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Roman-Zeiten

Else Eckersberg, die spätere Gräfin York, die zwischen den beiden Weltkriegen zum Ensemble von Max Reinhardts „Deutschem Theater” in Berlin gehört hat, schrieb — was Theaterleute gerne tun — das nieder, was sie wohl in den seither vergangenen 30 Jahren oft und immer wieder- und mit Genuß erzählt hat; Amüsantes, Interessantes vom Vor-und- Hinter-den-Kulissen. Daraus ist ein munteres Buch geworden, das man zwischen anderem ganz gerne liest. Eine große Stilistin ist sie zwar nicht, die „eminente Schauspielerin”, wie Johannes Guttmann sie genannt hat, und vielleicht kann sie scharmanter erzählen als schreiben; aber dieses Theaterleben der zwanziger Jahre im Umkreis Gerhart Hauptmanns, Hugo von Hofmannsthals und der großen Schauspieler und Regisseure hat doch soviel Atmosphäre, daß man sich vergnüglich unterhalten kann. Das liebe Ich und Elsa Wagner, die Duz- und Busenfreundin (die auch heute ‘ noch munter Theater spielt) sind zwar immer groß geschrieben und die Erfolge auch — das ist nun einmal so und gehört gewissermaßen Izünt Theaterdonner aller Schauspieler- ifteihtifren —/’und’ d’ää ‘Ganze ist eigentlich mehr’ ein Sammelsurium von Anekdoten als eine Autobiographie; aber lassen wir’s uns so gefallen. Pippa tanzt und plaudert, spielt und mimt und hat ihren Spaß, erlebt Ergötzliches mit dem gewesenen Kronprinzen und mit Gerhart Hauptmann, Gründgens und Otto Gebühr. Dazwischen gibt’s auch ein paar Tränen und hysterische Auftritte, Aufregungen und etliche Längen und Breiten, und diese volle Zeit, obwohl sie nun vergangen ist, kann eben nicht vergessen werden.

MIRA. Ein Roman um Hofmannsthal. Von Max B r o d. Verlegt bei Kindler, München. 299 Seiten.

Von Max Brod ist wieder ein Roman erschienen, den man nicht ganz ernst zu nehmen wagt, denn er wiegt zu wenig, ist zu dünn, gebärdet sich zwar sehr literarisch, gehört aber doch nur zur larvierten Unterhaltungsbelletristik und könnte schon zwischen 1920 und 1930 geschrieben worden sein.

Er nennt sich „Roman um Hofmannsthal , aber Hofmannsthal gehört hier nur gewissermaßen zum Brimborium, ist gänzlich nebensächlich, spendiert nur eine Sentenz und eine halbe Szene, und man fragt sich vergebens mit welchem Recht er bemüht wird. Denn es raufen sich hier doch nur zwei Biedermänner, die keine sind, um eine Dame, die auch keine ist, und das Ganze verläppert in einer Liebesgeschichte nach dem Bahrschen Rezept vom Dreieck. Es geht um eine Frau, die Mira heißt, aber am Ende weiß man nicht recht: ist das nun „die Frau, nach der man sich sehnt”, oder ist das nur wieder „Weiberwirtschaft”.

Am Anfang glasperlenspielert es heftig in diesem Roman, aber peinlicherweise nur sozusagen in Lederhosen mit Gamsbart, und das ohnehin schon abgestandene Bedürfnis der Jahrhundertwende-Dichter- Philos.ophen nach unverbindlicher Klosterspielerei in Komfort und Schönheit wird hier noch einmal in Groschen verausgabt.

Schließlich aber, und das muß noch gesagt sein: ein hoch prätetftiöses Geschreibe am Schluß des Buches, das sich Nachwort” nennt, versucht eine schon offenkundig gewordene Niete für einen Treffer auszugeben.

Summa summarum: unerfreulich!

SONNE ÜBER SAN STEFANO. Roman. Von Mabel L. Tyreli. Aus dem Englischen von Werner Bernicken. Verlag J. P. Bachem, Köln. ?28 Seiten. Preis 13.80 DM.

Nicholas Mailet ist ein reicher, gutherziger und immer hilfsbereiter Mensch, er ist nobel und auch sehr verliebt in Frances Lambert, die leider während längerer Zeit seine enormen Vorzüge nicht recht zu schätzen weiß. Erstens, weil sie ein wenig hysterisch ist, und zweitens, weil sie ihrerseits mehr Felix liebt, einen Sonny-boy und zweifelhaften Tunichtgut, der sie knapp vor der Hochzeit mit Nicholas nach Sizilien entführt, wo dann 130 Seiten lang die Sonne scheint. Aber eines Tages geht die Sonne wieder unter und es stellt sich dann das Happy-End ein. Felix geht ein zu den Schatten des Hades und Nicholas gewinnt seine Vielgeliebte endlich, wenn auch ziemlich reduziert, doch immerhin. Aus Komplikationen und Vorkommnissen solcher Art hat Mabel Tyreli herausgeholt, was sie vermochte, im großen und ganzen ziemlich viel und genug für einen englischen Unterhaltungsroman von mittlerer Qualität. Aber wir haben nicht gefunden, was uns der Klappentext versprach: „Tiefe des Blicks für die Zusammenhänge des Geschehens und die Seele “der Menschen, beispielhafte Knappheit des Stils und große Darstellungskraft usw.” Nichts dergleichen, sondern nur das, was zu einem Unterhaltungsroman gehört, und das dürfte wohl in diesem Fall genügen …

KONGRESS IN FLORENZ. Roman. Von Jaroslaw Iwaskiewicz. Albert-Langen-Georg-Müller-Ver- lag, München. 125 Seiten. Preis 8.50 DM.

Dieser , kleine „Roman” eine ironisch-melancholische Rpmanze aus der Welt von gestern, hat es mit drei Polen zu tun, die nach Florenz geschickt werden, um dort zu kongressieren. Sie absolvieren Tagungsquatsch, machen die üblichen Scherze ab- geordneter Kulturvertreter, benehmen sich teils albern und teils neunmalklug und reisen dann wieder retour. Zwei wenigstens, denn der dritte bleibt hängen. Er hat sich inzwischen verliebt. Die Nymphomanin Gräfin Soudray halftert er zwar ab, als er merkt, daß sie ihn nur zu mißbrauchen versucht, aber von der kleinen Schlampe Carla kommt er nicht mehr los und verliert dabei das bißchen Verstand, das er hat. Mehr ist nicht zu sagen. Es wäre denn, man würde versuchen wollen, irgendwelches Gras wachsen zu hören. Politisches Gras zum Beispiel. Weil es ein Pole ist, der das Stücklein geschrieben hat, „ein prominenter Schriftsteller des heutigen Polen”, wie es im Klappentext heißt. Aber mir scheinen die nötigen Dimensionen zu fehlen, um diese harmlos-biedere Geschichte zu einem Boris-, Pasternakschen Politikum aufblasen zu können. Es ist zuwenig Salz in der Sache und das Ganze gehört nur zur spaßigen Unterhaltungsliteratur. Ob sie aus Polen kommt oder von sonst irgendwoher, bleibt ganz egal.

DAS PARADIES IST NEBENAN. Von Cees Nooteboom Aus dem Niederländischen übertragen von Josef Tichy. Eugen-Diederichs-Verlag, Düsseldorf. 154 Seiten. Preis 10.80 DM.

Der 22 jährige Autor bekam für dieses Buch den Anne-Frank-Preis. Ein Dichter schenkte uns eine Dichtung — inhaltlich und stilistisch. Wenn man dieses Buch weglegt, hat man wieder ein wenig Vertrauen in die alte europäische Seele: vielleicht gibt es doch noch solche, die die „blaue Blume” oder das „Paradies” suchen — unter den jungen Menschen. — Philipp, der junge Held, geht aus, die Welt zu suchen: er sucht in allen Ländern Europas ein einmal gesehenes Chinesenmädchen. Weil er Augen und Herz hat, sieht er in allen und allem mehr als die Aeußerlichkeiten: er sieht das Paradies überall durchschimmern. Aber darum bleibt er selbst doch immer „nebenan”; man kann hier das Paradies nicht finden, aber es gibt es! — Auf dem Vorspann steht: „Ich träume, daß ich schlafe, ich träume, daß ich träume” — von Paul Eluard: man möchte nach dem Genuß dieses Buches fortsetzen: „Wenn ich aufwache, bin ich im Paradies.”

BUCHHALTER GOTTES. Erzählungen. Von Heinz Risse. Langen und Müller, München. 252 Seiten.

Zweiundzwanzig Erzählungen zeigen uns das zwielichtige. nie ganz für den Verstand verständliche, aber gelebte Leben. Die eine Art dieser glänzend geschriebenen Prosastücke ist unter den Titel „Schicksale” gestellt. Es scheinen nur Berichte zu sein, aber hinter den knappen Darlegungen blinkt immer das Blitzlicht auf: das Leben geht nicht „historisch” zu; die Schicksale haben weitverzweigte Hintergründe und nur wenige Lebende wagen diese bewußt mitzuleben. Der zweite Teil der Erzählungen wird iWerkzeupc”- genannt. Hier Werden Utb?r- gerechtigkeit, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit des Lebens aufgedeckt; aber auch moralisch beurteilt geht das Leben nicht berechenbar auf. — Dieses Buch liest man mit dem Vergnügen darüber, daß das „lebendige Leben” (Dostojewski) größer ist als das Lebendige und das Leben.

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