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Paul Celan

Paul Celan Todesfuge - © Foto: picturedesk.com / ÖNB-Bildarchiv
Literatur

Über Paul Celans „Todesfuge“ sprechen

1945 1960 1980 2000 2020

Thomas Sparr hat mit seinem gut recherchierten, klugen und trotz des ernsten Stoffes auch unterhaltsamen Buch über die Hintergründe und Nachwirkungen von Paul Celans „Todesfuge“ eine Biografie des Gedichts wie des Autors vorgelegt.

1945 1960 1980 2000 2020

Thomas Sparr hat mit seinem gut recherchierten, klugen und trotz des ernsten Stoffes auch unterhaltsamen Buch über die Hintergründe und Nachwirkungen von Paul Celans „Todesfuge“ eine Biografie des Gedichts wie des Autors vorgelegt.

„Wahr ist aber auch, daß jedermann um die Nürnberger Gesetze wußte, daß alle sehen konnten, was heute vor 50 Jahren in Deutschland geschah, und daß die Deportationen in aller Öffentlichkeit vonstatten gingen. […] Adolf Arndt hat 20 Jahre nach Kriegsende in diesem Haus den Satz gesprochen: ‚Das Wesentliche wurde gewußt.‘“ So sprach der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger in seiner Rede bei einer Gedenkveranstaltung des deutschen Bundestags anlässlich des 50. Jahrestags der Novemberpogrome. Die auch 1988 noch unbequeme Rede führte dazu, dass der Redner am nächsten Tag zurücktrat – laut Thomas Sparr ein „Rücktritt aus rhetorischen Gründen“. Jenninger wurde vorgeworfen, dass er sich sprachlich nicht deutlich genug von referiertem nationalsozialistischem Gedankengut distanziert habe.

Was hat dies mit der „Todesfuge“ von Paul Celan zu tun, die das erste Mal 1947 in rumänischer Übersetzung erschien, das erste Mal auf Deutsch 1948? Sehr viel, lernt man aus Sparrs „Todesfuge. Biographie eines Gedichts“. Nicht nur das, dass bei derselben Gedenksitzung Ida Ehre das berühmteste Gedicht Celans vortrug.

Diese Episode ist nur eine von vielen, die in Sparrs ausgiebig recherchiertem Buch eine facetten- und spannungsreiche Erzählung bilden. Als gliederndes Element dienen dabei Orte (mit jeweiliger Jahreszahl), die Stationen in Celans Leben oder der Biografie der „Todesfuge“ markieren, etwa Czernowitz 1944, Bukarest 1945, Wien 1947, Paris 1948, Niendorf 1952, New York 1955, Moskau 1967, Ostberlin 1986, Bonn 1988. Zum einen schlagen sich in der „Todesfuge“ Celans Erfahrungen nieder („Was während der Kriegsjahre das Leben eines Juden war, brauche ich nicht zu erwähnen“, schreibt Celan 1949), zum anderen hatten die Reaktionen auf sein Gedicht große Bedeutung für sein weiteres Leben. So legt Sparr letztlich eine Biografie von Gedicht und Autor vor.

Selbstverständlich tauchen darin nicht nur Orte und Texte, sondern auch Menschen auf: Celans Jugendfreunde Gustav Chomed und Erich Einhorn, die beide durch den Eintritt in die Rote Armee der Verfolgung entgingen; sein Förderer Alfred Margul-Sperber, dessen Frau Jetty den Künstlernamen Celan vorgeschlagen haben soll; befreundete Kollegen, wie Marie Luise Kaschnitz oder Milo Dor; Celans Geliebte, wie Brigitta Eisenreich, aus deren bemerkenswerten Erinnerungen Sparr ausgiebig zitiert; Ingeborg Bachmann; seine Frau Gisèle Celan-Lestrange. Auch Menschen, die Celan vermutlich nie persönlich kennengelernt haben, wie die schon erwähnte Schauspielerin und Theaterleiterin Ida Ehre, der ungarische Schriftsteller Imre Kertész oder der Maler Anselm Kiefer. Hinter jedem Namen steht eine spannende Geschichte, in die wir im Buch eintauchen können.

Plagiatsvorwürfe

Sparr führt viele Beispiele dafür an, dass Elemente, die wir in der „Todesfuge“ vorfinden, in der Schicksalsgemeinschaft der Juden der „Ostgebiete“ gewissermaßen ‚in der Luft‘ lagen. So verwundert es nicht, dass sich viele Texte anderer Autoren (zum Beispiel Moses Rosenkranz oder Alfred Kittner) nennen lassen, die einige Ähnlichkeiten mit der „Todesfuge“ aufweisen. Wenn von der „Todesfuge“ die Rede ist, kommt man immer wieder auf das Gedicht „ER“ von Immanuel Weissglas zu sprechen, das erst im Februar 1970 in Bukarest erschien und mehr als nur „einige Ähnlichkeiten“ hat. Das Schaufeln von Gräbern in die Luft / in die Wolken, das Spielen mit den Schlangen im Haus, die Charakterisierung des Todes als deutscher Meister beziehungsweise Meister aus Deutschland, Margaretes / Gretchens Haar, das Geigenspiel / ‚Fiedeln‘: Die beiden Gedichte haben so viel gemeinsam, dass zwei Jahre nach dessen Erscheinen Weissglas’ „ER“ als, um es neutral zu formulieren, Quelle für die „Todesfuge“ charakterisiert wurde. Später wurde gar gemutmaßt, Celans Suizid im April 1970 habe etwas mit der Veröffentlichung von „ER“ zu tun gehabt.

Indes findet Sparr, der zu dieser Frage anscheinend alles recherchiert hat, was momentan zu finden ist, und dankenswerterweise auch Genaueres zu den Erfahrungen von Weissglas und dessen Familie im Krieg zu berichten weiß, keinen Beleg dafür, dass Weissglas’ Gedicht früher entstanden sei. Er vermutet, dass der Plagiatsverdacht hier mit geschichtsrevisionistischen Tendenzen zusammenhänge (Ähnliches schreiben er und andere über die sogenannte „Goll-Affäre“), indem man nämlich mit der „Todesfuge“ auch noch der „Erfahrung, von der sie zeugt“ die „Echtheit“ abspreche. Natürlich würde aber die Verschiebung der Erfahrung – die ja ohnehin von Anfang an in hohem Maße als Kollektiverfahrung zu verstehen war – von Celan zu Weissglas sie an sich nicht entwerten.