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"Alle Dichter lügen"

Alt ist er, der Vorwurf, und in immer neuen Gewändern in Erscheinung getreten.Dabei sind sie besondere Liebhaber der Wahrheit, die Literaten.

Schon bei den alten Griechen wurde munter und ungeniert gelogen. Sagt man. Der listenreiche Odysseus wurde dafür gelobt, wenn ihm eine besonders gute Lüge gelungen war, sogar die Götter scheinen es mit der Wahrheit nicht sehr genau genommen zu haben. Oder war dies alles nur eine Lüge der Dichter, die - wie etwa Homer - damit die Jugend verdarben? Zumindest erhob der Philosoph Plato diese Anschuldigung, die über Jahrhunderte immer wieder auftauchte und Literatur in die Defensive drängte.

"Wer Romane liest, liest Lügen", lautete auch ein berühmter Vorwurf aus jener Zeit, in der man glaubte, Frauen vernachlässigten durch das Lesen ihre Pflichten im Haushalt und ihr Geist würde durch das Lesen verflachen. Die sogenannte Lesesucht-Diskussion des 18. Jahrhunderts warf den Romanen vor, dass sie zur Unmoral verführten, dass die abstrusen Geschichten nicht wahrscheinlich seien und die Zeit damit verschwendet werde.

Gefährlich?

Was ist nun wahr an dieser Anschuldigung, Literatur sei Lüge, die immer auch einherging mit einer moralischen Abwertung der Literatur, der damit offensichtlich auch ein gefährlicher Charakter zugeschrieben wurde? Auf die Behauptung "Wer Romane liest, liest Lügen", könnte man antworten: Natürlich ist das so, denn nichts von dem, was in Romanen steht, muss wirklich, je passiert oder überhaupt möglich sein. Alles gelogen.

Die Leser scheinen sich ja tatsächlich einer Täuschung hinzugeben: Sie zittern in Kriminalromanen mit, wer der Mörder war, sie empfinden Furcht und Mitleid mit den geschilderten Figuren als wären sie Menschen von nebenan und am Ende eines Romans sind sie vielleicht erbost darüber, dass die Geschichte aus ist und sie wieder merken, dass das alles nur ein Buch war. Ja, es soll sogar Menschen geben, die sich derart in ihre literarische Welt hineinlesen, dass sie aus ihr nicht mehr heraustreten können. Das vielleicht berühmteste literarische Beispiel ist Don Quijote, der aufgrund seiner Lektüre von Ritterromanen selbst zum Ritter wurde: "Und so fest setzte es sich ihm in den Kopf, jener Wust hirnverrückter Erdichtungen, die er las, sei volle Wahrheit, daß es für ihn keine zweifellosere Geschichte auf Erden gab." Mit der Figur des Don Quijote konnte Miguel de Cervantes Saavedra seine Kritik gegen die Ritterliteratur seiner Zeit literarisieren.

Sollten also zur Sicherheit Bildungsministerien auf Bücher mit literarischem Inhalt in Zukunft folgende Warnschilder kleben lassen: "Achtung, Lesen kann ihre Freiheit gefährden!"? Das dürfte nicht notwendig sein. Denn jeder Literatur liegt ohnehin ein Beipacktext bei, der vor dem Gebrauch warnt, oder, um es neutraler zu sagen, signalisiert: Halt, hier geht es anders zu! Hier ist nichts wirklich. Seien es Formeln wie jene bei Märchen - "Es war einmal" -, seien es betonte Wahrheitsbeteuerungen, seien es bewusste Brechungen der Illusion des Lesers, wie etwa am Ende einer Geschichte: "Aber leider, leider ist diese Geschichte nicht wahr." Oder sei es schlicht und einfach der Umstand, dass auf dem Titel eines Buches "Roman" oder "Erzählung" steht. Signale wie diese weisen die Leser darauf hin, dass sie die Geschichte lesen sollen, als ob sie wahr wäre, aber nicht erwarten, dass sie wahr ist.

Keine Täuschungsabsicht

Der Vorwurf, Literatur lüge, übersieht also, dass zur Lüge die Absicht der Täuschung gehört. Denn Literatur täuscht nicht. Weil die Leser wissen, dass die Literatur tut, als ob etwas wahr wäre, ist das Ganze ein Spiel, bei dem die Leser freiwillig mittun. Und darin liegt auch der scheinbar kleine, feine und in Wirklichkeit so große Unterschied zwischen den Worten "fiktiv" und "fingiert". Ersteres bedeutet, dass der Urheber eines Textes intendiert, dass der Leser die Inszenierung erkennt, zweiteres meint die Intention des Autors, dass der Leser sie nicht als solche erkennt und ist somit eine Fälschung, ein Betrug. Die Leser wissen, dass in Christoph Ransmayrs "letzter Welt" und nicht im konkreten Ort Tomi sich Menschen in Tiere verwandelt haben oder dass in Umberto Ecos "Der Name der Rose" nicht in einem realen Kloster ein Mönch umgebracht wurde. Aber sie tun so, als ob es wahr wäre, wenigstens während der Zeit, in der sie lesen, gilt diese Illusion, die Grund für das Vergnügen ist, das Lesen auch bedeutet. Die angelsächsische Literaturkritik nennt diese Lesehaltung "suspension of disbelief" (zeitweilige Aufhebung von Zweifel), weil die Zweifel an der Realität des Erzählten während der Lesezeit zurückgestellt werden. Die Lesenden sind freiwillige Mitspieler: "In jedem Augenblick kann ich aufwachen, und ich weiß es; aber ich will es nicht: Lektüre ist ein freier Traum", formulierte es Jean-Paul Sartre. Nur Don Quijotes nehmen alles, was sie in Ritterromanen gelesen haben, für bare Münze und kämpfen gegen Windmühlen.

Das etwas nicht wahr ist, bedeutet noch lange nicht, dass etwas falsch ist. Die Literaturwissenschaft spricht von Fiktionalität, wenn sie jenen besonderen Wirklichkeitsbezug meint, der die Literatur charakterisiert. Literatur gibt nicht einfach wieder, was ist. Auch konkret Erlebtes wird literarisiert zu einer neuen Wirklichkeit. Oder um es mit dem lateinamerikanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa, der sich in einem Essay der "Wahrheit der Lügen" der Literatur widmete, zu sagen: "Romane werden nicht geschrieben um das Leben zu erzählen, sondern um es zu verwandeln, indem man ihm etwas hinzufügt." Leser, die einen Roman in die Hand nehmen, wissen das.

Die Literatur lügt also nicht. Ja mehr noch, sie deckt ihrerseits Lügen auf. Immer schon kam der Literatur auch die Rolle zu, zu verwirren, vermeintliche Wahrheiten in Frage zu stellen. Durch ihre gefinkelten Taktiken, wie etwa das Einnehmen verschiedenster Perspektiven, macht sie sichtbar, dass auch außerhalb der Literatur so manche Fiktionen walten. Und so manches Fingierte. Wie viele angebliche Wirklichkeiten erweisen sich beim genaueren Hinschauen als Lügen.

Literarische Phantasie findet sich nicht ab mit dem, was ist. Literatur ist insofern auch subversiv, ist - so Vargas Llosa - eine "Form, die Selbstbestimmung des Individuums zu bekräftigen und sie zu verteidigen, wenn sie bedroht ist; einen eigenen Freiheitsraum zu bewahren", der andere Freiheiten eröffnet. Und deshalb ist die Literatur auch "eine ständige Bedrohung für jede Macht, welche die Menschen zufrieden und konform sehen möchte. Die Lügen der Literatur beweisen uns, wenn sie in Freiheit entstehen, daß dies nie so war. Und sie zetteln eine nicht enden wollende Verschwörung an, damit dies auch in Zukunft nicht so sein möge."

Keine Wahrheit gepachtet

Eine Literatur, die selbst auszieht, um Wahrheiten in Frage zu stellen, kann ihrerseits für sich keine allgemeingültige Wahrheit beanspruchen. Darum lehnt der humorvolle deutsche Erzähler Sten Nadolny Bücher ab, die an die Gefolgschaft des Lesers appellieren und ihnen Weltdeutungen vorgeben. Schriftsteller haben den Lesern nicht ihre eigene Wahrheit vorzuschreiben. "Die Geschichte der Wahrheit", so Nadolny, ist eine Geschichte gegen jedes andere Erzählen. "Das gibt es Geschichten gegen das Erzählen. Eine Heilsgeschichte stoppt die Möglichkeit des Andersdenkens - und Erzählen muß immer auch Andersdenken sein dürfen, innovativ, anarchisch, funkelnd, immer neue Möglichkeiten eröffnend ..." Die Literatur solle nicht "sendungsbewusst, sondern selbstbewusst" sein.

Literaten sind also weder Lügner, Gegner der Wahrheit, noch sind sie deren Verwalter. Vielmehr kann man sie in ihren vielfältigen Versuchen als Liebhaber der Wahrheit verstehen. In seinem Roman "Selim oder die Gabe der Rede" reflektiert Nadolny über die Aufgaben des Romanciers. Die Hauptfigur, der begnadete Erzähler Selim, versucht in seinen Geschichten sich der Wahrheit erzählerisch auf vielen verschiedenen Wegen zu nähern. Und in seiner Erkenntnis leuchtet so etwas wie eine Ahnung der Bedeutung von Literatur auf: "Wer der Wahrheit sklavisch dient, liebt sie nicht. Selim weiß, daß sie ungern persönlich in Erscheinung tritt, sondern es vorzieht, sich von Abertausenden von Geschichten annäherungsweise nachbilden zu lassen. Sie selbst steht amüsiert daneben und sieht zu. Ihre Liebhaber wissen das."

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