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Autoren um den Wirtshaustisch

Im Mittelpunkt der Literaturtage stand Fritz Hochwälder, an dessen dramatisches Werk wieder erinnert werden sollte. Im EinMann-Gang las er aus vier seiner bekanntesten Dramen, darunter aus „Das heilige Experiment”, das seinerzeit in Paris vierhundertmal en suite zur Aufführung kam. Heute bezeichnet Hochwälder seine Dramen, die kaum mehr gespielt werden, als „never-greens”. Dem will Rauris abhelfen, unter anderem durch die Uraufführung von „Der verschwundene Mond” in der subtilen wie intensiven Regie Klaus Gmeiners.

Seit 1971 haben über zweihundert Autoren aus dem deutschsprachigen Raum, dem westlichen Deutschland, der DDR, der Schweiz und Österreich hier gelesen, unter ihnen Günter Eich, Ilse Aichinger, Uwe Jonson, Peter Handke, Alois Brandstetter. Die Reihe ließe sich mit Adolf Muschg, Peter Härtling, Wolfgang Hildesheimer und Zbigniew Herbert fortsetzen. Erwin Gim-meslbergers, des verdienten Begründers und Leiters der Veranstaltung, Feststellung: „Wer Rauris sagt, muß auch Literatur sagen” gilt bis heute.

Der Salzburger Germanist Adolf Haslinger nannte Rauris in seinem Festvortrag „ein Modell, einzigartig im deutschsprachigen Raum, das weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt wurde”. Der zeitgenössischen Literatur sollten mit brauchbaren Mitteln neue Wege erschlossen werden.

An Kritik hat es durch die Jahre nicht gefehlt. So manchen Autor hatte man vom Wirtshaustisch holen müssen, wo er im Gespräch mit Einheimischen verhockt war, um ihn an seine bevorstehende Lesung zu erinnern. Wenn ein böswilliger Kritiker behauptete, Literatur in Rauris sei „eine Schnaps-Idee”, so ahnt er gar nicht, wie er ins Schwarze getroffen hatte. Denn der vorzügliche Vogelbeerschnaps, den es hierorts gibt, erwies sich für so manchen Autor, dem „die Berge auf den Kopf fielen” (Uwe Jonson) als wirksame Medizin. Auch Wolf gang Hildesheimer, der angesichts der „majestätischen Bergwelt” schlicht durchdrehte, wurde mittels Vogelbeerschnaps nicht nur von einer überstürzten Abreise abgehalten, sondern auch zu Höhenflügen verholf en, von denen er vorher wohl nicht geträumt hätte.

Noch immer also gehen die Autoren aufs Land, solche von Rang und Namen und solche, für die Rauris zum Sprungbrett in den Ruhm wurde. Die Gastfreundschaft der Marktgemeinde ist sprichwörtlich. Die Literaturpreise, die vergeben werden, sind begehrt, die Zahl der Zuhörer wächst von Jahr zu Jahre. Heuer kamen etwa 1.600 Hörer ins Rauriser Tal, solche aus der Umgebung und solche aus Berlin und Hamburg.

Der begehrte „Rauriser Literaturpreis”, der alljährlich für eine Erstveröffentlichung vergeben wird, wurde diesmal geteilt. Das ist bedauerlich, eine der beiden Autorinnen hätte ihn ungeteilt verdient, es wäre des Schweißes der Juroren wert gewesen, sich zu entscheiden. Die pralle Vitalität Helen Meiers setzte den ersten „schweizerischen Schwerpunkt” mit „Trockenwiese”, einer Erzählung über das Schicksal einiger alter Frauen vor dem Altersheim. Daneben konnten die poetischen Texte Herta Müllers („Niederungen”), der zweiten Preisträgerin, nur schwer bestehen.

Der Förderungspreisträger Walter Müller aus Salzburg las eine raffiniert konstruierte Geschichte „Rückfahrt”. Wie es ihm gelingt, Betroffenheit mit einem teuflischen Geflecht technischer Realität zu tarnen, ist erregend. Bei Gregor Rasps, „Das Papierflugzeug”, der mit einem Arbeitsstipendium bedacht wurde, sind Ansätze zu erkennen, Mauserungs-Prozesse notwendig.

Walter Kappacher, einer der Stillen im Lande, wurde für sein letztes Buch „Der Gipskopf” mit dem Preis der österreichischen Länderbank ausgezeichnet. Dieses Buch handelt von der Sehnsucht eines Mannes, der* voll Fernweh ist, ein Traumziel zu erreichen, das immer näher rückt. Ein Verkehrsunfall verhindert dies. Was bleibt, ist die brüchige Hoffnung auf „irgendwann einmal, in irgendeinem Mai...” Kappacher schreibt knapp und sachlich. Emotionen werden kaschiert.

Walter Vogt setzte mit seinem „Metamorphosen” einen zweiten Schweizer Schwerpunkt, seine „kurzen bis sehr kurzen Texte” sind ein Beweis dafür, daß der Autor zu jenen gehört, die wissen, daß vieles so ernst ist, daß man es nur komisch sagen kann. Vogt ist

„Denn der vorzügliche Vogelbeerschnaps erwies sich für manchen Autor als wirksame Medizin” von Beruf Psychotherapeut. Vogts „Euridyke” in dem ein Mann seine junge Frau in den Slums einer Großstadt, deren Bewohner schattenlos sind, sucht, findet und verliert, gehört zum Besten, was heuer in Rauris zu hören war.

Catarina Carsten, Autorin, Marktschreiberin und Rezensentin gleichzeitig, las einen kurzen Text aus ihrer Tätigkeit als Marktschreiber, einen unveröffentlichten „Rosenkavalier Wien-Salzburg” von makabrer Komik und abschließend Gedichte. Lisa Witasek mit „Friedas Freund”, Eva Schmid mit „Ein Vergleich mit dem Leben”, Joseph Zoderer mit „Lontano” und Herbert Moser mit „Nie fließt eine Träne zurück” waren unter den Vortragenden.

Einen letzten Höhepunkt bildete die Lesung Horst Christian Beckmanns vom Wiener Burgtheater aus Texten des 1948 verstorbenen „letzten Vaganten” Jakob Haringer: „Was tut die Welt mit Träumern noch ...”

Salvador Dali, Die drei glorreichen Rätsel der Gala, 1982

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