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Identitätspolitik

DISKURS
Evaristo - © Foto: Getty Images / David Levenson

Booker-Preisträgerin Bernardine Evaristo: So viele Stimmen wie möglich

1945 1960 1980 2000 2020

Die britische Schriftstellerin Bernardine Evaristo feiert in ihrem preisgekrönten Roman „Mädchen, Frau etc.“ Individualität, nicht Identitäten. Ihre Figuren passen in keine vorgefertigten Schablonen.

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Die britische Schriftstellerin Bernardine Evaristo feiert in ihrem preisgekrönten Roman „Mädchen, Frau etc.“ Individualität, nicht Identitäten. Ihre Figuren passen in keine vorgefertigten Schablonen.

Sie wolle so viele verschiedene schwarze, britische Frauen wie möglich zeigen, beschrieb Bernardine Evaristo das Konzept ihres Romans „Girl, Woman, Other“ in einem Radiointerview mit der BBC, weil diese sonst nirgends dargestellt würden. Obwohl Evaristo, 1959 in London geboren, schon seit Jahrzehnten Romane, anfangs auch Lyrik, schreibt, gelang ihr erst mit „Girl, Woman, Other“ der ganz große Durchbruch: Dazu hat nicht zuletzt der Gewinn des Booker-­Preises 2019, gemeinsam übrigens mit Margaret Atwood, die für ihren Roman „The Testaments“ („Die Zeuginnen“) ausgezeichnet wurde, beigetragen.

Sie wolle so viele verschiedene schwarze, britische Frauen wie möglich zeigen, beschrieb Bernardine Evaristo das Konzept ihres Romans „Girl, Woman, Other“ in einem Radiointerview mit der BBC, weil diese sonst nirgends dargestellt würden. Obwohl Evaristo, 1959 in London geboren, schon seit Jahrzehnten Romane, anfangs auch Lyrik, schreibt, gelang ihr erst mit „Girl, Woman, Other“ der ganz große Durchbruch: Dazu hat nicht zuletzt der Gewinn des Booker-­Preises 2019, gemeinsam übrigens mit Margaret Atwood, die für ihren Roman „The Testaments“ („Die Zeuginnen“) ausgezeichnet wurde, beigetragen.

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Schön war nicht nur, wie die beiden Autorinnen bei der Preisverleihung miteinander auftraten – die Kanadierin eingehängt bei Evaristo im pinken Anzug mitschwarzer Krawatte –, auch die Bücher könnten einander nicht besser ergänzen: At woods Fortsetzung ihres berühmtesten Werks „Der Report der Magd“ über einen patriarchalen Gottesstaat, der Frauen zu Ehefrauen und Mägden degradiert und dabei auf erschreckend aktuelle Bilder zurückgreift, und Evaristos Roman, der die Vielfalt schwarzer Frauen feiert. Zwei Romane, die Frauen in den Mittelpunkt stellen und feministisches Engagement mit beeindruckender Erzählkunstverbinden.

Subkultur und Mainstream

„Frau, Mädchen etc.“, so der (nicht ganz gelungene) deutsche Titel, porträtiert in fünf Kapiteln zwölf schwarze, britische oder zeitweise in Großbritannien lebende Frauen, die auf lose Weise miteinander verknüpft sind. Der Reigen startet mit Amma, um die 50, lesbisch, momentan poly amourös unterwegs, Regisseurin feministischer Theaterstücke. Sie fungiert als Zentrum, bei dem viele Fäden zusammenlaufen. So ist die Nächste in der Reihe ihre Tochter Yazz, die studiert, mit kultureller Aneignung hadert, weshalb ihre weiße Freundin nur ehrenhalber den Titel Sistah verliehen bekommt, und ihrem Vater, einem Professor für „Modernes Leben“, vorwirft, nur männliche und weiße Bezugspunkte zu kennen und damit nur einen sehr beschränkten Zugang zur Gesellschaft zu haben.

Wir lernen Carole kennen, die sich mit eisernem Willen den sozialen Aufstieg zur Bankerin erkämpfen musste, sich einen aristokratischen Akzent antrainiert und trotzdem häufig für die Assistentin gehalten wird. Ihre Lehrerin Shirley wiederum führt ein brav­bürgerliches Leben, das so ganz anders ist als jenes ihrer Schulfreundin Amma. Ihre Mutter Winsome hingegen wird in Großbritannien nie heimisch und genießt die Rückkehr in die karibische Heimat genauso wie die unangebrachte erotische Aufmerksamkeit ihres Schwiegersohns.

Die einzelnen, jeweils einer Figur gewidmeten Ausschnitte erzählen ganz nah an der Wahrnehmung der Protagonistinnen entlang. Es sind Schlaglichter, die zwar auf ihre Leben schließen lassen, aber genauso viel im Dunklen lassen. Das Schöne ist, dass für jede Frau ein eigener Tonfall gefunden wird, der das Individuelle, Charakteristische erahnen lässt.

Fragen von Rassismus und Diskriminierung werden einmal brutal, dann wieder humorvoll direkt aus dem Leben gegriffen.

All diese Stränge laufen zusammen im letzten Kapitel, in dem es um die Premiere von Ammas radikalfeministischem Stück „Die letzte Amazone von Dahomey“ geht. Als hätte Evaristo es geahnt, landet die künstlerische Außenseiterin Amma, die bisher nur im subkulturellen Bereich der schwarzen Lesben-­Community ein Star war, im National Theatre und damit im institutionellen Mainstream – so wie die Autorin selbst mit Gewinn des Booker­ Preises ein Stück weit im Main­ stream landen sollte, was Evaristo nach eigenem Bekunden großartig findet, weil sie weiß, was für ein seltenes Privileg es für schwarze Frauen ist, eine Bühne zu bekommen und gehört zu werden.

Entlarvende Rezeption

Entlarvend auf verschiedenen Ebenen ist die Rezeption des Romans und der Umgang mit Evaristo. So verwundert es schon etwas, dass mit Evaristo in der deutschsprachigen Presse eine Autorin wie eine Newcomerin dargestellt wurde, die zahlreiche Bücher veröffentlicht hat, die mit Preisen bedacht wurden, deren Texte von der BBC dramatisiert wurden, deren Roman „The Emperor’s Babe“ 2010 von der Times unter die 100 wichtigsten Bücher des Jahrzehnts gewählt wurde, um nur einige Wegmarken aufzuzählen, und die Professorin für Kreatives Schreiben an der Brunel University London ist. Dass ihr Roman größtenteils durch die die Sicht arg einschränkende Rezeptionsbrille der Identitätspolitik gelesen wurde, verwundert zwar nicht, wird dem Text aber nicht gerecht. Evaristo stellt verschiedene Figuren und deren Leben in den Mittelpunkt, doch niemand kam je auf die Idee, einen Roman von, sagen wir mal, Gabriel García Márquez aus dieser Perspektive zu lesen, dabei sind seine Figuren, Familien, Dorfgemeinschaften und Milieus selbstverständlich auch identitätspolitisch geprägt.

In „Frau, Mädchen etc.“ geht es Evaristo nicht darum, ein Kaleidoskop von möglichst vielen Identitäten darzustellen, so als würde sie jedem Buchstaben von LGBTIQ eine Figur zuweisen wollen, es geht ihr um Personen, um Individuen. Selbstverständlich sind diese sozialisiert und geprägt von ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität, ihrer Schicht und den damit verbundenen Herausforderungen und Diskriminierungserfahrungen. Aber Evaristo feiert nicht Identitäten, die dann als Pars pro Toto für etwas stehen, die Lesbe, die Einwande­rin, die Heterosexuelle etc., ihre Figuren passen in keine Schablonen. Identitätspolitik ist ein Thema des Romans, es ist nicht seine Intention oder dient als erzählerisches oder ästhetisches Konzept. Fragen von Unterdrückung, Rassismus, Diskriminierung und Macht werden einmal brutal, dann wieder humorvoll direkt aus dem Leben gegriffen, nie aber pädagogisch in den Vordergrund gespielt. Wichtig ist ihr ein Perspektivenwechsel, der zudem zeigt, dass auch die hegemoniale, sprich weiße und männliche Sichtweise genau das ist, nämlich eine Perspektive von vielen. Das trifft auch auf den literarischen Kanon zu, wie beispielsweise an Winsome und ihrer Lesegruppe gezeigt wird. Die Freundinnen lesen ausschließlich „karibische Autorinnen“ wie Olive Senior, Paule Marshall, Rosa Guy, Jamaica Kincaid oder Maryse Condé, bezeichnenderweise die Gewinnerin des Alternativen Literaturpreises der Neuen Akademie 2018, der statt des wegen eines Skandals ausgesetzten Literaturnobelpreises verliehen wurde.

„Dora meinte, es gibt keine objektive Wahrheit, und wenn man etwas gut findet, weil es zu einem spricht, dann ist es auch gut warum sollten Wordsworth oder Whitman, T. S. Eliot und Ted Hughes uns Menschen aus der Karibik etwas bedeuten? Winsome hat sich vorgenommen, in die Bibliothek zu gehen und diese Namen nachzuschlagen“

Keine geeigneten Vorbilder

Dass mit Evaristo zum ersten Mal eine schwarze Frau mit dem prestigeträchtigen britischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, ist bezeichnend. Die Idee, Schriftstellerin zu werden, sei ihr als Kind oder Jugendliche nie gekommen. Nicht weil sie das vielleicht nicht interessiert hätte, sondern weil sie schlicht und ergreifend nicht wusste, dass das eine Option war. In ihrem Umfeld, so erzählt sie, gab es keine Vorbilder, die ihr diese Möglichkeit auch nur potentiell aufgezeigt hätten – was wiederum zu Evaristos britischer Landsfrau Virginia Woolf zurückführt, die schon hundert Jahre zuvor predigte, Mädchen und Frauen bräuchten literarische Vorbilder und eine literarische Tradition, in der sie sich selbst sehen können. Mit dem Gewinn des Booker­Preises und der damit verbundenen Aufmerksamkeit ist Bernardine Evaristo jetzt selbst so ein Vorbild geworden.

Mädchen Frau etc - © Foto: Tropen
© Foto: Tropen
Buch

Mädchen, Frau etc.

Roman von Bernardine Evaristo.
Übers. von Tanja Handels.
Tropen 2021. 512 S., geb., € 25,95

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