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Identitätspolitik

DISKURS
Alev Korun  - © Foto: picturedesk.com / EXPA / Michael Gruber

Alev Korun über Identitätspolitik: "Wessen Leid zählt?"

1945 1960 1980 2000 2020

Die ehemalige grüne Nationalratsabgeordnete Alev Korun über linke Kritik an Identitätspolitik, unsichtbare Privilegien, böse Blicke in der U-Bahn und schlimmste Sager im Parlament.

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Die ehemalige grüne Nationalratsabgeordnete Alev Korun über linke Kritik an Identitätspolitik, unsichtbare Privilegien, böse Blicke in der U-Bahn und schlimmste Sager im Parlament.

Mit den Themen Diskriminierung und Zugehörigkeit beschäftigt sich Alev Korun seit mehr als 30 Jahren. Selbst in Ankara geboren und aufgewachsen, hat sie in Innsbruck Politikwissenschaften und Gender Studies studiert und wurde 2008 erste österreichische Nationalratsabgeordnete mit Migrationserfahrung. Die FURCHE hat sie zum Interview gebeten.

DIE FURCHE: Frau Korun, der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, der Sozialdemokrat Wolfgang Thierse, hat in einem Gastbeitrag für die FAZ heftige Kritik an linker Identitätspolitik geübt. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Alev Korun: Ich finde seine Argumente eigentlich recht typisch für eine Seite der Diskutantinnen und Diskutanten. Kaum jemand spricht aus, dass große soziale Bewegungen wie etwa die Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung oder auch die Frauenbewegung ebenfalls identitätspolitische Bewegungen waren. Menschen haben sich zusammengeschlossen, weil sie aufgrund ihrer Identität als Arbeiterin oder Arbeiter oder als Frau diskriminiert und schlechter bezahlt wurden oder weniger Lebenschancen hatten - am Anfang der Industrialisierung haben Arbeiterinnen und Arbeiter um Jahre und Jahrzehnte kürzer gelebt. Es wird so getan, als wäre der Zusammenschluss von Menschen, denen eine Eigenschaft zugeschrieben wird oder die als eine Gruppe definiert und aufgrund dessen diskriminiert und marginalisiert werden, völlig neu. Das ist eine sehr ahistorische Sichtweise.

DIE FURCHE: Ein zentraler Kritikpunkt von linker Seite an Identitätspolitik ist, dass es sich hierbei um einen elitären Diskurs der privilegierten Mittelschicht handle, der an den „wahren Nöten“ der arbeitenden Menschen vorbeiginge und die Debatte um mehr soziale Gerechtigkeit torpediere.

Korun: Ausgrenzung und Benachteiligung sind sehr real für sehr viele Menschen in unseren Gesellschaften! Wenn zum Beispiel eine Transperson keine bezahlte Stelle findet, weil sie eine Transperson ist, dann ist genau das eine Gerechtigkeitsfrage. Es geht also, wie bei allen gesellschaftlichen Kämpfen, um Macht und um die Frage: Wessen Leid zählt? Zählt das Leid von kolonisierten Menschen? Zählt das Leid von transsexuellen Menschen? Zählt das Leid von Frauen und so weiter und so fort? Fatal finde ich, dass Menschengruppen in dieser Debatte - bewusst oder auch unbewusst - gegeneinander ausgespielt werden. Allein beim Begriff „arbeitende Menschen“ frage ich mich: Sind schwarze Menschen, Transsexuelle oder andere Diskriminierte keine arbeitenden Menschen? Allein dieses Framing grenzt bestimmte Gruppen aus und führt unausgesprochen eine Hierarchie der Benachteiligung ein.

DIE FURCHE: Auch die Linke Galionsfigur Sahra Wagenknecht übt in ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten“ heftige Kritik. Sie schreibt: „Identitätspolitik läuft darauf hinaus, das Augenmerk auf immer kleinere und immer skurrilere Minderheiten zu richten, die ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und aus der sie den Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein“!

Korun: Also von einer Person, die sich als links definiert und die damit bekennt, für Solidarität und Gerechtigkeit zu kämpfen, erwarte ich eigentlich nicht, dass sie bestimmte Gruppen von Menschen zu „skurrilen“ Minderheiten erklärt und damit abwertet. Und wenn sie von Privilegien spricht, reflektiert sie offenbar überhaupt nicht, dass sie selbst eine privilegierte Haltung einnimmt und sich die Definitionsmacht herausnimmt, bestimmte Minderheiten zu skurrilen zu erklären. Das hat mit Solidarität, Gerechtigkeit und Menschenwürde nicht sehr viel zu tun.

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