#

Paul Celan

DISKURS

Paul Celan: "Lies, das spüre ich dann!"

1945 1960 1980 2000 2020

"Du weißt, was meine Gedichte sind - lies sie, das spüre ich dann!", schrieb Paul Celan in seinem letzten Brief am 12. April 1970 an die geliebte letzte Freundin Ilana Shmueli.

1945 1960 1980 2000 2020

"Du weißt, was meine Gedichte sind - lies sie, das spüre ich dann!", schrieb Paul Celan in seinem letzten Brief am 12. April 1970 an die geliebte letzte Freundin Ilana Shmueli.

Auch so kann man sich schön langsam eines unbequemen Dichters entledigen: Man lässt, wie die meisten Feuilletons zum neunzigsten Geburtstag, die steten Tropfen der ewig gleichen Klischees fallen: Paul Celan, der "Dichter der Todesfuge", der "von Tod und Liebe Besessene", der "ewig Rätselhafte", der "Schöpfer dunkler verschlüsselter Texte". Oder man tut das Gegenteil und analysiert und deutet ihn "zu Tode".

In einem fiktiven Celan-Monolog ("Schwerer werden") lässt die Schriftstellerin und Theologin Lydia Koelle den Dichter zum Sohn - und damit eigentlich zur Nachwelt - sagen: "Ich bin der, den du nicht kennst. Ich bin der, den du nicht willst. Stattdessen: Armadas von Gelehrten und Pseudocelanesen nähren sich von mir. Wetzen ihre Maulwerkzeuge gegeneinander."

Das ablaufende Dezennium war übervoll mit spektakulären Veröffentlichungen, zuerst die überaus wertvolle und exzellent kommentierte Gesamtausgabe der Gedichte, dann die Prosa aus dem Nachlass. Endlich die Korrespondenzen mit den wichtigste Frauengestalten in Celans Leben: mit der Ehefrau Gisèle Celan-Lestrange und mit der großen Geliebten Ingeborg Bachmann.

Auch so kann man sich schön langsam eines unbequemen Dichters entledigen: Man lässt, wie die meisten Feuilletons zum neunzigsten Geburtstag, die steten Tropfen der ewig gleichen Klischees fallen: Paul Celan, der "Dichter der Todesfuge", der "von Tod und Liebe Besessene", der "ewig Rätselhafte", der "Schöpfer dunkler verschlüsselter Texte". Oder man tut das Gegenteil und analysiert und deutet ihn "zu Tode".

In einem fiktiven Celan-Monolog ("Schwerer werden") lässt die Schriftstellerin und Theologin Lydia Koelle den Dichter zum Sohn - und damit eigentlich zur Nachwelt - sagen: "Ich bin der, den du nicht kennst. Ich bin der, den du nicht willst. Stattdessen: Armadas von Gelehrten und Pseudocelanesen nähren sich von mir. Wetzen ihre Maulwerkzeuge gegeneinander."

Das ablaufende Dezennium war übervoll mit spektakulären Veröffentlichungen, zuerst die überaus wertvolle und exzellent kommentierte Gesamtausgabe der Gedichte, dann die Prosa aus dem Nachlass. Endlich die Korrespondenzen mit den wichtigste Frauengestalten in Celans Leben: mit der Ehefrau Gisèle Celan-Lestrange und mit der großen Geliebten Ingeborg Bachmann.

Paul Celan ist Jude und bleibt es. Paul Celan ist Emigrant und bleibt es. Paul Celan ist ein deutschsprachiger Dichter.

Dazu der Briefwechsel mit der Czernowitzer Jugendfreundin Ilana Shmueli, jener Liebeserfahrung bei Celans Israelbesuch 1969 und dann inmitten der bedrückenden Szenerie der letzten Lebensmonate des Dichters. Nachgereicht schließlich in diesem Frühjahr das Outing der bislang in keiner Biografie aufgetauchten langjährigen Geliebten Brigitta Eisenreich mit den demütigenden Pariser Liebes-Versteckspielen ("Celans Kreidestern").

Eisige, schneidende, klare Luft der Gedichte

Wenn Sperrfristen gefallen und alle Hemmschwellen abgetreten und eingeebnet sind, apern Erinnerungen ans Licht. Reste von leuchtenden Sternstunden, Narben von schmerzhaften und oft banalen Verwundungen. Das meiste bleibt aber diesseits des eisig verschlossenen Geländes der Gedichte. Selten wird damit eine verständnisrettende Spur zu ihnen gebahnt. Dafür haben wir schonungslos vor Augen: die schwere psychische Erkrankung, die wiederholten Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, die Elektroschocks, die Selbstmordversuche, die Gewaltattacken auf seine Frau.

Im Kopf des Lesers entstehen Bilder von einer zu Tode gequälten Kreatur, wie sie vom Maler Francis Bacon stammen könnten: So liegt der Dichter "zerheilt" auf dem mit einer nackten Glühbirne beleuchteten Seziertisch. Ob die Gedichte durch zu viel Wissen zu pathologischen Chiffren abgewertet werden oder ob biografische Einblicke erst jene schier bodenlose Tiefe ausloten? Empfohlen sei, sich nicht mit der Schlüssellochperspektive der Briefliteratur zu begnügen. Und: man verlasse die interpretationssüchtige Sekundärliteratur und kehre zurück in die eisige und schneidende, aber wenigstens klare Luft der Gedichte selbst.

Dass Celans Gedichte schwer verständlich sind, darf nicht leichtfertig abgetan werden. Bereits 1949 verrät ein Aphorismus (veröffentlicht in der Schweizer Zeitschrift Die Tat) Celans Lebensgefühl: "Beuge dich vor der Übermacht, aber sprich als Gefangener eine unverständliche Sprache." Diese Verweigerung steht in merkwürdigem Gegensatz zu vielzitierten späteren Beschwörungen Celans, in denen er das Gedicht in das "Geheimnis der Begegnung" mit dem überlebensnotwendigen Du stellte.

Wenn Sperrfristen gefallen und alle Hemmschwellen eingeebnet sind, apern Erinnerungen ans Licht. Reste von leuchtenden Sternstunden, Narben von schmerzhaften Verwundungen.

Wer liest sie denn wirklich, die späten - und nicht wie "Psalm" oder "Mandorla" lesebuchkanonisierten - Gedichte? Und: was tun, um zu "verstehen"? "Lesen", empfahl Celan selber, sooft er nur konnte, "immer wieder lesen!" Das Primäre wieder gewinnen aus der Unüberschaubarkeit und recht häufigen Unverdaulichkeit des Sekundären. Erkennen, wie sehr Celans Gedichte unserer Zeit angehören - und nicht, wie manche meinen wollen, bereits von gestern sind. Erkennen, dass das, wovor sie in ihrer eindeutigen Vieldeutigkeit tiefinnerst warnen, nur allzu rasch wieder "von morgen" sein könnte. Celan lesen: das heißt, jene Stimmen nicht verstummen zu lassen, die den Opfern des Ungeists in der würdigsten, wenn auch kompromisslosesten Weise ein Mahnmal der Worte errichtet haben. Übrigens: Celan verwendete nie die Worte "Shoah" oder "Holocaust", er sprach nur "von dem, was war".

"Drastische Schuld des Verschonten"

Die Melodie von Paul Celans Leben und Dichten war das Ostinato der "Todesfuge". Er konnte das Attribut "Dichter der Todesfuge" nicht abschütteln. Selbst dann nicht, als er forderte, dieses "lesebuchreif-gedroschene" Gedicht müsse aus dem inflationären Vertrieb genommen werden. Dennoch bleibt die "Todesfuge" die gültige Widerlegung von Adornos apodiktischer Feststellung, "nach Auschwitz" Gedichte zu schreiben wäre "barbarisch".

Es scheint erwiesen, dass Celans schwer gelebtes Dasein zusätzlich vergiftet war durch den infamen Plagiatsvorwurf von Claire Goll. Er, Celan, habe ihren Mann, den deutsch-französischen Lyriker Yvan Goll, literarisch bestohlen - unter anderem um die Metapher der "schwarzen Milch" in dem Gedicht "Todesfuge". Bald hatte man auch bei anderen Dichtern der Bukowina Anklänge an dieses Bild gefunden. Die daran anschließende und teilweise genüsslich und diffamierend geführte Debatte im Deutschland der frühen sechziger Jahre war flankiert von einem bösartig-versteckten Antisemitismus.

Sie hat in Celans Existenz als Dichter und als Jude eine Wunde auf das Schmerzhafteste wieder aufgerissen: die "drastische Schuld des Verschonten" (Adorno). Seit dem Winter 1942/43 ist diese Schuld Celans Leben und jeder seiner Gedichtzeilen eingeschrieben. Damals sind Vater und Mutter im von Deutschen befehligten Lager Michailowka östlich des Bug ermordet worden. Man ist sich heute weitgehend einig, dass die nachfolgende jahrelange Debatte voll "giftiger Dämpfe von Denunziation, Fama und Verdacht" als Mit-Ursache von Celans psychischer Erkrankung anzusehen ist, bis hin zu seinem Freitod im April 1970.

Die "schwarze Milch" der Synagoge

Als die "Todesfuge" entstanden war, 1945, wurde Anselm Kiefer, einer der wichtigsten deutschen Maler der Gegenwart, gerade geboren. Mit einer Werkreihe großformatiger Bilder setzt er sich 1980/90 mit den beiden Frauengestalten der "Todesfuge" auseinander: mit dem deutschen Mädchen Margarete ("? dein goldenes Haar ?") und der jüdischen Braut Sulamith aus dem Hohelied ("? dein aschenes Haar Sulamith ?"). Kiefer verweist damit darauf, dass es schreckliche Folgen hatte, dass im Mittelalter der Kirche, dargestellt als siegreich strahlende "Ecclesia", die verhüllte Personifizierung des Judentums in der "Synagoga" gegenübergestellt wurde. Die Diffamierung erreicht ihren Höhepunkt, als Bruno von Segni, Bischof und päpstlicher Berater im 11. Jahrhundert, in seiner Auslegung des Hoheliedes der "weißen Milch" der Mutter Kirche die "schwarze Milch" ("lac nigrum") aus den Brüsten der Synagoge gegenüberstellt.

Es wäre vermessen, wollte sich Wien, wollte sich Österreich mit Celan schmücken; die Herkunft aus dem entlegensten Winkel der ehemaligen Habsburgermonarchie und die wenigen Monate in Wien 1947/48 reichen nicht aus dazu. Denn als Hoffnungsschimmer war Wien schnell erloschen. Paul Celan ist Jude und bleibt es. Paul Celan ist Emigrant und bleibt es. Paul Celan ist ein deutschsprachiger Dichter.

Auch wenn auf dem Orientierungsplan des Pariser Friedhofs Thiais "Paul Antschel dit Paul Celan, poète autrichien" - also österreichischer Dichter - zu lesen ist. In der Erzählung "Drei Wege zum See" (1972) von Ingeborg Bachmann ist das Vorbild für die Zentralfigur namens Trotta niemand anderer als Paul Celan. Die Autorin lässt ihn sagen: "Ich habe herausgefunden, dass ich nirgends mehr hingehöre, mich nirgends hin sehne, aber einmal hab ich gedacht, ich hätte ein Herz und ich gehöre nach Österreich."

"Celan war vielfach gespalten", schreibt Ilana Shmueli aus der Nahsicht der letzten Lebensmonate des Dichters, "das jüdische Vermächtnis des Vaters und der Mutter 'deutscher' Reim, die chassidischen Geschichten, das Kinderhebräisch, Rumänien, der Drang nach dem Westen und seine tiefe Sehnsucht nach dem Osten ?". Mitteleuropäischer kann keiner sein.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau