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Bachmann

Bodo Hell - © Foto: amourfou.at
Feuilleton

Bodo Hell: Blicke/Wissenstropfen

1945 1960 1980 2000 2020

Bodo Hell über den Bachmannpreis.

1945 1960 1980 2000 2020

Bodo Hell über den Bachmannpreis.

Auf der Hinfahrt (von Nordosten) bietet sich als Einfahrtshalt der Liesnaberg an, mit kurzem Aufstieg zu seiner Höhenkirche, dem Ausgangspunkt des Jauntaler Dreibergelaufs, man ahnt unten die Orte Griffen, Ruden und hinten die paar Häuser mit Namen Kanaren, Tanzplatz, Waldfesthütte, Plumpsklo,

da biegt ein Einheimischenauto vom Forstweg ab, auf der wenig befahrenen Bundesstraße über Völkermarkt nach Klagenfurt hinein, man zweigt beim Hermagoras-Gebäude und Sicherheits-Zentrum vom Viktringer Ring nach links ab und kann dann kostenlos parken, auf dem buckligen Schotterparkplatz rechts, die übersichtliche Innenstadt ist fußläufig erreichbar, am Domplatz-Eingang zum Hotel Goldener Brunnen sind mehrere Tafeln angebracht, auch eine des Kärntner Abwehrbundes (in der Vitrine: der Heimat treu, dem Vermächtnis verpflichtet), im Feld gegenüber das Opferdenkmal für jene, die durch Partisanen zu Tode gekommen sind,

Auf der Hinfahrt (von Nordosten) bietet sich als Einfahrtshalt der Liesnaberg an, mit kurzem Aufstieg zu seiner Höhenkirche, dem Ausgangspunkt des Jauntaler Dreibergelaufs, man ahnt unten die Orte Griffen, Ruden und hinten die paar Häuser mit Namen Kanaren, Tanzplatz, Waldfesthütte, Plumpsklo,

da biegt ein Einheimischenauto vom Forstweg ab, auf der wenig befahrenen Bundesstraße über Völkermarkt nach Klagenfurt hinein, man zweigt beim Hermagoras-Gebäude und Sicherheits-Zentrum vom Viktringer Ring nach links ab und kann dann kostenlos parken, auf dem buckligen Schotterparkplatz rechts, die übersichtliche Innenstadt ist fußläufig erreichbar, am Domplatz-Eingang zum Hotel Goldener Brunnen sind mehrere Tafeln angebracht, auch eine des Kärntner Abwehrbundes (in der Vitrine: der Heimat treu, dem Vermächtnis verpflichtet), im Feld gegenüber das Opferdenkmal für jene, die durch Partisanen zu Tode gekommen sind,

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Eleonore Frey sitzt im Schanigarten, wo gleich Straßenmusikanten aufspielen werden, eine Strotterin läuft quer über die Straße und bittet um einen Euro, die freundliche Frühstücksdame Brunhilde (meinen Siegfried hab ich zuhaus) erinnert sich an Gäste-Wünsche von gestern und vom Vorjahr, einige ältere exquisite Ladenschilder springen ins Auge, vormittags Markt am Benediktinerplatz: kein eingedostes Brot, aber Rotwein in gebrauchten PET-Flaschen, schwarze slowenische Kirschen und Büschel frischen Johanniskrauts, 14 h 26 astronomischer Sommerbeginn,

der Eingang zum bruchsteinmauerumgürteten ORF-Theater ist für Ortsunkundige nicht leicht zu finden, für Fußgänger aus der Stadt nur über Umwege erreichbar, deutsche Wettbewerbsteilnehmer sind auf gemieteten Fahrrädern zum See unterwegs, das am innerstädtischen Ende des Lendkanals gelegene Lendkanal-Cafe (sonntags Ruhe) hat einen schattigen getreppten Innengarten, in der Oleandergasse rostet hinter durchhängenden Absperrungen ein privates Parkverbotsschild vor sich hin,

Christa Gürtler und Barbara Stasta (wir wundern uns) grüßen im Bäume-Schatten und haben Nummern der Zeitschrift salz mitgebracht, Droschls Annette Knoch findet den Heynschen Büchertisch gut bestückt vor, in den Hotelzimmern der Teilnehmer liegen Einladungen, literarische Zeitschriften und Anthologien mit den Beiträgen vom letzten Jahr auf, an Essensgutscheinen wird nicht gespart,

die Sendeverträge für die Textlesungen werden vorher unterschrieben, die prospektiven Preisträgerinnen werden schon vor Beginn der Austragungen per Handzettel gebeten, den Aufforderungen der betreuenden jungen Damen (im Sinne eines geordneten Ablaufs der Veranstaltung ohne Verzögerung) Folge zu leisten, die offiziellen Reden und Formalitäten ziehen sich in die Länge und werden beiläufig über Bildschirme verfolgt, die Überreichung der vorgesehenen Blumen für den Festredner unterbleibt,

der Justiziar wacht zu Beginn über die Auslosung der Auftrittsnummern und zum Schluß über die korrekte Zählung der namentlichen Voten (in Serien von Stichwahlen), der slowenische Kulturverein bietet Spanferkel und Roma-Musik an, der Bürgermeister und die Kulturabteilung lassen sich beim Abendessen in Schloß Hallegg nicht lumpen (man hört die Frage gestellt: erreichen die Ausgaben für Raummieten, Speisen und Getränke sowie Bedienung und Busshuttle vielleicht gar die Höhe des städtischen Literaturbudgets),

die indischen Gäste des Schloßhotels ersuchen um Ruhe, beim Aufblick in die Gewölbe entdeckt man gefährliche Risse, die Hirschtrophäen in den ArkadenUmgängen des Schlosses sind lose gehängt (solche aus der Kriegszeit nur flach aufgemalt), beim Problembären Bruno würde die Sexfalle auch inform von ausgelegten Haaren der brünstigen Bärin Nora nicht greifen

im Halb-Rund der Lese- und Sprech-Arena stehen unter der deutsch-arabisch geschriebenen Bachmann-Frage (Meine Geschichte und die Geschichte aller ... wie kommt das zusammen?) zehn ziemlich identische Transport-Holzkisten mit der Kennung 80/30, vor ihnen etwas Wörterseestrand-Sand, Saharaverfrachtungen sind unterdessen in Salzburg niedergegangen, Ilma Rakusas elegantes Haupt ist von seitenwechselndem Kopfschmerz zerrissen, an die synchronen Umblättergeräusche des gesamten mitlesenden Saal-Auditoriums während der einzelnen Text-Darbietungen muß man sich erst gewöhnen,

Angelika Overrath antwortet auf die verzweifelte Frage: wirst auch Du eine Liebesgeschichte vorlesen flüsternd: jede Geschichte ist eine Liebesgeschichte, eine Ankündigung der firmen Zeremonienmeisterin warnt: des eingesprungenen Karl Corinos Biographie drohe (als Beizettel) aus dem offiziellen Programm herauszufallen, die Vorsitzende bemerkt angesichts des rauhen Winds in der Arbeitswelt (es reicht, weil des nicht reicht): sie empfinde es als Glück, sich mit Literatur beschäftigen zu dürfen, auf dem Neuen Platz wird am anderen Ende von Maria Theresia und Lindwurm die Fußball-WM in Projektion lautstark mitverfolgt,

die Aktion Pro-Holz hat Baumstämme über das Pflaster des Platzes gerollt, unter dem Motto: in Kärntens Wäldern wachsen Häuser nach, im soliden Restaurant Augustin gibt es nicht nur eigenes Bier, sondern auch Gösser Zwickl, Stiftsbräu und Mischbier vom Faß, ein Besuch des Theatercafes in der Theatergasse ist allemal anzuraten (kaum siag i Di, kriag i wache Knie, reimt ein später Gast angesichts der diskreten Wirtin), wobei die über dem Eingang hochgestellte Brockhaus-Enzyklopädie, eine fachweise Abwasch-Schwamm-Sammlung und das Rouault'sche Kirchenfenster im Hintergrund zu beachten wären,

ein flüchtiger Blick zur neuen ofengoldbemalten Bachmann-Büste im Park gegenüber dürfte genügen, Eduard Kocbek (seine Aufzeichnungen sind noch unübersetzt) wird von Klaus Amann als der bemerkenswerteste (christlichsoziale) slowenische Partisan genannt, das restituierte Schiele-Bild Herbstsonne hat einen Hammerpreis von 15 Millionen Euro erbracht, der Maler Emil Nolde, dessen Bilder in Bleiberg/Pliberk denen Werner Bergs gegenübergestellt sind, wurde (trotz anfänglicher Anbiederung an das NS-Regime) als entarteter Künstler gebrandmarkt (samt Malverbot und Beschlagnahme von 1000 Werken zur Ausmerzung),

die Darstellung der hl. Luzia im Vorbau der verwunschenen gleichnamigen Kirche im Jauntal zeigt diese Augenpatronin mit zwei losen Augäpfeln auf aufgeschlagenem Buch (samt Spendenschlitz in einer Steinnische darunter), während die Alexiusfigur hier einmal nicht unter, sondern neben der Treppe an einer Steinmauer vorm Vaterhaus mit verschränkten Armen lümmelt, den Badetag soll man halten wie den Sonntag, steht in der Stiftsausstellung St. Paul geschrieben, ein Veronika-Bild (Vera Icon) aus dem Venedig des Quattrocento zeigt überraschenderweise ein schwarzes Christusantlitz, auf die Gegenüberstellung von Musiknoten- und Lebens-Harmonie wird in der ausliegenden ältesten Harmonielehre der Welt hingewiesen

ich würde Burkhard Stimmen zuspinnen, sagt Daniela Strigl, ob ihres inversiven Versprechers hell auflachend, die Arbeitsschritte der Herstellung von Ködern aus Köcherfliegenlarven kann man auch in einem ausgreifenden literarischen Werk lernen, Hadschi Murad von Nikolai Tolstoi wird en passant jedem Tschetschenenkrieg-Unkundigen zur Lektüre empfohlen, die Kapellen des Kreuzwegs zur Kreuzberglkirche am Kreuzbergl unterm Restaurant Schweizerhaus (Familie Proprenter dankt für Besuch), nämlich genau dort, wo der Bachmannweg Nr. 1 beginnt (deren Werk auch als ein einziges Anti-Kriegs-Opus bezeichnet wurde), sind nachts beleuchtet und mit kriegerischen Anspielungen zur Landesgedächtnisstätte für Kärnten umgestaltet,

unterdessen läuft auf dem Bildschirm ein Programm-Vorspann, in dem aus berufenem Ex-Juroren-Mund dem Publikum und den Teilnehmern an der laufenden Competition mitgeteilt wird, daß auch schon bisher gern am letzten Tag die Erwartungen noch einmal herumgerissen wurden und auch heute eine überraschende Kür erfolgen könnte, während im markantesten aller markanten Statements soeben erklärt worden ist, der Leser/die Leserin fühle sich nach der Lektüre dieses Artikels/Texts/Buchs extrem bereichert und gleichzeitig so klug wie zuvor.