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Gekauft und durchschaut

In riesigen Datenpools sammeln die Unternehmen immer mehr Informationen über die Konsumenten: Verbraucher-Infos werden zur Ware, kritisiert AK-Expertin Daniela Zimmer.

Die Furche: Wie gut sind Unternehmen heute über ihre Kunden informiert?

Daniela Zimmer: Die Entwicklung der Massengeschäftspraxis im letzten Jahrzehnt hat dazu geführt, dass Daten über Kunden in einer Form vorliegen, wie es vorher undenkbar gewesen wäre. Außerdem schaffen die heutigen Konzerngrößen enorme Datenpools. Schließlich hat die Vernetzung von Datenbanken untereinander den Unternehmen einen besseren Überblick über das Verhalten und den Background ihrer Kunden verschafft.

Die Furche: In welchen Sektoren gibt es die größten Daten-Ansammlungen?

Zimmer: In einer Erhebung in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften haben wir festgestellt, dass diese Entwicklung vor allem in zwei Branchen sehr weit fortgeschritten ist: in der Telekommunikation und im Bereich der Banken und Versicherungen.

Die Furche: Können Sie das am Beispiel des Mobilfunks illustrieren?

Zimmer: Die Telekom-Branche kann ein leidvolles Lied davon singen, dass es im großen Stil Anmeldungen für preisgestützte Handys unter Vorschützung falscher Namen gibt. Oft werden die Geräte ins Ausland verbracht. In einem begrenzten Zeitraum wird dann ununterbrochen telefoniert, bis der Anbieter den Missbrauch entdeckt. Das geschieht mittlerweile in organisierter Form. Vor diesem Hintergrund verschärfen die Anbieter ihre Bemühungen bei Vertragsabschluss den Kunden bis aufs Letzte zu durchleuchten. Allerdings stellt sich die Frage der Verhältnismäßigkeit: Denn 95 Prozent redlicher Kunden sind damit von der Daten-Neugier der Anbieter berührt, damit sich der Anbieter vor Missbrauch durch fünf oder weniger Prozent der Klientel schützt.

Die Furche: Welche Daten werden da verlangt?

Zimmer: Vor allem geht es um den Identitäts-Nachweis, um Hinweise auf die Bonität. Der Kunde stimmt schon bei Vertragsabschluss zu, dass Auskünfte über seinen wirtschaftlichen Background eingeholt werden dürfen: bei Banken, Wirtschafts-Info-Diensten.

Die Furche: Sie sprachen auch vom Banken-Sektor ...

Zimmer: Es ist hinlänglich bekannt, dass es so etwas wie ein Informations-Verbund-System gibt. Dort fließen Daten von Kunden ein, die zahlungssäumig geworden sind. Im Alltags-Sprachgebrauch die "Schwarzen Listen". Jedes Bankinstitut kann dorthin unerwünschte Konto-Verbindungen melden und jede Bank sich dort informieren. Für den Konsumenten hat das einen unerquicklichen Nachteil: Sobald er in der Liste steht, hat er Probleme, ein Bankkonto zu eröffnen. Problematisch war - zumindest bis vor einigen Jahren -, dass diese Liste nur in großen Intervallen auf den neuesten Stand gebracht wurde.

Die Furche: Kann man von dieser Liste wieder wegkommen?

Zimmer: Theoretisch ja. Denn nach dem Datenschutz-Gesetz gibt es ein Recht auf Löschung. Aber in der Praxis zählt es zu den Banken-Usancen, den Kunden auch noch etliche Jahre nach Tilgung eines Kredits in dieser Liste zu belassen. Aus der Überlegung: Hat der Kunde schon einmal geringe Vertragstreue gezeigt, so will man ihn eine Zeit lang unter Beobachtung halten.

Die Furche: Wäre es nicht Aufgabe der Datenschutzbehörde den Einzelnen vor Missbrauch zu schützen?

Zimmer: Leider sind deren Ressourcen und Möglichkeit relativ begrenzt. Dabei gäbe es bei den BankenInfo-Systemen, die aus Datenschutzgründen besonders sensibel sind, eine Vorab-Kontrollmöglichkeit.

Die Furche: Es gibt Anbieter von Adressen, die damit werben, dass sie über die Personen in ihrem Daten-Fundus mehr als 100 Infos verfügen. Wie ist das möglich?

Zimmer: Die Gewerbe-Ordnung hat den Berufsstand des Adressen-Händlers und Direkt-Marketing-Unternehmens geschaffen. Deren Tätigkeit besteht darin, Daten potenzieller Kunden zusammenzutragen. Die Quellen, auf die Adress-Händler zugreifen, sind zunächst öffentliche Register. Allerdings können sie auch von Unternehmen Daten zukaufen. Bestimmte Daten (Name, Adresse, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kunden- und Interessenten-Datei) darf ein Versand-Handel zum Beispiel an einen Adress-Händler verkaufen, ohne dass die erfassten Kunden ihre Zustimmung geben müssten.

Die Furche: Wo bleibt da der Datenschutz?

Zimmer: Das ist ausdrücklich so geregelt. Aus Konsumentensicht ist das sehr prekär. Wer also beispielsweise in einem Möbelhaus bei einem Kauf Name und Adresse angibt, muss nicht gefragt werden, ob er damit einverstanden ist, dass ein Adress-Händler erfährt, wofür er sich interessiert hat. Der einzige Schutz: Der Kunde kann jederzeit verlangen, dass die Daten gelöscht werden.

Die Furche: Können Adress-Händler von überall her Daten zusammentragen?

Zimmer: Bei Banken besteht eine gesetzliche Pflicht zur Geheimhaltung, auch bei Ärzten, Versicherungen. Aber bei einem Versand-Händler, einem Großkaufhaus oder anderen Unternehmen können Adress-Händler relativ frei schürfen. Kundendaten haben die Qualität von Waren erhalten. Eine weitere Quelle, die Adress-Händler gerne erschließen, ist es, die Kunden selbst zur Datenpreisgabe zu animieren. Das funktioniert erstaunlich gut. Vieles läuft unter der Rubrik Gewinnspiele. Sie dienen eigentlich dazu, Infos über Kunden zu sammeln. Jedes Mal, wenn es heißt: Sie haben etwas gewonnen, muss mir bewusst sein, dass ich Daten abgeliefert habe. Eine weitere probate Quelle ist das Internet. Auch da wird irgendein Zuckerl angeboten, um Kunden zu animieren, ihre Adress-Daten bekannt zu geben. Manchmal wird der Kunde noch unverblümter angesprochen, sein Internet-Nutzungsverhalten preiszugeben. Etwa durch das Angebot, gratis surfen zu können. Dann gestattet man dem Anbieter, das Surf-Verhalten zu erfassen. Schlimm wird es dann, wenn eine solche Protokollierung ohne Wahrnehmung des Konsumenten stattfinden. Das geschieht oft durch Cookies ...

Die Furche: Was sind Cookies?

Zimmer: Kleine Dateien, die mit verfolgen, auf welchen Seiten sich der Surfer aufgehalten hat, und es dem Webseiten-Inhaber rückmelden. Es gibt harmlose, die das offenlegen, und tückische, bei denen der Konsument nicht mitbekommt, was geschieht. Hinzufügen möchte ich: Cookies hatten ursprünglich eine harmlose Funktion. Sie sollten oft besuchte Internet-Seiten rasch zugänglich machen.

Die Furche: Verfügen nicht auch die Internet-Provider über sehr viel Information. Gibt es da Spielregeln?

Zimmer: Ja, Verbands-Richtlinien. Sie tragen sicher zur Fairness auf dem Markt bei. Auszuschließen ist es jedoch nicht, dass der eine oder andere seine mächtige Stellung missbraucht.

Die Furche: Wird die Einhaltung der Richtlinien kontrolliert?

Zimmer: Man kann nur auf die Selbst-Reinigungskraft des Marktes hoffen, dass die Provider schwarze Schafe aussondern. Aber Kontrollen gibt es meines Wissens nach nicht. Das große Dilemma ist ja: Vieles ist zwar rechtlich hübsch geregelt, aber es gibt enorme Vollzugsdefizite. Vieles kann auch nicht kontrolliert werden. Allein die Tatsache, dass die Botschaften rund um den Globus unterwegs sind, lässt erkennen, wie viele Schnittstellen es da gibt, an denen Missbrauch stattfinden kann.

Die Furche: Was bleibt dann vom Datenschutz?

Zimmer: Es gibt schon Ansatzpunkte: Den Unternehmen muss man durch beständige Aufklärung klar machen, dass Hervorstreichen des Datenschutzes ein Wettbewerbsvorteil sein kann. Es gibt übrigens schon einzelne Unternehmen, die lupenreine Datenschutz-Erklärungen anbieten. Sie legen offen, was sie mit den Daten ihrer Kunden machen.

Die Furche: Was kann der Verbraucher tun?

Zimmer: Es muss das Bewusstsein geschärft werden, dass argloser Umgang mit Daten nachteilig sein kann. Im allgemeinen wird der Schaden ideell sein: Andere wissen etwas über ihn, was ihm möglicherweise unangenehm ist. Ab und zu können es auch handfeste materielle Nachteile sein. Wenn ich kein Konto mehr eröffnen kann, ist das ein spürbarer Nachteil. Banal, aber lästig ist die Werbeflut, die über einen kommt. Der Postkasten quillt über. Oder man bekommt E-Mails oder SMS in Mengen. Will man unwillkommene Werbung auf diesem Weg verhindern, ist es gut, sorgsam mit der Bekanntgabe von Telefon-Nummern und E-Mail-Adressen umzugehen. Nach österreichischer Rechtslage ist es übrigens verboten, unerbetene Mails und SMS zu versenden. Dennoch geschieht es in großem Stil.

Die Furche: Können Sie konkrete Tipps zum Umgang mit den eigenen Daten geben?

Zimmer: Ja: Bei Vertragsabschluss nur das Notwendigste angeben. Nachfragen: Warum wollen Sie auch das noch wissen? Hat man arglos der Weitergabe von Daten zugestimmt, kann man widerrufen. Ist man von Werbeflut betroffen, kann man sich in die Robinson-Liste eintragen: eine Negativ-Liste, die beim Verband Markt-Kommunikation bei der Wirtschaftskammer eingerichtet ist. Wer dort aufscheint, gibt kund, keinerlei Werbung bekommen zu wollen. Die Unternehmen sind angehalten, diesen Wunsch zu respektieren. Um unadressierte Werbung abzuwehren, kann man Stickers an der Tür anbringen. Dann: Jedermann ist berechtigt, einmal im Jahr bei Unternehmen abzufragen, ob sie über Daten verfügen, und diese löschen lassen.

Die Furche: Wie gut funktioniert Österreichs Datenschutz im internationalen Vergleich?

Zimmer: Es gibt in Europa größere Datenschutz-Behörden, die aktiver auf neue Gefahren hinweisen, etwa in Deutschland. In Europa gibt es den Trend, Datenschutz zwar im Mund zu führen, dabei im Wesentlichen aber einen freien Binnenmarkt für Daten zu schaffen. Nicht alles, was unter Datenschutz in der EU-Kommission läuft, hat ausschließlich den Schutz des Betroffenen zum Anliegen. Da spielen wirtschaftliche Interessen eine große Rolle, unter gesetzlichen Rahmenbedingungen Daten-Autobahnen zu schaffen.

Das Gespräch führte Christof Gaspari

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