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Gespräch im Park

Das Seltsame, Absonderliche, die Ausnahme von der Regel haben eine eigene Anziehungskraft, und die Erzähler haben sich zu allen Zeiten dieses Reizes gern bedient. Aber auf keinem anderen Felde scheiden sich gemeinhin so schnell und deutlich das Gewachsene, Durchlebte, Echte vom nur Gemachten, schnellfertig Ausgeheckten oder mühselig Zusammengeschwitzten, und die Ernte von der ersten Art ist niemals groß und reich gewesen. Johannes Moy aber... sieht schärfer und tiefer bis zu jener geheimen Sphäre, in der Wesen und Schicksal nur noch zwei Worte für ein und dasselbe sind.“

Das ist ein Auszug aus einer Rezension aus dem „Hannoverschen Kurier“ vom 15. Dezember 1940, als der Insel-Verlag „Das Kugelspiel“ von Johannes Moy herausbrachte. Dieser Besprechung ließen sich weitere hinzufügen aus Frankfurt, Heidelberg, Leipzig, Düsseldorf, München, Köln — und alle verausgaben sich mit Superlativen, sind sich einig, daß hier ein neuer deutscher Dichter entdeckt wurde. Vier Auflagen werden verkauft. Im Jahre 1947 beschließt Anton Kippenberg vom Insel-Verlag, „Das Kugelspiel“ neu aufzulegen.

Seitdem sind mehr als vier Jahrzehnte vergangen.

„Ich hab es im vorigen Jahr mal versucht“, erzählt Graf Moy, „und habe dem Verlag geschrieben, ob eine Neuauflage möglich wäre. Die Antwort kam prompt: .Keine Aussicht. Wir bitten um Verständnis.' Aber dann passierte etwas Komisches. Peter Handke saß eines Tages beim .Schloßwirt' . Sie kennen das Hotel? Es gehört zum Schloß. Ja, und da fragte er den Pächter, was denn der Graf Moy mit dem Schriftsteller Johannes Moy zu tun habe. Und der Pächter sagte, das sei ein und derselbe. Kurz darauf kam Handke zu mir, und wir kamen ins Gespräch. Er hat dann alles in die Hand genommen, hat das schöne Vorwort zu dem Buch geschrieben, und 1988 brachte der Insel-Verlag es heraus. Und nun wiederholt sich das alles. Jeden Tag erscheinen neue Kritiken in den Zeitungen, wie damals, eine immer besser als die andere — nirgends .Kritik'.“

„Freut Sie das nicht?“

„Doch“, sagt er, „aber es ist etwas unheimlich.“

Dieses Gespräch führten wir auf einem langen Spaziergang in seinem Park. Ein „Parc sentimental“, wie ich ihn auf der Welt so schön nicht wieder angetroffen habe. Er wurde im Jahr 1798 angelegt und ist einzigartig. Einzigartig deshalb, weil es zwar einige solcher Parks in der Welt gibt, aber keine, die rings von Bergen umstanden sind.

Hier gibt die Natur, was sie an Vielfalt und Schönheit zu vergeben hat: Wasser, Berge, Himmel,Wald, alles zusammen.

Am Abend dieses Tages las ich „Das Kugelspiel“. Es ist einzigartig, weü es alles enthält, was Schönheit und Wert eines Buches ausmacht: Schmerz und Trauer, Verzweiflung, Untergang, Tod.

Hoffnung über alles hinaus.

Schon beim ersten Lesen hatte ich das Gefühl, dünnes Eis zu betreten, jeden Augenblick einbrechen zu können. Der Eindruck bewahrheitet und verstärkt sich von Geschichte zu Geschichte. Was trägt, ist einzig die Sprache.

Die einzigartige Sprache.

Der Autor wird häufig mit Adalbert Stifter verglichen. Das stimmt und stimmt nicht. Beide sind „Menschenforscher“, beide lieben das Detail und die Präzision. Moy schreibt straffer, zupackender, verzichtet auf lange Betrachtungen. Sein Buch liest sich atemlos, auch beim dritten und vierten Mal. Ich habe selten eine so noble Sprache getroffen, wobei es gleichgültig ist, ob sie der subtilen Aufzeichnung kindlicher Charakterzüge gilt oder der einprägsamen Schilderung einer Landschaft. Vor dem Aufschreiben steht das Erlebte und Erlittene. Oscar Wildes Warnung „Wer unter die Oberfläche dringt, tut es auf eigene Gefahr“ schreckt Johannes Moy nicht. Er muß unter die Oberfläche, taucht in die Abgründe menschlicher Existenz, menschlichen Versagens.

Die schicksalhafte Verstrik-kung erinnert an das Ausmaß griechischer Tragödien.

Das alles spielt sich nicht ,4m Großen“, Außergewöhnlichen ab,sondern im ganz alltäglichen Umfeld, in dem jeder von uns lebt. Die Kunst des Erzählens wird durch ihre Einfachheit auf den Gipfel getrieben. Kein Wort zu viel. Die Verknüpfung von Schicksal und Freiheit, von Verhängnis und Schuld scheint „einfach“ auf, alles wird wie mühe- und absichtslos erzählt. Die meisten der Geschichten enden tragisch. Nur im „Vaterunser“ geschieht das Wunder des Glaubens, der einem jungen Menschen das Leben rettet. Und in der Titelgeschichte „Das Kugelspiel“ gelingt es dem Erzähler, sich noch einmal „zu fangen“. Dieses Kugelspiel, ein hölzerner Becher, an dem an einer Schnur eine hölzerne Kugel hängt, ist eine Erinnerung aus der Kinderzeit des Autors. Man muß die Kugel kreisen lassen, um sie dann, mit einem geschickten Schwung, in dem Becher aufzufangen.

Als Dreijähriger verfolgte er mit schreckhafter Spannung dieses Kreisen der Kugel. Gelingt es oder nicht? Das,.Klick“ des Gelingens löste die Spannung—aber der Schrecken der Erwartung, die Möglichkeit des Scheiterns, zitterte nach.

„Das Kugelspiel“ steht im Zentrum aller Geschichten dieses Buches, in dem aus Spiel tödlicher Ernst wird.

In den Besprechungen aus den Jahren 1940/41, also vor fast einem halben Jahrhundert, wird immer wieder gewünscht, „daß der Autor uns bald ein neues Buch schenken möge“.

Es ist sein erstes und letztes geblieben bis auf den heutigen Tag. Ein erstes, das jetzt seine Renaissance in der deutschsprachigen Literatur erlebt. In dem schönen und behutsamen Vorwort von Peter Handke fragt der junge Kollege Johannes Moy, ob es ihm weh tue, nicht weitergeschrieben zu haben. Er erhält die ruhige Antwort: „Ja, es tut mir weh.“

Johannes Moy ist Kunsthistoriker. Er hat durch die Jahrzehnte viel auf diesem Gebiet geschrieben und veröffentlicht. Aber nie wieder ein Buch wie das „Kugelspiel“.

Ich habe lange darüber nachgedacht und glaube, es sollte ihm nicht weh tun.

„Das Kugelspiel“ ist vollkommen. Uber das Vollkommene geht nichts hinaus. Vielleicht hat er deshalb nicht weitergeschrieben. Ich wage zu behaupten, daß dieses Buch ein Jahrhundertbuch ist. Seine Neuentdeckung nach fast einem halben Jahrhundert spricht dafür. In diesen Tagen wurde es von fünfundzwanzig Literaturkritikern an die Spitze der Bestenliste des Südwestfunks gestellt — das Buch eines Autors, das in den Nachschlagbüchern nicht zu finden ist. Es könnte einem geradezu wieder Zutrauen in die Menschheit geben, wenn sich ab und zu wieder eine Stunde der Wahrheit ereignet.

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