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Che Guevara und Mondmann

Das konventionelle Kinder- und Jugendbuch, das noch immer zu Millionen grassiert, hat sich in den letzten 20 (oder 40) Jahren kaum verändert. Um so mehr das gesellschaftlich und/oder künstlerisch engagierte, wobei die Autoren der Jugendbücher neue gesellschaftliche Realitäten begreifbar zu machen und kritisches Bewußtsein zu wecken versuchen, während im Kinderbuch die Textautoren den Innovationen der Zeichner und Maler oft nachhinken. Während letztere die Realität verfremden und visuell in Frage stellen, suchen die Schreiber mühsam nach Worten.

Kein Wunder also der relativ hohe Anteil von Klassikern unter den Kinderbüchern des Insel-Verlages, der mit dem Faksimiledruck der „Sprechenden Tiere“ aus dem Jahre 1854 dem politisch revolutionären, pädagogisch nach heutigen Begriffen natürlich entsetzlich autoritären Adolf Graßbrenner (Tucholskys „Papa Brennglas“) verdiente Ehren erweist. Heutige Kinder werden die j eweiügÄ, MoraLjKcai. jdeE.--Geschieht' („Springe nie mehr wild umher, Bleib dein art'ger Sohn nunmehr“) eher zum Lachen finden — erstaunlich viel Frische haben sich die Illustrationen von Carl Reinhardt bewahrt. Ebenfalls im Insel-Verlag die Ausgrabung des Märchens „vom Zaren Saltan, von seinem Sohn, dem berühmten und mächtigen Fürsten Gwidon, und von der wunderschönen Schwanenprinzessin“, dessen Illustrationen von I. Bilibin aus dem Jahre 1905 die Einflüsse des japanischen Holzschnittes auf die Graphik des Jugendstiles in Erinnerung rufen: Wenn Bilibin bei dem herrlichen Blatt eines auf den Wellen tanzenden Fasses nicht einen Hokusai vor seinen geistigen Augen hatte... Wunderschön, wie gesagt — und es wird ganz von der optischen Erfahrung eines Kindes abhängen, ob sich ihm Bilibin-Illustrationen oder die optischen Vexierbilder von Anita Albus („Der Himmel ist mein Hut“) leichter erschließen.

Eine Anregung für jede optische Phantasie ist „Die Geschichte vom offenen Fenster“, von Wilhelm Schlote, in der sich, wohltuend wortlos, Regentropfen in Bienen, Wolken in Nashörner und Hunde, Blitze in Schlangen verwandeln, Schneeflocken, die Blumen werden, nicht zu vergessen. Während der US-Import „Die Katz und die Maus und die Maus und die Katz“, von Kathy Mandry und Joe Tot, „eine sehr liebe Geschichte“, fast schon etwas zu lieb ist. Unter dem Titel „Und dann und wann ein weißer Elefant“, illustriert von Kindern, sind Erzählungen von Brecht bis Hesse vereint, darunter von Kafka die neun Zeilen von der Maus, die der Katze klagt, daß sie in die Falle rennen muß („Du mußt nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze und fraß sie“) und von Biehsel „Die Erde ist rund“, wo ein alter Mann vorkommt, der sehen möchte, ob die Erde rund ist und leider darauf verzichten muß, „einen Kransehiffwagen, einen Kranschiffwagenzieher, einen Kran-schiffwagenzieherkleiderwagen und einen Kranschiffwagenzieherkleider-wagenzieher“ mitzunehmen, was kindlichen Sinn für Wortwitz ungemein anspricht. (Alles: Insel-Verlag.)

Unter den boshaftesten Karikaturisten unserer Zeit ist eine ganze Reihe von Künstlern, die plötzlich lieb und gutmütig werden, wenn sie für Kinder arbeiten, und das nicht einmal auf Kosten der Phantasie — die Zeiten, in denen es ein Problem darstellte, ein Kinderbuch aufzutreiben, das hohen Ansprüchen genügte und doch kindlich war, sind vorbei. Freilich wird nicht jedes Kind alles verstehen, was für Kinder gezeichnet wird, wie ja auch nicht jeder Erwachsene jedes Buch versteht. Seh-Schulung und Seh-Erfahrung wirken sich sehr früh aus. „Das unendliche Buch“, von Walter Schmögner (Insel), eine Reise durch Welträume, Planeten und Wassertropfen, die ihrerseits zu Welträumen werden, wird manchen Kindern gar nichts geben, anderen neue Dimensionen eröffnen. Während der plakativere •'und-eingängigere Tomi Ungerer mit seiner Geschichte, wie „Der Mondmann“ auf der Erde eingesperrt wird, sicher nirgends auf Schranken stößt. Das Büchlein erschien in der Serie der „Ravensburger Spiel- und Spaßbücher“, die spottbillig sind und in der in Heftform die besten Kinderbuchautoren der Welt vertreten sind.

Wenn man die Bände der Reihe „Kunst für Kinder“ durchblättert (Weber-Verlag), etwa den neuen Band über Paul Klee, stimmt nur der Gedanke traurig, daß es oft nur von den Zufälligkeiten des Onkel-lind Tantengeschmackes abhängt, ob ein Kind die Chance bekommt, mit solcher Einfühlung (und in Blockschrift!) früh an die moderne Kunst herangeführt zu werden. Ernest Raboff, der Bücher für Kinder über Klee, Picasso und Chagall geschrieben hat, sollte eigentlich in einer Sendung „Kunst für Kinder“ im Fernsehen auftreten — offenbar ist bisher bloß niemand auf die Idee gekommen. Raboff über Klee, für Kinder: „Schon als Kind liebte er Katzen. Während seines ganzen Lebens hat er sie immer wieder gezeichnet und gemalt Seine Lieblingskatze hieß Bimbo.“

Über die Serie der bewahrten Globi-Taschenbücher („Ravensburger Taschenbücher“) könnte man sich noch mehr freuen, müßte man nicht fürchten, daß Sie den Zug zu den Comics verstärken — was aber dort nicht zu befürchten sein sollte, wo Kinder auch Comics, aber nicht nur Comics lesen. Globi hat mittlerweile ein ansehnliches Alter erreicht und in den „Globeriks“, von Janosch, eine sehr viel modernere, großlini-gere, sehr einfallsreiche und nette Fortsetzung bekommen.

Der Parabel-Verlag bemüht sich redlich, kritisches Bewußtsein ins Kindervolk zu bringen, aber die Zeiten der massiven Indoktrination via Kinderbuch sind vorbei — es war eine kurzlebige Mode. Immerhin will das „Fernseh-Spiel-Buch“, von Wolfgang Zacharias und Hans Mayrhofer, Kinder zu einer etwas kritischeren Haltung gegenüber dem Fernsehen erziehen und vielleicht, über die Mitarbeit der Eltern, auch diese. Hauptanliegen ist es, die Gleichsetzung von Bildschirmgeschehen mit Wirklichkeit abzubauen.

Wortkarg, sachlich, informativ: Der Text zu den Bildern, die der Pole Jözef Wilkön gemalt hat, und die das Heranwachsen der Gemse Kossik zeigen. „Andy und das Monster“, von Papan, verkauft sich als Erziehungsmittel zum Verständnis von Außenseiterpositionen, arbeitet aber eher mit abgebrauchten Effekten. David McKee erzählt unter dem Titel „123456789 Benn“ die Geschichte eines Mannes, der sich beim Ausprobieren eines Häftlingskostüms flugs in einen Häftling verwandelt und ebenso flugs dafür sorgt, daß in einer Strafanstalt alles besser wird: Es mag ja sein, daß diese nette Geschichte dazu beiträgt, Kinder zur farbigeren Gestaltung ihrer Umgebung anzuregen (falls sie dürfen), ihre Vorstellungen von einem Gefängnis werden sich dadurch sicher nicht der Wirklichkeit annähern.

Die Vorstellungen davon, wie ein Buch für etwas größere Kinder aussehen soll, sind restlos in Bewegung geraten — wie sehr, zeigt der Vergleich der beiden vom Beltz-&-Gel-berg-Verlag herausgebrachten Jahrbücher der Kinderliteratur, die beide von Hans-Joachim Gelberg betreut wurden. War das erste, „Geh und spiel mit dem Riesen“, typographisch noch etwas konventionell, sprich ruhig, so dürfte das neue, „Am Montag fängt die Woche an“, Kinder, sobald sie soweit sind, mühelos lesen zu können, nicht mehr loslassen. Die Kombination aller typographischen Möglichkeiten macht das Buch nicht nur „unruhig“, sprich interessant, sondern strukturierit es auch. Es beginnt mit dem Paukenschlag eines Kindes, das in ein Auto läuft (Photos, Unfallprotokoll, das Ganze sehr eindringlich, aber nicht schockierend aufgemacht) und ist vor allem darauf angelegt, die Welt der Erwachsenen (und diese selbst) von ihrem Sockel zu holen. Genau in dem Ausmaß, das sie ihrerseits noch verkraften.

Themen und Methoden der Literatur werden heute auch in der Literatur für Jugend angewendet — zum Teil betätigen sich auf diesem Feld Autoren, die in ganz anderen Bereichen erfolgreich sind. Von Dr. Richard Bietschacher, dem österreichischen Opernlibrettisten und Staats-opemregisseur, liegen gleich zwei neue Jugendbücher vor. Im Otto-Maier-Verlag Ravensburg erschienen „Die 7 Probleme der Frau Woprscha-lek“, ein Erzählungsband, der, sozial engagiert und sprachwitzig, zur Literatur ohne einschränkende Vorsilbe wie „Kinder-“ oder „Jugend-“ überleitet Genau an der Grenze zwischen, Literatur und Jugendliteratur (aber schon vom 12. Lebensjahr an geeignet) steht sein Roman „Tamer-lan“ (Beltz & Gelberg), die von Klaus Ensikat ganz hervorragend ülu-strierte Geschichte vom großen Eroberer, die Bietschacher mit Hilfe raffiniert eingearbeiteter Anachronismen etwas in Unordnung bringt — indem er etwa das Münchner Oktoberfest nach Babylon verlegt und im Reich des Tamerlan Autos fahren läßt. Ein Buch, das man mehr sich selber kaufen sollte als dem Filius — schon wegen seiner bibliophilen Qualitäten (Illustrationen!).

Judith Kerr, die Tochter des großen Kritikers, schrieb ihre Kind-heitserinnerungen: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (übersetzt von Annemarie Boll, Otto-Maier-Verlag, Ravensburg). Ein Buch, geeignet, junge Menschen, die den Namen Hitler noch nie gehört haben, zu jenem Punkt zu führen, an dem sie ganz von sich aus erkennen, was Hitler bedeutet hat. Außerdem glänzend geschrieben. Laut Verlagsangabe ab 11 Jahren geeignet. Vielleicht auch schon ein, zwei Jahre früher.

Mit dem deutschen Jugendbuchpreis wurde von Frederik Hetmann „Ich habe sieben Leben — Die Geschichte des Ernesto Guevara, genannt Ohe“ ausgezeichnet (Beltz & Gelberg), auch eines jener Bücher, mit deren Lektüre man sich eigentlich vom Jugendbuchalter verabschiedet. Und eines, das dem Leser nichts erspart — das aber jungen Menschen hilft, die Triebkräfte lateinamerikanischer Politik zu begreifen. Allerdings — es sollte kritisch gelesen werden, dies vor allem deshalb, weil vielleicht doch zu wenig herausgearbeitet wird, daß Che Guevara letzten Endes an seiner Fehleinschätzung objektiver Gegebenheiten gescheitert ist.

Für ein Kind in jenem Vorschulalter, in dem heute das Lernen beginnt, würde es fast einen Full-time-Job bedeuten, sich durch all die Spiele, die ihm die erste Begegnung mit Buchstaben und Zahlen erleichtern wollen, hindurchzulernen. Hier hat der Otto-Maier-Verlag in Ravensburg eine unangefochtene Spitzenstellung — wobei das Programm an Lemspielen längst so vollständig ist, daß umwälzende Neuigkeiten nur noch selten zu erwarten sind. Hübsch und auf seine Art neu ist das Spiel „Menge und Zahl“, es besteht aus zwei Dominospielen, die durch eine geschickte Kombination von Symbolen, Zahlen und Mengen in Verbindung mit einem Stecksystem, das nur richtige Koppelungen gestattet, sowohl gemeinsam als auch getrennt verwendet werden können, wobei auch das Kind allein oder mit anderen spielen kann.

Für ein höheres Alter ist „Quanto“ bestimmt, das sich zur Ergänzung des Rechenunterrichtes eignen dürfte — vor allem deshalb, weil das eine Waage darstellende Spielgerät mit über ein Rad zu verstellenden Zahlen den mechanischen Spieltrieb so anspricht, daß die Hürde des Abscheues gegenüber der ungeliebten Rechenkunst zweifellos leichter überwunden wird. Gefördert wird, wenn andere mitspielen, vor allem das Kopfaddieren zweistelliger Zahlen. Eine ansprechende Aufmachung hat hier nicht nur ästhetische,' sondern auch psychologische Funktion.

Erhebliche Bastelfreuden verspricht „Stabifix“, dessen Papierrundstäbe sich zu dauerhaften Gebilden verkleben lassen. Die neuen „Ravensburger Graphic Puzzle“ räumen endlich mit den weitverbreiteten, leicht kitschigen Puzzles auf — Farben und Muster dieser abstrakten Serie versprechen neue ästhetische Puzzlefreuden. Das „Shopping Center“ hingegen erscheint geeignet, einen Kinderkaufmannsladen zu ersparen und fördert, bei Spielern zwischen sieben und 99 Jahren, das begriffliche Denken. Während Spiele für Erwachsene wie „Jockey“ oder „Tric Trac/Surakarta“, die wohl vor allem wegen !hrer Ausstattung als reine Erwachsenenspiele deklariert werden, Kindern genausoviel Freude machen werden.

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