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Lob des Buches

Liebt ihr das Buch? Die Frage muß ich sn den Anfang stellen, denn nur an solche, die das tun, ist die Rede gerichtet. Andere würden sie vielleicht als töricht, sicher aber als überflüssig empfinden.

Doch wollen wir nichts int Ungefähre gehen lassen; so müssen wir uns noch genauer darüber verständigen, was das Wort „Heben*' hier, meint. Nicht nur, daß einer gern im Buche Vergnügen oder Zerstreuung sucht. Auch nicht, daß es ihm eine unentbehrliche Quelle der Erkenntnis ist, oder eine Schatzkammer, aus welcher ihm Tiefsinn und Schönheit entgegenleuchten. Das alles wäre schon Liebe, und keine geringe. Doch würde sie sozusagen durch das Buch hindurchgehen. Wie sie hier gemeint ist, richtet die Liebe sich aber auf das Buch leibst und als solches.

Wer dieses liebt, nimmt das Ding, £as so heißt, auf Papier gedruckt und in Leinwand oder Leder oder Pergament gebunden, mit dem Gefühl einer stillen Vertrautheit in die Hand. Er empfindet es wie ein Geschöpf, das man in Ehren hält und pflegt und an dessen Leibhaftigkeit man (ich freut. Es ist ihm nicht nur Mittel zu einem Zweck, und sei es der geistigste, sondern etwas, was in sich rund und voll ist, von vielerlei Bedeutung gesättigt und fähig, reich zu spenden.

Diesen wahren Liebhaber des Büches erkennt man schon an der Weise, wie er et aus dem Regal nimmt und aufschlägt, in ihm blättert und es wieder zurückstellt. Anderseits meine ich aber doch nicht den bloßen Bibliophilen, der das Buch nur als ästhetisches Gebilde oder als einen Gegenstand sammlerischer Leidenschaft ansieht. Der bleibt im Äußeren stecken — obwohl mir ein solcher doch noch lieber ist als jener, der das Buch als bloßes Mittel zum Zweck nimmt und bei dem man ein ähnliches Gefühl hat, wie wenn ein Mensch mit Tieren nur unter dem Gesichtspunkt umgeht, daß er sie wissenschaftlich studieren oder praktisch verwerten kann.

Was ich meine, kann man auch noch anders sagen: Liebe zum Buch hat jener, der abends in seinem Zimmer sitzt, und es ist still geworden — vorausgesetzt freilich, daß es um ihn, den Glücklichen, wifklrch still wird.i —, und auf einmal sind ihm die Bücher im Zimmer wie lebendige Wesen. In seltsamer Weise lebendig. Kleine Dinge und doch erfüllt von Welt. Ohne Regung und Laut dastehend, und doch bereit, jeden Augenblick die Seiten zu öffnen und ein Zwiegespräch zu beginnen: stark oder zart, voll Freude oder Trauer, von Vergangenheit erzählend, in die Zukunft weisend oder Ewigkeit rufend, und um so weniger zu erschöpfen, je mehr der zu schöpfen vermag, der zu ihnen kommt.

Ist euch, meine Freunde, schon einmal zu Bewußtsein gekommen, welch wunderbares Gebilde menschlichen Schaffens ein solches Buch ist? Dabei denke ich noch gar nicht an das, was es geistig enthält: das Werk des Dichters, oder die Darstellung des Geschichtsschreibers, oder die Gedankenwelt des Philosophen — sondern, wie schon gesagt, an das leibhaftige Ding, das einem in der Hand liegt und eben „das Buch“ heißt.

Denkt an das Papier, aus Stoffen gemacht, die zunächst ganz anders aussehen: Geweberesten, Pflanzenfasern oder was sonst. Mir ist es immer unbegreiflich erschienen, wie aus solch verworrenem Zeug das Papier werden kann: dieser reine Zusammenhang; entweder glatt, daß man gern mit der Hand darüberstreicht; oder körnig, voll lebendiger Unregelmäßigkeit; oder von einer feinen Rauheit, vornehm bestrebt, durch nichts aufzufallen. Wie wunderbar ist die Fläche solchen Papiers: klarer Fortgang nach allen Seiten, helle Offenheit, freundlich bereit, die von Bedeutung gesättigten Figuren der Schrift aufzunehmen!

Oder denkt an die Schrift. Nehmt sie nur eben als der Flächt eingeprägte Formen. Jeder Buchstabe ist ja doch eine kleine, wohlausgewogene Figur. Es gibt auch schlechte Schriften; sobald eine aber edel ist, sieht man, wie jeder Buchstabe in sich ruht. Für uns Lesegewohnte ist er abstrakt geworden; ein bloßes Verständigungszeichen. Man fühlt es aber seiner charaktervollen Form an, daß er ursprünglich mehr war: ein aufs äußerste vereinfachtes Bild, welches ein Ding nachschrieb. Ia, daß er geheimnisvolle Bedeutung hatte; eine magische Figur war, welche Wesenheiten aufrief und Mächte band. Das alles schwingt noch durch die Zeichen hindurch — um uns dessen bewußt zu werden, brauchen wir nur eine schöne Schrift mit den künstlichen Haken und Schleifen der Stenographie zu vergleichen.

Jede dieser kleinen, in sich ruhenden Gestalten steht aber zugleich in feiner Bewegung zu den anderen hin; in einer Geneigtheit, sich mit ihnen zu verknüpfen. Sie sind gleichsam Atome der Figürlichkeit,bereit, in größere Verbände einzugehen, und aus dieser Knüpfung entsteht das Wort. Wieder ein Gebilde, das man mit Beruhigung als Einheit empfindet. Darin besteht ja die Kunst des Schriftmeisters, die Buchstaben so zu formen, daß jeder von ihnen mit jedem in den Verband des Wortes treten kann — natürlich innerhalb der Regeln der betreffenden Sprache, die ja sehr verschieden sind; denken wir etwa an die vom Deutschen im Unterschied zu den romanischen Sprachen geforderten Konsonantenhäufungen. Aber nicht nur das: im Zusammenhang des Wortes gelangt der Buchstabe überhaupt erst zu seiner ganzen Formkraft. In jeder neuen Wortgestalt, und das heißt, in der Nachbarschaft zu diesem oder jenem anderen Buchstaben; im Gefüge eines kurzen oder langen, aus diesen oder anderen Lautzeichen bestehenden Wortes gewinnt er immer andere Werte des Ausdrucks.

Das Wort seinerseits verbindet sich mit anderen Wörtern, kleinen und großen, wenigen oder vielen, zum Satz. Diese Sätze schließen sich zu Satzgefügen zusammen, bis schließlich die Seite, der Spiegel wird. Und wenn der Setzer sein Handwerk verstanden hat, dann steht da auf dem hellen Grunde das eigentümliche, schwarze Bild: scharf und fein, unverrückbar und doch voll Leben, gegliedert und fest geschlossen.

Und nun müßten unsere Gedanken einen neuen Schritt tun: Wir müßten fragen, was das Buch im Zusammenhang des menschlichen Lebens bedeutet. Ich brauche nicht zu sagen, daß wir dazu keine Möglichkeit, haben, weil es uns in die Fülle der Geschichte führen würde. Nur einige Hinweise sollen unsere Erwägungen schließen.

Man müßte zum Beispiel vom Buche sprechen, in welchem die Geschichte eines Volkes aufgezeichnet ist. Und zwar meine ich die Aufzeichnung nicht nur als Erinnerung eines einzelnen oder als Werk der historischen Forschung, sondern in einem Sinn, der selbst geschichtsmächtig ist, etwas Stiftendes, Formendes und Erhaltendes in sich hat. Denken wir etwa an die Szene, die uns im Alten Testament, im Buche Esther, begegnet: „Da in der folgenden Nacht der König nicht schlafen konnte, ließ er sich das Büch der Denkwürdigkeiten, die Reichschronik, holen; aus dieser wurde ihm dann vorgelesen. Da fand sich darin verzeichnet“, daß Mardochai, Esthers Pflegevater, dem König das Leben gerettet, dafür aber keinen Lohn empfangen hatte, und von nun an wendet sich sein und seines ganzen Volkes Geschick (6, 1 ff.). Hier bewahrt also das Buch auf, was dem Berichterstatter für das Leben des Reiches bedeutungsvoll scheint. Es wird für die Späteren, den Herrscher wie das Volk, zu einer Quelle der Weisheit und zur Wegweisung rechten Tuns.

Oder denken wir an das Buch, das die geltende Rechtsordnung zusammenfaßt, das Gesetzbuch. Es bedeutet nicht nur die Sammlung der in Kraft befindlichen Gesetze, sondern repräsentiert die Ordnung selbst.

Bis wir endlich zum „Buch“ einfachhin kommen, der Bibel. Sie ist die Sammlung der heiligen Schriften, der „biblia“; die Aufzeichnung, aus welcher die Offenbarung als Wort Gottes immer neu zum Menschen redet. Zu jedem Menschen, denn sie ist wohl zu bestimmten Zeiten geschrieben, kommt aber aus der Ewigkeit und ist von dorther jeder Stunde gleichzeitig.

Darüber, was dieses Buch im Leben des Menschen bedeuten kann; nicht nur in seinen einzelnen Inhalten, sondern als Ganzes, als Kanon der heiligen Worte; als Band, den man im Haus hat und bei sich trägt, zur Hand nimmt und aufschlägt — richtiger gesagt, der bei einem ist, leibhaftig gegenwärtig und geheimnisvoll enthoben zugleich; in der jeweiligen Stunde des Lebens anwesend und in sie hineinsprechend, wenn sie bereit ist, sein Sprechen aufzunehmen — darüber wäre viel zu sagen. Ich möchte aber nur ein Geschehnis berichten, von dem ich seinerzeit erfahren habe. In einer der großen Schlachten des letzten Krieges befand sich eine Abteilung in verlorener Situation. Der Feldgeistliche war dabei und, fühlend, daß er nichts zu sagen habe, was in dieser Stunde angenommen werden könne, zog er sein Neues Testament aus der Tasche, zerriß es und gab jedem der Männer ein Blatt.

Vor dem Buche stehen wir also vor einer Urgestalt. In ihm faßt sich das Dasein zusammen.

Seine Fruchtbarkeit, aber auch seine Gefahr. Denn wenn das Buch uns beschenken, uns trösten und stärken kann — wie tief kann es auch beunruhigen, irreführen und zerstören! Dabei aber wollen wir nicht verweilen, denn es war ja unsere Absicht, das Lob des Buches zu sprechen, und nicht, es anzuklagen.

(Aus dem gleichnamigen Buch des Verfassers, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz)

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