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Kunst kein Ersatz für politische Kultur

Erschütternd, wie das Weltgeschehen der letzten Wochen zwei dieser kleinen Bändchen der fast immer ausgezeichneten Edition des Suhrkamp-Verlages inhaltlich einander angenähert und in brennende Aktualität gerückt hat. Weil eines dieser „boshaften, unpersönlichen, abstrakten Staatsungeheuer“ (Dürrenmatt), die einander mit Atombomben in Schach halten und weltum Angst verbreiten, indirekt in Aktion getreten ist. Weil es wie ein Blitz in die Verse der deutsch-jüdischen Dichterin Nelly Sachs fuhr, die — Zeit und Raum durchbrechend — noch den „brennenden Sinaisand mit Kehlen von Nachtigallen“ und „mit Flügeln des Schmetterlings“ vermischt gesehen hatte, jetzt aber ihre Tröstung zunichte fand: „Land Israel / nun wo dein Volk / aus den Weltenecken verweint heimkommt / um die Psalmen Davids neu zu schreiben in deinen Sand / und das Feierabendwort Vollbracht I am Abend seiner Ernte singt —“

„Nun singen sie wieder“, hieß das erste Stück des Schweizers Max Frisch nach dem Kriege zur Auseinandersetzung mit dem großen Entsetzen (des Autors der eindringlichsten politischen Appelle des Theaters „Biedermann und die Brandstifter“ und „Andorra“). Wenn er später an das gar nicht so geliebte Rednerpult trat, dann geschah es nicht, um seine Bühnenstücke, Romane und Erzählungen zu interpretieren oder seine Situation öffentlich zu bestimmen, sondern um Antwort zu geben auf Fragen wie: nach der möglichen Wirksamkeit, ja auch nur Berechtigung von Kunst oder nach der Verantwortung des Schriftstellers gegenüber der Gesellschaft. Stets waren es mit der Frisch eigentümlichen Unbefangenheit und Gelassenheit vorgebrachte unbequeme Feststellungen, stets scharfsinnige Analysen aus genauer Kenntnis der realen Wirklichkeit, ihrer Zusammenhänge und Widersprüche. In dem Bändchen „Öffentlichkeit als Partner“ sind acht solche Reden im Wortlaut enthalten: Von der Festrede (1957) anläßlich des schweizerischen Nationalfeiertages am 1. August bis zur Rede vor der Vereinigung der kantonalen Frem-denpolizeichefs über angebliche Überfremdung der Schweiz durch Fremdarbeiter. Am Schluß steht Frischs Antwort an den Züricher Germanisten Emil Staiger, der in einer Rede schwere Vorwürfe gegen das seiner Meinung nach übermächtige Kalkül der Macht des Scheußlichen, des Krankhaften und der ausgeklügelten Perfldien in der heutigen Literatur erhoben hatte.

Man müßte Frisch spaltenlang zitieren: hier nur ein paar Proben: „Wir können das Arsenal der Waffen nicht aus der Welt schreiben, aber wir können das Arsenal der Phrasen, die man hüben und drüben zur Kriegsführung braucht, durcheinanderbringen, je klarer wir als Schriftsteller werden, je konkreter nämlich, je absichtsloser in jener bedingungslosen Aufrichtigkeit gegenüber dem Lebendigen... Alles Lebendige zersetzt die Ideologie, und wir brauchen uns infolgedessen nicht zu schämen, wenn man uns vorwirft, unsere Schriftstellerei sei zersetzend.“ (Aus der „Büchner-Rede“ 1958.) „Kunst ist kein Ersatz für politische Kultur. Der Staat soll Kultur zeigen, wo er selbst Regie führt, vom Kabinett bis zui Kaserne... die Kunst kann ihm das nicht abnehmen. Politische Kultui setzt ein, sobald ein Staat so funktioniert, daß er nicht Menscher schänden muß, um zu funktionieren.“ — „Gäbe es die Literatui nicht, liefe die Welt vielleicht nichl anders, aber sie wurde anders gesehen, nämlich so wie die jeweiligen Nutznießer sie gesehen haben möchten: nicht in Frage gestellt.“ — „Die Umwertung im Wort, die jede Literatur um ihrer selbst willen leistet ... ist schon... eine produktive Opposition. Gewisse Haltungen von gestern... sind heute nicht mehr vertretbar, weil die Literatur sie umgetauft hat auf ihren Wirklichkeitsgehalt hin...; der Umbau des Vokabulars erreicht alle, die sich einer geliehenen Sprache bedienen, also auch die Politiker. Wer heute gewisse Worte gebraucht, wäre entlarvt: dank der Literatur, die den Kurswert der Wörter bestimmt. Ich weiß: was einmal Karl Kraus geleistet hat in diesem Sinn, hat Wien vor nichts bewahrt. Aber... vielleicht wäre es der Literatur schon anzurechnen, daß beispielsweise ein Wort wie Krieg ... zumindest in Europa sich als Lockwort nicht mehr eignet.“ (Aus „Der Autor und das Theater“, 1964.)

Den Auftrag an den Schriftsteller sieht Frisch in der „Wahrhaftigkeit der Darstellung... Bilder, nichts als Bilder und immer wieder Bilder, verzweifelte, unverzweifelte, Bilder der Kreatur, solange sie lebt...“ In den Dichtungen von Nelly Sachs sind sie verwahrt; Gedichte, in denen sich die prophetische, apokalyptische, visionäre Bildpracht der Bibel mit der ruhigen, ernsten Heiterkeit eines gütigen Frauenherzens vereint. Sie konnte, hieß es in der Laudatio anläßlich der Verleihung des Nobelpreises an die Fünfundsiebzigjäh-rige, „das Böse der Zeit im Gedicht melden, ohne daß ihr dabei das Wort böse geworden wäre“. („Nicht Kampflieder will ich euch singen / Geliebte, / nur das Blut stillen / und die Tränen, die in Totenkammern gefrorenen / auftauen.“) Olof Lager-krantz, Chefredakteur der größten schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter hat sechs in seinem Blatt über die Lyrik von Nelly Sachs erschienene Artikel zu einem „Versuch“ über Genlie und Eigenart der in Schweden lebenden deutsch-jüdischen Dichterin ausgeweitet,

Die Geschichten des Ivan Vysko-öil, die den merkwürdigen Titel „Knochen“ tragen, haben mit den beiden vorbesprochenen Bänder nur gemeinsam, daß sie gleichfalls in der Edition Suhrkamp erschienen sind. Vyskocil, Jahrgang 1929, früher Gerichtspsychologe, Dozent für Psychologie, Schauspieler, Regisseur am Prager „Theater am Geländer“, hat bisher zwei Bände Erzählungen voll schwarzen Humors veröffentlicht. Ihre letzte Fassung entsteht, indem er sie in einem der vielen kleinen Prager Theater vorträgt.

„Weil ich lieber erzähle als schreibe, weil mich die Vergänglichkeit des Erzählten erregt und die Endgültigkeit des Geschriebenen peinigt...“ teilt uns der Autor gleich zu Beginn in seiner bewußt weitschweifigen Vorrede mit. Vyskocil gesellt sich zu Vaclav Havel (Gartenfest, Benachrichtigung) und Bohum.il Hrabal (Tanzstunden für Erwachsene). Des letzteren genüßlich schwadronierende Erzählung „Die Bafler“ (Schwafler) könnte den Oberbegriff für diese literarische Gruppe abgeben, als deren Vorfahre Hasek Schwejk gelten mag. Satire vom Sprachparodistischen her, grell bis zum Absurden, aber immer dem Realen, dem Gesellschaftlichen verhaftet und aus Erfahrungen schöpfend, die der Autor, die wir alle alltäglich gewinnen. Vysko&ils Kuriositätenpanoptikum ist originell. Da gibt es den Hilfssündenbock, der alle Pannen im Betrieb offiziell auf sich nehmen muß, den Hilfsbräutigam für festliche Scheinhochzeiten, den Mann mit dem ungewöhnlichen Rednertalent, der alles zu Staub zerredet, den Bürgermeister, der sich so in Gedanken vergrub, bis daraus eine Grube wurde, in die die Bürger der Stadt hineinfallen und Arm und Bein brechen, den Mann, der sich einsperren lassen muß, weil man einen Helden, einen Rebellen braucht und so fort. Zielscheiben sind falscher Heldenkult, Bürokratie und andere menschliche Dummheiten. Am besten kommt der unzweifelhafte Humor des Autors in den kürzeren Stücken zur Geltung. Dagegen ist eine Erzählung wie Die Verranztheit (gemeint ist die ranzig gewordene Butter auf den Köpfen hoher Staatsbeamter) auf 62 Seiten eine harte Geduldprobe. Die Ubersetzung läßt viel zu wünschen übrig, weil das tschechische Schwafeliddom im Deutschen nur schwer wiederzugeben ist. Ein echtes Vergnügen müßte es sein, den Verfasser seine Geschichten von der Bühne herab erzählen zu hören.

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