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Wüste der Einsamkeit

Pakistan in England: Nadeem Aslams Roman über Konflikte und Gewalt.

Pakistan ist ein armes Land, ein unwirtliches und katastrophal ungerechtes Land, seine Geschichte ein Buch voll trauriger Episoden, und für die meisten der dort Geborenen ist das Leben eine Prüfung, wenn nicht gar eine Strafe: Millionen seiner Söhne und Töchter haben auf der Suche nach einem Lebensunterhalt und einer Andeutung von Würde überall auf der Welt Fuß gefasst."

Einen Ort gesucht, um Fuß zu fassen, haben auch die Einwohner jenes Fleckchens Erde, das sich Dasht-e-Tanhaii nennt. Eine Einwandererstadt mitten in England, die Sprache, die Bräuche, die Religion leben hier weiter, bilden Erinnerung und Bindeglied zur verlassenen Heimat. Dasht-e-Tanhaii ist eine Wildnis der Verlassenheit. Wüste der Einsamkeit. So lautet der sprechende Name der Stadt.

Hier leben nur einsame Menschen, die Kinder sind teils schon in alle Winde verweht, fern von ihren Eltern, ihnen und den Geboten des Islam verfremdet durch die "moderne" Welt, die Ehepartner reden sowieso nicht viel miteinander, und auch die Nachbarn sind in Feindschaften verstrickt. Spuren von Rassismus tauchen auf und zunehmende Fremdenfeindlichkeit.

Gewalt von innen

Doch die rohe Gewalt kommt weniger von außen, denn von innen, von der eigenen Religionsgemeinschaft, von den eigenen Familienangehörigen. Da stirbt ein Mädchen am Exorzismus, weil man ihr die Dschinns austreiben wollte, eine andere soll vom Ehemann vergewaltigt werden, so der Ratschlag der eigenen Mutter ...

Im Mittelpunkt des in viele Zeiten und Räume, in viele Figuren und Schicksale verästelten Romans stehen denn auch zwei Tote. Und der Prozess um ihre mutmaßlichen Mörder. Chandas eigene Brüder ermordeten Jugnu und Chanda, die in Sünde zusammenlebten, weil Chanda von ihrem Mann verlassen, aber noch nicht geschieden wurde. Ein "Ehrenmord". Den viele gutheißen.

Nicht aber Shamas, der Dichter, der nicht mehr dichtet, der hier in England "Direktor des Community Relations Council" ist und jene "Person, an die sich alle im Viertel wenden, wenn sie mit der Welt der Weißen nicht allein zu Rande kommen". Aus Sicht seiner strenggläubigen Frau Kaukab verwirrte der Kommunist seine drei Kinder mit seinen gottlosen Ideen. Längst erwachsen, fechten diese nun auf unterschiedliche Weise ihre Konflikte mit der Mutter aus.

Tochter Mah-Jabin etwa muss ihre Mutter mit dem Vorwurf konfrontieren, warum sie ihr nicht das Schicksal erspart hat, von dem sie hätte wissen müssen, wohin es führt: "Was hast du einmal zu mir gesagt, Mutter? Die ersten zwanzig Jahre einer Ehe gehören dem Mann, der Rest der Frau, weil sie die Kinder, während sie sie aufzieht, gegen ihn aufwiegeln kann, und wenn sie erwachsen sind, lassen sie ihn Dreck fressen, und sie selbst herrscht für den Rest ihrer Tage über sie alle." Aber diese zwanzig Jahre, die sind verloren. "Nicht jeder hat die Freiheit, einfach aus seinem Leben wegzugehen", steht das leise Wort der Mutter dem entgegen.

Religion und Regeln

Kaukab versucht verzweifelt, ihre Religion samt Regeln zu retten - und die Familie, die sie dabei allerdings verliert. Denn was sie als gut erachtet hat für ihre Kinder, war das Gegenteil. Den Säugling lässt sie im Ramadan fast verhungern, die Tochter wurde verheiratet und von ihrem Mann misshandelt, dem Sohn gab sie heiliges Salz und vergiftete ihn mit dem Bromid beinahe.

Am Ende des Romans sitzt sie, die tagelang gekocht hat, weil endlich wieder einmal die gesamte Familie nach Hause kommt, vor den Scherben ihrer Familie und ihrer Tradition. Konfrontiert mit Vorwürfen, die Sohn Ujala auf beide Elternteile ausweitet: "Eine gefährlichere Verbindung als die zwischen euch beiden hätte es nicht geben können: Du warst zu sehr damit beschäftigt, dich nach der Welt und der Zeit deiner Großeltern, ihrer Sprüche und Prinzipien zu sehnen, und er träumte zu sehr von der Welt und der Zeit, die seine Enkelkinder erben sollten. Was war mit eurer Verantwortung für die Menschen, die hier in der Gegenwart um euch waren? Ihr waren sie weniger wichtig als die Toten, und ihm waren die wichtiger, die noch nicht geboren waren."

Seitenlang schwelgt Aslam über Flora und Fauna, über Schnee und Schmetterlinge. Die Jahreszeiten fügen die unzähligen Geschehnisse, Gespräche und Begegnungen in eine Chronologie, die dem Leser auf dem Weg durch die 541 Seiten immer wieder zu entschwinden droht. Küche und Kochzutaten prägen die ausladende Poetik, Erzählfäden weben sich hin und her zu einem Teppich, in dem die Spannung zwischen Tradition und Moderne, zwischen Jung und Alt und zwischen Herkunfts- und Lebeland, in dem der Satz "Möge dein Sohn eine weiße Frau heiraten" ein Fluch ist, wirre Muster zeichnet. Und mitten in die Verlorenheit, in die Einsamkeit der Menschen blitzt die Gewalt auf im Namen des Islam. Verletzen Männer täglich ihre Frauen. Suchen Organisationen Kinder und weggelaufene Frauen auf der ganzen Welt, um sie gewaltsam zurückzuholen. Bringen Brüder ihre eigene Schwester und deren Lebensgefährten um.

1966 in Pakistan geboren, musste Nadeem Aslam als Jugendlicher das Land verlassen, 1980 zog die Familie nach West Yorkshire. Über 11 Jahre lang hat der Autor an diesem umfangreichen Werk geschrieben, eine poetische Absage an Gewalt im Namen des Islam, an eine Gewalt, die sich nicht zuletzt als Terror äußert.

Die Dialoge illustrieren die Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern und Generationen, in sie bettet der Autor die Auflehnung gegen einen frauenfeindlichen und gewaltfreundlichen Islam. Mit dem heiklen Thema geht Aslam behutsam um, in der Gestaltung der Figur der Kaukab wird das deutlich, der er auch Sympathie schenkt, deren Leid er zu beschreiben versteht, auch jene Sehnsüchte, die kurz aufblitzen, die zuzulassen ihr Glauben ihr aber nicht erlaubt.

Nicht nur die Tochter, auch andere Frauengestalten in diesem Roman versuchen auszubrechen, aufzubrechen. Des Autors Verweis auf die Sufi-Literatur könnte man vielleicht auch als einen Schlüssel für sein Schreiben lesen: "Die Dichter-Heiligen des Islam drückten ihre Abscheu vor Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit in ihren Versromanen immer über weibliche Protagonisten aus {...}, um die Intoleranz und Unterdrückung ihrer Zeit zu veranschaulichen, benutzten die Dichter ausnahmslos die Verwundbarkeit von Frauen: In ihren Versen sind es immer die Frauen, die rebellieren und mutig Widerstand leisten. Sie, und nicht die Männer, versuchen, eine neue Welt zu gestalten. Und scheitern in jeder Geschichte, in jedem Gedicht. Aber indem sie kämpfen, werden sie Bestandteil der universellen Geschichte menschlicher Hoffnung {...}."

Atlas für verschollene Liebende

Roman von Nadeem Aslam

Dtsch. v. Rosetta Stein

Rowohlt Verlag, Reinbek 2005

541 Seiten, geb., e 23,60

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