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Von wegen nur privat

FOKUS
Illustration Booklet - © Rainer Messerklinger

Kaśka Brylas Roman „Die Eistaucher“: Maupassant trifft Breakfast-Club

1945 1960 1980 2000 2020

Kaśka Brylas zweiter Roman „Die Eistaucher“ steht ihrem Debüt um nichts nach. wieder zeigt sie sich als hochgradig politische Autorin.

1945 1960 1980 2000 2020

Kaśka Brylas zweiter Roman „Die Eistaucher“ steht ihrem Debüt um nichts nach. wieder zeigt sie sich als hochgradig politische Autorin.

Iga fährt lieber Longboard oder hängt mit ihrem älteren Freund Saša ab, als in die Schule zu gehen, die schöne Jess trauert ihrer französischen Sommerliebe – einem Mädchen – hinterher, Ras, kurz für Rasputin, stopft Schokoriegel in sich hinein und sammelt obsessiv Dinge, die er auf der Straße aufliest, Sebastian und Rilke-Rainer lesen genauso obsessiv Gedichte und fühlen sich dabei als personifizierte Avantgarde.

Das ist er, der Club der Außenseiter, der in Kaśka Brylas zweitem Roman „Die Eistaucher“ nach und nach zueinanderfindet. Lehrer gibt es natürlich auch, den Hochleithner, der Iga verabscheut, weil er ihr mathematisch nicht das Wasser reichen kann, und die attraktive Französischlehrerin Franziska Fellbaum, die Iga näher kommt, als für beide gut ist. Die beiden treffen sich nach der Schule, eine Liebesgeschichte bahnt sich an, was dem heimlich in Iga verliebten Saša gar nicht passt.

Iga fährt lieber Longboard oder hängt mit ihrem älteren Freund Saša ab, als in die Schule zu gehen, die schöne Jess trauert ihrer französischen Sommerliebe – einem Mädchen – hinterher, Ras, kurz für Rasputin, stopft Schokoriegel in sich hinein und sammelt obsessiv Dinge, die er auf der Straße aufliest, Sebastian und Rilke-Rainer lesen genauso obsessiv Gedichte und fühlen sich dabei als personifizierte Avantgarde.

Das ist er, der Club der Außenseiter, der in Kaśka Brylas zweitem Roman „Die Eistaucher“ nach und nach zueinanderfindet. Lehrer gibt es natürlich auch, den Hochleithner, der Iga verabscheut, weil er ihr mathematisch nicht das Wasser reichen kann, und die attraktive Französischlehrerin Franziska Fellbaum, die Iga näher kommt, als für beide gut ist. Die beiden treffen sich nach der Schule, eine Liebesgeschichte bahnt sich an, was dem heimlich in Iga verliebten Saša gar nicht passt.

Dass eine dystopisch anmutende Gegenwart mit der über weite Strecken alltäglich erscheinenden Vergangenheit kollidiert, gehört zum erzählerischen Konzept.

Das klingt nach einem recht harmlosen und leichtfüßigen Jugendroman. Doch was wie der legendäre „Breakfast-Club“ beginnt, driftet rasch immer mehr zu „Stranger Things“ ab, sprich, das Unheimliche gräbt sich langsam in diese Welt vor. Ras wird von einem immer größer werdenden Müllberg bedrängt, den nur er sehen kann, es gibt ein Longboard, mit dem man scheinbar in die Vergangenheit fahren kann, und im Wald wütet etwas Hungriges, das einen Hirsch zerlegt, als wäre das nichts. Letzteres passiert auf der zweiten Zeitebene, von der aus rückblickend erzählt wird.

Nicht nur das Unheimliche bricht in die Welt der Jugendlichen ein, sondern auch die Realität. Sie finden Maja, ein drogenabhängiges Mädchen, das von zwei Polizisten sexuell missbraucht und dann einfach im Park abgelegt wird. Da die „Eistaucher“, wie sie sich selbst nennen, nicht an die Verurteilung der Täter glauben, beschließen sie, selbst für Gerechtigkeit zu sorgen, was in einer Katastrophe endet. Jahre später taucht Martin auf, der sich als Sohn eines der Polizisten entpuppt, und gefährdet das Leben, das sich Saša, Iga und Jess mittlerweile auf einem abgelegenen Campingplatz aufgebaut haben.

So scheint es zumindest, denn immer, wenn man glaubt zu wissen, woran man ist, sät Bryla Zweifel. Das schafft sie unter anderem durch die zwei Zeitebenen. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, einmal im einlullenden Duktus einer allwissenden Erzählinstanz, dann wieder aus der Ich-Perspektive Sašas – und dieser, so viel kann man verraten, ist nicht zu trauen. „So muss man sich das vorstellen“, sagt er immer wieder. Aber vorstellen kann man sich viel. Und auch allwissende Erzähler sind in einer Welt, in der das Unheimliche um sich greift, keine unhinterfragbare Instanz. Dass diese zwei Ebenen nicht miteinander harmonieren wollen, dass eine dystopisch anmutende Gegenwart mit der über weite Strecken alltäglich erscheinenden Vergangenheit kollidiert, gehört zum erzählerischen Konzept, das beim Lesen ein klimatisches Gefühl der Beunruhigung erzeugt.

„Die Eistaucher“ ist ein Genre- und Perspektivenmix, der alles liefert, nur keine einfachen Gewissheiten. Puzzle­teil für Puzzleteil kommt an seinen Platz und lässt einen am Ende doch ratlos zurück, denn ein scharfes Bild ergibt sich daraus nicht. Bryla legt Fährten, die ins Nichts führen, gibt Hinweise, die nicht entschlüsselt werden, und das sprichwörtliche Tschechow’sche Gewehr kann bei ihr durchaus auch einfach an der Wand bleiben.

Dass das Ganze nicht zur narrativen Spielerei ausartet, zeugt von großer literarischer Qualität. Brylas Konzept lebt von einer geschickten und unaufdringlichen Synergie von Form und Erzähltem. Die politische Ebene wird durch philosophische Betrachtungen über die Literatur, das Schreiben, das Erzählen und das Erinnern ergänzt. Beides funktioniert aber nur miteinander.

Hinweise, wie man den Text verstehen könnte, streut Bryla durchaus. So lässt sie den „Horla“ durch den Roman geistern, eine alptraumhafte Figur aus Guy de Maupassants gleichnamiger Erzählung. Der Horla ist ein unheimliches, unsichtbares Wesen, das den Erzähler verfolgt und in den Wahnsinn treibt. Am Ende glaubt er, den Horla in seinem Haus eingesperrt zu haben, und brennt es nieder – mitsamt den sich darin befindenden Dienstboten. Auch in „Die Eistaucher“ wird es irgendwann brennen und Opfer geben. Ein dem Wahnsinn entsprungener Kollateralschaden ist das bei Bryla aber nicht. Ihr Roman greift eine Vielzahl von Themen auf, kippt dabei aber nie ins Thesenhafte – ganz im Gegenteil. Dem Unheimlichen, Phantastischen stellt sie eine brutale gesellschaftliche Realität gegenüber, die sich selbst einen philosophischen Überbau geben mag, in Wirklichkeit aber völlig banal ist. Die Beiläufigkeit, mit der die Autorin Gewalt an Frauen und männliche Täterschaft thematisiert, ist entlarvend für die Beiläufigkeit und Normalisierung, mit der Gewalt an Frauen in unserer Gesellschaft behandelt wird. Was real ist und was nicht, ist nicht die entscheidende Frage, an der sich der Plot aufhängt, sie wird auch nicht aufgelöst. Literatur und Leben fließen bei Bryla ineinander und Eifersucht erweist sich als wesentlich gefährlicher als ein halluzinierter Müllberg.

Kaśka Bryla, die einmal als österreichische, dann als polnische, dann als Leipziger Autorin bezeichnet wird (sie ist „zwischen Wien und Warschau“ aufgewachsen und lebt mittlerweile in Wien und Leipzig), hat mit „Roter Affe“ 2020 ein vielbeachtetes und hochgelobtes Debüt vorgelegt. Ihr zweiter Roman, wieder im Residenz Verlag erschienen, steht dem um nichts nach. Wieder zeigt sie sich als hochgradig politische Autorin, die es versteht, spielerisch literarischen Anspruch, Spannung und gesellschaftliche Realität unter einen Hut zu bringen.

Die Eistaucher - © Residenz Verlag
© Residenz Verlag
Literatur

Die Eistaucher 

Roman von Kaśka Bryla
Residenz 2022
320 S., geb., € 24,–

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