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Leichte Liebe?

Smartphone - © Collage: Rainer Messerklinger (unter Verwendung eines Bildes von iStock / Worayuth Kamonsuwan)
Gesellschaft

Tinder: Die Liebe als "Match"

1945 1960 1980 2000 2020

Den eigenen Marktwert testen und nach Selbstbestätigung suchen – dafür eignen sich Online-Kontaktbörsen. Aber: Wer den Partner fürs Leben finden will, muss die Spielregeln ändern.

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Den eigenen Marktwert testen und nach Selbstbestätigung suchen – dafür eignen sich Online-Kontaktbörsen. Aber: Wer den Partner fürs Leben finden will, muss die Spielregeln ändern.

Vom Suchen und Finden der Liebe. So lautete der Titel einer Filmkomödie aus dem Jahre 2005. Seitdem hat sich viel verändert. Die Suche und das Finden der Liebe zum Beispiel. In den Nullerjahren galt der Arbeitsplatz oder der Freundeskreis als Partnerbörse Nummer eins. Mittlerweile wurden sie vom Internet abgelöst. Heute entsteht fast jede dritte Beziehung online. Dating-Apps verkuppeln Paare via ausgeklügelter Algorithmen. Wer einen Partner sucht, der studiert hat, tierlieb ist und Sport betreibt, muss nicht mehr vor Tür gehen, sondern stellt seinen Such-Filter dementsprechend ein. Einfacher geht es nicht. Oder? Die Suche nach dem Traumprinzen bzw. der Traumprinzessin scheint dank Digitalisierung leichter denn je zu sein. Zumindest wurde sie gehörig revolutioniert. Aber welche Auswirkungen hat das eigentlich auf das Kennenlernen und die Paarbeziehungen?

„Eine Form der Selbstausbeutung“

Kurzer Exkurs zu Tinder: Die App gilt als die erfolgreichste Dating-Software der Welt. Laut Angaben der „Match Group“ (Eigentümer von Tinder) hat die in über 190 Ländern verfügbare App zwei Milliarden Aufrufe pro Tag, pro Woche werden rund eine Million Dates vermittelt. 2018 verzeichnete das Unternehmen einen Umsatz von 1,7 Milliarden US-Dollar. Die Beliebtheit der App ist vor allem auf deren leichte Handhabe zurückzuführen. Mittels so genannter Tinder-Swipes – dem Wischen nach rechts (die vorgeschlagene Person wird gelikt) und links (die vorgeschlagene Person wird ablehnt) – ist es denkbar einfach, mit potentiellen Partnern in Kontakt zu kommen oder unerwünschte Kontaktversuche abzuwehren. Nur wer sich gegenseitig liket, kann ein „Match“ beginnen, also persönlich miteinander in Kontakt treten.

Vom Suchen und Finden der Liebe. So lautete der Titel einer Filmkomödie aus dem Jahre 2005. Seitdem hat sich viel verändert. Die Suche und das Finden der Liebe zum Beispiel. In den Nullerjahren galt der Arbeitsplatz oder der Freundeskreis als Partnerbörse Nummer eins. Mittlerweile wurden sie vom Internet abgelöst. Heute entsteht fast jede dritte Beziehung online. Dating-Apps verkuppeln Paare via ausgeklügelter Algorithmen. Wer einen Partner sucht, der studiert hat, tierlieb ist und Sport betreibt, muss nicht mehr vor Tür gehen, sondern stellt seinen Such-Filter dementsprechend ein. Einfacher geht es nicht. Oder? Die Suche nach dem Traumprinzen bzw. der Traumprinzessin scheint dank Digitalisierung leichter denn je zu sein. Zumindest wurde sie gehörig revolutioniert. Aber welche Auswirkungen hat das eigentlich auf das Kennenlernen und die Paarbeziehungen?

„Eine Form der Selbstausbeutung“

Kurzer Exkurs zu Tinder: Die App gilt als die erfolgreichste Dating-Software der Welt. Laut Angaben der „Match Group“ (Eigentümer von Tinder) hat die in über 190 Ländern verfügbare App zwei Milliarden Aufrufe pro Tag, pro Woche werden rund eine Million Dates vermittelt. 2018 verzeichnete das Unternehmen einen Umsatz von 1,7 Milliarden US-Dollar. Die Beliebtheit der App ist vor allem auf deren leichte Handhabe zurückzuführen. Mittels so genannter Tinder-Swipes – dem Wischen nach rechts (die vorgeschlagene Person wird gelikt) und links (die vorgeschlagene Person wird ablehnt) – ist es denkbar einfach, mit potentiellen Partnern in Kontakt zu kommen oder unerwünschte Kontaktversuche abzuwehren. Nur wer sich gegenseitig liket, kann ein „Match“ beginnen, also persönlich miteinander in Kontakt treten.

Viele Frauen über 40 posieren in Designerkleidung vor Champagnerflaschen. Ältere Männer stellen sich mit Rolex-Uhren zur Schau. Jüngere zeigen sich mit Surfbrett oder Tieren auf den Fotos.

Machen es Tinder oder vergleichbare Applikationen wie „Charm“, „hot or not“, „jaumo“, „lovoo“, „shop a man“ der Liebe nun leichter? Wissenschaftler von „Socium“ (Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik) an der Universität Bremen versuchen derzeit, mittels einer Forschungsreihe Antworten auf diese Fragestellung zu finden. In einem Zwischenbericht schreiben sie: „Tinder ist ein Massenphänomen, das die Sphäre von Beziehungen derzeit radikal verändert.“ So würde es durch Datings-Apps nachweislich zu „Verstrickungen und Verwebungen von Elementen des Marktes“ innerhalb der Partnersuche kommen. Übersetzt heißt das: Wer auf Tinder und Co. erfolgreich sein will, muss sich (optisch) gut verkaufen und sich von der Konkurrenz abheben. Für die Bremer Forscher führen die zitierten Verwebungen letztlich dazu, dass „Grenzen zwischen Intimssphäre und Wirtschaft mehr und mehr verschwimmen“.

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommt auch die Autorin Moira Weigel in ihrem Buch „Dating – Eine Kulturgeschichte“, die darin digitale Partnerbörsen als „Form von Selbstausbeutung“ bezeichnet. „Wir werden angehalten, uns zu optimieren und uns bestmöglich zu vermarkten“, kritisiert Weigel die Praxis des Online-Datings. Dass die Präsentation der eigenen Person über alles oder nichts entscheidet, betonen auch die Flensburger Psychologinnen Johanna Degen und Andrea Kleeberg-Niepage in ihrem Forschungsprojekt „Hot or Not“. Sie werteten 250 Profilbilder und 2651 Fragebögen von Tinder-Nutzern aus und führten zudem 70 qualitative Interviews. Laut Studie posieren Frauen über 40 auf ihren Profilfotos besonders häufig in Designerkleidung, vor Champagnerflaschen oder mit teuren Bulgari-Ketten um den Hals. Ältere Männer stellen sich hingegen mittels Statussymbolen wie teuren Autos oder Rolex-Uhren zur Schau. Jüngere bevorzugen eher Surfbretter oder Tiere neben sich auf den Fotos.

Psychologin Degen nennt das „informative Kategorien“. Potentielle Partner sollen einen so wahrnehmen, wie man selbst gerne wahrgenommen werden will. Für diesen Zweck gibt es eine Reihe von Ratgeber-Portalen mit Titeln wie „Wie du zum Match-Magneten wirst“, „Profi Optimierung Tinder“ oder „Der ultimative Tinder- Erfolg“. Dort wird beispielsweise dazu geraten, sich für das Profilfoto mit einem Hund ablichten zu lassen – ganz egal, ob man einen hat oder nicht. Es geht um die Symbolik. Die Aufnahme würde zeigen, wie sozial und aktiv man ist und dass man Verantwortung für ein Lebewesen übernehmen kann. Diese Masche wird von Insidern „Dogfishing“ genannt und hat sich zum Trend etabliert – der mit Erfolg gekrönt zu sein scheint. Mittels einer You-Gov-Umfrage wurde herausgefunden, dass 34 Prozent der Frauen und 31 Prozent der Männer eher „Ja“ zu einem Date mit einer Online-Bekanntschaft sagen, wenn der potentielle Partner auf dem Foto mit einem Vierbeiner zu sehen ist.

Es wird verglichen und mit Kalkül agiert

Aber um was geht es den App-Usern eigentlich? Suchen sie ernsthaft eine Beziehung oder ist das Ganze nur ein Spiel? „Beim Onlinedating geht es viel um einen selbst, um Bestätigung und den eigenen Marktwert. Das Verhalten passt oft nicht zu der Sehnsucht nach Liebe“, erklärt Stefanie Nickel vom Marktforschungsinstitut „Rheingold Salon“. Auch wenn der Wunsch nach einer Partnerschaft das ursprüngliche Motiv war, sich bei einem Dating-Portal anzumelden, würde die scheinbar unbegrenzte Auswahl an potentiellen Partnern viele daran hindern, sich ernsthaft auf jemanden einzulassen. „Begegnungen werden nur simuliert. Bei der kleinsten Macke des anderen kann die Delete-Taste gedrückt werden und das nächste Profil poppt auf. Menschen werden zur Ware. So eine App ermöglicht Feigheiten, die im realen Leben derart radikal nicht möglich sind", sagt Nickel.

Für das abrupte Verschwinden einer virtuellen Konversation gibt es sogar einen Namen: Ghosting. Was das Internet und der Kapitalismus mit der Liebe machen, hat auch die israelische Soziologin Eva Illouz untersucht. Sie hat sich angesehen, wie sich das Kennenlernen auf einem Dating-Markt verändert, wo man vergleicht, mit Kalkül agiert und serielle Begegnungen hat. Ihr Fazit ist vernichtend. Illouz spricht von „beispiellosem Zynismus, der in der Wiederholung angelegt sei“. Ähnlich kritische Stimmen sind in Erfahrungsberichten auf Single-Chats zu lesen. Eine 57-jährige Frau schreibt: „Früher war es definitiv einfacher, einen Partner zu finden. Heute ist alles so oberflächlich und keiner möchte mehr Kompromisse eingehen. Alles muss zu 100 Prozent passen und selbst dann möchte keiner mehr Verantwortung übernehmen.“

Katholische Heiratsplattform boomt

Online-Dating-Portale generell zu verteufeln, wäre trotz aller Beanstandung zu kurz gegriffen. Gewisse Plattformen haben sich auf kleinere Zielgruppen spezialisiert, denen es ausschließlich darum geht, eine Lebensgemeinschaft einzugehen. So haben sich etwa auf der Heiratsplattform „Kathtreff.org“ bereits Hunderte Paare gefunden. Laut Angaben der Betreiberin Gudrun Kugler ist die Erfolgsrate des Portals wegen der speziellen katholischen Nutzergruppe mit 15 Prozent etwa fünfmal höher als jene von herkömmlichen Seiten.

Das Suchen und Finden der Liebe. Darüber gibt es im Jahre 2020 vermutlich gar nicht so viel anderes zu berichten als vor der Digitalisierung. Wer sie wirklich sucht, der findet sie. Auch im Internet. Alle anderen wollen nur spielen. Aber das war früher ganz genauso.