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Wer kann ich sein IN DIESER WELT?

1945 1960 1980 2000 2020

Flandern und die Niederlande sind gemeinsam Ehrengast der Frankfurter Buchmesse (19. - 23. Oktober). Neue und klassische Romane thematisieren Identität und Migration.

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Flandern und die Niederlande sind gemeinsam Ehrengast der Frankfurter Buchmesse (19. - 23. Oktober). Neue und klassische Romane thematisieren Identität und Migration.

Mehr als 250 Bücher aus den Niederlanden und aus Flandern, dem flämischen Teil Belgiens, wurden anlässlich der diesjährigen Frankfurter Buchmesse übersetzt. Bei den aktuellen Romanen fällt die "Literatur der Integration" auf, geschrieben von jungen Autoren der zweiten oder dritten Einwanderergeneration, aber nicht nur von ihnen. Vertreibung und Flucht, Identität und Integration sind auch gewichtige Themen neu übersetzter Klassiker, und die brennende Frage der Identität zeigt sich im Roman weniger als kulturelle denn als eine historische Verflechtung. Literarisch verhandelt wird universal: Der Konflikt kollektiver Subjekte -Wer sind wir? Wer sind wir nicht? - ist oft der Gegenstand des Beschriebenen, der Konflikt des Individuums -Wer bin ich? Wer ist der Andere? - ist oft die Frage der Selbstermächtigung des Schreibenden.

Ein großer Dichter sein

Die Frage stellt sich auch so: Wie kann ich sein in dieser niederländischen Welt der Handelskontore und satten Bürgerlichkeit, wo ich doch ein Ausnahmemensch bin, ein Künstler, ein Poet? In den Hauptrollen die uns wohlbekannten Junggenies, die es zu allen Zeiten gibt, hier in Amsterdam junge Bürgerssöhne mit großen Illusionen: "Ein großer Dichter sein und dann fallen" - so stellt sich das "der kleine Poet" in der gleichnamigen Novelle von Nescio vor ("Werke", Übers. C. Kuby, H. Post, Suhrkamp). Doch die Schwerkraft des Banalen ist zu stark, die bürgerliche Karriere treibt und die Ehe jagt die Musen davon, aber der Poet kann nicht einfach Bürger sein: "In diesem braven, harmlosen, jungen Biedermann lebte noch etwas, das kein feiner Herr war, sondern ein Mensch, der nicht einfach sterben wollte, der sich einen Turm bis in den blauen Himmel errichten wollte, der alle Zeiten überdauern würde." Und so erscheint das eine und andere Gedicht unter Pseudonym, aber die echte Muse hat ihn verlassen

Der kleine Poet überlebt die Integration in die Welt des Handelskontor nicht, sein Autor dagegen hat als Erneuerer der niederländischen Literatur wirklich überdauert und seinen Turm im blauen Himmel bekommen, im Gegensatz zu jener bürgerlichen Existenz hinter dem Pseudonym Nescio, J. H. F. Grünloh (1882-1961), Direktor der Holland-Bombay-Handelsgesellschaft.

Bei Mano Bouzamour, geboren 1991 in Amsterdam, weiß man noch nicht, wo in der literarischen Welt er einmal zu Hause sein wird, aber der Anfang ist vielversprechend, und sein Alter Ego Sam aus dem Debütroman "Samir, genannt Sam" (Übers. B. Bach, Residenz) hat es schon geschafft. Als Kind marokkanischer Einwanderer schlägt sich Sam durch einen Amsterdamer Alltag, der ihm reichlich Steine in den Weg legt. Die Eltern leben traditionell marokkanisch, der bewunderte große Bruder ist im Knast gelandet, Samir geht aufs Gymnasium. Und dort gibt es nur weiße Mitschüler, die nicht einmal wissen, was der Koran ist.

Musik als Tor zur Welt

Aber Religion ist nicht das Thema von Samir, er will Künstler sein. Er spielt virtuos Klavier und sieht blendend aus, das führt ihn in die Arme der reichen Töchter, aber auch in die Krisen der Identität: Denn für Samirs Eltern aus Marokko ist Musik gottlos, für den virtuosen Künstler sind Smooth Jazz, Chopin oder Bach das Tor zur Welt. Auf der einen Seite zählt die Solidarität der Straße, auf der anderen lockt ein "Turm im blauen Himmel". Zum Beispiel im Edelrestaurant über den Dächern der Stadt, wo "die Kultur" zu lernen ist: "Die Gabel in die linke Hand zu nehmen widerstrebte mir. Aber was soll's, ich strengte mich an, irgendwo muss die Integration ja anfangen."

Mano Bouzamour hat als Motto für seinen Roman ein Zitat aus Anne Franks Tagebuch gewählt, entschieden behauptet der Autor somit seine Identifikation mit einem der mächtigsten Kollektivsymbole in Amsterdam: Täglich durchzieht eine kaum endende Besucherschlange die Flure, Stiegen und Kammern des Anne Frank Hauses, in dem die jüdische Familie jahrelang vor den Schergen der Nationalsozialisten versteckt wurde. In diesem Museum wird die Erinnerung an eine Familie zelebriert, in der niederländischen Literatur sind Schoa und Besatzung, Kollaboration und Widerstand ein Teil des Kanons und somit der kollektiven Identität. Hier kann der 820-Seiten-Klassiker "Der Kummer von Belgien" von Hugo Claus, 1983 erstmals erschienen (Übers. W. Hüsmer, Klett-Cotta) daran erinnern, dass die so ganz entschiedene Identifikation mit dem Opfer (nachträglich) nicht immer eine so ganz lautere Erzählung sein kann.

Claus entwirft ein schonungslos gesellschaftskritisches Epos über die Verstrickungen eines katholischen Dorfes mit der deutschen Besatzung. Dabei folgt er in bester europäischer Romantradition einer Figur durch das ganze Leben, formuliert aber zugleich aus dem subjektiven Horizont der Individuen heraus die tragische Dialektik kollektiver Identitäten. Hier sinniert der Held: "Für uns ist merkwürdig, dass sie [die Deutschen] wie ein Mann hinter ihrem Führer stehen. Es ist ein großes Land, deshalb denken sie auch in so großen Maßstäben. Wir Belgier oder Flamen mit unserem kleinen Land können nur in kleinen Begriffen denken, weil wir nicht mitzählen und jeden Augenblick mit Handfeger und Kehrschaufel weggefegt werden können."

Flüchtend die Zukunft retten

Der "Kummer von Belgien" lässt sich gewiss nicht mehr mit Handfeger und Kehrschaufel wegfegen. Der Roman befördert die moralische Widerstandskraft gegen den Faschismus und stärkt zugleich die gesellschaftliche Macht von Literatur, die Gräben des Misstrauens und Mauern des Schweigens mit ihren eigenen Mitteln überwindet, besonders wirkungsvoll im literarischen Übersetzen. Dola de Jongs "Das Feld in der Fremde" (Übers. A. Carstens, Kunstmann) ist sogar eine Premiere in deutscher Sprache, seltsam bei einem so guten Roman, den die jüdische Autorin aus Arnheim (1911-2003) bereits 1945 in New York veröffentlicht hat. Die Handlung war damals das aktuelle Thema der Zeit: Eine Gruppe von aus Europa geflüchteten Kindern und Erwachsenen will in Marokko eine Existenz aufbauen. Aber dort sind die Spitzel der Deutschen und Tausende von Emigranten und Flüchtlingen, die nach Übersee wollen: "Doch die aufgescheuchten Menschen, die ihre Zukunft retten wollten, prallten auf eine Mauer von diplomatischer Mauschelei und Scheinheiligkeit, ruchloser Geschäftemacherei, Dummheit, Vorurteilen, Gleichgültigkeit, sie scheiterten an einem Wust von Einreisebeschränkungen, beglaubigten Erklärungen, Visa, Schiffsfahrkarten, Ausreisegenehmigungen."

Zeitlos und existenziell ist dieser Flüchtlingsroman, er findet eine eher allegorische Resonanz im neuen Roman des niederländischen Schriftstellers Tommy Wiering ("Dies sind die Namen", Übers. B. Bach, Hanser). Hier irrt eine Gruppe von Flüchtlingen durch eine wüste Steppenlandschaft und verliert sich immer mehr in einem bitteren Kampf auf Leben und Tod. Sie kennen sich nicht mit Namen, aber je weniger sie als bürgerliche Individuen sichtbar werden, desto plastischer tritt ihre moralische Verfasstheit hervor, genauer gesagt der Verlust jeglicher Integrität. Archaische Gefühle und Ängste beherrschen die Alleingelassenen. Als sie endlich in einer kleinen Stadt ankommen, sind sie nur noch Haut und Knochen -und tragen den halbverwesten Kopf eines Afrikaners mit sich. Sie schweigen dazu, und so muss sich ein Kommissar damit befassen. Der ist selbst gerade dabei, seine ihm noch fremde jüdische Identität zu erforschen. Als er auf den Mystiker Halewi stößt und in dessen Buch Kusari auf eine Begründung, warum die Juden das auserwählte Volk seien, kommt er zu dem Schluss: "Dass es doch immer die alte Leier war: Wenn sich einer selbst definieren wollte, tat er das prinzipiell auf Kosten der anderen."

Im Lesen und im Schreiben

Wie definiert sich der Mensch in der Fremde? In Wierings Roman gibt es neben dem Kommissar noch einen Juden, den Rabbi. Sie suchen ihre Identität in den alten Schriften, im Lesen. Im belgischen Debütroman von Fikry el Azzouzi ("Wir da draußen", Übers. I. Braun, Dumont) wird Identität im Schreiben gesucht. Der junge Ayoub lebt mit seinen Freunden aus dem marokkanischen Migranten-Milieu mehr oder weniger auf der Straße und in den Tag hinein. Es ist ein zielloses Dasein: Gegen die väterliche Autorität und auf der Hut vor der Polizeigewalt, zwischen Bodybuilding und Drogenexzess, Kulturverein und Pufferfahrungen, der Ton ist rau, die Freundschaft unter den "Drarries" echt.

Der Roman spielt in einer belgischen Kleinstadt, weckt aber deutlich Assoziationen an den multikulturellen Brüsseler Stadtteil Molenbeek, in dem auch Fikry el Azzouzi lebt. Molenbeek wird nach den Terrorattacken von Paris und Brüssel als Brutstätte des islamistischen Terrors verdächtigt und auch eine handlungsentscheidende Figur des Romans erinnert an dieses Milieu: "Karim heißt eigentlich Kevin. Er ist das einzige Weißbrot von uns. Warum er mit den Drarries loszieht? Weil er sich bei uns gut fühlt. Karim ist bei uns eine Minderheit, und deshalb übernimmt er die meisten Angewohnheiten von der Mehrheit. Das nennt man Integration."

Zwei Nachbarn, eine Sprache

Flandern und die Niederlande zu Gast in Österreich.

Im Rahmen dieses Festivals (bis November) liest Mano Bouzamour am 10.11. in Wien. Weitere Infos: flanders.at

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