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Schreiben und Lesen

Erntezeit am Buchmarkt : Von Mitte Oktober bis Ende November finden die österreichischen Buchwochen statt: Gelegenheit zur Verkostung literarischer Schmankerln. Von 12.-17. November steht das Wiener Rathaus im Zeichen des Buches - ein Anlass, sich dem Schreiben und Lesen zu widmen. Literarische Neuerscheinungen vor allem aus Österreich werden vorgestellt, darunter Bücher von Gerhard Roth, Lydia Mischkulnig, Erich Hackl und Evelyn Schlag. Redaktionelle Gestaltung: Brigitte Schwens-Harrant

Bücher, Bücher, Bücher. Ihr Anblick verschafft den Leseratten glänzende Augen, den Wölfen allerdings, die sich am Markt behaupten müssen, das große Heulen.

Die harten Fakten - in den letzten Wochen rund um die Frankfurter Buchmesse zur Genüge aufgezählt und von allen Seiten beleuchtet - scheinen Anlass zu Kulturpessimismus zu geben: geschlossene Buchhandlungen, geschluckte Verlage, verminderte Produktionen, verringerte Förderungen. Und das alles noch angesichts und im Umfeld der für Deutschland so erschütternden Ergebnisse der Pisa-Studie: Kinder und Jugendliche können nicht mehr lesen.

Zahlen und Fakten, die Anlass geben, Trübsal zu blasen und mit den Wölfen zu heulen. Zahlen und Fakten, die sich auch auswirken auf die Themen der Literatur. Wovon soll man schreiben, wenn nicht von den eigenen Erlebnissen. Die Ware Buch, die Schwierigkeit, sie am Markt zu platzieren, ihr Öffentlichkeit zu geben und damit Leser, die Schriftstellerei als Beruf, mit dem sich auch Geld verdienen lassen sollte ...: es scheint, als würden zur Zeit besonders viele Bücher zu gerade diesen Themen veröffentlicht werden. Wichtiger als die inspiriert Schreibenden werden die Agenten und Lektoren, wichtiger als der geniale Einfall und die künstlerische Schaffenskraft die geniale Selbstvermarktung und künstlerische Selbstinszenierung.

Selbstinszenierung

Dem erfolglosen Schriftsteller und Ich-Erzähler Albert Rusch im Roman "Der Königsmacher", einer Satire auf Kulturbetrieb und Medienlandschaft von Friedrich Christian Delius, fiel die Entdeckung quasi in den Schoß, ein Nachfahre vom preußischen Königshaus zu sein. Die Familiengeschichte hat alle Ingredienzien, bei entsprechender Darstellung ein Bestseller zu werden. Rusch beginnt nicht nur seine Geschichte zu skizzieren, sondern vor allem sich selbst wirkungsvoll zu inszenieren. Nicht die schriftstellerische Leistung ist es, die Albert Rusch schließlich berühmt macht, sondern das gekonnte Marketing seiner selbst.

Der berühmte "Writer's block", die Schreibhemmung, ist der Ausgangspunkt in Joost Zwagermans im Frühjahr dieses Jahres erschienen Roman "Kunstlicht". Otto Vallei, der glücklos einige Handvoll seiner ersten Bücher verkauft hat, kann einfach nicht mehr schreiben. Dem Entschluss, einen Roman über seinen "Writer's Block" zu schreiben, folgt die Ankündigung beim Verlag, mit dem Schreiben aufzuhören. Eddy Waterland heißt der von Otto gehasste Schriftstellerkollege, der einst ein Verhältnis mit Ottos Frau hatte. Der Erfolgreiche schreibt einen Bestseller nach dem anderen. Das Schlimmste aber ist: sein neuester Roman widmet sich genau jenem Thema, das Otto seinem Verlag ursprünglich angekündigt hat: dem "Writer's Block". Otto verdächtigt ihn des Plagiats und entwickelt mehr und mehr eine Art literarischen Verfolgungswahn, der eskaliert, als das Buch erscheint und Otto sich selbst darin beschrieben meint.

"Schreibe nie über das Scheiben an sich. Damit verliert man seine Leser." Diesen Ratschlag des Verlegers Zegel an den glücklosen Autor Otto Vallei haben Delius und Zwagerman ignoriert. Sie fanden trotzdem Leser und das Schreiben über das Schreiben an sich geht weiter, wie auch zahlreiche Publikationen in diesem Bücherherbst zeigen.

Ironie und Augenzwinkern sind häufige Begleiter des Schreibens über das im Grunde gar nicht so heitere Thema. Beides beherrscht die kroatische Autorin Dubravka UgreÇsi´c in ihrem köstlichen Essayband "Lesen verboten". Wer immer schon einmal wissen wollte, wie man Lektoren dazu bringt, Bücher zu lesen - "Lektoren nämlich lesen nicht. Sie sind Börsenmakler geworden" -, und wer dabei auch noch Tränen lachen will, der lese einige dieser Essays, in denen die Schriftstellerin die Usancen des gegenwärtigen Buchmarktes aufs Korn nimmt.

"Der heutige Buchmarkt (besonders der amerikanische)", so die Schriftstellerin, "befördert mit aller Macht die demokratische Praxis, daß jeder Schriftsteller werden kann. Aus dieser Idee und Praxis zieht er beträchtlichen Profit." Und jeder kann das Schreiben lernen, gibt es doch auch genug Kochbücher, die Rezepte für jedermann und jede Frau bereit stellen. Die Handbücher schulen ein in Marketing und Arbeitsmethoden ebenso wie in Charakterschilderung und Spannungsaufbau. (Die nach solchen Kochanleitungen zubereiteten Speisen schmecken allerdings vermutlich eher wie mit Instantpulver aufgerührt oder wie aufgetaute Tiefkühlkost. Aber das macht sie auch bestsellerfähig, liegt doch Fast Food im Trend.)

"Es gibt Audio- und Videokassetten, Lehrgänge, Workshops und Psychotherapeuten für jene, in denen ein Schriftsteller versteckt ist und nicht heraus will. Die Psychotherapeuten werben für ihre Dienste mit Slogans wie We can free the writer in you. Auf dem reich sortierten Markt ist nur eine Sache schwer zu finden: ein Handbuch darüber, wie man solche Handbücher schreibt."

Wenn nun jeder zum Schriftsteller werden will und auch kann, dann wird das Problem immer größer, wie ein Verlag gefunden werden kann, der solches aus sich selbst Befreite und zu Wort Gewordene auch publiziert. Da muss ein professioneller Auftritt her - den man übrigens auch in Schulungen lernen kann, und ganz besonders wichtig: ein book proposal, ein Resümee also, eine kurze Inhaltsangabe. Diese soll den Lektor veranlassen, das Manuskript zu lesen oder an einen anderen externen Leser weiterzugeben. Ein erfolgreicher book proposal muss also einen hook haben, einen Angelhaken, der den Lektor aufmerksam machen muss. Damit das Manuskript nicht (wie fast immer) im Papierkorb verschwindet.

Markttest

Dem Umstand, dass proposals und hooks wichtiger sind als das literarische Werk selbst, begegnet UgreÇsi´c in ihrem Essay "Book proposal" mit Witz und Ironie. Sie schreibt book proposals zu bekannten literarischen Werken und schickt sie an Lektoren. Zum Beispiel "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Fazit: Das ging nicht durch. Langweilig, zu breit, ändern Sie den Titel ...

"Jetzt teste ich den Markt. Der verkappte Shakespeare geht ausgezeichnet. Der nacherzählte Ulysses kam nicht durch. Der Mann ohne Eigenschaften landete im Müll, obwohl ich ihn als Seifenoper nacherzählt hatte. Ich zähmte die Wölfin im Müll. Der Tod des Vergil im Müll. Gut, einverstanden, die großen europäischen Schriftsteller waren immer etwas lästig. Aber auch Hemingway erging es nicht besser. Trotzdem konnte ich den Alten Mann und das Meer verkaufen. Ich maskierte das Sujet. Betonte den ökologischen Aspekt der Sache. Machte aus dem alten Mann einen jungen, gutaussehenden kubanischen Exilanten und Homosexuellen. Der proposal wurde sofort angenommen.

Kürzlich schickte ich einem Lektor Hundert Jahre Einsamkeit.

Den Inhalt können Sie streichen. Das kapiert kein Mensch. Aber aus dem schönen Titel läßt sich was machen', sagte der Lektor."

Die Hassliebe der Autoren zu ihren Lektoren ist bekannt und wurde seit Walsers "Tod eines Kritikers" auch wieder auf unterschiedlichste Weise diskutiert. Dass Autoren dieses Sujet zu ihrem Thema machen, ist aufgrund der Bedeutung, die Lektoren tatsächlich für Erfolg und Misserfolg haben, durchaus erklärbar. Aber nicht nur die Lektoren finden sich im kritischen Rampenlicht der Literatur wieder. Auch die Autoren verewigen sich mit ihren Marketingstrategien und Verkaufstaktiken auf Buchseiten.

So greift etwa Jostein Gaarder - der Autor von "Sophies Welt" - in seinem neuesten, leider nicht sehr geglückten Roman "Der Geschichtenverkäufer" das Thema des Verkaufens auf. Die Hauptperson seines Romans schreibt Romane nicht selbst, sondern verkauft nur die Stoffe, die Ideen also, Plots, die einen Roman ausmachen. Um die entsprechende stilistische Form müssen sich die Autoren selbst kümmern. "Ein wichtiges Marktsegment waren Autoren, die vor sechs oder acht Jahren einen Roman oder Erzählband und seither nichts mehr veröffentlicht hatten. Sie waren frustriert ... Eine andere Gruppe waren Schriftsteller, die gut schrieben, die alle stilistischen Mittel bis in die Fingerspitzen beherrschten, die aber trotzdem vertrocknet waren, weil sie einfach nichts zu erzählen hatten."

Dass es gut gewesen wäre, hätte Gaarder seine köstliche Idee auch an einen anderen Schriftsteller verkauft, ist eine andere Geschichte und verleiht dem Thema sicher ungewollt noch mehr Brisanz. (Seinen Plot nämlich walzt Gaarder durch wirklich schlechtes Erzählen so gründlich nieder, bis auch das letzte Interesse des Lesers an der Geschichte verschwunden ist.) Aber wie gesagt: die Idee ist durchaus originell. Denn wen beschleicht nicht auch manchmal das Gefühl, einige Autoren würden sich aus denselben Quellen speisen ...

Leselust

Und wo bleiben bei all dem die Leser? Interessieren sie sich für jene Schwierigkeiten, in denen Autoren sich tagtäglich verstrickt wissen? Wollen sie sich nicht vielmehr hinein flüchten in die Welt der Literatur, in jene Welt, in der ihnen Zwerge und Riesen begegnen, Angst, Furcht, Freude und Liebe erlebt werden, in der es möglich ist, sich mit Guten und Bösen zu identifizieren, und in der das eine oder andere Mal auch die große Sehnsucht nach einem Happy End gestillt wird? In der fasziniert neuen Facetten der eigenen Sprache nachgespürt wird?

Keine Angst: es gibt auch noch den "schöngeistigen" Zugang zur Literatur, trotz aller marktstrategischen Gedanken und verlegerischen Interessen. Ihn wählt Roberto Cotroneo, Italiens bekannter Kritiker und selbst Schriftsteller. In seinem "Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern" geht er anhand einiger ausgewählter Lektüren dem Zauber des Lesens nach. "Kann man einen Brief in Form eines Buches schreiben, um eine Lust zu erklären, nämlich die Lust des Lesens?" Fragend versucht er es auch schon, indem er erzählt. Wohl die beste Weise, Literaturvermittlung zu betreiben: Geschichten erzählen.

Entlastend seine ersten Anmerkungen, entlastend für alle Leser: "Vor der Literatur darf man sich nicht fürchten, Francesco, nicht einmal vor der schwierigsten. Du darfst nicht fragen: Haben Sie wirklich den ganzen Joyce gelesen, bis zur letzten Seite?' Mach Scherze mit Joyce, er hätte sich darüber gefreut. Mach die nervöseste und komplizierteste Dichtung nicht zu einem Denkmal, zu etwas, das man bewundern muß wegen seiner zwecklosen Größe."

Das ist ein Ansatz, der gefällt. Weg mit den ermüdenden Fragen, was der Autor wollte. Wie denn richtig zu interpretieren sei. Spielerisches, leichtfüßiges Annähern an die Weltliteratur, das ist der adäquate Umgang. Aber natürlich versteckt sich auch da im Hintergrund ein pädagogischer Gedanke und jener Autor, der zwar einerseits meint, man solle Bücher auch ruhig wegwerfen können, wenn man sie für schlecht erachte, weiß natürlich sogleich auch, welchen moralischen und didaktischen Wert das Bücherlesen hat.

Mehrdeutigkeit

Die Literatur sei, so Cotroneo in seinem Brief an seinen Sohn und an alle Leser, nicht nur intellektuelles Spiel, "sondern das einzige Mittel, die Welt zu verstehen, das einzige, sie durch die Brille der Mehrdeutigkeit zu sehen, die heute außer Gebrauch gekommen ist.

Fall nicht darauf rein, Francesco, sie werden dir einzureden versuchen, das Leben sei komplexer als die Literatur. Das ist nicht wahr: Prousts literarische Welt ist unendlich viel komplexer als die reale."

Zugegeben, Cotroneo traut der Literatur auffällig viel zu. Aber es soll hier nicht hinterfragt werden, ob sein Vergleich nicht doch etwas überzogen ist. Denn auf den Vergleich Literatur und Leben kommt es wohl nicht an. Die Literatur - und das werden passionierte Leser immer und jederzeit zu verteidigen wissen - ist ein Ort besonders komplexen Weltverhaltens und Erlebens. Mit seinen vielen Verweisen - auf andere Texte, auf Personen, auf Geschichte, auf die Welt - ist schon jeder einzelne Text so etwas Komplexes, dass man daran irre werden könnte.

Chaos

"Keine Angst, je mehr Konfusion du anrichten wirst, wundere dich nicht darüber, je mehr die Autoren sich in deinem Kopf vermischen und die Jahrhunderte durcheinandergeraten und die Buchtitel und die Literaturen, desto mehr wirst du kapiert haben." Dieser Chaos-Ansatz ist nur auf den ersten Blick beunruhigend, auf den zweiten wohl erst recht beruhigend: Müssen Leser schließlich nicht alles, was sich in ihren Köpfen und Herzen an literarischen und realen Gestalten und Erlebnissen miteinander vermischt hat, am Ende säuberlich aufdröseln. Nein, es lebe das produktive Chaos, die Schatzkammer aller Irrungen und Wirrungen, die das Lesen produziert, die inneren Gespräche und Widersprüche.

"Die Literatur ist eine parallele Welt, in der die Bücher miteinander sprechen; um in sie hineinzugelangen, muss man einen Sprung machen, sich zu einer anderen Seite hinüberbegeben. Und danach ist die Rückkehr schwierig, denn die Figuren aus jener Welt werden weiter zu dir sprechen, dir Ratschläge geben, dich Entscheidungen treffen lassen."

Literatur wäre so wichtig, tönt es auf den Buchmessen, nach der Pisa-Studie, in den pädagogischen Instituten. Cotroneo meint das auch und weil er wie alle aufmerksamen Leser merkt, dass diesbezüglich auch viel Schall und Rauch verkündet wird, hat er nochmals einen Ratschlag für seinen Sohn bereit:

"Und noch eines mußt du wissen, Fransceso, merk es dir: Trau denen, die gerne lesen, hab Vertrauen zu denen, die immer einen Gedichtband mit sich herumtragen. Und mißtraue denen, die dir sagen, sie hätten keine Zeit zum Lesen, Lesen sei zwar gewiß etwas Schönes, und solange man jung sei, könne man lesen, aber dann ... Sie lügen, die Literatur bedeutet ihnen gar nichts. Sie lügen und wissen es."

der königsmacher

Roman von Friedrich Christian Delius.

Rowohlt Verlag, Berlin 2001.

317 Seiten, geb., e 23,60

Kunstlicht

Roman von Joost Zwagerman, aus dem Niederländischen von Martina den Hertog-Vogt. Picus Verlag, Zürich 2002.

315 Seiten, geb., e 18,90

Lesen verboten

Essays von Dubravka Ugresic, aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2002.

235 Seiten, geb., e 23,60

Der geschichtenverkäufer

Roman von Jostein Gaarder, aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.

Carl Hanser Verlag, München 2002.

271 Seiten, geb., e 20,50

Wenn ein kind an einem sommermorgen

Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern, von Roberto Cotroneo, aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Burkhart Kroeber. Insel Verlag, Frankfurt 2002. 214 Seiten, geb., e 15,50

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