6697543-1963_13_14.jpg
Digital In Arbeit

MENSCHEN UND UNMENSCHEN

Das Werk des Schweizer Nonkonformisten Max Frisch

Längst macht „Andorra“ die Runde um die Welt. Während das Drama in der Schweiz begeisterte Zustimmung oder wenigstens eindeutige Ablehnung erweckt, hat es im ferneren Westen bis jetzt sehr schwachen Widerhall gefunden. Vielleicht ist daran Frischs Eigenart schuld, an den brennenden Problemen der Gegenwart, der modernen Gesellschaft seines Landes individuelles Schicksal darzustellen. Denn das große Thema, das den Dichter heute wie vor 20 Jahren im Bann hält, ist die Selbstverwirklichung des Menschen. An ihm vor allem entfaltete er seine raffinierte Psychologie, die jener der nordischen Dramatiker kaum nachsteht, ob er sie nun in das Gewand moderner Mehrdimensionalität, des „barocken“ Lehrstücks oder des Romans kleidet. Im Zeitgeschehen, der Gegenwartsbezogenheit, realen Zuständen sucht Frisch oft nur den Anlaß, die Rechtfertigung zur inneren Auseinandersetzung und häufig deren Spiegel und Widerspiel. Diese Dialektik zeigt uns der Autor wohl nirgends so durchsichtig und ausgewogen wie in seinem jüngsten Schauspiel, „Andorra“.

Eines Morgens steht auf dem Marktplatz von Andorra ein Pfahl. Niemand will ihn sehen, und doch spüren alle, wem er gilt.

„Das ist kein Aberglaube, o nein, das gibt's, Menschen, die verflucht sind, und man kann machen mit ihnen, was man will, ihr Blick genügt, plötzlich bist du so, wie sie sagen. Das ist das Böse. Alle haben es in sich, keiner will es haben, und wo soll das hin? In die Luft? Es ist in der Luft, aber da bleibt's nicht lange, es muß in einen Menschen hinein, damit sie's eines Tages packen und töten können ...“ Schon lange rumort es an der Grenze. Wenn der Feind Andorra überfällt, wird ein Sündenbock sehr gefragt sein! „Ein Andorraner hat keine Angst“, trumpft der Soldat gegenüber Andrl auf. „Aber du hast Angst! Weil du feig bist... Weil du Jude bist.“ So fängt es an. Bis zu guter Letzt Andri alle „typisch jüdischen“ Eigenschaften beherrscht und es in totaler Selbstentfremdung für sein Wesen hält, Andorras schwarzes Schaf zu sein. „Ich liebe einen einzigen Menschen, und das ist genug“, tröstet er sich. Dieser einzige Mensch aber, Andris Braut, Barblin, — ist seine Schwester! 20 Jahre lang hat der Vater seinen Sohn verleugnet, weil er Angst hatte vor Andorra; denn „ein Andorraner“, sagen sie, „hat nichts mit einer von drüben, und schon gar nicht ein Kind ...“. Jetzt aber will niemand mehr die Wahrheit wissen, nicht einmal Andri. Sie hat für ihn ein zu furchtbares Gesicht. Seine Antwort ist die Flucht in das Opfer, das Andorra willig vollstreckt. Denn der Feind steht im Land, man braucht einen Sündenbock. Und das Vaterland ist gerettet!

Ohne Zweifel ist „Andorra“ eines der stärksten Theaterstücke, die der Dramatiker Frisch bis jetzt geschrieben hat. Durch, den MödeTlcharakter des Spiels und die: ungemein ent-larvehde'Sprache soll der Zuschauer Andorra als Möglichkeit erleben, die immer und überall auf dem Sprunge liegt. Assoziationen zum ungeheuren Geschehen der jüngsten Vergangenheit unterstreichen die Aussage. „Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die Seine Geschöpfe sind“, steht an zentraler Stelle im Drama. Der Vorwurf trifft nicht nur die Andorraner. Auch Andri hat sich ein Bildnis seiner selbst gemacht, von dem er nicht mehr losgekommen ist. Exemplarisch erfüllt sich an diesem „Juden“ das Schicksal des modernen Menschen, der nicht zu sich selber findet.

Max Frisch ist ein bedeutender Nonkonformist unserer Zeit. Nicht nur sein literarisches Werk und die theoretischen Schriften zur Architektur, auch Leben und Herkunft, tragen diesen Stempel.

Im „Tagebuch 1946 bis 1949“ schreibt der Verfasser über sich: „Geboren bin ich 1911 in Zürich. Unser Name ist nicht schweizerischen Ursprungs. Ein Großvater, der als junger Sattler einwanderte, brachte ihn aus der österreichischen Nachbarschaft ...“ Der Vater war Architekt, und es war sein Wunsch, die beiden Söhne als Akademiker zu sehen. Max Frisch studierte nach dem Abitur Germanistik an der Universität Zürich, bis der Tod des Vaters ihn auf eigene Füße stellte. Entscheidendes Ereignis für den jungen Journalisten ist das erste Erlebnis der Ferne: Osteuropa, Dalmatien, Griechenland. Doch vorerst kehrte Frisch auf die Schulbank zurück, um Architektur zu studieren.

Als Bub hat Max Frisch, wie er in der Autobiographie bemerkt, wenig gelesen. Dafür spielte er leidenschaftlich Fußball. Später wurde das Theater seine große Liebe, und als Sechzehnjähriger entdeckte er, daß man auch heutzutage Stücke schreiben könne. Opus 1 kam immerhin zurück mit der Empfehlung Max Reinhardts, spätere Arbeiten einzusenden. Damals lernte Frisch das Werk Ibsens kennen. Bis zur Matura sind noch „drei oder vier“ weitere Theaterstücke entstanden. Keines dieser Frühwerke ist aufgeführt worden. Der Autor hat sie 1937 bei der Abrechnung mit der Vergangenheit, verbrannt. Zwei Jahre hat er daraufhin nichts Literarisches mehr geschrieben. Erst am Tag der Mobilmachung im Grenzdienst begann er wieder ein Tagebuch, überzeugt, daß uns der Krieg nicht erspart bliebe.

1941 wurde Frisch im neuen Beruf diplomiert. „Eine junge Architektin, die mir am Reißbrett half und das Mittagessen richtete, wurde meine Frau; wir heirateten, nachdem wir zusammen ein erstes Haus erbaut hatten.“ Die nächsten Jahre sind ausgefüllt durch die Doppeltätigkeit als Architekt und Schriftsteller. Nach einem Roman und einer „Träumerei in Prosa“ schreibt Frisch wieder fürs Theater. Der Durchbruch auf der Bühne gelingt ihm 1945 mit „Nun singen sie wieder“. Er nennt dieses Spiel den „Versuch eines Requiems“ für die Toten des Weltkrieges. Max Frisch glaubt „nicht an die Gewalt, nie, auch wenn sie eines Tages in unseren Händen ist“-.

Sein Recht zu schreiben, äußerte er sich damals, sehe er allein in seiner Zeitgenossenschaft begründet, und vielleicht noch in seiner besonderen Lage als Verschonter, außerhalb der nationalen Lager. In der Tat hat sich dieser Dichter immer wieder wie kaum einer im gleichen Sprachraum der Gegenwart gestellt und, getreu seiner Leitlinie, des modernen Menschen in der Selbstentfremdung angenommen. So im Schauspiel „Als der Krieg zu Ende war“. Der Autor kommentiert im Vorwort:

„In Zeiten, die auf Schablonen verhext sind, schien es mir nicht überflüssig, Zeugnis abzulegen für einzelne Menschen, die nicht die Regel machen, aber dennoch wirklich sind und lebendig, mindestens so lebendig, wie die tödlichen Regeln, die wir kennen: Der Jude, der Deutsche, der Russe und so weiter.“ Es gebe eine sittliche sinnvollere Unterscheidung als etwa die gerade aktuelle zwischen Ost und West. Nämlich „die Unterscheidung nach Mensch und Unmensch, womit allerdings bei keiner Partei, die es auf der Erde gibt, Beifall zu holen ist, und doch müßte diese Unterscheidung, wie ich glaube, unser erstes Anliegen sein, auch wenn das Forum, das sich dafür finden läßt, immer schmaler wird“.

Seit dem ersten großen Erlebnis der Fremde hat es diesen Schweizer wieder und wieder über die Grenzen gezogen. Nach dem Kriege bereiste er Jahr für Jahr Europa und lernte bald auch Amerika kennen. Heute lebt Frisch, von seiner Frau getrennt, als freier Schriftsteller in Rom und Zürich. Sein dichterisches Werk umfaßt bereits über ein Dutzend Theaterstücke, Romane und Tagebücher.

Manche Fragestellung, manches Problem hat Frischs Werk mit dem seines großen Landsmannes Gottfried Keller gemeinsam. Dies gilt vor allem für „Stiller“, jenen Roman, der die junge deutsche Literatur erst wieder salonfähig gemacht habe. Ähnlich wie Keller im „Grünen Heinrich“ oder in der Seidwyler Geschichte, „Pankraz der Schmoller“, verfolgt Frisch hier die Selbstwerdung eines Schweizers in der Fremde, eines Davongelaufenen. Die Sprache dieses Romans ist von „schöpferischer Einfachheit“ und Schönheit, die Form bemerkenswert neu und originell: In einem Tagebuch wird das Leben des zweitrangigen Bildhauers Stiller vor seiner Flucht nach Amerika aufgerollt, aus Fremdperspektive — und zwar von Stiller selber. Der Stiller des Tagebuchs allerdings nennt sich White und bestreitet vehement die Identität mit jenem anderen Stiller, der 1946 aus Zürich verschwunden und seither verschollen. Spurlos verschwinden ist überall verdächtig, in der Schweiz erst recht. Die Behörden argwöhnen Zusammenhänge mit einer heiklen Spionageaffäre. Jedenfalls ist White beim Grenzübertritt wegen seiner Ähnlichkeit mit Stiller verhaftet worden. Im Untersuchungsgefängnis zeichnet er getreulich auf, was er von Stillers Frau und Bekannten über den Verschollenen vernimmt: Stiller, ein sensibler, femininer Typ, hat es nie recht verwunden, daß er im spanischen Bürgerkrieg nicht seinen Mann gestellt hat; aber auch seiner Frau gegenüber, der Balletteuse Julika, ist er sich als Versager vorgekommen. Seine Unmännlichkeit und ihre Frigidität haben sich trefflich im Negativen ergänzt. Aus dieser Situation ist Stiller ausgebrochen, um drüben eift anderes Leben anzufangen. Der Heimkehrer aber ist nicht mehr identisch mtt -dem Stiller seiner Frau und der alten Bekannten! Allein damit ist die Vergangenheit noch nicht bewältigt. Jedoch die Konfrontation mit ihr gibt Stiller die Erkenntnis, daß er eigentlich vor sich selber geflohen ist. Und seit er versucht, sich selber anzunehmen, ist es sekundär, für wen man ihn hält. Er kehrt zu seiner Frau zurück.

„Stiller“ ist ein Roman von der ungeheuren Sehnsucht des modernen Menschen nach Erlösung und der Versuch einer Antwort. Der Staatsanwalt, Stillers Freund, gibt sie: „Es braucht die höchste Lebenskraft, um sich selber anzunehmen. Ohne die Gewißheit von einer absoluten Realität außerhalb menschlicher Deutung, ohne die Gewißheit, daß es eine absolute Realität gibt, kann ich mir freilich nicht denken, daß wir je dahin gelangen können, frei zu sein.“

Nicht selten ist für Max Frisch das Kleine — Heimat und Vaterstadt — Symbol für das Enge, Kleinliche, für das Hemmnis, das der Selbstentfaltung entgegensteht. „Meine Zelle ist klein wie alles in diesem Land, sauber, so daß man kaum atmen kann vor Hygiene, und beklemmend gerade dadurch, daß alles recht, angemessen und genügend ist“, klagt Stiller. Frisch selber schildert im „Tagebuch“ unser andorranisches Wappen als

„eine heraldische Burg, drinnen ein gefangenes Schlänglein, das mit giftendem Rachen nach seinem eigenen Schwänze schnappt...“

Mit beißender Satire und grimmigem Humor stellt da meisterliche „Lehrstück ohne Lehre“, „Biedermann und die Brandstifter“, jene Übel bloß, an denen nicht nur jedes Seldwyla krankt, sondern auch die eigene Selbstverwirklichung am ehesten scheitert: Feigheit, Trägheit, Spießbürgerlichkeit! „Ohnmächtig wachsam, mitbürgerlich, bis es zum Löschen zu spät ist, feuerwehrgleich“, begleitet ein Chor die geradlinige Handlung.

In der Stube hinter seiner Zeitung wettert Gottlieb Biedermann: „Aufhängen sollte man sie. Hab' ich's nicht immer gesagt? Schon wieder eine Brandstiftung. Und wieder dieselbe Geschichte, sage und schreibe: wieder so ein Hausierer, der sich im Dachboden einnistet, ein harmloser Hausierer...“ Aber da steht er schon, der „Hausierer“, draußen im Flur, unter der Tür. Nur daß dieser hier ein ehemaliger Ringer ist, und Athleten kann man doch als Biedermann nicht einfach zur Tür hinauswerfen! Man ist ja schließlich kein Unmensch, nicht wahr? Wenigstens nicht vor ehemaligen Ringern. .. Und schon sitzt er in der Dachkammer, der „Hausierer“. Anderntags soll die Frau mit ihm fertigwerden. Sepp Schmitz aber weiß sich rührselig genug zu geben — und kann bleiben! Am nächsten Morgen sind es schon ihrer zwei, und der Dachboden steckt voller Benzinfässer. Wie sollte Herc Biedermann noch den Mut haben, zur Polizei zu gehen, jetzt, wo „er selber strafbar ist“? Auch hat er Angst, der Herr Biedermann: „Ein Streichholz genügt, und unser Haus steht in Flammen“, fürchtet er. Mit einem netten Abendessen will er die Gesellen sich zu Freunden machen. Er hält ihnen sogar die Zündschnur zum Ausmessen, allen Argwohn beiseite schiebend. Ist doch „die beste und sicherste Tarnung immer noch die blanke und nackte Wahrheit“, wie Sepps Kumpan erklärt. Auch die Streichhölzer reicht der Verblendete, mit denen seine „Freunde“ Haus und Stadt in Brand stecken! „Was nämlich jeder voraussieht, lange genug, dennoch geschieht es am Ende, Blödsinn, der nimmer zu löschende, jetzt Schicksal genannt!“ beendet der Chor die Tragikomödie, während die Gasometer explodieren.

Hinter aller handgreiflichen Satire, Gesellschaftskritik und gleichnishaften Zeitbezogenheit eignet aber auch diesem Stück durchaus eine subjektive Bedeutung. Wohl will Frisch in erster Linie zeigen, daß nicht alles Schicksal ist, was Stadt und Land bedroht. Aber auch die durchtriebenen Vaganten und Brandstifter, das abschließende Feuerwerk entbehren keineswegs seiner Sympathie, und schwerlich dürfte es bloßer Zufall sein, daß dieses Stück zu einer Zeit entstanden ist, wo des Dichters eigenes Heim in Brüche ging.

Ebensowenig aber trifft es zu, daß Frisch an der Heimat und am Land, dessen Bürger er ist, nur zu kritisieren hätte. Kurz nach dem Krieg gesteht er einmal: „Anderseits hat es auch wieder seinen Segen, wenn man einem Volk angehört, das seine Künstler niemals durch Verwöhnung verdirbt, und zwar ohne Ironie: der deutsche und vielleicht abendländische Irrtum, daß wir Kultur haben, wenn wir Symphonien haben, ist hierzulande kaum möglich; der Künstler nicht als Statthalter der Kultur. Er ist nur ein Glied unter anderen. Kultur als Sache des ganzen Volkes, wir erkennen sie nicht allein auf dem Bücherschrank und am Flügel, sondern ebensosehr in der Art, wie man mit dem Gesinde umgeht...“

Doch ist die Schweiz für Frisch auch nicht etwas Fertiges, „ein einigermaßen technisch gemeisterter Staat“, wie zum Beispiel Dürrenmatt sich schon ausgedrückt hat. Frisch denkt an die Zukunft, will die Schweiz als Aufgabe. „Man ist nicht realistisch, indem man keine Idee hat“, beginnt die Broschüre „Achtung: die Schweiz!“, die Frisch mit einem Historiker und einem Nationalökonomen zusammen herausgegeben hat. Dem heutigen Schweizer aber fehle, sehr im Unterschied zu seinen Vorfahren, jegliche Idee von der Zukunft seines Landes. Um die Diskussion darüber auszulösen, müsse eine Manifestation gewagt werden. Die drei schlagen vor, irgendwo in der Schweiz, wo noch nichts steht, eine Musterstadt zu bauen; diese solle den Anspruch erheben können, die schweizerische Demokratie im 20. Jahrhundert zu repräsentieren. Jedoch Prophet sein im eigenen Lande ist auch in der Schweiz nicht leicht...!

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau