Bachmannpreis Tage der deutschsprachigen Literatur - © Foto: H. G. Trenkwalder / Johannes Puch
Literatur

Bachmann-Preis: Wie Literaturpreise den Geschmack bilden

1945 1960 1980 2000 2020

Im Juni wird wieder der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen. Die öffentliche Diskussion macht den Prozess der Entscheidungsfindung transparent. Was wurde aus den Preisträgerinnen und Preisträgern? Teil 1 einer Serie anlässlich der 45. Tage der deutschsprachigen Literatur.

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Im Juni wird wieder der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen. Die öffentliche Diskussion macht den Prozess der Entscheidungsfindung transparent. Was wurde aus den Preisträgerinnen und Preisträgern? Teil 1 einer Serie anlässlich der 45. Tage der deutschsprachigen Literatur.

Literaturpreise sind ein wichtiger Indikator, um sich zu orientieren im Dschungel zeitgenössischer Literatur. Namen, uns völlig unbekannt, erwecken unser Interesse, sobald etwa jemand mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Dieser ist der wichtigste britische Literaturpreis für einen englischsprachigen Roman aus dem Großraum Vereinigtes Königreich. Im Jahr 2019 wurde er geteilt.

Dass ihn Margaret Atwood für ihren Roman „Die Zeuginnen“ erhielt, überraschte nicht. Bernardine Evaristo aber, geboren 1959, war im deutschen Sprachraum bislang vollkommen unbekannt, obwohl sie auf eine stattliche Anzahl von Büchern verweisen darf. Der deutsche Tropen Verlag brachte in diesem Frühjahr den Roman „Mädchen, Frau etc.“ unter großer Medienbeachtung heraus. Ein derart renommierter Preis schafft das Sprungbrett für eine internationale literarische Karriere. Seit 2016 wird der International Booker Prize für einen fremdsprachigen, ins Englische übersetzten Roman oder Kurzgeschichtenband vergeben. In diesem Jahr hat es die deutsche Schriftstellerin Judith Schalansky mit „Verzeichnis einiger Verluste“ auf die Longlist geschafft.

Literaturpreise sind ein wichtiger Indikator, um sich zu orientieren im Dschungel zeitgenössischer Literatur. Namen, uns völlig unbekannt, erwecken unser Interesse, sobald etwa jemand mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Dieser ist der wichtigste britische Literaturpreis für einen englischsprachigen Roman aus dem Großraum Vereinigtes Königreich. Im Jahr 2019 wurde er geteilt.

Dass ihn Margaret Atwood für ihren Roman „Die Zeuginnen“ erhielt, überraschte nicht. Bernardine Evaristo aber, geboren 1959, war im deutschen Sprachraum bislang vollkommen unbekannt, obwohl sie auf eine stattliche Anzahl von Büchern verweisen darf. Der deutsche Tropen Verlag brachte in diesem Frühjahr den Roman „Mädchen, Frau etc.“ unter großer Medienbeachtung heraus. Ein derart renommierter Preis schafft das Sprungbrett für eine internationale literarische Karriere. Seit 2016 wird der International Booker Prize für einen fremdsprachigen, ins Englische übersetzten Roman oder Kurzgeschichtenband vergeben. In diesem Jahr hat es die deutsche Schriftstellerin Judith Schalansky mit „Verzeichnis einiger Verluste“ auf die Longlist geschafft.

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Wir sehen nur die Ergebnisse einer solchen Wahl, wir wissen nichts über die Art der Preisfindung. Sind Atwood und Evaristo tatsächlich deutlich besser als Lucy Ellmans „Ducks, Newburyport“ oder Kevin Barrys „Night Boat to Tangier“? Im Deutschen haben wir keinen Vergleich, die Bücher sind bisher unübersetzt.

Kinder ihrer Zeit

So wirkmächtig Preise auch in den Literaturbetrieb eingreifen – sie produzieren Stars und beeinflussen den Markt –, die Entscheidungen fällen Leute, die Kinder ihrer Zeit sind und von denen Objektivität nicht zu erwarten ist. Aber Objektivität und Literaturkritik passen ohnehin nicht zusammen, deshalb reden wir ja über Literatur, weil das letzte Wort nicht gesprochen ist. Nicht einmal über Klassiker, deshalb muss der Kanon ständig neu bearbeitet werden.

Dass nicht zweifelsfrei das beste Buch, die beste Autorin ausgezeichnet werden, liegt auch jeweils an einer Jury, die sich aus Individuen mit eigenen Interessen zusammensetzt. Es geht um ästhetische Vorlieben, die es durchzusetzen gilt. Das leuchtet ein und ist vernünftig. Weniger vernünftig wird es, wenn wir uns auf das Terrain der Psychologie begeben. Dann sehen wir Persönlichkeiten am Werk, die nicht nur auf die Kraft der Argumente bauen, sondern einen Kandidaten durchsetzen wollen, um sich selbst durchzusetzen. Hat man den eigenen Favoriten durchgebracht, zählt das als Triumph in eigener Sache.

Preisfindung ist eine Sache des Kompromisses. Nicht das stärkste Talent gewinnt immer, sondern jenes, das im Psychostress der Jury die meisten Stimmen auf sich vereinigt. Das erklärt so manche Ausrutscher, die einem im Rückblick unangenehm auffallen. Grundsätzlich sind alle Preise, national wie international, von solchen Unwägbarkeiten betroffen. Leider, und auch das kommt nicht selten vor im Literaturbetrieb, spielen nicht nur Seilschaften innerhalb einer Jury eine Rolle, sondern auch Nähe, wenn nicht gar Freundschaft, eines Entscheidungsträgers zu einem Kandidaten. Immerhin sollte sich dann doch eine Mehrheit als Korrektiv finden.

Transparenter Prozess

Die Tage der deutschsprachigen Literatur, die jährlich in Klagenfurt zur Findung des Bachmann-Preises abgehalten werden, machen den Prozess der Entscheidung transparent. Das macht sie zu einem besonderen Ereignis, weil die Jury unter Beobachtung steht und Mogeleien nicht geheim bleiben. Nach dem Prinzip einer Familienaufstellung lassen sich Aversionen und Zuneigungen nachvollziehen. Als Zuseher wird man in eine Intellektuellen-Soap hineingezogen, in der man selbst Position zu beziehen sich genötigt sieht. Schnell sieht man, wo die eitlen Tröpfe in Selbstfeierlaune sitzen und wo kritisch am Text gearbeitet wird. Wer sich lange genug mit Gegenwartsliteratur beschäftigt, gerät regelmäßig ins Staunen, was von manchen Jurymitgliedern als diskussionswürdig empfunden wird.

Als Zuseher wird man in eine Intellektuellen-Soap hineingezogen, in der man selbst Position zu beziehen sich genötigt sieht.

Die Liste der Büchner-Preis-Träger weist kaum jemanden auf, den man selbst im Abstand von Jahrzehnten für unwürdig hält. Im Fall des Ingeborg-Bachmann-Preises verhält es sich anders. Es ist dem Medienspektakel geschuldet, das auf Sensationen angewiesen ist, dass nicht nur ein Schaulaufen der Autorinnen und Autoren stattfindet, sondern dass sich die kritischen Instanzen ebenso verpflichtet fühlen, sich vor Publikum zu inszenieren. Und wie sollte das besser gelingen, als wenn man seine eigene Feinfühligkeit herausstreicht, indem ein eigener Kandidat mit einem Preis bedacht wird.

Die Namen der Ausgezeichneten spiegeln den zeitgenössischen Kanon wider. Es genügt nicht, sehr gut zu sein, um im Gedächtnis gehalten zu werden. So ist von fahrlässig aus der gegenwärtigen Lesekultur Verschwundenen zu berichten. Wir lassen uns Gert Hofmann entgehen (Bachmann-Preis 1979), und Friederike Roth (1983), dabei wirkt im Vergleich zu jenen so manch Gefeiertes von heute recht mickrig.

Das Vergessen setzt mit dem Tod ein oder mit dem langsamen Abschiednehmen aus dem Literaturbetrieb. Von den ersten zehn einstmals euphorisch Gefeierten aus den Jahren 1977 bis 1981 zählt die Hälfte zu den Verstorbenen. Friederike Roth ist der Literaturbetrieb stets weitgehend fremd geblieben, für sie war der Rückzug aus ihm naheliegend. Ihr letztes Buch erschien vor elf Jahren. Im Scheinwerferlicht stehen jene, denen der Hauptpreis zuerkannt wurde. Jene, die sich mit einem kleineren Preis begnügen mussten, haben keine Garantie, dass man sich langfristig für sie interessiert. Man wird sich schwertun, auf dem Buchmarkt zu Werken von Hans-Jürgen Fröhlich, gestorben 1986, fündig zu werden. Mit seinem Namen verbinden wenige noch etwas. Dabei stellte er einmal etwas dar in der Literaturlandschaft seiner Zeit.

Die Jury

Die Jury Seit 1977 wird in Klagenfurt über Literatur diskutiert und der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Der Anteil der Frauen hat sich ebenso verändert wie die Art und Weise der Diskussion. 2020 fanden die Tage der deutschsprachigen Literatur aufgrund der Pandemie ausschließlich digital statt.

Die Jury Seit 1977 wird in Klagenfurt über Literatur diskutiert und der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Der Anteil der Frauen hat sich ebenso verändert wie die Art und Weise der Diskussion. 2020 fanden die Tage der deutschsprachigen Literatur aufgrund der Pandemie ausschließlich digital statt.

Katrin Askan, 2001 mit dem 3sat-Preis bedacht, scheint einmal Erwartungen geweckt zu haben. Immerhin wurde sie auffällig mit einem Roman, der ihre Fluchtgeschichte aus der DDR zum Inhalt hat, der große Wurf wird bei all ihrer beeindruckenden Intelligenz nicht zu erwarten sein von ihr.

Kleine Literaturgeschichte

Bis zum Fall der Mauer kamen die formal kühnsten Unternehmungen aus der DDR. 1987 erlas sich Uwe Saeger den Ingeborg-Bachmann-Preis und verwies Werner Fritsch und Irina Liebmann auf die Plätze. Das ist erstaunlich, Saeger spielt heute im öffentlichen Diskurs keine Rolle mehr, Fritsch und Liebmann gelten als Sprachkünstler von hohem Rang. Ein angesehener Preis wird immer auch politisch gewertet. Eine Auszeichnung für Uwe Saeger, dessen kritische Haltung bewundernswert war, bedeutete eine Stärkung nicht opportunistischer Literatur in der DDR.

Die Personen, die den Hauptpreis nicht bekommen haben und es dennoch geschafft haben, reichen für eine kleine Literaturgeschichte der Gegenwart: W. G. Sebald, Thomas Hettche, Norbert Gstrein, Marcel Beyer, Alois Hotschnig, Ulrich Peltzer, Raoul Schrott, Ingo Schulze, Ilija Trojanow, Kathrin Schmidt, Antje Rávic Strubel, Anne Weber, Clemens J. Setz, Thomas Stangl, Judith Zander, Valerie Fritsch. Sie gehören zum festen Bestand des Notwendigen. Etwas Hoffnung macht das schon.

Die 45. Tage der deutschsprachigen Literatur mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises werden vom 16. bis 20. Juni 2021 im ORF-Theater im ORF-Landesstudio in Klagenfurt stattfinden und auf 3sat live übertragen. Jury: Mara Delius, Vea Kaiser, Klaus Kastberger, FURCHE-Feuilletonchefin Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler, Michael Wiederstein, Insa Wilke (Vorsitz).

In den nächsten Wochen wird Anton Thuswaldner an Preisträgerinnen und Preisträger aus 44 Jahren erinnern.

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