Celan - © Foto: picturedesk.com  / Interfoto / Friedrich
Literatur

Paul Celan: „Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen“

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 100 Jahren, am 23. November 1920, wurde Paul Celan in Czernowitz geboren. Barbara Wiedemann im Gespräch über den Lyriker und seine Gedichte.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 100 Jahren, am 23. November 1920, wurde Paul Celan in Czernowitz geboren. Barbara Wiedemann im Gespräch über den Lyriker und seine Gedichte.

Paul Celan gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. 1947 floh er von Bukarest über Ungarn nach Wien und 1948 nach Paris. Die FURCHE sprach mit der in Tübingen tätigen Germanistin Barbara Wiedemann, Herausgeberin der Gesamtausgabe von Celans Gedichten und der Sammlung von Briefen von 1934–1970.

DIE FURCHE: In einem Brief an den deutschen Schriftsteller Hans Bender schrieb Celan: „Die Lebens umstände, das Leben im fremden Sprachbereich haben es mit sich gebracht, dass ich mit meiner Sprache viel bewusster umgehe als früher.“
Barbara Wiedemann: Diese erste ausführliche poetologische Äußerung Celans aus dem Herbst 1954 ist wichtig. Er ist damals sechs Jahre in Paris und beginnt zu spüren, was das heißt, auf Dauer in einer fremdsprachigen Umgebung zu leben. Mit den „Lebensumständen“ meint er ja das ganze Schicksal, das dazu geführt hat.

Paul Celan gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. 1947 floh er von Bukarest über Ungarn nach Wien und 1948 nach Paris. Die FURCHE sprach mit der in Tübingen tätigen Germanistin Barbara Wiedemann, Herausgeberin der Gesamtausgabe von Celans Gedichten und der Sammlung von Briefen von 1934–1970.

DIE FURCHE: In einem Brief an den deutschen Schriftsteller Hans Bender schrieb Celan: „Die Lebens umstände, das Leben im fremden Sprachbereich haben es mit sich gebracht, dass ich mit meiner Sprache viel bewusster umgehe als früher.“
Barbara Wiedemann: Diese erste ausführliche poetologische Äußerung Celans aus dem Herbst 1954 ist wichtig. Er ist damals sechs Jahre in Paris und beginnt zu spüren, was das heißt, auf Dauer in einer fremdsprachigen Umgebung zu leben. Mit den „Lebensumständen“ meint er ja das ganze Schicksal, das dazu geführt hat.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

DIE FURCHE: Celan entwickelte in seinen Gedichten „eine grauere Sprache“, die sich dem Pathos der Generationen vor ihm entzog. Was ist darunter zu verstehen?
Wiedemann: Celan will schon an seiner Gedichtsprache klarmachen, dass gerade deutsche Gedichte nach 1945 anders aussehen müssen. Er kann nicht weiterschreiben, wie man es vor 1933 getan hat. Die Zeit, in der seine Gedichte geschrieben werden, die Zeit nach der Katastrophe, muss darin spürbar bleiben.

DIE FURCHE: Sie schreiben in Ihrem Kommentar: „Er hielt die Gedichte nicht für unverständlich, sondern einem aufmerksamen Leser für zugänglich.“
Wiedemann: Celan soll seinen Lesern empfohlen haben, sie sollten nur „immerzu lesen“, dann käme das Verständnis „von selbst“. Man muss sich aber doch fragen: Was soll gelesen werden? Meint er, „lesen Sie möglichst oft meine Gedichte“, oder meint er, „lesen Sie auch alles andere, auch das, was zu den Gedichten geführt hat“? Denn die Lektüren Celans, die in seine Gedichte eingehen, sind nicht immer so spontan verständlich wie die Margarete in der „Todesfuge“: Presse, politische Presse oder Artikel zu Technik und Motor, aber auch Wahrsagertexte aus dem Spätmittelalter und vieles andere. Konnten die Leser das verstehen, konnten sie wissen, was er zitiert?

DIE FURCHE: Sie haben eine umfangreiche Ausgabe von Celans Briefen herausgegeben, die den Titel „etwas ganz und gar Persönliches“ trägt. Welche Intention haben Sie bei der Herausgabe der Briefe verfolgt?
Wiedemann: Die Auswahl ist natürlich meine Auswahl, andere Herausgeber hätten teilweise andere Schwerpunkte gesetzt. Vergessen Sie nicht, das war eine Auswahl von vielen Tausend Briefen. Ich habe unter anderem Celans politische Interessen in den Briefen betont, um ihr großes Spektrum zu zeigen. Dadurch kann nun vielleicht auch für manche Gedichte der jeweilige politische Kontext eher als Verstehenshintergrund akzeptiert werden.

DIE FURCHE: Könnte man Celan im weitesten Sinn als Dichter eines politischen Engagements bezeichnen?
Wiedemann: Das Konzept der engagierten Literatur lehnte er radikal ab. Er war aber auch nicht der Dichter im Elfenbeinturm, als den ihn viele Kritiker einschätzten. Es gibt durchaus Gedichte mit erkennbar politischem Hintergrund. Aber das sind keine politischen Aussagen in der Art eines Erich Fried. Celans Gedichte sind nicht nur auf diese eine Situation jeweils festzulegen sondern offen für aktuelle Lektüren.

DIE FURCHE: Welche Komponenten zeichnen Celans innovative Dichtersprache aus? „Das Gedicht will zu einem Andern“, sagt Celan in seiner Dankrede zum Georg- Büchner-Preis. Wie erreicht er seine Leser?
Wiedemann: Immer wieder wird berichtet, dass Celan beim Vorlesen verständlich machen konnte, was seine Gedichte sagen. Sie sagen ja schon durch ihre Struktur sehr viel: Welche Worte sind durch ihre Stellung als Einzelwort im Vers oder durch ein starkes Enjambement hervorgehoben? Welche Verse sind durch ein vergleichbares Metrum oder durch Assonanzen aufeinander bezogen? Gibt es eine inhaltliche Einheit in den Strophen? Welche
Personen erscheinen im Gedicht – ein Du, ein Ich, ein Er oder eine Sie, oder ist das gar nicht zu entscheiden? Auch das wäre eine Aussage. Man sollte um Verstehen bemüht sein.

Paul Celan soll seinen Lesern empfohlen haben, sie sollten nur ‚immerzu lesen‘, dann käme das Verständnis ‚von selbst‘.

DIE FURCHE: Viele Leserinnen und Leser haben Schwierigkeiten mit Celans vermeintlichen Neologismen.
Wiedemann: Man hat Celan immer vorgeworfen, er erfinde Wörter, die es gar nicht gibt. Darunter waren aber viele, die es sehr wohl gibt, die er gelesen hat: „Seepurpur“ oder „Wabentrog“ oder „seelenblind“. Außerdem nützt er bis an die Grenzen alle Möglichkeiten, die das Deutsche hat, aber eben innerhalb dieser Grenzen. Zum Beispiel die freie Vorsilbenbildung bei Verben: Er sagt zerheilen und geht davon aus, dass jeder weiß, was zer-heilen heißt.

DIE FURCHE: Das Verständnis der Gedichte wird auch dadurch erschwert, dass Celan manchmal Termini aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen verwendet. Wie ist diese doch sehr spezielle Vorliebe zustande gekommen?
Wiedemann: Diese Wissensgebiete beschäftigten ihn nicht nur als Wissensgebiete. Man muss sich klarmachen, dass Celan 28 Jahre alt war, als er nach Paris kam. Er will seine Muttersprache erweitern, sie soll nicht stehen bleiben – und das kann er unter anderem durch Lektüre erreichen. Celan liest die Wissenschaftsseiten in den Zeitungen oder Bücher, die er bei den Bouquinisten findet, deutschsprachige Bücher zur Geologie, zur Medizin, zur Astronomie usw. Und die Zitate in den Gedichten zeigen, dass er versteht, was die einzelnen Wörter bedeuten.

DIE FURCHE: In seinen letzten Jahren litt Celan trotz wachsender Anerkennung seines poetischen Werks unter schweren Depressionen. Aber er konnte noch differenziert auf seine Gesprächspartner eingehen. Wie äußerte sich diese Ambivalenz?
Wiedemann: Die Briefe zeigen auch, wie unterschiedlich er in ein und derselben Zeit reagieren kann. Anfang 1965 etwa geht es ihm psychisch wirklich schlecht, und es gibt Briefe, wo er das deutlich ausspricht. Daneben gibt es aber auch einen Brief an Hans
Werner Richter, wo er mit ganz klarem Verstand sagt, dass und warum er sich in den Bundestagswahlkampf Westdeutschlands nicht einmischen kann. Oder einen Brief an den Exilrumänen Virgil Ierunca, in dem er ebenso klar sagt, was du so euphorisch über die rumänische Bukowina und deren Rückeroberung durch Rumänien nach der sowjetischen Besatzung sagst, das betrifft mein persönliches Schicksal: Dann waren nämlich erst die Deportationen möglich.

DIE FURCHE: Literaturwissenschaftler wie Klaus Reichert reduzierten Celans poetisches Werk auf „ein Schreiben für die Toten“, konkret für die Toten der Konzentrationslager. Findet das Ihre Zustimmung?
Wiedemann: Wenn Klaus Reichert in seinem Entwurf für den Ankündigungstext von „Atemwende“ davon spricht, dass diese Gedichte „für die Toten“ geschrieben sind – allen Ernstes, was soll das heißen? Dann wäre ja auch die Verwendung von Wörtern wie „Schläfenzange“, „Trabant“, „Blutbahn“, die etwa seine Mutter gar nicht kennen konnte, unverständlich. Er schreibt natürlich für die Lebenden, aber für diejenigen unter den Lebenden, die der Toten eingedenk bleiben wollen.

Celan - © Foto: Suhrkamp
© Foto: Suhrkamp
Buch

Die Gedichte

Von Paul Celan Neue komm. Gesamtausgabe
Hg. von Barbara Wiedemann
Suhrkamp 2020 1262 S., kart., € 35,–

Celan - © Foto: Suhrkamp
© Foto: Suhrkamp
Buch

„etwas ganz und gar Persönliches“

Briefe 1934–1970 Von Paul Celan
Hg. von Barbara Wiedemann
Suhrkamp 2020 1286 S.,
kart., € 80,20

Radiotipp

Engführung

Zum 100. Geburtstag von Paul Celan
Von Nikolaus Halmer 18. November,
19.05 Uhr, Ö1

Barbara Wiedemann

Barbara Wiedemann ist eine in Tübingen tätige Germanistin und Herausgeberin der Gesamtausgabe von Celans Gedichten und der Sammlung von Briefen von 1934–1970.

Barbara Wiedemann ist eine in Tübingen tätige Germanistin und Herausgeberin der Gesamtausgabe von Celans Gedichten und der Sammlung von Briefen von 1934–1970.

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!