Schweiz - © Foto: iStock/Oleh_Slobodeniuk
Literatur

Literatur: Kontinent Schweiz

1945 1960 1980 2000 2020

In Zeiten, in denen man zuhause bleiben muss, bietet sich die Literatur an. Eine neue Anthologie widmet sich dem Schweizer Literaturschaffen. Gelegenheit zu einer Entdeckungsreise.

1945 1960 1980 2000 2020

In Zeiten, in denen man zuhause bleiben muss, bietet sich die Literatur an. Eine neue Anthologie widmet sich dem Schweizer Literaturschaffen. Gelegenheit zu einer Entdeckungsreise.

Hand aufs Herz: Wie viele Schweizer Schriftsteller könnten Sie aus dem Stand aufzählen? Gewiss, die Quote für Gottfried Keller, Friedrich Dürrenmatt oder Max Frisch fiele hoch aus. Wahrscheinlich kämen ihnen auch Blaise Cendrars und Urs Widmer, Adolf Muschg oder Lukas Bärfuss in den Sinn, den Krimifans auch Friedrich Glauser. Hinter manchem Namen würden Sie womöglich einen Franzosen orten, etwa Joël Dicker oder Pascale Kramer, doch die stammen (wie Jean­-Jacques Rousseau) aus Genf; und Paul Nizon oder Pascal Mercier aus Bern.

Wie reich das Literaturschaffen der Helvetier ist, rückt nun die wunderbare Anthologie „99 beste Schweizer Bücher“ ins Bewusstsein. Fünf Spezialisten aus den Bereichen Germanistik, Sprach­ und Medienwissenschaft, Geschichte und Kunst präsentieren darin ihre Favoriten: in Wort und Bild, pro Werk eine Doppelseite. Der Band bildet den Auftakt zu einem literaturgeografischen Großunternehmen, das auf der Onlineplattform #büCHerstimmen seine Fortsetzung findet. Legendäre Auf­ und Ausbrecher (Annemarie Schwarzenbach, Nicolas Bouvier) firmieren gleichauf mit moralischen Instanzen (Peter Bichsel), Sprachmagiern (Philippe Jaccottet) und Kinderbuchklassikern (Johanna Spyri). Neben den helvetischen Urgesteinen kommen auch migrantische Neu­Schweizer (Ágota Kristóf, Melinda Nadj Abonji) zu Ehren. Das Panorama wird begleitet von Essays zur helvetischen Codierung dieser Literatur. Die Auswahl trägt der sprachlichen Vielfalt des Landes Rechnung wie auch der Fragilität seines Insel­Status. Globale Finanzströme, Tourismus und Migration erzeugen Reibungen, machen auch Helvetien zu einer „Kontaktzone voller Widersprüche“.

Ein nationaler Topos ersten Ranges sind die faszinierenden Bergwelten. Sie rücken als Sinnbild eidgenössischer Festungsmentalität in den Fokus, als Bühne archaischer Dramen und als mystische Wesen. Die Berggeschichten von Ferdinand Ramuz, dem Dichterpaar Maurice Chappaz/Corinna Bille oder den Zeitgenossen E. Y. Meyer und Noëlle Revaz sind von besonderer Kraft. Doch in der Schweizer Literaturgeografie gibt es auch imposante Stadtromane zu entdecken. Albert Cohens Jahrhundertwerk „Die Schöne des Herrn“ ist ein Sittenbild aus dem großbürgerlich-­calvinistischen Genf des Jahres 1935, Meinrad Inglins „Schweizerspiegel“ ein Abgesang auf alte Werte und Traditionen am Beispiel einer ehrwürdigen Zürcher Familie.

Die Anthologie öffnet das Tor zu einer großen Tour de Suisse. Wir haben für Sie noch vier Einzelwerke aus den aktuellsten Verlagsprogrammen ausgewählt und beginnen die Reise mit einem Lockdown­adäquaten Klassiker: Knappe 60 Seiten und einen „heiterhellen Werktag“ dauert Robert Walsers „Spaziergang“ durch eine Kleinstadt, die Züge seines Geburtsorts Biel trägt. Als der Autor (1878­-1956) diesen „Schwellentext der Moderne“ verfasst, tobt der Erste Weltkrieg. Die Armut wird auch in der importabhängigen Schweiz sichtbar, und der dichtende Flaneur spart sie keineswegs aus. Walsers Spaziergänger streift nicht ziellos durch die Gegend. Er bringt einen Brief zur Post; er sucht seine Hausbank und das Steueramt auf, um die prekäre Lage eines Homme de Lettres darzulegen. Eine Anprobe beim Schneider und das Mittag essen bei einer Gönnerin kippen ins Groteske (ja, Thomas Bernhard fand Gefallen am Walser'schen Erzählmodell des Spaziergangs).

Abschweifungen und Volten

Robert Walsers autofiktionaler Ich-­Erzähler erfasst die Welt minutiös und mit kritischem Blick. Dabei wechseln exzentrisches Pathos, Komik und (Selbst-­)Ironie mit lustvollen Abschweifungen ins Romantisch­Fantastische. Der Straßenverkehr, das gewerbliche Treiben, Architekturen, die Natur – alles reizt den Spaziergänger zum Kommentar, und manches zu dialektischen Volten. Ein „unsagbares Weltempfinden“ erfasst ihn bei einer Waldabschwenkung, doch das Gelärme der Stadt reißt ihn bald aus den pantheistischen Träumereien. Zwischendurch reflektiert er den Schreibprozess oder treibt mit dem Leser sein listiges Spiel: So konzediert er diesem indirekt ein achtbares Niveau, indem er beteuert, nicht für „sensationslüsterne Neuigkeitsschnapper und ­lecker“ zu dichten. Der Spaziergang endet am See. Da beginnt es zu „abenden“. Der Blick des Erzählers schwenkt nun ganz ins Innere; dort ist ein alter, müder Mann zu sehen, mit all seinen Verfehlungen und seinem vertanen Liebesglück.