichen Grinsen, keine Konzentration für gar nix und der brennende Wunsch, das virtuelle Gegenüber am Telefon zu hören und persönlich zu treffen." Auch die 32-jährige Webdesignerin Magda* bestätigt Herlyns wissenschaftliche Analyse: "Ich finde es absolut crazy, wieviel per E-Mail und Telefon passieren kann, welch Gefühle, Schwingungen, was sich da abspielt zwischen den Zeilen und Leitungen."

Aus Dr. wird Ing.

Die von vielen der Suchenden geschätzte Anonymität bei der Suche im Web, kann sich aber auch ins Gegenteil verkehren. Beim ersten Telefonat oder beim ersten Date erleben manche eine herbe Enttäuschung. Die Stimme eines Menschen sei ein ganz wesentliches Kriterium, sagen fast alle Partnersuchenden. Und beim ersten Treffen wird mitunter aus dem Doktor ein Ingenieur, aus dem 40-Jährigen ein 50-Jähriger. Oder man lernt, wie weit Begriffe wie "schlank", "geistreich" oder "humorvoll" dehnbar sind.

Wie im richtigen Leben sind auch im Cyberspace unangenehme Erfahrungen nicht auszuschließen. Sonja etwa erhielt mit einem E-Mail unverlangt ein Foto vom "besten Stück" des Absenders mitgeliefert. "Ich musste furchtbar lachen und hab das E-Mail gleich gelöscht", nahm sie es gelassen. Denn zum Ausgleich schloss sie zahlreiche Freundschaften über das Internet - und ist gerade über beide Ohren verliebt.

*) Namen von der Redaktion geändert.

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