Genealogie - © Fotos: Luiza Puiu
Lebenskunst

Aus dem Leben eines Ahnenforschers

1945 1960 1980 2000 2020

Wer in die Welt der Vorfahren eintaucht, sieht die eigene existenzielle Beschränktheit und Vergänglichkeit in einem übergeordneten Ganzen aufgehen. Über die Freuden der Genealogie.

1945 1960 1980 2000 2020

Wer in die Welt der Vorfahren eintaucht, sieht die eigene existenzielle Beschränktheit und Vergänglichkeit in einem übergeordneten Ganzen aufgehen. Über die Freuden der Genealogie.

Die Genealogie, also die Erforschung unserer Vorfahren und der verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen, erfreut sich wachsender Beliebtheit. In den letzten zehn Jahren ist es immer einfacher geworden, diesem Hobby nachzugehen. Bei einem Projekt des Archivvereins ICARUS etwa wurden sukzessive ein Großteil der katholischen Kirchenmatriken, also Tauf-, Heirats- und Sterbebücher der österreichischen Pfarren, eingescannt. Auf www.matricula-online.eu können sie nun gratis, anonym und bequem von Zuhause aus eingesehen ­werden.

Neben dem Ort (Pfarre) und einem Heirats- oder Taufdatum vor 1939 bzw. 1919 (jüngere Daten sind aufgrund von Daten- und Personenschutz gesperrt) der Groß- oder Urgroßeltern brauchen wir zu Beginn nur noch einen Internetzugang, detektivische Geduld, Kenntnisse der alten deutschen Kurrent-Schreibschrift – und nicht zuletzt einen Grund, weshalb wir Tage und Nächte damit verbringen sollten, den altvorderen Verwandten nachzuspüren.
Steigendes Interesse an der Herkunft

Der „typische“ Ahnenforscher befindet sich bereits im letzten Lebensdrittel und möchte sein Wissen für Kinder und Enkelkinder bewahren, oft auch früher begonnene Forschungen fortsetzen. Trotz oder gerade wegen der Zeit der Patchwork-Familien und Schlüsselkinder interessieren sich zunehmend auch jüngere Menschen für ihre Herkunft. Dazu ermuntert auch, dass die Nachforschungen heute zu einem Gutteil über das Internet bzw. am Handy erfolgen können und die mühsamen Recherchen in den Pfarrämtern weggefallen sind.

Hemmschwelle ist hier lediglich die Kurrentschrift und Grundlagenwissen, das in Seminaren z. B. an Volkshochschulen oder auch über „Learning-by-doing“ mit Recherchen im Internet erworben werden kann. Das ist der Anfang, denn die Hobby-Genealogie ist mit einem begleitenden Lernprozess verbunden, von der Sozial-, Wirtschafts- und Politik- bis hin zur Militär- oder Technikgeschichte. Weiters dient die Genea­logie als Historische Hilfswissenschaft etwa bei der Erforschung politischer Ereignisse. Doch es war der furchtbare Rassenwahn der NS-Zeit, der dem Image der Genealogie nachhaltig geschadet hat. Angesichts des im „Dritten Reich“ verlangten „Ariernachweises“ in Form von „Ahnenpässen“, dessen Erbringen oft über Leben und Tod entschied, sprechen manche Genea­logen von Familienforschung und vermeiden das Wort „Ahnen“, was ich persönlich bei allem Respekt und tiefem Mitgefühl differenzierter sehe.

Für die Beschäftigung mit den Vorfahren gibt es auch religiöse und ethische Gründe: So gedenken viele afrikanische Ethnien ihrer Toten nicht nur in Trauer und mit Respekt, sondern auch mit einer gewissen Furcht, jene könnten sich bei berechtigtem Anlass vielleicht an ihnen rächen und ihnen böse Streiche spielen. Die Seelen ihrer Ahnen leben in der sie umgebenden Natur fort, etwa in den Bäumen, und sind somit allgegenwärtig. Daher gilt es, sie zufrieden zu wissen, in guter Erinnerung zu bewahren und in Einheit mit der Natur zu leben. Andererseits glauben die Mormonen, dass alle Verstorbenen im Sinne der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ erlöst werden können, wenn sie nur namentlich bekannt sind und nach den Riten der Glaubensgemeinschaft getauft werden – selbst wenn sie schon lange tot sind und zu Lebzeiten einer anderen Religion angehörten. Daher sind die Mormonen mit Sendungseifer in vielen Archiven der Alten Welt anzutreffen, wo sie Kirchen- und Grundbücher einscannen, die sie transkribieren und online stellen, damit sie von der Religionsgemeinschaft erforscht werden können. Aber auch wir lassen Messen für unsere Toten lesen, gedenken ihrer nicht nur zu Allerseelen und behalten sie in liebem Andenken.

Persönliche Erinnerungen und emotionale Bindungen werden meist nur bis zu den Großeltern reichen. Doch aus den Erzählungen der Älteren dringen auch Details über vergangene Generationen, selbst wenn die Erzählkultur hier schon lange verkümmert ist. Familienandenken wie Tagebücher, Fotoalben, Urkunden, auf Seidenstickereien verewigte Haussprüche und Gemälde können bedeutend weiter zurückreichenden Menschen, Orten und Ereignissen Namen und Gesichter verleihen.

Der „Gondoliere“ im Weinviertel

Worauf es den meisten am Beginn der Ahnenforschung ankommt, ist, möglichst rasch möglichst weit zurückzukommen, idealerweise in der Stammlinie der väterlichen Vorfahren, die alle den eigenen Familiennamen tragen. In meinem Fall: „Ich komme bei den Amon bis 1590 zurück!“ und „Ich habe bisher 1176 direkte Vorfahren identifiziert, die in meiner Ahnenliste mit Mehrfachzählung des Ahnenschwundes 2038 Mal aufscheinen.“ Vom Ansatz her oft praktisch, da man sich schon einmal virtuell in einer Pfarre befindet, die Kirchenbücher also in „Click-Nähe“ hat, aus dem Heiratseintrag der Tochter bzw. des Sohnes die Namen der Eltern ersieht und somit die Linie weiter verfolgt.

In dieser Phase schaut man tatsächlich nicht viel nach Nebenlinien und begnügt sich mit den Namen, Tauf-/Geburts- und Heiratsdaten, vermerkt eventuell noch Beruf und Begräbnis-/Sterbedaten. Diese Phase findet eine vorerst lästige Unterbrechung, wo man z. B. aus dem Taufbuch zwar die Namen der Eltern kennt, diese aber offenbar zugewandert sind, weil man deren Trauung nicht in der selben Pfarre findet. Unter Ausschöpfung aller detektivischen Register schaut man nun auf der Suche nach den Eltern doch nach links und rechts. Man sucht nach Geschwistern in der Hoffnung, bei deren Tauf- oder Heiratseinträgen über die gemeinsame Elterngeneration weitere Informationen zu erhalten. Auch die Sterbebücher können hilfreich sein. Selbst wenn wir in dieser Linie nicht weiter zurückkommen, bekommt das unpersönliche Datengerüst plötzlich „Fleisch“:

Wir erfahren, wie viele Geschwister es gab, wie rasch viele von diesen wieder starben, wie rasch auch Eltern nach dem Tod eines Partners wieder heirateten oder wie alt sie wurden. Bei einem Gewerbetreibenden suchen wir vielleicht in Zunftbüchern der Region, ob sich dort ein Eintrag über ihn (wo er gelernt hat) oder einen potentiellen Vater (in dessen Ortschaft er geboren worden sein könnte) finden lässt. Über das Sterbedatum finden wir vielleicht auch in einem Landesarchiv Nachlassabhandlungen, wo wir die miterbenden Geschwister und eine Inventarliste über das Vermögen der Eltern bekommen. Aus Grundbüchern ersehen wir die Abfolge der Hausbesitzer, im bäuerlichen Umfeld die Lehensnehmer einer bestimmten Grundherrschaft. Kurse, Genealogenvereine, vor allem aber Suchmaschinen, Wikipedia sowie vor allem seriöse Literatur helfen hier weiter. Diese Phase schärft das detektivische Gespür.

Die Genealogie, also die Erforschung unserer Vorfahren und der verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen, erfreut sich wachsender Beliebtheit. In den letzten zehn Jahren ist es immer einfacher geworden, diesem Hobby nachzugehen. Bei einem Projekt des Archivvereins ICARUS etwa wurden sukzessive ein Großteil der katholischen Kirchenmatriken, also Tauf-, Heirats- und Sterbebücher der österreichischen Pfarren, eingescannt. Auf www.matricula-online.eu können sie nun gratis, anonym und bequem von Zuhause aus eingesehen ­werden.

Neben dem Ort (Pfarre) und einem Heirats- oder Taufdatum vor 1939 bzw. 1919 (jüngere Daten sind aufgrund von Daten- und Personenschutz gesperrt) der Groß- oder Urgroßeltern brauchen wir zu Beginn nur noch einen Internetzugang, detektivische Geduld, Kenntnisse der alten deutschen Kurrent-Schreibschrift – und nicht zuletzt einen Grund, weshalb wir Tage und Nächte damit verbringen sollten, den altvorderen Verwandten nachzuspüren.
Steigendes Interesse an der Herkunft

Der „typische“ Ahnenforscher befindet sich bereits im letzten Lebensdrittel und möchte sein Wissen für Kinder und Enkelkinder bewahren, oft auch früher begonnene Forschungen fortsetzen. Trotz oder gerade wegen der Zeit der Patchwork-Familien und Schlüsselkinder interessieren sich zunehmend auch jüngere Menschen für ihre Herkunft. Dazu ermuntert auch, dass die Nachforschungen heute zu einem Gutteil über das Internet bzw. am Handy erfolgen können und die mühsamen Recherchen in den Pfarrämtern weggefallen sind.

Hemmschwelle ist hier lediglich die Kurrentschrift und Grundlagenwissen, das in Seminaren z. B. an Volkshochschulen oder auch über „Learning-by-doing“ mit Recherchen im Internet erworben werden kann. Das ist der Anfang, denn die Hobby-Genealogie ist mit einem begleitenden Lernprozess verbunden, von der Sozial-, Wirtschafts- und Politik- bis hin zur Militär- oder Technikgeschichte. Weiters dient die Genea­logie als Historische Hilfswissenschaft etwa bei der Erforschung politischer Ereignisse. Doch es war der furchtbare Rassenwahn der NS-Zeit, der dem Image der Genealogie nachhaltig geschadet hat. Angesichts des im „Dritten Reich“ verlangten „Ariernachweises“ in Form von „Ahnenpässen“, dessen Erbringen oft über Leben und Tod entschied, sprechen manche Genea­logen von Familienforschung und vermeiden das Wort „Ahnen“, was ich persönlich bei allem Respekt und tiefem Mitgefühl differenzierter sehe.

Für die Beschäftigung mit den Vorfahren gibt es auch religiöse und ethische Gründe: So gedenken viele afrikanische Ethnien ihrer Toten nicht nur in Trauer und mit Respekt, sondern auch mit einer gewissen Furcht, jene könnten sich bei berechtigtem Anlass vielleicht an ihnen rächen und ihnen böse Streiche spielen. Die Seelen ihrer Ahnen leben in der sie umgebenden Natur fort, etwa in den Bäumen, und sind somit allgegenwärtig. Daher gilt es, sie zufrieden zu wissen, in guter Erinnerung zu bewahren und in Einheit mit der Natur zu leben. Andererseits glauben die Mormonen, dass alle Verstorbenen im Sinne der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ erlöst werden können, wenn sie nur namentlich bekannt sind und nach den Riten der Glaubensgemeinschaft getauft werden – selbst wenn sie schon lange tot sind und zu Lebzeiten einer anderen Religion angehörten. Daher sind die Mormonen mit Sendungseifer in vielen Archiven der Alten Welt anzutreffen, wo sie Kirchen- und Grundbücher einscannen, die sie transkribieren und online stellen, damit sie von der Religionsgemeinschaft erforscht werden können. Aber auch wir lassen Messen für unsere Toten lesen, gedenken ihrer nicht nur zu Allerseelen und behalten sie in liebem Andenken.

Persönliche Erinnerungen und emotionale Bindungen werden meist nur bis zu den Großeltern reichen. Doch aus den Erzählungen der Älteren dringen auch Details über vergangene Generationen, selbst wenn die Erzählkultur hier schon lange verkümmert ist. Familienandenken wie Tagebücher, Fotoalben, Urkunden, auf Seidenstickereien verewigte Haussprüche und Gemälde können bedeutend weiter zurückreichenden Menschen, Orten und Ereignissen Namen und Gesichter verleihen.

Der „Gondoliere“ im Weinviertel

Worauf es den meisten am Beginn der Ahnenforschung ankommt, ist, möglichst rasch möglichst weit zurückzukommen, idealerweise in der Stammlinie der väterlichen Vorfahren, die alle den eigenen Familiennamen tragen. In meinem Fall: „Ich komme bei den Amon bis 1590 zurück!“ und „Ich habe bisher 1176 direkte Vorfahren identifiziert, die in meiner Ahnenliste mit Mehrfachzählung des Ahnenschwundes 2038 Mal aufscheinen.“ Vom Ansatz her oft praktisch, da man sich schon einmal virtuell in einer Pfarre befindet, die Kirchenbücher also in „Click-Nähe“ hat, aus dem Heiratseintrag der Tochter bzw. des Sohnes die Namen der Eltern ersieht und somit die Linie weiter verfolgt.

In dieser Phase schaut man tatsächlich nicht viel nach Nebenlinien und begnügt sich mit den Namen, Tauf-/Geburts- und Heiratsdaten, vermerkt eventuell noch Beruf und Begräbnis-/Sterbedaten. Diese Phase findet eine vorerst lästige Unterbrechung, wo man z. B. aus dem Taufbuch zwar die Namen der Eltern kennt, diese aber offenbar zugewandert sind, weil man deren Trauung nicht in der selben Pfarre findet. Unter Ausschöpfung aller detektivischen Register schaut man nun auf der Suche nach den Eltern doch nach links und rechts. Man sucht nach Geschwistern in der Hoffnung, bei deren Tauf- oder Heiratseinträgen über die gemeinsame Elterngeneration weitere Informationen zu erhalten. Auch die Sterbebücher können hilfreich sein. Selbst wenn wir in dieser Linie nicht weiter zurückkommen, bekommt das unpersönliche Datengerüst plötzlich „Fleisch“:

Wir erfahren, wie viele Geschwister es gab, wie rasch viele von diesen wieder starben, wie rasch auch Eltern nach dem Tod eines Partners wieder heirateten oder wie alt sie wurden. Bei einem Gewerbetreibenden suchen wir vielleicht in Zunftbüchern der Region, ob sich dort ein Eintrag über ihn (wo er gelernt hat) oder einen potentiellen Vater (in dessen Ortschaft er geboren worden sein könnte) finden lässt. Über das Sterbedatum finden wir vielleicht auch in einem Landesarchiv Nachlassabhandlungen, wo wir die miterbenden Geschwister und eine Inventarliste über das Vermögen der Eltern bekommen. Aus Grundbüchern ersehen wir die Abfolge der Hausbesitzer, im bäuerlichen Umfeld die Lehensnehmer einer bestimmten Grundherrschaft. Kurse, Genealogenvereine, vor allem aber Suchmaschinen, Wikipedia sowie vor allem seriöse Literatur helfen hier weiter. Diese Phase schärft das detektivische Gespür.

Mühsame Recherchen in den Pfarrämtern sind weggefallen. Die Suche kann heute großteils im Internet erfolgen.

Ein schönes Beispiel: Mein 8-fach-Urgroßvater war Olivio Francesco, „Gondoliere“ aus Venedig, den es mit zwei Kollegen und drei Gondeln nach Hagenberg ins Weinviertel verschlagen hatte. Wie das? 1683 rücken die Türken gegen Wien vor und der Niederösterreichische Landtag beschließt, bestimmte Festungen im Weinviertel als Zufluchtsort für die Bevölkerung instand setzen zu lassen, so auch Schloss Hagenberg. Der Besitzer, Theodor Graf von Sinzendorf, wird vermutlich in Venedig seine Leidenschaft für Gondelfahrten entdeckt haben. Er lässt den Burggraben verbreitern, dazu einen kleinen See mit Insel und Kanal aufstauen, und die drei Gondeln samt „Gondoliere“ herankarren – ein voller Erfolg: Kaiser Leopold I. und sein Sohn, der spätere Joseph I., wurden von meinem Vorfahren um 1700 zum gläsernen Lusthaus gerudert; die Majestäten waren sehr „verlus­tiert“. Mein 7-fach-Urgroßvater, gelernter Maurer und „Guntlierer“, wurde laut Hagenberger Chronik von einem der Fürsten Lichtenstein zum Rudern „ausgeborgt“.

Vorher unbekannte Existenzen werden zu Namen und Daten, dann zu Menschen, die doch ein wenig auferstehen in uns. Einzelschicksale der Vorfahren verdichten sich nicht selten zu „dynastischen Mustern des kleinen Mannes und der kleinen Frau“, denn meine Vorfahren waren fast durchwegs „gewöhnlich“: Bauern, Schafmeis­ter, Fleischhauer, Bäcker, Bierbrauer, also ländliche Mittelschicht. Manche von ihnen heirateten bevorzugt untereinander und daher über weitere räumliche Distanzen hinweg, da sie zwar durchaus angesehen waren, es auch zu gewissem Wohlstand brachten, aber ein „unehrliches“ Gewerbe ausübten. Bei den Schafmeistern, Viehhirten, Badern, „Chyrurgen“ hing das mit dem Kontakt mit Blut zusammen, bei den Müllern mit dem technisch komplizierten und daher als Teufelswerk verdächtigen Mahlwerk – man denke an Otfried Preußlers Roman „Krabat“.

Begegnung mit fremden Welten

Man erkennt dabei die Fremdheit jener Welten im Vergleich zu der eigenen, wie die Ausrichtung von Alltag, Zeitmessung, Abgabewesen oder Zunftversammlungen an den religiösen Feiertagen, den unablässigen Existenzkampf, der die Ehepaare als Wirtschaftsbetriebe aneinander schmiedete und im Todesfall des Partners zu rascher Wiederheirat zwang, um sich und die Kinder durchzubringen. Andererseits erfährt man auch über Generationen und Stände hinweg Verbindendes wie fürsorgliche testamentarische Bestimmungen; das Bestreben, den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen; gelebte Dankbarkeit auf Wallfahrten und Marterln; und man kann deren Trauer über den raschen Verlust von Angehörigen infolge einer Epidemie nachempfinden.

Ob und wie gut wir uns in vergangene Zeiträume versetzen können, bleibt dahingestellt. Die Wissenschaft warnt zurecht vor historistischen Tendenzen, also dem Glauben, wir könnten die Vergangenheit so erkennen, wie sie wirklich gewesen ist. Wir können uns nur auf bestimmte Sichtweisen verständigen, und das mag Historikern auch kurzfristig gelingen. Aber man kann nicht zurückblicken, ohne den Ballast der Gegenwart in Form von tradierten Erzählmustern mitzunehmen. Das kaum Nachvollziehbare ebenso wie das intuitiv Empfindbare oder rational Verständliche im Leben der Vorfahren schlägt auf mein Selbstverständnis zurück. Die Beschäftigung mit der in ihrer Andersartigkeit letztlich verborgen bleibenden Vergangenheit hilft, das eigene Weltbild zu relativieren – und uns bescheidener, verträglicher, toleranter zu machen.

Der Autor ist IT-Berater und studiert nebenbei Geschichte an der Univ. Wien