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Von wegen nur privat

FOKUS
Illustration Booklet - © Rainer Messerklinger

„Hölderlin hätte mich verstanden“: Friederike Gösweiners Roman „Regenbogenweiß“

1945 1960 1980 2000 2020

Wie Trauer ein Familiengefüge durchrütteln kann, aber letztendlich Potential für Neues in sich birgt, zeigt Friederike Gösweiner in ihrem zweiten Roman „Regenbogenweiß“.

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Wie Trauer ein Familiengefüge durchrütteln kann, aber letztendlich Potential für Neues in sich birgt, zeigt Friederike Gösweiner in ihrem zweiten Roman „Regenbogenweiß“.

Man würde Hermann nicht mehr wiederbeleben können. Marlene ahnt es sofort, als ihr Mann in der Einfahrt vor dem Auto zusammensackt. Wenige Stunden später wird es zur Gewissheit, da steht sie im Krankenhaus vor seinem Totenbett. Mit einem Schlag ist alles anders, Trauer würde zunächst einmal unabänderlicher Teil ihres Lebens sein.

2016 hat die österreichische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Friederike Gösweiner für ihren Erstling „Traurige Freiheit“, in dem sie prekäre Arbeitsverhältnisse der Generation Praktikum thematisiert, den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie „Debüt“ erhalten. In der Jurybegründung heißt es, dass diese Prosa „das Porträt einer neuen‚ verlorenen Generation“ biete und „eine überzeugende Antwort auf ein drängendes gesellschaftliches Problem“ gebe. In ihrem zweiten Roman mit dem geheimnisvollen Titel „Regenbogenweiß“ siedelt sie den Plot auch im existenziellen Bereich an.

Gösweiner stellt den plötzlichen Tod eines beruflich höchst erfolgreichen Physikers an den Anfang der Handlung und schneidet die Trauerphase dreier Hinterbliebener zur eingehenderen Betrachtung aus deren Lebensfluss heraus. Dabei zoomt sie den Zeitraum von eineinhalb Jahren – von 2014 bis 2016 – ganz nah heran, indem sie die Innenwelt ihrer Figuren und ihr schwieriges Miteinander in Kapiteln belichtet, die das Leben so schreibt. Diese drei Perspektiven verschränken sich in einzelnen, fast tagebuchartigen Eintragungen zu einem Familientrauerkosmos. Die Ehefrau und die beiden bereits erwachsenen Kinder sind gerade selbst mit persönlichen Zäsuren konfrontiert, denen dieser Tod nun eine weitere, noch tiefere Dimension verleiht, weil er zum „Ereignis“ wird: „Nichts mehr hat Gültigkeit seither.“

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