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Von wegen nur privat

FOKUS
Illu_s8-9 - © Illustration: Rainer Messerklinger

"Atemhaut" von Iris Blauensteiner: Aus dem Takt

1945 1960 1980 2000 2020

Die Schriftstellerin und Filmemacherin Iris Blauensteiner zielt mit ihrem Roman „Atemhaut“, der in der noch nahen Vergangenheit spielt, dennoch in die Gegenwart der Arbeitswelt – und in die Welt nach der Arbeit.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Schriftstellerin und Filmemacherin Iris Blauensteiner zielt mit ihrem Roman „Atemhaut“, der in der noch nahen Vergangenheit spielt, dennoch in die Gegenwart der Arbeitswelt – und in die Welt nach der Arbeit.

Menschen wie Roboter, die ihre Arbeit verrichten „zwischen den Greifarmen und Laufbändern, den Wägen und Gabelstaplern“. So wie die Waren „sich zu den perfekten Uhrzeiten an den vorgesehenen Stellen im System befinden“, wäre das auch für den arbeitenden Menschen vorgesehen. Er soll eine funktionierende Maschine sein, doch sein Körper läuft auch einmal aus dem Takt. Der, über den in Du-Form erzählt wird, heißt Edin – und er ist nicht nur bei seiner Arbeit im Logistikzentrum von sich selbst entrückt. Die Freizeit wünscht er mit Vanessa zu verbringen, dann allerdings schlüpft er in sekundäre Computer-Welten, wo er gegen Zombies kämpft. Dabei entsteht Gemeinsamkeit: „Vorm Bildschirm sitzen, in die bunten Farben starren, die Fotos ziehst du in den Desktop-Ordner: Wir.“

Die Schriftstellerin und Filmemacherin Iris Blauensteiner zielt mit ihrem Roman „Atemhaut“, der in der noch nahen Vergangenheit spielt, was an Medien wie CDs und Videokassetten erkennbar ist, dennoch in die Gegenwart der Arbeitswelt – und in die Welt nach der Arbeit. Denn nach „fünf Jahren, deiner Lehrzeit und den zwei Jahren danach“ wird Edin seinen Job verlieren und damit auch seine Würde. So, wie er gerade noch Pakete bearbeitet hat, schreibt er nun Bewerbungsschreiben, auf die er keine Antwort, nicht einmal Absagen bekommt. Was im Logistikzentrum gilt, scheint auch das Motto dieser Gesellschaft zu sein: Es wird so vieles weggeschmissen, man könnte es gut gebrauchen, darf es aber nicht mitnehmen. Beste Ware wird daher zu Müll. „Du fragst dich, ob sie dich überhaupt noch sehen. Du hast eine andere Welt betreten.“

Vanessa hingegen wird zur Abteilungsleiterin befördert. Das vergrößert die Distanz zwischen zwei Menschen in der Einzimmerwohnung. QR-Codes im Buch führen zum begleitend erzählenden Soundtrack von Rojin Sharafi . Die Wahl der Du-Perspektive ist heikel, sie macht Texte oft sperrig und wird selten gut durchgehalten. Hier funktioniert sie auf weite Strecken auch wegen des Tempos. Die Distanz ist nötig, eine Ich-Sicht zunächst gar nicht möglich. Doch das wird sich ändern.

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