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Preiswürdige Bücher

Von 17. bis 20. März 2011 wird Leipzig wieder Stadt der Bücher. Zu Beginn wird ausgezeichnet. Ein Blick in die Belletristik-Bücher, die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurden.

"Perfekt“ zitiert der Buchumschlag von Michel Houellebecqs Roman "Karte und Gebiet“ Die Zeit. Auch wenn man nie wissen kann, ob sich das Einworturteil aus der Zeit auf dieses Buch oder ein früheres bezieht, perfekt ist jedenfalls das "Timing“ seines Erscheinens in deutscher Sprache: Gerade rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse ist der neue Roman da, für den der Autor im Vorjahr den Prix Goncourt bekommen hat, fast eine Adelung des Enfant terrible. Seit dem 1. März ist sein Roman im Internet stückchenweise zu lesen, täglich gab es eine Seite auf Facebook, dem neuen Publikationsorgan für Fortsetzungsromane. Manche vermissen schon den Houellebecq’schen Skandal.

Nun ist das Buch also da und die Leipziger Buchmesse eröffnet. Allerdings nicht mit Houellebecq, sondern mit der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung an Martin Pollack. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass Pollack in seinen historischen Reportagen stets "ein erhellendes Licht auch auf unsere Gegenwart wirft“. Betonte Aktualisierungen brauchte der Autor dafür nicht, die Bilder aus der Gegenwart stellen sich beim Lesen von Pollacks "Kaiser von Amerika“ auch so ein. Pollack erzählt darin das Schicksal jener Menschen in Galizien am Anfang des vergangenen Jahrhunderts, die von einem besseren Leben in Amerika träumten, "sie sind gewillt, hart zu arbeiten, das haben sie zu Hause gelernt, sie wollen Geld an die Daheimgebliebenen schicken“: "Wer die Arbeit nicht scheut, findet in Amerika die Straßen mit Gold gepflastert, hat der Agent gesagt, als er ins Dorf kam.“

Damals wie heute

Ob es die Bilder von Galizien sind, wo Agenten diesen Traum schüren, oder jene von der amerikanischen Einwanderungsstation, wo die Einwanderer wie in einer Viehauktion genau gemustert werden, ob es die Berichte von Menschen- und Mädchenhandel sind oder welch großes Geschäft die Masse der Auswanderungswilligen für die Schifffahrtslinien bedeutet: Beim Lesen scheint es, als wäre damals heute, nur geografisch etwas verschoben.

Wird der Buchpreis zur Europäischen Verständigung traditionellerweise am Mittwoch zur Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus zu Leipzig verliehen, folgt am Donnerstag auf dem Messegelände die Bekanntgabe des Preises der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung. Was die Belletristik betrifft, konnte man sich in Österreich glücklich schätzen, zwei Nominierungen im Rennen zu haben. Schaut man genauer hin, triumphieren wieder große deutsche Verlage: Sowohl Arno Geiger (Hanser) als auch Clemens Setz, der von Residenz zu Suhrkamp wechselte, publizieren in Deutschland. Das ist immer hilfreich.

Sollte die Jury die Massentauglichkeit im Auge gehabt haben, als sie Arno Geigers Buch nominierte, ist die Wahl erklärbar. Geiger, der nun in Talkshows als Experte zum Thema Demenz auftritt, hat in "Der alte König in seinem Exil“ über seinen demenzkranken Vater geschrieben, mit erstaunlich geringem literarischen Gestaltungswillen. Dass das Buch schon wenige Wochen nach Erscheinen einen derart enormen Verkaufserfolg aufzuweisen hat, liegt also weniger an einer besonderen Sprache oder Form (das Buch hätte insofern auch als Sachbuch nominiert werden können), sondern am Thema. Geigers Buch berührt, weil es authentisch scheint und weil es das Wahrnehmen jener ermöglicht, die in ihrer Welt nicht ernst genommen werden, und jener, die diese Menschen mehr oder weniger begleiten. Was diesem Text aber fehlt, ist das Infragestellen der eigenen (Erzähl-)Perspektive.

Mit Lebenshilfeprosa bedient Clemens Setz seine Leser überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Sein Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ führt in Abgründe und variiert vor allem das Thema Sex und Gewalt bis an die Grenze des Aushaltbaren - und vielleicht darüber hinaus, das wird von Leser zu Leser variieren. Die Stärke des immens belesenen Autors, dessen Lektüren ihre Spuren durch die Texte ziehen (und vielleicht kommt einem deswegen einiges bekannt vor), zeigt sich in den Erzählungen, die den Alltag ins Unheimliche kippen. Die Beschreibungen von körperlicher Gewalt, Sadismus und Sex aber machen lesemüde. Weniger wäre da mehr.

Weniger ist aber sicher kein Setz’sches Prinzip, eher schon ein Stamm’sches. In seinen knappen Erzählungen erzählt Peter Stamm nämlich auf wenigen Seiten ganze Lebensentwürfe und Romane. Die Stärke von Literatur liegt wohl nicht unbedingt darin, eine Vergewaltigung mehr oder weniger gelungen zu beschreiben, sondern Unsagbares, Unerzähltes zu erzählen, so paradox das nun klingen mag. In Peter Stamms Erzählungen "Seerücken“ ist davon etwas zu spüren, und seine Themenpalette ist bunter.

Völlig anders, weil überbordend, detailreich und erzählfreudig, liest sich Anna Katharina Fröhlichs Ausflug nach Indien, wohin die wortgewandte Ich-Erzählerin mit ihrer Tante reist. Ihr Roman "Kream Korner“ "ist eine Wundertüte, szenisch wie sprachlich. Ob in Rajastan oder in der Provence: Immer geht es um die Lust am Schauen, am Formulieren - und um das richtige Leben“, begründete die Jury ihre Nominierung.

Richtung Süden

Unterwegs sind auch die beiden Jugendlichen in Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick“, der konsequent aus der Perspektive eines Vierzehnjährigen erzählt. Sommerferien: Maiks Mutter ist auf Entziehungskur, der Vater mit junger Geliebter auf "Geschäftsreise“ und Maik bricht mit Tschik und einem gestohlenen Lada auf, um in die Walachei zu fahren.

Herrndorfs Roman ist liebevoll und hinreißend komisch. Maik und Tschick verreisen mit einem Straßenplan von Berlin, denn "Landkarten sind für Muschis“ (die beiden werden es freilich später nur mit Hilfe eines Mädchens schaffen, Benzin aus einem Tank zu saugen): "Aber wie man es bis in die Walachei schaffen sollte, wenn man nicht mal wusste, wo Rahnsdorf ist, deutete sich da als Problem schon mal an. Wir fuhren deshalb erst mal Richtung Süden. Die Walachei liegt nämlich in Rumänien, und Rumänien ist im Süden. Das nächste Problem war, dass wir nicht wussten, wo Süden ist. Schon am Vormittag zogen schwere Gewitterwolken auf, und man sah keine Sonne mehr.“

Aus dem Online-Voting des Publikums für den Preis der Leipziger Buchmesse ging der 1965 geborene, schwer krebskranke Autor als Favorit hervor.

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