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Identitätspolitik

DISKURS

Schwarzer Humor

1945 1960 1980 2000 2020

Über die Farbe Schwarz und ihren negativen Beigeschmack im Deutschen.

1945 1960 1980 2000 2020

Über die Farbe Schwarz und ihren negativen Beigeschmack im Deutschen.

Als ich unlängst die Schlagzeile „Keine ‚Schwarzfahrer‘ mehr bei Wiener Linien“ las, vermutete ich einen Triumph der Zahlungsmoral. Aber nein, es gibt sie noch, die Schwarzfahrer (circa zwei Prozent), sie sollen nur nicht mehr so heißen, sondern „Fahrgäste ohne gültiges Ticket“. Wunderte ich mich zunächst noch über die zartfühlende Behandlung der lange Jahre als Schmarotzer am mobilen Volkskörper gebrandmarkten Fahrscheinverweigerer, stellte sich bald heraus, dass der neue, „zeitgemäße Sprachgebrauch“ nicht etwa deren Gefühle schonen soll, sondern die jener, die den Begriff als „rassistisch“ empfinden.

Jetzt denke ich darüber nach, ob es Leute geben könnte, die „Schwarzfahren“ mit Menschen schwarzer Hautfarbe verbinden. Das schwarzafrikanische Schwarzfahrsyndikat. Das scheint mir doch etwas weit hergeholt. Eher ist es so, dass die Farbe Schwarz an sich – nicht nur im Deutschen – in gewissen Kontexten einen semantisch naheliegenden, buchstäblich negativen Beigeschmack hat: als das Gegenteil von weiß und als Synonym für alles Dunkle, Lichtscheue und Verheimlichte. Etwas „schwarz“ verdienen oder Schnaps „schwarz“ brennen heißt, den Staat um die Steuer prellen, die Frucht dieser Mühe ist das „Schwarzgeld“. „Schwärzen“, liest man im Grimm’schen Wörterbuch, heißt „schmuggeln“, und daran sollen auch die geschwärzten Gesichter der Schmuggler ihren Anteil haben. Bedarf es nicht eigentlich einer rassistischen Denkweise, um diese althergebrachten Wertungen auf Menschenrassen umzumünzen?

Wird die Wortschatzsäuberung weiter voranschreiten und eine hysterische Sprachpolizei demnächst den „Schwarzmarkt“, die „schwarze Pädagogik“, die „schwarzen Löcher“ und den „Schwarz-WeißFilm“ zur Fahndung ausschreiben? Wird „schwarz“ in zehn Jahren das „S-Wort“ heißen? Und wird das Wort „schwarzsehen“ in seinem schönen Doppelsinn noch existieren? Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

Als ich unlängst die Schlagzeile „Keine ‚Schwarzfahrer‘ mehr bei Wiener Linien“ las, vermutete ich einen Triumph der Zahlungsmoral. Aber nein, es gibt sie noch, die Schwarzfahrer (circa zwei Prozent), sie sollen nur nicht mehr so heißen, sondern „Fahrgäste ohne gültiges Ticket“. Wunderte ich mich zunächst noch über die zartfühlende Behandlung der lange Jahre als Schmarotzer am mobilen Volkskörper gebrandmarkten Fahrscheinverweigerer, stellte sich bald heraus, dass der neue, „zeitgemäße Sprachgebrauch“ nicht etwa deren Gefühle schonen soll, sondern die jener, die den Begriff als „rassistisch“ empfinden.

Jetzt denke ich darüber nach, ob es Leute geben könnte, die „Schwarzfahren“ mit Menschen schwarzer Hautfarbe verbinden. Das schwarzafrikanische Schwarzfahrsyndikat. Das scheint mir doch etwas weit hergeholt. Eher ist es so, dass die Farbe Schwarz an sich – nicht nur im Deutschen – in gewissen Kontexten einen semantisch naheliegenden, buchstäblich negativen Beigeschmack hat: als das Gegenteil von weiß und als Synonym für alles Dunkle, Lichtscheue und Verheimlichte. Etwas „schwarz“ verdienen oder Schnaps „schwarz“ brennen heißt, den Staat um die Steuer prellen, die Frucht dieser Mühe ist das „Schwarzgeld“. „Schwärzen“, liest man im Grimm’schen Wörterbuch, heißt „schmuggeln“, und daran sollen auch die geschwärzten Gesichter der Schmuggler ihren Anteil haben. Bedarf es nicht eigentlich einer rassistischen Denkweise, um diese althergebrachten Wertungen auf Menschenrassen umzumünzen?

Wird die Wortschatzsäuberung weiter voranschreiten und eine hysterische Sprachpolizei demnächst den „Schwarzmarkt“, die „schwarze Pädagogik“, die „schwarzen Löcher“ und den „Schwarz-WeißFilm“ zur Fahndung ausschreiben? Wird „schwarz“ in zehn Jahren das „S-Wort“ heißen? Und wird das Wort „schwarzsehen“ in seinem schönen Doppelsinn noch existieren? Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

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