6716787-1964_46_10.jpg
Digital In Arbeit

DER REIFE LESER

Der reife Leser — wer mag das wohl sein? Wir begegnen Ihm in Buchkritiken, die ihn anrufen und ihm diese oder jene Lektüre aufs angelegentlichste empfehlen. Anderswo begegnen wir ihm nie, und ich fürchte sehr, daß er eine Idealgestalt ist, die nirgends auf unserer Welt in Fleisch und Bein einherwandelt. Doch lebt er zweifellos auch in der Phantasie der Verleger und all der vielen, die Bücher schreiben und verlangen, daß ihre Bücher gelesen werden. Es wird von ihm erwartet, daß er ein neues Buch in der Auslage alsbald entdecke und unverzüglich kaufe. Und wenn er das Buch anderen wärmstens ans Herz legt (aber beileibe nicht verborgt) oder gar es neuerdings kauft, um es zu verschenken, hat er alles getan, ein Verlegerherz zu befriedigen. Der Verfasser des Buches ist freilich nicht so leicht zu gewinnen; er verlangt weit mehr vom reifen Leser. Sagen wir es rund heraus Er fordert geradezu Übermenschliches.

Ist es ein Roman und kriecht seine Exposition auf vielen Buchseiten nur im Schildkrötengang weiter, so hat der reife Leser dennoch die unwiderstehlich nahende Verwicklung und Spannung seherisch zu fühlen, und wo der Banause schon grollt, weil ihm die Zeit unnütz zu verstreichen scheint, hat er an Adalbert Stifter zu denken und die klassische Breite der Epik zu rühmen. Ist es aber endlich so weit, daß die Charaktere sich abzuzeichnen beginnen, so muß er die Gestalten, deren Leben sie bilden, leibhaftig schauen, ohne doch im geringsten, ahnen zu dürfen, wie,der Konflikt, in. den sie geraten, zuletzt, aušigehen wird. Er spIl alles fühlen, ąllęp wissen, soll die "feinsten Schwingungen mitempfinden, aber dennoch muß am Ende die Überraschung auch für ihn vollkommen sein. Aber das ist noch lange nicht genug. Der reife Leser hat auch Pfadfinder, Fährtensucher zu sein, er muß Entdeckergeist haben und Probleme aufspüren können, dort wo sie nicht sind. Erst durch ihn hat alle Welt, der Verfasser inbegriffen, zu erfahren, daß hier, in klüglich verborgener Weise, Fragen aufgeworfen und — für den Wissenden — beantwortet sind, die, von den Fluten der heutigen Zeit an den Strand unseres Denkens gespült, in der nächsten Ebbe unerbittlich wieder fortgeschwemmt würden, zurück in das große Chaos, hätte der geniale Schriftsteller sie nicht mit sicherer Hand ergriffen und, noch triefend, hoch emporgehoben ins Bewußtsein unser aller, aus dem sie hinfort nicht mehr wegzudenken seien.

Hat solcherart der reife Leser Proben einer ungewöhnlichen Begabung zu bieten — das ist wirklich nicht jedermanns Sache —, so gibt ihm der Autor doch auch Gelegenheit genug, seine ursprüngliche Naivität unverbogen walten zu lassen. Es ist sogar ein recht weites Feld, das ihm hier zur Verfügung steht: der gewaltige Raum unserer Muttersprache. Anfänglich bevorzugt der Autor zwar kurze, lapidare

Sätze, die seinen festen Entschluß kundtun, einen langen Roman zu schreiben. Bald aber treibt es ihn unwiderstehlich, mächtige Perioden aufzubauen, über die nun der reife Leser leicht und hemmungsfrei hinwegzugleiten weiß, in seiner Einfalt gleichwohl sicher, des verloren gegangenen Zeitworts am Ende doch noch habhaft zu werden und so dieses reizvolle Stilwunder mühelos zu verstehen. Ist ihm damit schon der Sinn für das charaktervoll Eigene in der Schreibe des Autors rege geworden, so begrüßt er hernach mit besonderer Freude den lyrischen Ruhepunkt, der sich ganz von selbst daraus ergibt, daß ein Übergang vonnöten schien und daher die Heldin entschlummern und träumen mußte. Ihr Traum ist nicht nur sehr lebendig und ungemein beziehungsreich, er erstreckt sich auch über mehr als drei Buchseiten und überzeugt den reifen Leser, daß hier eine dichterische Kraft am Werk ist, die des spröden Verses nicht bedarf, um Worte für das Unsagbare zu finden. Nun es dennoch gesagt ist, kommt die Handlung in rascheren Fluß und übt auch eine beschleunigende Wirkung auf das Gefälle des Stils. Wie neckische Wellen hüpfen die Relativsätze heran, aber der Kundige, der Reife errät allemal, von welchem Hauptwort sie sich so eigenwillig weit entfernt haben, ja er ist bei schwierigeren Deutungsversuchen dem Autor dankbar, daß er ihn durch so geistvolle List zwang, einen Satz noch ein drittesmal zu lesen: Denn jetzt erst entschälte sich ihm plötzlich der wahre Kern des Romans, vom Autor an un- Athene mit der Eule sei Dank — darum, um die Geister allein geht es nicht, sondern um den Geist! Die zweite Gefahr ist, daß der Bücherjäger zwar liest, aber nicht weil es gut, sondern weil es selten ist — auch hier will er Besitzer statt Werkführer sein. Der erste Jagdfrevler wird ein Har- pagon, der über ungenützten Schätzen kauert, der zweite stürzt sich ins Seltene, somit ins Exotische — und flieht also aus der Zeit, die doch ergriffen und gebunden sein will: an die Ewigkeit. Denn der Bücherjäger entreißt der Vergangenheit die wahre Gegenwart.

Und was ist das Ende dieses Kampfes gegen Bücher- und Wortstaub, dieser Entsetzensblicke in den Rachen der Zeit, dieser heimlichen und entzückten Rendezvous mit dem Geiste? — Wiederum ein Bücherhaufen. Er sieht genau so aus, allein er ist ein anderer. Eine hängende Weintraube, die sich alternd verjüngt, unerschöpflich nachwachsend jedem neuen Durste! Ein Phonogrammarchiv lebendiger Stimmen — ah, welch eine Menge Menschen stehen auf meinem Regal. Ich kenne sie, meine Erlesenen, ich spreche mit ihnen, ich liebe sie. Wie sollte ich ihnen nicht dankbar sein! Sie geben mir eine Welt, und damit auch diese hier — bis zu jedem Wellenschäumen, jedem Graseszittern, die ebenso augenblicklich und ewig sind wie jene starrgedruckten Worte. Dort stehen sie an der Wand und werden mich überdauern; vielleicht wieder auseinanderfliegen und auf den Karren gekauft werden von neuen Bücherjägern, die jetzt noch in den Windeln liegen „Lebt wohl, meine Freunde!“ rief der sterbende Puschkin mit einem Blick auf seine Bücher.

Copyright by Kösel-Verlag, München

kenntlicher Stelle geheim und fürsorglich geborgen. Viel kann dazu auch die zeitgerechte Verwendung eines Fremdworts helfen, das an Stelle des gleichbedeutenden deutschen Ausdrucks den Reichtum einer andern Sprache zur Geltung bringt und zugleich der unsrigen Glanz und Ansehen schafft. Man muß freilich schon ein vollreifer Leser sein, um auch hierin das sprachliche Können und Streben eines Schriftstellers nach Gebühr zu schätzen.

Um gleich bei einem Fremdwort zu bleiben: die Interpunktionen — sie sind eine Welt für sich. Hier folgt jeder Schriftsteller, der auf Ordnung hält, seinen augenblicklichen Impulsen, um sich nicht in die Irre des allgemein Gebräuchlichen zu verlieren. Anders ist es beim Leser, der viel Glauben, Hoffnung und Liebe erwecken muß, um seinem Autor, wie es sich geziemt, über Stock und Stein folgen zu können. Und nur hochgediehene Reife vermag die doch so selbstverständliche Pflicht zu erfüllen, hier einen Strichpunkt einzufügen, dort wieder einen Gedankenstrich zu übersehen und so dem ganzen Satz den Sinn zu geben, der dem Verfasser möglicherweise vorgeschwebt haben mag.

Bei alldem ist immer festzuhalten, daß der reife Leser seinem Gedächtnis nicht schrankenlos frönen darf, sondern daß er verpflichtet ist, es gebührend kurzzuhalten. Nur dann wirken nämlich einzelne Gedanken und ganze Situationen in dteif Uektüre mit richtiger, unmittelbarer Frische auf ihn eih( mag'er'auch dabei auf die Wiedersehensfreude verzichten müssen’, die anderėj'weniger Disziplinierte beim Lesen Oft so stürmisch überkommt.

Unendlich viel wäre noch anzumerken, aber wenn schon aus dem bisher Gesagten erhellt, wie schwer es der reife Leser auf Erden hat, so obliegt uns noch die Aufgabe, auf seine beiden wichtigsten Pflichten nachdrücklich hinzuweisen. Die eine erschöpft sich darin, daß er nach der Lektüre eines Buches — wohlgemerkt: jeden Buches — ungebeugt und mit festem Blick versichern muß, daß er es restlos, bis ins Allerletzte verstanden habe. Dazu gehört Charakter. Auf nähere Erklärungen braucht er sich nicht einzulassen, denn nach einem so mannhaften Wort umgibt ihn nichts als stumme Bewunderung. So kann er es sich furchtlos leisten, manches struppige, unwegsame Buch nur diagonal zu lesen. Besonders glücklich Veranlagte wählen zur Lektüre die ersten drei Seiten, einen kurzen Abschnitt aus der Mitte und dann wiederum die letzten drei Seiten und sind nun voll im Bilde. Übrigens umgürten gewissenhafte Verleger ein Buch gern mit einem schmalen Papierband, in der Sprache ihrer Wissenschaft „Bauchbinde“ genannt, und erleichtern so dem reifen Leser sein Amt sehr fühlbar; denn es wird ihm darauf in wenigen, aber geistsprühenden Sätzen, die der Autor selbst verfaßt hat, alles Wesentliche sozusagen franko ins Haus gestellt. Oft erledigt sich ihm dadurch sogar der Einblick in das Werk, und so verliert etwa der väterliche Rat des Kritikers, das ansprechende Büchlein in besinnlichen Stunden immer wieder gern zur Hand zu nehmen, für ihn alles Beklemmende.

Und nun die letzte, aber auch allerwichtigste Aufgabe: Sie gründet sich darauf, daß der Romanschreiber, wie es sich ja eigentlich von selbst versteht, ein Mann von wuchernder Phantasie ist, voll sinnlicher Wallungen. Wie könnte es anders sein; da doch die Liebe in allen ihren Abwandlungen das Leitmotiv aller seiner Werke ist, wobei sein gleichfalls stark entwickelter pädagogischer Sinn ihn dazu zwingt, den Austausch der Liebesgefühle in erfinderisch gewählten Worten von so greifbarer Plastik zu schildern, daß jugendliche Leser und Leserinnen geradezu einen schulgerechten Leitfaden der Erlebenslehre vor Augen zu haben meinen. Nur zu leicht geschieht es dann, daß ältere Personen in ihrer Saftlosigkeit und Seelendürre die reinen Absichten des Schriftstellers mißdeuten und sein Werk mit nörgelnden Worten herabzuwürdigen suchen. Hier setzt nun die Korrektur durch den reifen Leser ein. Er weiß und bezeugt, daß der Autor kraft seines künstlerischen Tpiebs im Wellenschlag seines lodernden Temperaments nicht anders formen konnte, als er es getan, daß er mit suchender Seele und nur im harten Ringen um das rechte, das letzte Wort den wahrhaft erlösenden Ausdruck fand. So und nicht anders mußte er schreiben, wenn er der höchsten Forderung, die er allezeit an sich stellt, gerecht werden und sich selbst treu bleiben wollte. Wer möchte es alsdann noch wagen, einem redlich und unverdrossen Schaffenden, einem, der schafft, weil er schaffen muß, Steine in den üppig blühenden Rosengarten seiner Phantasie zu werfen?

Genug davon. Wir sehen — der reife Leser hat Aufgaben, die weit gespannt sind, die Urteil, Vielseitigkeit, Gerechtigkeit und Wendigkeit erfordern. Er ist der ideale Leser. Gäbe es nur ihn, ja gäbe es ihn überhaupt, wo stünden wir im Bereich der schönen Literatur, wo stünden wir schon längst! Du aber, Leser, der du mir bis hieher gefolgt bist, fühlst du dich reif ?

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau