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Die Fremde neben dir

Eine unmögliche Liebe erzählen die Briefe von Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

"Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken. / Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi." Neun Gebote enthält das Widmungsgedicht "In Ägypten", datiert vom 23. Mai 1948, das der 28-jährige Paul Celan in einen Matisse-Bildband schreibt und der sechs Jahre jüngeren Ingeborg Bachmann zum Geburtstag schenkt.

Celan, der in einem rumänischen Arbeitslager überlebte und dessen Eltern in einem ukrainischen Vernichtungslager ermordet wurden, verliebte sich als "displaced person" im besetzten Wien auf seinem Weg ins Pariser Exil in die Philosophiestudentin, Tochter eines Kärntner Lehrers, der Mitglied der NSDAP war. Schon sein erstes ihr gewidmetes Gedicht verweist unmissverständlich auf den Riss, den der Holocaust zwischen ihnen markiert.

"Vieles ist gegen uns"

Ingeborg Bachmann, die karrierebewusste Schriftstellerin, die sich im Literaturbetrieb geschickt und erfolgreich zu bewegen weiß - was er mehrfach missbilligt -, wirbt in einem Brief vom November 1949 um Paul Celan. Sie will ihn aus seiner Verlorenheit heim- holen, sie weiß: "Die Zeit und vieles ist gegen uns, aber sie soll nicht zerstören dürfen, was wir aus ihr herausretten wollen." Doch sie wird für ihn zeitlebens die Fremde bleiben, eine gemeinsame Zukunft erscheint nach zwei desaströsen Paris-Aufenthalten Bachmanns für beide undenkbar. Auch für sie bleibt Paul Celan zeitlebens der fremde Geliebte, seiner jüdischen Herkunft und Geschichte wegen. In einem der vielen Briefentwürfe, die sie manchmal nicht abschickt, mehrmals späteren Briefen beilegt wie dem vom 4. Juli 1951, schreibt sie: "Ich liebe Dich und ich will Dich nicht lieben, es ist zuviel und zu schwer." Für beide waren es wenige Wochen der Liebe, die sie nicht mehr losließ und die ihren Werken ganz zentral eingeschrieben ist, etwa im Märchen "Die Prinzessin von Kagran", das Ingeborg Bachmann nach Celans Tod in "Malina" einfügte und in dem Celan als Fremder, "in einen schwarzen Mantel gehüllt", erscheint.

Es sind nicht allzu viele Briefe, die zwischen 1948 und 1961 diskret wie verstörend die unmögliche Liebesbeziehung zwischen zwei der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter nach 1945 und ein Kapitel deutschsprachiger Literaturgeschichte dokumentieren. Der (bisweilen zu) sparsame Stellenkommentar und die sorgfältigen Nachworte der vorbildlichen Edition durch gleich vier Herausgeber erleichtern das Verständnis. Ingeborg Bachmanns Briefe bezeugen, dass sie sich, wo immer sie konnte, für Celans Werk einsetzte, von Veröffentlichungsmöglichkeiten bis zu Einladungen, Entgegnungen, Interventionen, etwa in der Plagiatsaffäre mit Claire Goll. Nicht immer waren ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt, so kam es etwa 1952 doch nicht zu einem bereits mit dem für den Kulturteil der FURCHE verantwortlichen Leiter vereinbarten Abdruck von Celan-Gedichten. Doch es war ihm nie genug, sie musste sich als Tochter der Tätergeneration immer schuldig fühlen, das gab er ihr bis zuletzt zu verstehen.

"Wer bin ich für Dich?"

Auch die intensive Wiederaufnahme ihrer Beziehung vom Herbst 1957 bis zum Juni 1958 - Paul Celan war seit 1952 mit Gisèle Lestrange aus einer katholischen aristokratischen Familie verheiratet und hatte einen Sohn - war dramatisch. Es ist ihre "Herzzeit", ein Wort aus einem der zahlreichen Gedichte, die Paul Celan ihr schickt. Seine Frau weiß um die Beziehung, liest Bachmanns Gedichte und versteht ihre Verstörung. Es beginnt ein ebenfalls im Buch dokumentierter Briefwechsel der beiden Frauen über Celans Tod hinaus, der die gegenseitige Zuneigung bezeugt.

Ingeborg Bachmanns längster Brief vom 27. September 1961 wurde nie abgesandt: "Und ich frage mich eben, wer bin ich für Dich, wer nach soviel Jahren? … ich möchte der sein, der ich bin, heute, und nimmst Du mich heute wahr? Das eben weiß ich nicht, und das macht mich verzweifelt."

Herzzeit

Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel. Suhrkamp 2008. 399 S., geb., e 25,50

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