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Authentisch inszeniert

1945 1960 1980 2000 2020
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"Frau Lehrerin! Der Bundespräsident hat meine Story geliket." Ein Teenager fuchtelt in der Wiener U-Bahn mit seinem Smartphone aufgeregt vor der Lehrerinnen-Nase herum, seine Klassenkollegen umringen ihn und versuchen, einen Blick auf den Handy-Screen zu erhaschen. Die Schülerinnen und Schüler waren beim Bundespräsidenten auf Besuch. -"Selfiepoint" inklusive.

Vor allem zwei Plattformen ziehen heute die Aufmerksamkeit von jüngeren Nutzerinnen und Nutzern auf sich: Instagram, 2010 gegründet und 2012 von Facebook aufgekauft, und YouTube, 2005 gegründet und seit 2006 Teil von Google. Wer Wählerinnen und Wähler erreichen will, kommt an den beiden Imperien längst nicht mehr vorbei. Der österreichische Bundespräsident ist auf Instagram vertreten, täglich gibt's neue Geschichten, 69.700 Menschen begleiten ihn dort. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat sogar 75.300 Instagram-Fans. Vizekanzler Strache nur 47.400 -er setzt noch immer auf die Empörungsmaschinerie Facebook: 800.098 gefällt das.

Bei den Jungen spielt Facebook jedoch kaum mehr eine Rolle: Das zeigt der "Jugend-Internet-Monitor 2019", eine Online-Umfrage im Auftrag der EU-Initiative Safer Internet unter österreichischen Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren. Nur mehr 44 Prozent der Jugendlichen haben einen Facebook-Account, 78 Prozent hingegen nutzen YouTube und 71 Prozent Instagram. Im Vergleich zum vergangenen Jahr kann Instagram als einziges soziales Netzwerk auf Zuwächse unter den jungen Nutzerinnen und Nutzern verweisen. "Trends zeigen, dass Instagram weiter wachsen und in den nächsten Jahren auch noch You-Tube überholen wird", sagt Matthias Jax von Safer Internet im FURCHE-Gespräch. Viele Influencer würden deshalb heute beide Plattformen, also YouTube und Instagram parallel nutzen, einige wären schon ganz auf Instagram umgestiegen.

Und wie nutzt die Politik die beiden Plattformen? Dass hier, was die Reichweite und Professionalisierung betrifft, immer noch Luft nach oben ist, zeigt ein rascher Blick auf die Fanzahlen: Während auf Facebook jede Partei und beinahe jedes Regierungsmitglied eine eigene Seite betreibt, findet man auf YouTube kaum personalisierte Accounts. Bundeskanzler Kurz (7715 Abonnenten) und Bundespräsident Van der Bellen (1940 Abonnenten) haben einen eigenen Account, Videos werden allerdings nur im Monatsrhythmus hochgeladen. Die NEOS verzeichnen auf ihrem Account 2473 Abonnenten, 2247 YouTube-Fans hat die SPÖ, die Grünen findet man mit 4117 Abonnenten. Das Potenzial von YouTube hat hingegen der rechtsradikale Aktivist Martin Sellner erkannt: 93.681 Abonnenten sehen ihm dabei zu, wie er, laut seiner Kanalbeschreibung, "hier auf YouTube am Abbau des multikulturellen Meinungsdogmas arbeitet".

"Als einzige Partei mit einer YouTube-Strategie fällt die FPÖ auf", heißt es im Digitalreport YouTube 2018, den Digital-Botschafterin Ingrid Brodnig verantwortet. 4,8 Millionen YouTube-Accounts und 17,7 Millionen Kommentare haben Brodnig und ihr Team für diesen Report erfasst, - die bisher größte Datenauswertung zu YouTube in Österreich: "Die FPÖ ist nicht nur mit dem FPÖ-TV der erfolgreichste heimische Account in der Kategorie 'Nachrichten und Politik'. Ihr Video 'Ich sage es für euch' aus dem Nationalratswahlkampf 2017 ist auch das erfolgreichste Video aus der Kategorie - und verzeichnete 3,1 Millionen Views." Zum Vergleich: Das aufrufstärkste Video des Accounts von Sebastian Kurz erzielte im selben Zeitraum 230.000 Views.

Während die Populisten und die Radikalen die YouTube-Maschinerie nutzen, möglicherweise um eine "Gegenöffentlichkeit" zu erzeugen, wie der Digitalreport vermutet, hat sich Instagram in den letzten Jahren zu der wahrhaftig großen Bühne im Web entwickelt. Über eine Milliarde Nutzer weltweit feierte Instagram im Juli 2018. Die audiovisuellen Inhalte Instagrams werden vorwiegend über eine App auf dem Smartphone konsumiert. Konzipiert wurde das Netzwerk ursprünglich für Fotos, das quadratische Format ist heute Markenzeichen der Instagram-Ästhetik. Diese Fotos können die Nutzerinnen und Nutzer auf ihrer "Wall", also einer Art virtueller Pinnwand, hochladen. Im "Feed" werden die Fotos jener angezeigt, deren Accounts man folgt.

Direkt und unmittelbar

Der große Erfolg von Instagram liegt in einem Feature, das im August 2016 eingeführt wurde: der "Story", die aus linear hochgeladenen Video-,Foto-und Textelementen besteht, die nur 24 Stunden angezeigt werden. Von den Nutzern wird das als besonders authentisch empfunden. Die Story-Funktion stammt ursprünglich von Snapchat, einem Messengerdienst, der zum Ziel hatte, Kommunikation per Video-Snaps auf dem Smartphone direkt, unmittelbar und "roh" abzubilden. Instagram kopierte diese Funktion und integrierte sie. Instagram blieb so zwar die Plattform der schönen Bilder, die direkte Kommunikation aber bindet die Fans stärker an die Accounts und gibt ihnen das Gefühl, live und "echt" dabei zu sein.

Dank ausgeklügelter Hashtag-Verschlagwortung schrauben Influencer auf Instagram an ihrer Reichweite, erfolgreich macht sie aber vor allem diese vermeintliche Authenzität. Diese machen sich auch immer mehr Politiker zu Nutze. Sie lassen die Bürgerinnen und Bürger an ihrem Tagesablauf teilhaben, nehmen sie mit zu Konferenzen und in die Freizeit. Das gibt Likes: Kickl im Wald (#laufen #wienerwald #frischeluft #woistderschnee), Meinl-Reisinger beim Eisessen (#wienliebe #eissalon #newbornbaby). Der Bundespräsident mit Hund (#bestefreunde #dogcontent #militärhundezentrum). Keine Hashtags hingegen benutzt Bundeskanzler Kurz. Seinen glatten Bildern in immergleichen Posen fliegen die Herzen auch so zu. Vorgänger Kern kickte im Bundeskanzleramt. Und die Grünen? Die versuchen es mit Humor: "Hier sollte ein cooler spruch [sic] stehen, damit wir noch lässiger wirken. Vorschläge?", schreiben sie in ihrem sonst sehr überschaubaren Instagram-Profil.

Der Bundespräsident ist wieder unterwegs. Eben noch auf Staatsbesuch in Irgendwo, schaut er wieder in einer Neuen Mittelschule vorbei. Er erzählt den Kindern im analogen Klassenzimmer von Europa. Die Instagram-Community ist live dabei. Dazwischen gibt es Englisch-Unterricht: "Emirhan und der Bundespräsident machen die Listening Comprehension gemeinsam", steht in den Storys. Als Van der Bellen später den Turnsaal betritt, stehen die Kinder auf und klatschen in die Hände. Auf den Handyscreens fliegen die Herzerl. Der Bundespräsident liket sie alle.

"Frau Lehrerin! Der Bundespräsident hat meine Story geliket." Ein Teenager fuchtelt in der Wiener U-Bahn mit seinem Smartphone aufgeregt vor der Lehrerinnen-Nase herum, seine Klassenkollegen umringen ihn und versuchen, einen Blick auf den Handy-Screen zu erhaschen. Die Schülerinnen und Schüler waren beim Bundespräsidenten auf Besuch. -"Selfiepoint" inklusive.

Vor allem zwei Plattformen ziehen heute die Aufmerksamkeit von jüngeren Nutzerinnen und Nutzern auf sich: Instagram, 2010 gegründet und 2012 von Facebook aufgekauft, und YouTube, 2005 gegründet und seit 2006 Teil von Google. Wer Wählerinnen und Wähler erreichen will, kommt an den beiden Imperien längst nicht mehr vorbei. Der österreichische Bundespräsident ist auf Instagram vertreten, täglich gibt's neue Geschichten, 69.700 Menschen begleiten ihn dort. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat sogar 75.300 Instagram-Fans. Vizekanzler Strache nur 47.400 -er setzt noch immer auf die Empörungsmaschinerie Facebook: 800.098 gefällt das.

Bei den Jungen spielt Facebook jedoch kaum mehr eine Rolle: Das zeigt der "Jugend-Internet-Monitor 2019", eine Online-Umfrage im Auftrag der EU-Initiative Safer Internet unter österreichischen Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren. Nur mehr 44 Prozent der Jugendlichen haben einen Facebook-Account, 78 Prozent hingegen nutzen YouTube und 71 Prozent Instagram. Im Vergleich zum vergangenen Jahr kann Instagram als einziges soziales Netzwerk auf Zuwächse unter den jungen Nutzerinnen und Nutzern verweisen. "Trends zeigen, dass Instagram weiter wachsen und in den nächsten Jahren auch noch You-Tube überholen wird", sagt Matthias Jax von Safer Internet im FURCHE-Gespräch. Viele Influencer würden deshalb heute beide Plattformen, also YouTube und Instagram parallel nutzen, einige wären schon ganz auf Instagram umgestiegen.

Und wie nutzt die Politik die beiden Plattformen? Dass hier, was die Reichweite und Professionalisierung betrifft, immer noch Luft nach oben ist, zeigt ein rascher Blick auf die Fanzahlen: Während auf Facebook jede Partei und beinahe jedes Regierungsmitglied eine eigene Seite betreibt, findet man auf YouTube kaum personalisierte Accounts. Bundeskanzler Kurz (7715 Abonnenten) und Bundespräsident Van der Bellen (1940 Abonnenten) haben einen eigenen Account, Videos werden allerdings nur im Monatsrhythmus hochgeladen. Die NEOS verzeichnen auf ihrem Account 2473 Abonnenten, 2247 YouTube-Fans hat die SPÖ, die Grünen findet man mit 4117 Abonnenten. Das Potenzial von YouTube hat hingegen der rechtsradikale Aktivist Martin Sellner erkannt: 93.681 Abonnenten sehen ihm dabei zu, wie er, laut seiner Kanalbeschreibung, "hier auf YouTube am Abbau des multikulturellen Meinungsdogmas arbeitet".

"Als einzige Partei mit einer YouTube-Strategie fällt die FPÖ auf", heißt es im Digitalreport YouTube 2018, den Digital-Botschafterin Ingrid Brodnig verantwortet. 4,8 Millionen YouTube-Accounts und 17,7 Millionen Kommentare haben Brodnig und ihr Team für diesen Report erfasst, - die bisher größte Datenauswertung zu YouTube in Österreich: "Die FPÖ ist nicht nur mit dem FPÖ-TV der erfolgreichste heimische Account in der Kategorie 'Nachrichten und Politik'. Ihr Video 'Ich sage es für euch' aus dem Nationalratswahlkampf 2017 ist auch das erfolgreichste Video aus der Kategorie - und verzeichnete 3,1 Millionen Views." Zum Vergleich: Das aufrufstärkste Video des Accounts von Sebastian Kurz erzielte im selben Zeitraum 230.000 Views.

Während die Populisten und die Radikalen die YouTube-Maschinerie nutzen, möglicherweise um eine "Gegenöffentlichkeit" zu erzeugen, wie der Digitalreport vermutet, hat sich Instagram in den letzten Jahren zu der wahrhaftig großen Bühne im Web entwickelt. Über eine Milliarde Nutzer weltweit feierte Instagram im Juli 2018. Die audiovisuellen Inhalte Instagrams werden vorwiegend über eine App auf dem Smartphone konsumiert. Konzipiert wurde das Netzwerk ursprünglich für Fotos, das quadratische Format ist heute Markenzeichen der Instagram-Ästhetik. Diese Fotos können die Nutzerinnen und Nutzer auf ihrer "Wall", also einer Art virtueller Pinnwand, hochladen. Im "Feed" werden die Fotos jener angezeigt, deren Accounts man folgt.

Direkt und unmittelbar

Der große Erfolg von Instagram liegt in einem Feature, das im August 2016 eingeführt wurde: der "Story", die aus linear hochgeladenen Video-,Foto-und Textelementen besteht, die nur 24 Stunden angezeigt werden. Von den Nutzern wird das als besonders authentisch empfunden. Die Story-Funktion stammt ursprünglich von Snapchat, einem Messengerdienst, der zum Ziel hatte, Kommunikation per Video-Snaps auf dem Smartphone direkt, unmittelbar und "roh" abzubilden. Instagram kopierte diese Funktion und integrierte sie. Instagram blieb so zwar die Plattform der schönen Bilder, die direkte Kommunikation aber bindet die Fans stärker an die Accounts und gibt ihnen das Gefühl, live und "echt" dabei zu sein.

Dank ausgeklügelter Hashtag-Verschlagwortung schrauben Influencer auf Instagram an ihrer Reichweite, erfolgreich macht sie aber vor allem diese vermeintliche Authenzität. Diese machen sich auch immer mehr Politiker zu Nutze. Sie lassen die Bürgerinnen und Bürger an ihrem Tagesablauf teilhaben, nehmen sie mit zu Konferenzen und in die Freizeit. Das gibt Likes: Kickl im Wald (#laufen #wienerwald #frischeluft #woistderschnee), Meinl-Reisinger beim Eisessen (#wienliebe #eissalon #newbornbaby). Der Bundespräsident mit Hund (#bestefreunde #dogcontent #militärhundezentrum). Keine Hashtags hingegen benutzt Bundeskanzler Kurz. Seinen glatten Bildern in immergleichen Posen fliegen die Herzen auch so zu. Vorgänger Kern kickte im Bundeskanzleramt. Und die Grünen? Die versuchen es mit Humor: "Hier sollte ein cooler spruch [sic] stehen, damit wir noch lässiger wirken. Vorschläge?", schreiben sie in ihrem sonst sehr überschaubaren Instagram-Profil.

Der Bundespräsident ist wieder unterwegs. Eben noch auf Staatsbesuch in Irgendwo, schaut er wieder in einer Neuen Mittelschule vorbei. Er erzählt den Kindern im analogen Klassenzimmer von Europa. Die Instagram-Community ist live dabei. Dazwischen gibt es Englisch-Unterricht: "Emirhan und der Bundespräsident machen die Listening Comprehension gemeinsam", steht in den Storys. Als Van der Bellen später den Turnsaal betritt, stehen die Kinder auf und klatschen in die Hände. Auf den Handyscreens fliegen die Herzerl. Der Bundespräsident liket sie alle.