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Die Sichtbarkeit der UNSICHTBAREN

Neulich beim Arzt in Wien-Siebenhirten: Das Wartezimmer ist voll, die Verwandtschaft, die als Beistand mitgekommen ist, versucht für Ablenkung durch Gespräche und intensive Zeitungslektüre zu sorgen. Ein Mann sitzt alleine im Wartezimmer, beugt sich mit verschwörerischer Miene zu seiner Sitznachbarin, und raunt ihr zu, "Finden's das nicht auch arg, die ganzen Ausländer, die sind ja überall?" Sie, irritiert, antwortet, "Wenn sie Sie stören, dann gehen Sie doch zu einem anderen Arzt." Er hakt nochmal nach, wiederholt sein Unbehagen. Darauf entgegnet sie: "Außerdem erzählen Sie das der falschen, ich bin nämlich selbst Ausländerin." Den letzten Satz hat sie vielleicht lauter gesagt, oder das Wartezimmer hatte seine Aufmerksamkeit längst auf das ungleiche Paar gelenkt. Der Mann hält entsetzt inne, wendet sich von der Frau ab und versinkt hinter einer Zeitschrift. Die Frau lächelt sichtlich in sich hinein.

Vielleicht hätte ich gleich dazusagen sollen, dass die meisten Frauen im Wartezimmer ein Kopftuch trugen. Und die Sprachmelodien, die im Raum hingen, klangen nach Bosporus, Balkan und dem fernen Osten. Die angesprochene Frau trug kein Kopftuch, und selbst vermeintlich unauffälliges Schauen verriet mir genauso wenig wie ihr einwandfreies Deutsch, woher sie gekommen sein mag. Wahrscheinlich aus Nussdorf, das läge zumindest auch an der U6.

Was für ein Klischee, dachte ich mir damals.Was mich aber bis heute an dieser Episode beschäftigt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der ein Mann in einem Warteraum voller Menschen unterschiedlichster Herkunft mit einer unerschütterlichen Selbstverständlichkeit davon ausgeht, zwischen Österreichern und dem Rest der Welt unterscheiden zu können -und zu müssen. Ich hege die Vermutung, dass diese Szene völlig anders verlaufen wäre, wenn "diese Ausländer" nicht Kopftücher getragen hätten, sondern anderen Nationalitäten zuordenbar gewesen wären. Hätte sich der Mann auch von einer Gruppe Norweger so sehr gestört gefühlt? Oder Kanadier? Ich unterstelle ihm einmal -nein.

Spannend fand ich damals seinen Eindruck, dass "sie überall wären", was auch immer er sich darunter vorgestellt haben mag. Auf der Homepage des zuständigen Bundesministeriums finden sich Daten, die den Islam nach der katholischen Kirche als zweit größte Glaubensrichtung in Österreich ausweisen. Das klingt zunächst imposant, allerdings geht es dabei um etwa sechs Prozent der österreichischen Bevölkerung anno 2009, was dasBild des Mannes womöglich relativiert. Die Prognose für das Jahr 2046 sieht ein Anwachsen der muslimischen Bevölkerung auf etwa 21 Prozent vor, wenn die aktuelle Bevölkerungsentwicklung anhält. In einem anderen denkbaren Szenario könnte der Anteil ab 2020 jedoch auf etwa zehn Prozent sinken. Die Zahlen mögen je nach Quelle schwanken, aber so oder so geben sie ein wenig Orientierung. Sechs Prozent der Bevölkerung -die wohlgemerkt nicht konzentriert in Wien leben -vermögen es also, einen Mann in einem Wiener Wartezimmer zu verunsichern. Rechnet man nun von diesen sechs Prozent jene Menschen weg, die zwar dem Islam angehören, aber nicht automatisch Kopftuch tragen, also alle Männer und viele Frauen, dann bleiben nicht mehr viele übrig, die das Bild dermaßen verzerren könnten.

Sorge um gefährdete Frauenrechte?

Wie kann es also sein, dass diese wenigen Frauen so präsent in der öffentlichen Wahrnehmung sind? Fast mutet diese Realitäts-Wahrnehmung-Schere so an wie jene, der die Anhänger von PEGIDA samt diverser Ableger aufsitzen dürften. Der Schluss liegt nahe, dass es weniger um reale Zahlen und Statistiken geht, sondern dass mit den paar sichtbaren Musliminnen in Österreich vor allem versteckte Ängste und vermeintlich bedrohte Wertesysteme angesprochen werden, die es offenbar zu verteidigen gilt.

Warum ist eine muslimische Frau mit einem Kopftuch in Wien so viel häufiger eine Provokation als eine Bäuerin, die ebenfalls ein Kopftuch trägt? Eine Journalistin hat sich einmal dem Experiment gestellt und verbrachte einen Tag in einer Großstadt, als Muslimin. Das Ergebnis hat sie erschüttert. Mit so viel Unfreundlichkeit, so viel Vorbehalten, teilweise auch unverhohlenem Hass, hätte sie nicht gerechnet. Und spätestens da muss man sich doch die Frage stellen: Was für eine Zumutung muss es sein, aufgrund seiner Optik bereits so massiv vorverurteilt zu werden? Übrigens ist es genauso bedrückend, dass Frauen, die ihren muslimischen Glauben leben, meist nur auf ihr Kopftuch reduziert werden. Die öffentliche Debatte kreist immer wieder um das Stück Stoff, das nicht nur für Alice Schwarzer zum Symbol der Unterdrückung der Frau geworden ist. Assoziationen wie Fanatismus, aber auch Gewalt gegen Frauen werden oft in einem Atemzug genannt. Als würde es Gewalt gegen Frauen nicht auch anderswo geben. Interessanterweise dürften die gefährdeten Frauenrechte der Musliminnen deutlich gewichtiger sein, als die Rechte der Frauen allgemein.

Aber was nach wie vor schwer nachzuvollziehen ist, ist die Tatsache, dass bei Berichterstattungen über Frauen, die das eine oder andere leisten oder zur Gesellschaft beitragen, immer wieder betont wird, dass sie Musliminnen sind. Analog dazu müsste man Berichte finden, wie "Mirjam Weichselbraun, die Katholikin, hat wieder große Erfolge gefeiert..." Bei Musliminnen wird dieser bisher medial völlig uninteressante Umstand plötzlich besonders betont. Zu welchem Zwecke, frage ich mich.

Vorwürfe und Vorverurteilungen

Aktuell sind Musliminnen vor allem dann im Gespräch, wenn es gilt, die Schuldfrage möglichst schnell zu klären, warum manche Kinder durch schlechte Leistungen sowie verdächtig viele Fehlstunden auffallen. Noch viel schneller, als die Schuldfrage geklärt werden könnte, wird eine latente Integrationsunwilligkeit verortet, der man dann mit Strafen optimal beikommen könnte. Die Frage, ob es den jeweiligen Akteuren dabei tatsächlich um Integration geht oder nicht eher um Assimilation, muss vielfach noch geklärt werden.

Und genauso wenig wie die Österreicher sich als homogenes Volk begreifen würden - was sofort klar wird, wenn man versucht einen Wiener mit einem Tiroler zu vergleichen - genauso wenig lassen sich die Musliminnen über einen Kamm scheren, zumal sie aus verschiedenen Teilen der Welt kommen. Sie haben unterschiedliche Ideale und Träume, Ausbildungen und reale Lebensumstände, und doch: Musliminnen in Österreich sind pauschal gesprochen entweder nicht präsent - oder integrationsunwillig. Im schlimmsten Fall beides.

Bei meinen Recherchen für einen Vortrag bin ich übrigens einmal zufällig über ein Comic im Internet gestolpert: Eine Frau im Bikini mit Sonnenbrille und eine Frau in einer Burka passieren einander auf der Straße, beide drehen sich zueinander um und denken sich dasselbe: "Was für eine schrecklich gemeine, von Männern dominierte Welt!"

| Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin mit Fokus auf Gender-Forschung und lehrt u.a. am Department für Migration und Globalisierung der Donau-Universität Krems |

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