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Bachmann

Paul Celan Klaus Demus Füller - © iStock
Feuilleton

Celan und Demus: Mit langer Unterbrechung

1945 1960 1980 2000 2020

Durch Ingeborg Bachmann lernten Sie einander kennen: Paul Celan und Klaus Demus. Ihr umfangreicher Briefwechsel bietet Einblicke in Celans Leben.

1945 1960 1980 2000 2020

Durch Ingeborg Bachmann lernten Sie einander kennen: Paul Celan und Klaus Demus. Ihr umfangreicher Briefwechsel bietet Einblicke in Celans Leben.

Der umfangreiche Briefwechsel zwischen dem Lyriker Paul Celan und Klaus und Nani Demus ist das Dokument einer Freundschaft, die sich zwischen Celan und Demus entfaltete und in die später die Ehefrauen Nani Demus und Gisèle Celan-Lestrange einbezogen wurden. Anlässlich der Publikation dieses Dokumentes sprach BOOKLET mit dem heute in Wien lebenden Kunsthistoriker Klaus Demus, der unter anderem Gedichte schrieb, die im Wiener Verlag Löcker publiziert wurden.

BOOKLET: Wie begann Ihre außergewöhnliche Freundschaft mit Celan?
Klaus Demus: Ich habe Celan durch Ingeborg Bachmann, mit der damals meine Frau befreundet war, kennengelernt, nämlich am Ende seines Aufenthaltes in Wien im Jahr 1948. Sie hatte mich gebeten, mit ihm zusammenzutreffen und das geschah in einem Wiener Kaffeehaus. Ich sah ihn kurz danach noch einmal in einer Buchhandlung. Ich hatte damals in der Wiener Zeitschrift Der Plan von Otto Basil Gedichte von ihm gelesen, noch bevor er nach Wien gekommen war, und sofort gesehen, welchen Rang er als Dichter einnahm.

BOOKLET: Wie hat sich Ihre Freundschaft entwickelt?
Demus
: Zu Beginn waren wir beide schüchtern. Ich war vor allem viel schüchterner als er, denn ich habe ihn ja bewundert; er hingegen wusste von mir fast nichts und war älter. Wir haben natürlich das Meiste in der Dichtung, im Roman und in der Philosophie gekannt, was im 20. Jahrhundert an Herausragendem geleistet wurde. Darüber führten wir intensive Gespräche. Wie im Briefwechsel ersichtlich ist, sprachen wir viel über Friedrich Hölderlin und Martin Heidegger. Diese Gespräche fanden aber erst eineinhalb Jahre später statt, als ich ein Stipendium in Paris bekam und dort ein dreiviertel Jahr fast täglich mit Celan zusammentraf.

Der umfangreiche Briefwechsel zwischen dem Lyriker Paul Celan und Klaus und Nani Demus ist das Dokument einer Freundschaft, die sich zwischen Celan und Demus entfaltete und in die später die Ehefrauen Nani Demus und Gisèle Celan-Lestrange einbezogen wurden. Anlässlich der Publikation dieses Dokumentes sprach BOOKLET mit dem heute in Wien lebenden Kunsthistoriker Klaus Demus, der unter anderem Gedichte schrieb, die im Wiener Verlag Löcker publiziert wurden.

BOOKLET: Wie begann Ihre außergewöhnliche Freundschaft mit Celan?
Klaus Demus: Ich habe Celan durch Ingeborg Bachmann, mit der damals meine Frau befreundet war, kennengelernt, nämlich am Ende seines Aufenthaltes in Wien im Jahr 1948. Sie hatte mich gebeten, mit ihm zusammenzutreffen und das geschah in einem Wiener Kaffeehaus. Ich sah ihn kurz danach noch einmal in einer Buchhandlung. Ich hatte damals in der Wiener Zeitschrift Der Plan von Otto Basil Gedichte von ihm gelesen, noch bevor er nach Wien gekommen war, und sofort gesehen, welchen Rang er als Dichter einnahm.

BOOKLET: Wie hat sich Ihre Freundschaft entwickelt?
Demus
: Zu Beginn waren wir beide schüchtern. Ich war vor allem viel schüchterner als er, denn ich habe ihn ja bewundert; er hingegen wusste von mir fast nichts und war älter. Wir haben natürlich das Meiste in der Dichtung, im Roman und in der Philosophie gekannt, was im 20. Jahrhundert an Herausragendem geleistet wurde. Darüber führten wir intensive Gespräche. Wie im Briefwechsel ersichtlich ist, sprachen wir viel über Friedrich Hölderlin und Martin Heidegger. Diese Gespräche fanden aber erst eineinhalb Jahre später statt, als ich ein Stipendium in Paris bekam und dort ein dreiviertel Jahr fast täglich mit Celan zusammentraf.

Celan fühlte sich immer als ‚Beau ténébreux‘, als ein Mitleidender und Wissender, als der „Immerdüstre...“

BOOKLET: Im Briefwechsel fällt auf, dass Sie – als „jüngerer Bruder“ – einen weit größeren Anteil an der Korrespondenz als Celan haben. Hat Sie diese Einseitigkeit nicht gestört?
Demus:
Überhaupt nicht. Dass ich als der Jüngere immer etwas gesprächiger war als er, der immer zurückhaltend und vorsichtig in seinen Äußerungen war, lag in unserer Natur und das färbte auch auf unser Gespräch ab. Ich habe seine Dichtung vom Sprachlichen her wundervoll gefunden und immer gepriesen, was ich an Neuentstandenem von ihm zu sehen bekam. Die Vernichtung der Juden, der Fokus all dessen, was er geschrieben hat, war damals kein Thema unserer Gespräche.

BOOKLET: Celan bezeichnete sich gerne als „Beau ténébreux“, als „einen Bewohner ständiger Finsternis“. Wie ist diese Bezeichnung zu deuten?
Demus:
Celan fühlte sich immer als ein „Beau ténébreux“, als ein Mitleidender und Wissender, als der „Immerdüstre, der Witwer trostverwaist“, wie es bei Gérard de Nerval heißt; immer etwas melancholisch, melodramatisch, dunkel. Er konnte nicht bei allem so freudig mittun, das war eine Grundgestimmtheit. Sein freundliches Wesen hat er eigentlich immer behalten, bis auf die Zeit nach der Wiederanknüpfung nach 1968, als ich ihn wieder in Paris gesehen habe – und da habe ich gemerkt, dass er in seiner Seele viele Obertöne eingebüßt hat.

Paul Celan - © Foto: Wordpress

Paul Celan

Paul Celan, geb. 1920 als Paul Antschel in Czernowitz, gest. 1970 in Paris, gilt als einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts.

Paul Celan, geb. 1920 als Paul Antschel in Czernowitz, gest. 1970 in Paris, gilt als einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts.

BOOKLET: Manchmal vermittelt die Korrespondenz den Eindruck, dass sich hier zwei besonders melancholische Persönlichkeiten ausgetauscht haben. Stimmt dieser Eindruck?
Demus:
Ich war grundsätzlich kein alleinstehender Melancholiker, ich hatte ja meine Frau, meine Familie und meine Freunde. Wo ein melancholischer Ton zu hören ist, mag der Grund in einer besonderen augenblicklichen seelischen Stimmung liegen, die aber nicht für das allgemeine Leben verbindlich ist. So kann ein Briefwechsel etwas trügen. Es gibt ja auch Briefe, wo das Melancholische ganz fehlt, wo eine Fröhlichkeit durchdringt. Im Briefwechsel hat sich Celans oft wunderbare, fast lustige Laune nicht so äußern können, nur sehr selten. Aber im Gespräch war er heiter, humorvoll, schalkhaft, herzlich und nicht so gemessen in seinen Reden, wie das im Geschriebenen der Fall ist.

BOOKLET: Welche Bedeutung hatte Martin Heidegger für Celan?
Demus:
Das Verhältnis von Celan zu Heidegger war sehr schwierig und sehr gebrochen. Ich glaube, dass sich das nicht so eindeutig sehen lässt, dafür sind die Parteien doch zu verschieden. Celan hat mir selbst von seinem Besuch in Todtnauberg erzählt und gemeint, dass er Heidegger auf die Probe stellen wollte; ob er bereit wäre, über 1933 zu sprechen und über seinen Irrtum, und er sei enttäuscht gewesen, dass dieses Wort, auf das alles angelegt war, wie er in das Hüttenbuch schrieb, nicht gekommen sei. Und das Gedicht „Todtnauberg“ sei eine verurteilende Antwort auf diese Begegnung gewesen. Es ist darüber in der Welt der Philologen ein großer Streit entstanden, der bis heute anhält; ich verfolge das aber nicht mehr.

Klaus Demus  - © Foto: Nani Maier, Besitz Eric Celan

Klaus Demus

Klaus Demus, geb. 1927 in Wien, Lyriker und Kunsthistoriker. Bis 1987 Kustos im Kunsthistorischen Museum Wien

Klaus Demus, geb. 1927 in Wien, Lyriker und Kunsthistoriker. Bis 1987 Kustos im Kunsthistorischen Museum Wien

BOOKLET: Eines der düstersten Kapitel im Briefwechsel betrifft die sogenannte „Goll-Affäre“. Claire Goll, die Witwe des Schriftstellers Ivan Goll, beschuldigte in einem Rundbrief an verschiedene Personen des Kulturlebens Celan des Plagiats. Wie haben Sie diesen Konflikt erlebt?
Demus:
Die Plagiatsgeschichte hat den Briefwechsel sehr belastet, ja unangenehm gemacht, denn Celans Krankheit wurde dadurch massiv beeinflusst. Er sah jetzt plötzlich überall Komplizenschaft, Feindschaft, Antisemitismus usw. Jede Erwähnung seines Namens im Zusammenhang mit diesen Vorwürfen reizte ihn außerordentlich. Es war dies eine Gereiztheit, die auch im Briefverkehr mit mir nicht ausgeblieben ist; so zum Beispiel immer dann, wenn er bestimmte Personen des Verrats oder der Untreue bezichtigte und ich glaubte, sie verteidigen zu müssen. Und dann bezog er auch mich fallweise in den Kreis der Verdächtigen ein, was er allerdings dann wieder zurückgenommen hat.

BOOKLET: Ihre Freundschaft wurde durch einen Brief für lange Jahre unterbrochen. In diesem Brief schrieben Sie: „Ich habe den entsetzlichen gewissen Verdacht, dass Du an Paranoia erkrankt bist.“
Demus:
Das ist der entscheidende Brief. Das musste ich ihm wahrheitsgemäß schreiben. Mündliche und schriftliche Äußerungen Celans hatten mich zu diesem Verdacht gebracht, der später zur Gewissheit wurde. Kurze Zeit nach diesem Brief ist er dann gewaltsam in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. 1968 wurde die Freundschaft wieder aufgenommen. Es war kein Wiederaufflackern, sondern ein selbstverständliches Dort-Fortsetzen, wo die Freundschaft aufgehört hatte. Da war kein Bruch im Gespräch zu merken, außer, dass er sich stark verändert hatte. Durch die Medikamente, die seine seelische Erkrankung erforderte, war er ein anderer geworden.

BOOKLET: Wie lautet für Sie das Fazit dieser einmaligen Dichterfreundschaft?
Demus:
Es war wie die Berührung oder das Nahekommen zweier Weltkörper, die auf einer Parabel einander begegnet sind, die ganze Zeit in einer seltenen und kaum zu übertreffenden Freundschaft einander zugewandt; eine Beziehung, die sich bis in das Privateste fortgesetzt hat und die dann schicksalhaft zu einer Entfernung führte, zu einem vorübergehenden Bruch und nach der Wiederanknüpfung sehr innig hätte weitergehen können. Celans Lebenszeit war aber bemessen.

Paul Celan Klaus Nani Demus Briefwechsel - © Suhrkamp
© Suhrkamp
Buch

Briefwechsel

Paul Celan – Klaus und Nani Demus
Hg. von Joachim Seng
Suhrkamp 2009
600 S., geb., € 32,90