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Sonne und Blitzblank

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Helen Bradley ist nicht nur eine naive Malerin, die der vielzitierten Grandma Moses kaum nachsteht, freilich auch aus einem reicheren Fundus an Vorbildern - einschließlich Grandma Moses - geschöpft haben könnte, sondern sie kann auch schreiben. Auf dieselbe naive Weise, wie sie in ihren Bildern Reales und Geträumtes mischt, vereinen sich in den Geschichten ihres neuen und - in deutscher Übersetzung von Elisabeth Schnack - nunmehr dritten Buches „Zum Tee bei Tante Anna“, die mündlich überlieferten und in einem dem amerikanischen Alltag sehr ähnlichen Himmel angesiedelten biblischen Geschichten mit realen, aber ins Traumhafte entrückten Kindheitserinnerungen. Seit dem „Bilderbuch von Nellie Blei“ sind die Bücher von Helen Bradley eine Gattung Kinderbücher für sich, die vor allem bei sehr phantasiebegabten - aber auch bei eher introvertierten - Kindern sehr gut ankommt Sie eignen sich besser zum Vor- als zum Selberlesen und werden oft entweder abgelehnt - oder sehr heftig geliebt Vielleicht wird man eines Tages Helen Bradley als Klassikerin naiver Erzählkunst entdecken - immerhin richtet sich in ihrem neuen Buch Gott oben im Moor gemütlich in seiner Hütte ein, holt sich aber, da es ihm bald zu trübe wird, die Sonne vom Himmel herunter und poliert sie mit „Blitzblank“. Assoziationsfetzen aus der Bibel verbinden sich mit solchen aus der Werbung zu einem eigenartigen Märchenteppich, der auch - oder gerade? - auf Erwachsene eine eigenartige, anziehende Wirkung ausübt (Artemis Verlag, Zürich, 32 Seiten, S 188.60.)

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Helen Bradley ist nicht nur eine naive Malerin, die der vielzitierten Grandma Moses kaum nachsteht, freilich auch aus einem reicheren Fundus an Vorbildern - einschließlich Grandma Moses - geschöpft haben könnte, sondern sie kann auch schreiben. Auf dieselbe naive Weise, wie sie in ihren Bildern Reales und Geträumtes mischt, vereinen sich in den Geschichten ihres neuen und - in deutscher Übersetzung von Elisabeth Schnack - nunmehr dritten Buches „Zum Tee bei Tante Anna“, die mündlich überlieferten und in einem dem amerikanischen Alltag sehr ähnlichen Himmel angesiedelten biblischen Geschichten mit realen, aber ins Traumhafte entrückten Kindheitserinnerungen. Seit dem „Bilderbuch von Nellie Blei“ sind die Bücher von Helen Bradley eine Gattung Kinderbücher für sich, die vor allem bei sehr phantasiebegabten - aber auch bei eher introvertierten - Kindern sehr gut ankommt Sie eignen sich besser zum Vor- als zum Selberlesen und werden oft entweder abgelehnt - oder sehr heftig geliebt Vielleicht wird man eines Tages Helen Bradley als Klassikerin naiver Erzählkunst entdecken - immerhin richtet sich in ihrem neuen Buch Gott oben im Moor gemütlich in seiner Hütte ein, holt sich aber, da es ihm bald zu trübe wird, die Sonne vom Himmel herunter und poliert sie mit „Blitzblank“. Assoziationsfetzen aus der Bibel verbinden sich mit solchen aus der Werbung zu einem eigenartigen Märchenteppich, der auch - oder gerade? - auf Erwachsene eine eigenartige, anziehende Wirkung ausübt (Artemis Verlag, Zürich, 32 Seiten, S 188.60.)

Den Kinderbuchautor Janosch kann man lieben oder ablehnen - wer erste-res tut, dem sei der Sammelband „Das große Janoschbuch - Geschichten und Bilder“ empfohlen, das die besten Geschichten und Zeichnungen des Autors enthält Auch an unbequemen Themen geht Janosch nicht vorbei. Eine seiner Märchen-Neufassungen, „Der Tod und der Gänsehirt“, versucht den in unserer Gesellschaft so verpönten Themenkreis des Todes für Kinder aufzugreifen; Symbolfigur ist ein Hirt, der seine Flötentöne schon zu Lebzeiten über den Fluß ins Jenseits hinübergeschickt hat - als er den Fluß überschreitet ist die andere Seite ihm nicht fremd. „Er hatte Zeit genug gehabt, hinüberzuschauen, er kannte sich hier aus, und die Töne waren noch da, die er immer auf der Flöte gespielt hatte.“ (Verlag Beltz, Weinheim, 293 Seiten, S 184,80.)

Dieses Buch von Käthe Recheis erhielt verdienterweise den österreichischen Jugendbuchpreis 1976. Die Autorin geht den Ursachen des irischen Bürgerkrieges nach, schafft aber gleichzeitig eine Identifikationsfigur, mit der der Leser mitgehen kann. Ein Mädchenbuch mit untrüglichem Qualitätszeichen: man kann es getrost auch Buben in die Hand geben. (Herder Verlag, Wien, 186 Seiten, S 109.-.)

Geschichten für Kinder müssen vor allem stimmen. Auch und gerade dann, wenn es Autoren mit der Emanzipation halten. Vor Jahren bekamen meine Kinder ein Buch geschenkt, darin wurde von Bauarbeitern erzählt, die den Baumeister einfach davonjagten und die von ihnen fertiggestellten Wohnungen braven, einfachen Leuten schenkten. Das Problem, woher sie denn, nach dem Abgang des Baumeisters, die Ziegel zum Weiterbauen genommen haben könnten, vermochten wir zu lösen; vermutlich gab es auf der Baustelle größere Vorräte an Baumaterial, und den Innenausbau können ja die glücklichen Wohnungsinhaber selbst in die Hand genommen haben. Bei der Frage, wovon die Bauarbeiter während der weiteren Arbeit, nach der Davonjagung des Baumeisters, ihre Kinder ernährt haben mochten, mußten wir freilich passen.

Das Buch ,J£omm, sagte der Esel“ von Miro Lobe und Angelika Kaufmann wendet sich wohl ebenfalls an Kinder, die Erzählungen hinnehmen, ohne lang zu fragen. Die Geschichte vom Esel, der für seinen Herrn schwere Lasten schleppen mußte und dafür wenig zu fressen bekam, und der eines Tages einen anderen Esel traf, von dem der Funke des Aufstandes auf ihn übersprang, worauf die beiden einander - durch Durchbeißen der Fesseln - befreiten und ein repressionsfreies Dasein in Angriff nahmen, ist genauso dumm. Denn sie tut so, als gäbe es allüberall für streunende Esel genug zu fressen - in einer Welt, in der es auch die Kinder längst besser wissen. Sie tut so, als gäbe es keine Möglichkeit, durchgegangene Esel wieder einzufangen - in einer Welt, in der es auch die Kinder längst besser wissen. Nichts gegen Kinderbücher, in denen unsere Gesellschaft in Frage gestellt wird. Ganz im Gegenteil. Aber die Fabel, an Hand deren Aufklärung betrieben wird, muß stimmen. Ist sie allzu primitiv, beweisen die Autoren nur, daß sie es selbst verlernt haben, unbequeme Fragen zu stellen. Oder Kinderbücher für ein Metier halten, wo man es sich leicht machen kann.

Die Kinder haben das Fragen nicht verlernt. Gott sei Dank. Sie durchschauen den Schmäh - um das harmlosere Wort Manipulation zu vermeiden. Schade um die ansprechende Illustration! (Verlag Jugend und Volk, Wien, 28 Seiten, S 98.-.)

... Dieser Aufforderung sollen die Leser des gleichnamigen Buches von UrsulaNagel nachkommen. Hermann, die Hauptfigur, gibt es gleich ein paarmal - er soll während des Theaterstücks wachsen können. Dazu enthält das Buch die übrigen Familienmitglieder, alle aus steifem Karton, man kann sie ausschneiden und erhält die Personen eines Theaterstücks; auch für Bühne und Kulissen ist gesorgt. Einen Vorschlag für das Stück „Zirkus mit Hermann“ hat Ursula Nagel auch eingebaut - Hermann, das ist ein nüpferdähnliches Tier, das zunächst in der Familie aufwächst, dann aber in einen Zirkus kommt, weil es zu schnell wächst Die Kinder, die diese Schiebefiguren bewegen, haben Gelegenheit, selber die Schwierigkeiten ihrer Protagonisten nachzuspielen; die Autorin gibt ihnen auch konkrete Anweisungen zur Regie - daß Sprache und Figuren zusammenpassen müssen; wie man die Personen durch persönliche Eigenheiten, vom Schluckauf bis zum Sprachtick, individualisieren, welche Geräusche man im Hintergrund machen kann. Ein Buch, das auf längere Zeit Anstoß zum schöpferischen Spiel sein kann, (rororo Rotfuchs Nr. 124, 32 Seiten, S 44.60.)

Mit diesem Satz gerät der Held der so benannten Geschichte von Andrew Davies ständig in Situationen, in denen er helfen muß. Herrlich witzige Anekdoten, ein tiefgründiger Humor, und ganz nebenbei manchmal auch Erzieherisches. Der Windhund etwa, der vor lauter Fernsehen alle Wettrennen verliert... Oder die Geschichte vom gefährlichen Eber in der Badewanne, an dem Schweinemänner, Doktor Gluuk und ein Gorilla vergeblich ihre Kräfte bemühen, bis die einjährige Anna, die nur „Unk!“ sagen kann, die Situation rettet. Ein Buch für das erste Lesealter. (Thienemann Verlag, Stuttgart 80 Seiten, S 75.50.)

Denkmalschutz als Kinderbuchthema? Ja, und hier sehr geglückt. Jörg Müller und Heinz Ledergerber stellen in ihrer Büdermappe „Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran und ewig droht der Baggerzahn, oder die Veränderung einer Stadt“ dar, wie sich eine Wohnlandschaft in kaum merkbaren Schritten zur Alptraum-City entwickelte. Am konkreten Beispiel, zwischen dem 6. Mai 1953 und dem 7. Jänner 1976. Die Autoren, die für ein früheres Unternehmen dieser Art („Alle Jahre wieder“) den wohlverdienten deutschen Jugendbuchpreis bekamen, geben dem Kind, was Kinder interessiert - da ein Feuerwehreinsatz, dort ein Karussell, und sie stützen sich voll und ganz auf Realität: Die Bilder wurden nach einer Dokumentation von 800 Diapositiven zum Thema Altstadtzerstörung und Wohnbautätigkeit gestaltet. Auf einen Text im üblichen Sinn wurde verzichtet. Die Kinder können die Bilder selbst in die richtige Reihenfolge bringen - bis zum letzten mit einer Straßendemonstration unter dem ironischen Motto „Stadtluft macht frei!“. (Verlag Sauerländer, Aarau, 8 Blätter in Mappe, S 191.-.)

Zahlreich sind die Geschichten, in denen für Kinder einsichtig die Probleme der Vereinsamung alter oder von der Norm abweichender Menschen dargestellt werden. Zahlreich auch die Methoden, die zum Happy-End führen: eine Schrecksituation, wo der Einsame beweisen kann, daß er sehr wohl zu brauchen ist; eine besondere Fähigkeit, die unerkannt blieb und durch ein Kind plötzlich entdeckt wird, z. B. Geschichtenerzählen; oder aber ein außerirdisches Wesen, das die ersten Brücken schlagen hilft und nach getaner Arbeit wieder verschwindet.

Letzteres Modell wählte Jaromira Kolar für ihre Geschichte „Der geheimnisvolle Gast“, und zwar hat der Retter hier die Gestalt eines Wassertropfens, aus dem ein „kleines Wesen“ wird, dessen Gattungszugehörigkeit

auch der zu Rate gezogene Tierarzt nicht bestimmen kann. Die literarischen Topoi dieses Buches sind vielfältig - erwähnt sei nur die Methode, durch eine Kombination iterativer und kombinatorischer Sprachbehandlung die Entstehung eines Wortschatzes zu beschreiben. Dazu unvergeßliche Szenen, wenn das „kleine Wesen“ bei einem Ausflug in der Milchkanne heillose Verwirrung in einer Straßenbahn stiftet. (Verlag Sauerländer, Aarau, 144 Seiten, S 129.40.)

Haben wir es doch gewußt - in einem großen Karikaturisten, in einem Karikaturisten von Rang, muß doch ein kleines Kind stecken! Haben wir es doch gewußt - Luis Murschetz, Tag für Tag beschäftigt, die Politik auf der Suche nach Karikierbarem umzuschaufeln, macht hier keine Ausnahme! Mit seiner Geschichte „Der Maulwurf Grabowski“ hat er, in Bild und Text, ein echtes, naives Kinderbuch geschaffen - mit einem sehr aktuellen, einem zeitgemäßen Thema. Er fühlt mit dem armen Grabowski, der plötzlich vom großen Bagger aus der Erde geschaufelt wird, dem aber die Flucht auf eine andere, noch nicht in Baugrund verwandelte, „riesengroße Wiese... mit leichter, duftender Erde darunter“ gerade noch gelingt - Gott sei Dank!

Ein Kinderbuch voll jener Naivität, die sich erst am Ende eines langen, langen Denkprozesses einstellt. (Diogenes-Verlag, Zürich, 26 Seiten, S 129.40.)

Daß der Teufel, höchstpersönlich, sein „ganz schlechtes Französisch sehr gut sprechen“ kann, ist ebenso klar wie die Tatsache, daß er dies mit einem sehr starken Dubliner Akzent tut -wenn die Geschichte, die „Die Katze und der Teufel“ heißt, kein Geringerer als James Joyce geschrieben hat. Sie ist kaum 100 kurze Zeilen lang und nicht sehr pädagogisch, wenn man davon ausgeht, daß der Betrug auch dann ein Delikt darstellt, wenn er am Teufel begangen wurde. Anderseits sind mildernde Umstände in Rechnung zu stellen: Wenn man bedenkt, daß die Leute von Beaugency die Loire nur per Schiff überqueren konnten, wird man dem Versucher, der ihnen anbot, in einer Nacht eine Brücke zu bauen und sich als Honorar mit der ersten Person, welche diese überqueren werde, begnügen wollte, zumindest eine erhebliche Attraktivität zubüli-gen müssen.

Wie der kluge Bürgermeister von Beaugency die Brücke behielt und doch keines seiner Gemeindemitglieder verlor, erzählte - wie gesagt - James Joyce, und der Insel-Verlag machte daraus, zusammen mit den entzückenden Zeichnungen von Jan de Tusch-Lee, eines jener Bücher, von denen man nicht weiß, ob es sich um Kinderbücher für Erwachsene handelt oder um Erwachsenenbücher für Kinder - weil sie den einen wie den anderen gefallen. Eines Tages, wenn die Kinder größer sein werden, werden ihnen die Erwachsenen vielleicht erzählen, daß ein großer Mann namens James Joyce diese Geschichte in einem Brief an seinen Enkel Stevie niedergeschrieben hat. Und daß die Bilder zu der Geschichte vom Sohn eines sehr klugen Polen namens Stanislaw Jerczey Lee stammen. Der Übersetzer des Briefmärchens, Fritz Senn, hat an der großen Frankfurter Joyce-Ausgabe mitgearbeitet. (Insel-Verlag, Frankfurt, 26 Seiten, S 123.-.)

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