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Skandal im Literaturbezirk

1945 1960 1980 2000 2020

Gesteigerte Auflagen, blamierte Verlage, verletzte Rechte und überschrittene Grenzen: die Literatur bewegt ja doch.

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Gesteigerte Auflagen, blamierte Verlage, verletzte Rechte und überschrittene Grenzen: die Literatur bewegt ja doch.

Der jüngste Plagiatsprozess in London beweist, was ohnehin alle zu wissen glauben: dass der Skandal mit dem Markt verbrüdert ist. Der Vorwurf, Dan Brown hätte für seinen Roman "Sakrileg" ("The Da Vinci Code") vom Sachbuch "Der Heilige Gral und seine Erben" von Michael Baigent und Richard Leigh abgeschrieben, lässt eines ganz sicher: die Kassen klingeln. Seit die Drohung im medialen Raum schwebt, der Bestseller könne vom Weltmarkt genommen werden, kommt es zu einem Ansturm auf das bisher ohnehin nicht gerade unbeachtete Buch. So manch aufmerksamer Beobachter wird sich dabei auf den Umstand, dass innerhalb desselben Verlages geklagt wird - beide Bücher sind bei Random House erschienen -, seinen Reim machen. Unabhängig davon, wie der Prozess juristisch ausgehen wird: finanziell gibt es eindeutige Gewinner.

Skandale steigern Auflagen von Zeitschriften und Magazinen, Einschaltquoten in TV und Radio. Ein Blick in die Verlagsprospekte beweist, dass der Buchmarkt ohne "Enthüllungen" und "aufsehenerregende Einblicke" - wohin auch immer - offensichtlich kaum mehr funktioniert.

Gewünscht: Enthüllungen

Das Phänomen ist freilich so neu nicht. Schon "Die Leiden des jungen Werthers" (1774) von Johann Wolfgang von Goethe profitierten von dem Skandal, den sie auslösten, weil angeblich ein Selbstmord gerechtfertigt wurde. Auch die Neugier auf die Fakten hinter der Fiktion feierte damals schon fröhliche Urständ, schlug sich jedenfalls in Neugier auf das Buch nieder. Und die freut den Verleger immer.

Allerdings wirkt sich nicht jeder Skandal als wirtschaftlicher Erfolg aus und nicht alle Skandale sind bewusst produziert. Oft genug sind sie einfach nur peinlich - und passiert. Wenn etwa Verlag und Kritiker den Autoren auf den Leim gehen - wie im Falle von Nima Zamars "Ich musste auch töten" (Kindler) oder Ulla Ackermanns "Mitten in Afrika" (Hoffmann und Campe). Die Autorinnen täuschten vor, Fakten zu berichten, verfassten aber reine Fiktion. Blöd für Lektoren, Verleger und Kritiker, die die Unstimmigkeiten in den Texten nicht bemerkten. Heikel wird das Vortäuschen von Fakten und das Überlesen der Täuschung in Fällen wie dem der angeblichen Autobiographie von Binjamin Wilkomirski (eigentlich Bruno Doessekker), für die er sich 1995 selbst als Opfer des Holocaust erfunden hatte.

In den letzten Jahren nahmen im Bereich der Belletristik die Anklagen wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten zu. Wurde im Falle von Thomas Bernhards "Holzfällen" (1984) die Klage noch vom Kläger zurückgezogen, führen heutzutage Urteile mit Verweis auf die Erkennbarkeit der Personen in Texten dazu, dass Stellen geschwärzt oder Bücher überhaupt vom Markt genommen werden müssen. Alban Nikolai Herbst traf das Urteil mit "Meere" (Herbst reagierte nun, indem er die Rolle einer Figur in seinem neuen Roman kürzlich bei Ebay versteigerte), Maxim Biller mit "Esra". Auslöser für ihre Erkennbarkeit im Text sind die betroffenen Personen selbst, die sich sozusagen entfiktionalisiert und auf die Bühne der Öffentlichkeit gebracht haben.

Ab wann verletzt ein fiktionales Werk Persönlichkeitsrechte? Eine brisante Frage, die jedes Mal neu ausdiskutiert werden muss. Kann der Durchschnittsleser konkrete Personen in fiktionalen Texten erkennen? Juristen befinden über den Fiktionalitätscharakter eines literarischen Werkes. Gibt es semifiktionale Werke? Möglicherweise sind dem Leser in manchen Aufregungsfällen Kategorienfehler unterlaufen. (Wie ja auch Dan Browns "Sakrileg" gerne als Kirchengeschichte gelesen wird.) Ist es legitim, in einen fiktionalen und auch als solchen ausgewiesenen Text reale Figuren oder sich selbst hineinzulesen? Hätte Ingeborg Bachmann Max Frisch verklagen sollen?

Fakten und Fiktion. Kategorien, Begriffe, Definitionen. Alles nicht so einfach. Ab wann ist denn ein Werk obszön? Werturteile verschieben sich täglich. Sie sehen außerdem in einer bunten globalen Gesellschaft an vielen Orten gleichzeitig sehr unterschiedlich aus. Heinrich von Kleists Novelle "Die Marquise von O..." löste bei ihrem Erscheinen 1810 einen Skandal aus, Arthur Schnitzlers "Reigen" zog 1920 eine Anklage gegen Direktion und Schauspieler wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses nach sich (und die von Schnitzler deswegen verfügte Sperre galt bis 1981). Edouard Manets Skandalgemälde "Olympia" (1865), das seinerzeit das traditionelle Kunstverständnis erheblich störte, riecht heute eher nach Staub denn nach Skandal.

Authentisch soll es sein

Was einst als pornographisch eingestuft wurde, lockt keine Katze hinter dem Ofen hervor. Da braucht es schon Werke wie Catherine Millets "Das sexuelle Leben der Catherine M.", damit sich die westlichen Gemüter richtig erregen. Das tun sie dann auch, vermutlich vor allem, weil außerhalb des Werkes signalisiert wird: das Beschriebene ist nicht nur Literatur, sondern auch wahr. Mit solchem Authentizitätsgehabe werden Voyeurismus und Skandallüsternheit des Publikums angefeuert. Problematischer als Sex scheint die Religion. Freiheit der Kunst muss abgewogen werden gegen Rechte, die mit Begriffen wie "religiöse Gefühle" äußerst unexakt umschrieben werden. Vielleicht geht es eher um Minderheitenschutz, der immer gelten muss: für Religionen, Sprachen, Kulturen - und für Künstler.

Den Autoren die Einstellungen, Handlungen und Aussagen einer ihrer Romanfiguren anzulasten, ist jedenfalls blanker Unsinn. Doch ist es - wie der Fall Michel Houellebecq zeigt - durchaus üblich. Dieser Irrtum darüber, in welcher Welt man sich befindet, ist Teil einer wahrzunehmenden Entliterarisierung der Literatur. Interviews mit Autoren (und damit auch deren persönliche Inszenierungen: als Ekelpaket, als Fräuleinwunder, als Lebenshelfer ...) werden wichtiger als die kritischen Besprechungen ihrer Werke. Die Autoren betätigen sich als öffentliche Meinungsmacher - und es sind oft ihre Stellungnahmen, die zum "Literaturstreit" führen und nicht die Literatur selbst. Zu dieser Entwicklung gehört auch das Lesen von Romanen, als seien sie Klatschspalten, mit deren Hilfe man süchtig nach peinlichen Enthüllungen von realen Personen durchs Schlüsselloch schaut. Kann ohne Faktensucht Fiktion nicht mehr gelesen werden? Werden literarische Formen als solche erkannt? Das Fehlen eines eindeutigen Erzählerstandpunktes in einer Mordgeschichte heißt noch lange nicht, dass der Autor zum Mord aufruft. Inwiefern also wird der Skandal auch durch die literarische Form bewirkt? Verstört Literatur, weil sie Literatur ist? Weil etwa ein Leser erwartet, der Autor solle einen eindeutigen Erzählerstandpunkt einnehmen und ihm damit mitteilen, wo er stehe - nämlich der Autor, nicht der Erzähler - und Orientierung geben, dieses Zauberwort? Aber dieser böse Autor verweigert es und lässt den armen Leser mit den eigenen Abgründen allein.

Vor den eigenen Abgründen

Den Blick in die eigenen Abgründe zu provozieren, darauf hat sie Lust: die Literatur. Insofern muss sie auf Skandal geradezu aus sein. Es geht nicht um die prinzipielle Aufhebung aller Grenzen, sondern um das immer wieder notwendige Infragestellen der Grenzen: Sind sie richtig gezogen? Das "Überschreiten dieser Grenze", über das Salman Rushdie schrieb, geschieht durch Tabubrüche, kann ohne sie nicht geschehen. Im Sinne einer Verletzung der Normen, die ein öffentliches Aushandeln von Grenzziehungen nach sich ziehen kann.

Der Skandal als Reaktion darauf sagt viel über die Gesellschaft aus, in der er stattfindet, in der sich die Empörten ihre Gleichgesinnten suchen. Das war zu Henrik Ibsens Zeit so, das war so, als Ernst Jandls "schtzngrmm" boykottiert wurde (wer heute einen Skandal auslöst, kann morgen schon anerkannter Künstler sein, mit Orden behängt, entskandalisiert, jedenfalls in Schulbüchern abgedruckt). Auch die Aufregungen um Thomas Bernhards "Heldenplatz" erzählten mehr über Österreich als das Drama selbst je konnte. Und der Skandal um Wladimir Sorokin spiegelt das Russland der Gegenwart. Dass das Moskauer Bolschoi-Theater die Aufführung seiner Oper "Rosenthals Kinder" trotz Pornographievorwurfs nicht verhindern ließ, gibt Grund zur Hoffnung, dass die Literatur und der Widerstand, den sie gegen Entmündigungsversuche auslöst, dazu beitragen, dass sich Demokratie und Denken nicht umbringen lassen.

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