Bücherregal - © Foto: iStock / olaser
Literatur

Literatur mit Dauer

1945 1960 1980 2000 2020

Manche Bücher verschwinden schnell, manche reichen über ihre Zeit hinaus.  Plädoyer für das Wiederlesen von Werken aus der Vergangenheit.

1945 1960 1980 2000 2020

Manche Bücher verschwinden schnell, manche reichen über ihre Zeit hinaus.  Plädoyer für das Wiederlesen von Werken aus der Vergangenheit.

Der größte Teil der Bücher, der erscheint, verschwindet: zuerst aus den Regalen der Buchhandlungen, dann aus der Wahrnehmung der Leserschaft, zuletzt aus dem Gedächtnis. Dann sieht die literarische Welt so aus, als hätte es sie nie gegeben.

Der größte Teil der Bücher, der erscheint, verschwindet: zuerst aus den Regalen der Buchhandlungen, dann aus der Wahrnehmung der Leserschaft, zuletzt aus dem Gedächtnis. Dann sieht die literarische Welt so aus, als hätte es sie nie gegeben.

Das mag bedauerlich für die Verfasser sein, die hofften, einen Beitrag zur Durchdringung unserer Welt, vielleicht auch nur zur kurzweiligen Abkehr von den Mühen des Alltags, zu leisten. Wenn sie Glück haben, treffen sie den wunden Punkt einer Zeit, entfalten Wirkung für einen kurzen historischen Moment, und etwas später ist man auf solche Handreichungen, die als überholt gelten, nicht mehr angewiesen. Dann tauchen sie bisweilen in Seminaren an Universitäten auf, um die Stimmungslage zu einer bestimmten Zeit in einem kulturellen Umfeld zu illustrieren. Solche Bücher sind ein Fall für Spezialisten, die ja Texte kennen sollten, von denen sonst keiner spricht.

Bücher haben ihre Zeit, dass sie darüber hinaus reichen, ist die Ausnahme. Besonders schlimm hat es Johann Georg Kohl erwischt, der 1833 mit großen Erwartungen im Selbstverlag seine Sprachstudien unter dem Titel „Deutschen Mundes Laute“ herausgab und kein einziges Exemplar verkaufen konnte. Ein Buch, das überhaupt nicht wahrgenommen wird, existiert gar nicht. Eigentlich darf man in diesem Fall doch von einem Klassiker sprechen, von einem Klassiker des Scheiterns. Immerhin ließ sich Kohl nicht unterkriegen und machte sich danach mit Reisebüchern einen Namen.

Im Gespräch

Wie aber entstehen Klassiker, denen eigen ist, das Kurzzeitgedächtnis der Gesellschaft zu übersteigen? Klassiker nennen wir jene Bücher und deren Verfasser, die aus einer anderen Zeit kommen und die zu kennen zur selbstverständlichen Pflicht eines jeden gehört, dem Bildung etwas bedeutet. Sie sind abrufbar in einem Kanon, der eine Bestandsaufnahme des Überliefernswerten und Wichtigen darstellt. Welche Werke und Personen in den Kanon Eingang finden, hängt von der jeweiligen Gesellschaft und deren Traditionen ab. Wenn die BBC „Die privaten Memoiren und Bekenntnisse eines gerechtfertigten Sünders“ (1824) des Schotten James Hogg zu den hundert wichtigsten Romanen aus Großbritannien zählt, heißt das nicht, dass deutschsprachigen Lesern etwas entgeht, wenn sie das Buch übersehen.

Ein Kanon entsteht nicht nach demokratischen Grundsätzen. Kritiker, Wissen- schaftler, Verleger, Herausgeber, Intendanten, Regisseure entscheiden darüber, was von Belang ist und worauf verzichtet werden darf. Das setzt voraus, dass nicht der Unterhaltungswert oberste Priorität bekommt, sondern die Tiefe der Gedanken, die Kultiviertheit der Sprache, der Innovationswert der Form und die Intensität, mit der ein Werk die Leser in ihrem Innersten trifft.

Klassiker sind im Gespräch, und das stets aufs Neue. Sich mit ihnen zu beschäftigen, heißt, an kein Ende zu kommen. Bücher, die man gelesen hat und beiseite legt, weil man mit ihnen durch ist und sich keine weiteren Fragen stellen, haben nicht das Zeug zum Klassiker. Diese wühlen auf, sind ein ständiger Unruheherd. Sie fordern verschiedene Lesarten geradezu heraus. Deshalb werden sie in unterschiedlichen politischen Systemen anders wahrgenommen. Das befördert Literaturstreite, die ein Zeichen dafür sind, dass wir es mit Werken zu tun haben, mit denen noch keine Generation fertig geworden ist.

Auf die Bestseller-Listen hingegen kommt, was gefällt. Das Pendant Bestenliste entsteht aus Empfehlungen von Kritikern und Buchhändlern, hier finden sich Bücher, denen man möglichst viele Leser wünscht. Dass in der Qualität etwas nicht stimmen kann, wenn man Leser nach ihren Vorlieben befragt, zeigt ein Blick auf das Ranking der hundert wichtigsten Werke der Weltliteratur, das im Auftrag der BBC entstanden ist. Es führt J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“, während Salman Rushdie mit seinem monumentalen Roman „Mitternachtskinder“ abgeschlagen an hundertster Stelle liegt. An vierter Stelle finden wir „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams, und Stephen King (Platz 53) schlägt knapp Dostojewski (54).

Mahner und Gegenwelten

Ein Kanon ist kein für alle Zeit festgeschriebener Pool von Meisterwerken. Er bedarf der ständigen Überprüfung und Erneuerung, weil Werke, die vor einiger Zeit bedeutsam erschienen, unter veränderten gesellschaftlichen und politischen Veränderungen ihre Strahlkraft verloren haben. Andere Titel kommen dafür dazu, die lange ein Schlummerdasein führten und unverhofft eine Aktualität bekommen, mit der vorher kaum zu rechnen war.

In Kämpfen, die früher geführt wurden, erkennen wir die Kämpfe, die uns bevorstehen, wenn wir nicht aufpassen und mühsam errungene Fortschritte preisgeben. Klassiker sind Instanzen der Warnung und schärfen unseren Blick auf die Gegenwart, was ihnen deshalb so gut gelingt, weil sie ihre Einmischungsarbeit ins aktuelle Geschehen nicht aufdringlich betreiben. Klassiker sind nicht nur als Mahner zur Vorsicht einsetzbar, sie bilden auch Gegenwelten ab, utopische Vorstellungen von einer Welt, wie sie sein könnte, wenn die Menschen der Vernunft zugänglich wären.

Vor allem aber finden wir in den Werken der Toten all die großen Themen, um die keine Generation herumkommt, und die das Innerste in uns ansprechen. Liebe und Tod, Hass und Gewalt, Furcht und Zorn, Gier und Neid, Glück und Not und die Schwierigkeit, sich mit anderen in ein gedeihliches Einvernehmen zu setzen, werden durchgespielt auf eine Weise, dass wir nicht umhin kommen, uns durchschaut zu fühlen. Das ist gewiss nicht angenehm, aber welcher Klassiker, der diesen Namen verdient, will uns schon vormachen, dass alles in der besten Ordnung sei mit uns und der Welt, wie wir sie vorfinden und gestalten.

Dass Klassiker momentan hoch im Kurs stehen, zeigt ein Blick auf die Verlagsproduktionen. Sie werden gerne in aufwändigen, prachtvollen Editionen vorgestellt. Der Leser bekommt den Eindruck, dass er in Zeiten wachsender Unsicherheit etwas Beständiges zur Hand nehmen kann, dem Dauer beschieden ist. In vorzüglichen Ausgaben kommen Neuübersetzungen fremdsprachiger Autorinnen und Autoren heraus. Es altern Übersetzungen, aber nicht die Originale selbst. Der Hanser Verlag, der mareverlag, Suhrkamp, Rowohlt und Fischer kümmern sich darum, für wichtige Werke großer Namen wie Herman Melville, Boris Pasternak oder Gustave Flaubert neue Leser zu gewinnen.

Ein Kanon ist kein für alle Zeit festgeschriebener Pool von Meisterwerken. Er bedarf der ständigen Erneuerung.

Dazu kommen kleine Verlage wie Wieser oder Guggolz, ohne die wir überhaupt von weniger bekannten, doch hervorragenden Literaten keinen Begriff hätten. Ohne die langjährigen Bemühungen des Ersteren wäre uns ein so großartiges wie mit seinen 3000 Seiten gewaltiges Romanwerk „Die Fahnen“ des Kroaten Morislav Krleza vorenthalten geblieben. Und Sebastian Guggolz, der sagt, dass er ausschließlich Tote veröffentlicht, stellt uns Jahr für Jahr entlegene und bei uns kaum dem Namen nach bekannte Autoren und Autorinnen vor. Endlich auf sie aufmerksam geworden, reiben wir uns die Augen angesichts dessen, wofür sich offenbar vorher niemand interessieren wollte. Jetzt aber wissen wir, dass wir uns ein Leben ohne die Lektüre des Schotten Lewis Grassic Gibbon („Szenen aus Schottland“) oder des Finnen Frans Emil Sillanpää („Frommes Elend“) nur ungern vorstellen.

Die Zuneigung zu den großen Alten hat gewiss mit einem Unbehagen an der Gegenwartsliteratur zu tun, die tatsächlich, gemessen an bedeutenden Werken der Vergangenheit, oft recht bescheiden wirkt. Klassiker stehen für Solidität, das Risiko, mit der Wahl völlig daneben zu liegen, ist gering. Dafür dürfen sie in opulenter Aufmachung gerne etwas teurer sein.