#

Bachmannpreis: Köpfe aus 45 Jahren

DISKURS
TddL2022_1 - © Foto: ORF / LST Kärnten / Johannes Puch

Bachmannpreis: Werten, urteilen, auszeichnen

1945 1960 1980 2000 2020

Im Juni werden die Lesungen und Diskussionen, die zum Ingeborg-­Bachmann-Preis führen, wieder mit Publikum stattfinden - mit FURCHE-Feuilletonchefin Brigitte Schwens-Harrant in der Jury. Zur Einstimmung eine kleine Geschichte der Literaturpreise - als Auftakt einer Serie über Bachmann-Preisträgerinnen und -Preisträger.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Juni werden die Lesungen und Diskussionen, die zum Ingeborg-­Bachmann-Preis führen, wieder mit Publikum stattfinden - mit FURCHE-Feuilletonchefin Brigitte Schwens-Harrant in der Jury. Zur Einstimmung eine kleine Geschichte der Literaturpreise - als Auftakt einer Serie über Bachmann-Preisträgerinnen und -Preisträger.

Literaturpreise sind der unverzichtbare Teil eines Betriebes, der damit versucht, die ­Masse an Geschriebenem und Gedrucktem in eine Ordnung zu bringen. Sie bieten der Öffentlichkeit, der es unmöglich ist, den Überblick zu wahren, ein Angebot, sich auf das Besondere einzulassen. Das bedeutet nicht, dass ein Nobelpreisträger Bücher schreibt, die für jeden den Höhepunkt eines Leselebens bilden, aber die Garantie, dass Hochwertiges zu ­erwarten ist, bekommt man.

Jeder Preis ist nicht nur Auszeichnung für Bücher und deren Verfasser, die aus dem Durchschnitt herausragen, er spiegelt den Geist einer Zeit und lässt Rückschlüsse zu auf das ästhetische Empfinden einer Jury. Die Erwartungen an jeden Preis sind jeweils andere. An den Nobelpreis als den renommiertesten darf der Anspruch gestellt werden, dass er Autorinnen und Autoren von Weltformat ehrt. Dass regelmäßig Diskussionen darüber entbrennen, ob mit jemandem wie Dario Fo oder Elfriede Jelinek die richtigen Kandidaten erwischt wurden, gehört zum Spiel ebenso wie die Klage, dass mit dem vorsätzlichen Übergehen von John Updike und Vladimir Nabokov Großmeister ihres Faches sträflich ignoriert wurden.

Nobelpreis gestern und heute

Im Abstand von Jahren oder Jahrzehnten verfestigt sich tatsächlich der Eindruck, dass nicht immer das qualitativ Hochstehende ausgezeichnet wurde. Der Lyriker Sully Prudhomme, 1901 der erste Nobelpreisträger für Literatur überhaupt, spielt heute keine Rolle mehr. In deutscher Übersetzung ist heute seiner Bedeutung gemäß nichts lieferbar. Unter 37 Nominierungen musste damals eine Entscheidung getroffen werden, darunter befanden sich Émile Zola, der im Jahr darauf starb, und die deutsche Autorin ­Malwida von Meysenbug. Letztere wäre eine gute Preisträgerin gewesen, entsprach sie doch ganz dem Auftrag Alfred Nobels, Persönlichkeiten zu würdigen, die „das Beste in idealistischer Richtung geschaffen“ hätten. Von literarischer Qualität war nicht die Rede. Das erklärt die oft seltsamen Entscheidungen. Aus ­konservativem Hause stammend, emanzipierte sich Meysenbug von ihrer Familie, unterstützte die Revolution von 1848, kämpfte für die Emanzipation der Frauen und war befreundet mit Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Geschichtsschreibung als Kunst, was Theodor Mommsen 1902 den Nobelpreis einbrachte.

Literaturpreise sind der unverzichtbare Teil eines Betriebes, der damit versucht, die ­Masse an Geschriebenem und Gedrucktem in eine Ordnung zu bringen. Sie bieten der Öffentlichkeit, der es unmöglich ist, den Überblick zu wahren, ein Angebot, sich auf das Besondere einzulassen. Das bedeutet nicht, dass ein Nobelpreisträger Bücher schreibt, die für jeden den Höhepunkt eines Leselebens bilden, aber die Garantie, dass Hochwertiges zu ­erwarten ist, bekommt man.

Jeder Preis ist nicht nur Auszeichnung für Bücher und deren Verfasser, die aus dem Durchschnitt herausragen, er spiegelt den Geist einer Zeit und lässt Rückschlüsse zu auf das ästhetische Empfinden einer Jury. Die Erwartungen an jeden Preis sind jeweils andere. An den Nobelpreis als den renommiertesten darf der Anspruch gestellt werden, dass er Autorinnen und Autoren von Weltformat ehrt. Dass regelmäßig Diskussionen darüber entbrennen, ob mit jemandem wie Dario Fo oder Elfriede Jelinek die richtigen Kandidaten erwischt wurden, gehört zum Spiel ebenso wie die Klage, dass mit dem vorsätzlichen Übergehen von John Updike und Vladimir Nabokov Großmeister ihres Faches sträflich ignoriert wurden.

Nobelpreis gestern und heute

Im Abstand von Jahren oder Jahrzehnten verfestigt sich tatsächlich der Eindruck, dass nicht immer das qualitativ Hochstehende ausgezeichnet wurde. Der Lyriker Sully Prudhomme, 1901 der erste Nobelpreisträger für Literatur überhaupt, spielt heute keine Rolle mehr. In deutscher Übersetzung ist heute seiner Bedeutung gemäß nichts lieferbar. Unter 37 Nominierungen musste damals eine Entscheidung getroffen werden, darunter befanden sich Émile Zola, der im Jahr darauf starb, und die deutsche Autorin ­Malwida von Meysenbug. Letztere wäre eine gute Preisträgerin gewesen, entsprach sie doch ganz dem Auftrag Alfred Nobels, Persönlichkeiten zu würdigen, die „das Beste in idealistischer Richtung geschaffen“ hätten. Von literarischer Qualität war nicht die Rede. Das erklärt die oft seltsamen Entscheidungen. Aus ­konservativem Hause stammend, emanzipierte sich Meysenbug von ihrer Familie, unterstützte die Revolution von 1848, kämpfte für die Emanzipation der Frauen und war befreundet mit Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Geschichtsschreibung als Kunst, was Theodor Mommsen 1902 den Nobelpreis einbrachte.

Jeder Preis spiegelt auch den Geist einer Zeit und lässt Rückschlüsse zu auf das ästhetische ­Empfinden einer Jury.

Als im Vorjahr bekannt wurde, dass Abdulrazak Gurnah der neue Preisträger sei, herrschte vorerst Ratlosigkeit. Der Schriftsteller aus Sansibar war im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt. Dabei gab es Versuche, ihn vorzustellen, doch tat man ihn als Exoten ab, um dessen Werk man sich nicht kümmern müsse. Das Nobelpreis-Komitee hat einen Wandel durchgemacht, wenn es nun die Aufmerksamkeit auf einen Autor lenkt, der über Kolonisation und deren Folgen als ein Betroffener schreibt. Wenn Ru­dyard Kipling von Indien erzählte, geschah das aus der Perspektive des Engländers. Er war keiner, der mit Sympathie und Empathie für die einfachen Leute auf dem Land gespart hätte, und aufregend lesen sich viele seiner Erzählungen noch heute, doch dass die Wahl zuletzt auf Gurnah gefallen ist, war dringend notwendig.

Tradition und Trümmerliteratur

Als der wichtigste Literaturpreis im deutschen Sprachraum gilt der Büchner-Preis. Wer ihn bekommen hat, ist in den Kanon aufgenommen worden. In der Form, wie wir ihn heute kennen, existiert er seit 1951. Dass damals mit Gottfried Benn ein Preiswürdiger gefunden wurde, war naheliegend. Er verfügte über ein umfangreiches Werk, das vorwiegend in der Zwischenkriegszeit entstanden ist. Die Jury setzte sich aus sechs Männern und einer Frau zusammen, die in ebendieser Zeit ihre Erfahrungen gemacht hatten. Eine zwielichtige Gestalt wie Rudolf Thiess gehörte ebenso dazu wie der untadelige Altphilologe Bruno Snell. Die junge Literatur, die sich absetzen musste von der durch die Nazis verseuchten deutschen Sprache, wurde noch vielfach diffamiert als Trümmerliteratur, ein Begriff, der von den Betroffenen als Auszeichnung aufgefasst wurde.

1953 fiel die Wahl auf Ernst Kreuder, der, wie es die Preis­urkunde bezeugt, „für die Souveränität der Kunst einsteht und mit der Kraft der Phantasie und mit romantischer Anmut“ seine Literatur betreibe. Mit Ernst Kreuder haben wir heute Probleme. Gemäß dem Adenauerʼschen Restaurationskurs fordert auch er, dass Dichtung nicht zu intensiv politischen Unrat sortieren solle, zumal die gegenwärtigen Verhältnisse flüchtig seien. In seiner Laudatio singt Kasimir Edschmid ein Hohelied auf die Poesie, die er dann doch als eine recht liebliche Angelegenheit ansieht. Kritik darf schon sein, aber vorgetragen im Zaubermantel des Gauklers. Dennoch bemerkenswert mit Blick auf siebzig Jahre Büchner-Preis, dass selten Zweifel über den Spürsinn der Jury aufkommen. Dass zuletzt Elke Erb und Clemens J. Setz als preiswürdig erachtet wurden, leuchtet unmittelbar ein. Warum Siegfried Lenz übersehen wurde, bleibt trotzdem rätselhaft.

Im Juni findet in Klagenfurt wieder der Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis statt. Wer diesen Preis in seiner Biografie verzeichnen darf, befindet sich erst im Vorgarten des Kanons. Es bewerben sich in erster Linie Autorinnen und Autoren, die sich noch nicht durchgesetzt haben, aber auf dem Sprung zu einer literarischen Karriere sind. Sie bekommen jede Aufmerksamkeit, es liegt an ihnen, diese zu nützen. Den meisten gelingt es tatsächlich, sich als Schriftsteller zu etablieren, einige schaffen es, in die nächste Liga aufzusteigen, indem sie Jahre später den Büchner-Preis erhalten: ­Terézia Mora nach 19, Wolfgang Hilbig nach 13, Sibylle Lewitscharoff nach 15 Jahren.

Schon am Anfang stellte sich erstes Unbehagen ein. 1978, die Veranstaltung war gerade zum zweiten Mal über die Bühne gegangen, warf man der Jury vor, Hannelies Taschau einen Preis vorenthalten zu haben. Kritik am Bachmann-Preis lässt sich deshalb gut vorbringen, weil er transparent abläuft. Die Öffentlichkeit kennt die Texte, hat sie doch Gelegenheit, den Lesungen unmittelbar zu folgen, und sie kennt die Diskussion darüber. Es lässt sich nicht verbergen, wenn Mitglieder der ­Jury von ihrer Aufgabe überfordert sind. Die Kriterien, nach denen sie urteilt, lassen sich nachvollziehen und stehen automatisch selbst in der Kritik. Der Nobelpreis und der Büchner-Preis werden im Geheimen vergeben, es gibt nur jeweils eine kurze Begründung. Über den Verlauf der Diskussionen lässt sich ebenso wenig sagen wie über die Kandidaten, die überhaupt infrage gekommen sind.

Das ist das Bestechende am Bachmann-Preis, dass sich live verfolgen lässt, wie Literaturkritik arbeitet. Es wird einsehbar, dass es stets den subjektiven Faktor gibt, der bei aller ästhetischen Bildung und Beherrschen der Theorie an Entscheidungen beteiligt ist. Urteile werden ohne Gesetzbuch gefällt. Deshalb reden wir ja über Literatur, weil das letzte Wort dazu nicht gefunden ist.

Die 46. Tage der deutschsprachigen Literatur mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises werden von 22. bis 26. Juni 2022 im ORF-Theater im ORF-Landesstudio in Klagenfurt stattfinden und auf 3sat live übertragen. Jury: Mara Delius, Vea Kaiser, Klaus Kastberger, Furche-Feuilleton­chefin Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler, Michael Wiederstein, Insa Wilke (Vorsitz).

In den nächsten Wochen wird Anton Thuswaldner an Preisträgerinnen und Preisträger aus 45 Jahren erinnern.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau