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Flucht in Geschichten

1945 1960 1980 2000 2020

"Der Geschichtenmacher": Der jüngste Bestseller des schwedischen Autors Kjell Johansson .

1945 1960 1980 2000 2020

"Der Geschichtenmacher": Der jüngste Bestseller des schwedischen Autors Kjell Johansson .

Der vielfach preisgekrönte schwedische Romanautor Kjell Johansson hat auch aus seinen traumatischen Kindheitserinnerungen einen Bestseller gemacht, der nun in deutscher Sprache vorliegt. Ein Sittenbild des aufstrebenden sozialistischen Schweden ist ihm damit gelungen, wenn auch seine trostlose Kindheit im Rückblick zu geschönt erscheint. Die nackte Wahrheit hat er gekonnt recht gefällig in Worte gekleidet.

Die alleinerziehende Mutter lebt mit ihren beiden Kindern und den alten Eltern in einer gemieteten Bruchbude. Der Vater ist auf Weltreise, die Kinder kennen ihn nur aus tausend Geschichten der Mutter, bis er eines Tages mit einer Seemannskiste voller Geschenke vor der Tür steht. Der Abenteurer, dessen Weltreise, wie der Sohn viele Jahre später erfährt, in einem Gefängnisaufenthalt bestand, bringt die ganze Familie zusammen, aber auch durcheinander. Zwar ist man jetzt eine "richtige Familie", noch immer unterscheidet man sich aber von den "Gewöhnlichen", weil die Mutter Bücher statt Bettwäsche kauft, der Vater spannende Geschichten erzählt, aber lang keiner Arbeit nachgeht und die Großeltern den Heimkehrer überhaupt ablehnen. Der heißersehnte, idealisierte Vater, der alle Niederlagen in romantische Abenteuer umdichtet, hat noch ein zweites, vor aller Welt geheimgehaltenes Gesicht: Im Suff schlägt er seine Frau und die Kinder, obwohl er nüchtern sie als die schönste Frau der Welt bezeichnet und die Kinder immer zu Höflichkeit und Artigkeit anhält.

Die Spannung zwischen familiärer Geborgenheit und Gewaltexzessen werden von den Kindern - dem Autor und seiner Schwester - unterschiedlich ertragen. Sie flüchtet sich in phantastische Geschichten, verliert den Bezug zur Realität und erkrankt psychisch, er versucht, den Geschichten ein positives Ende zu geben, was ihm immer besser gelingt.

Sein Außenseitertum, das in der Schule trotz guter Noten bestätigt wird, macht aus dem stillen Kind ein überloyales Familienmitglied und einen akribischen Beobachter von Tieren, Menschen und Situationen. Die Großeltern wollen irgendwann nicht mehr zuhören, wie der Schwiegersohn ihre Tochter und deren Kinder schlägt. Sie zeigen ihn an, und ab nun gibt es einen Feind mehr. Staatliche Bürokratie und Fürsorge bringen den Buben zu einer sanften, friedlichen und freundlichen Gastfamilie aufs Land. Doch der Bub hat immer das Gefühl, "daß in dieser Familie irgend etwas nicht stimmte. Es gab dort keine Freude. Sie sangen niemals, sie pfiffen niemals, sie lachten selten, niemals hörte ich ihr Bett knarren."

An diesem Roman ist interessant, wie die verschiedenen Wahrheiten und Wirklichkeiten verschwimmen, wie sich Richtig und Falsch als nicht herausfindbar erweisen - auch nicht für die Mutter, die den verzweifelten Mann liebt, ihre Kinder schützen will, aber doch zu schwach ist für die dauerhafte Trennung, die noch dazu wiederum alle unglücklich macht. An die provokante These des Kybernetikers Heinz von Foerster erinnert man sich, der sagt: "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners", und der damit die alles umschließende, end- und alleingültige Wahrheit in tiefstem Sinne meint. In der Idylle mit Unterbrechungen gibt es für die Kinder viel Zeit für Träume und Naturbeobachtungen, die Großmutter, die sie mit sozialistischen Schriften das Lesen lehrt und sie mahnt, auf den Sozialismus zu vertrauen, und die zärtliche - wenn auch zunehmend vom Alkohol überschattete - Liebe der Eltern.

Das Bewußtsein, nicht zu den "Gewöhnlichen" zu gehören, macht sie stolz. Ein Stolz, hinter dem für die Kinder auch die Bitterkeit hervorlugt, die mit der Verachtung der Nachbarn wächst. Bücher spielen eine ganz wichtige Rolle in der Familie. Die Mutter entflieht der Realität und möchte den Sinn des Lebens begreifen, und die Kinder suchen in den Geschichten Auswege aus dem Alltag und träumen von ihrer großen Zukunft. Bücher werden in der Bibliothek ausgeliehen, einem Ort magischer Zauberkraft für den Heranwachsenden: "Es war möglich, ja, sogar wahrscheinlich, daß auch jemand, der seine Sehnsüchte gar nicht kannte, sie hier finden würde."

Der Segnungen des Sozialismus, die von der Großmutter gepriesen und von den Kindern buchstabiert wurden, sind längst in Schweden eingetroffen. Der neue Geist kam aus Amerika und brachte "sugar in the morning, sugar in the evening..." So viel Zucker gibt es in Amerika, denkt der Bub bewundernd. Auch sein Vater träumt von großen Geschäften und von einer blühenden Zukunft und Reichtum. Doch der Sohn hat längst gelernt, die Verzweiflung zwischen den begeisterten Vorsätzen herauszuhören und der Vieldeutigkeit von Botschaften zu mißtrauen. Er weiß, daß die Mutter die Familie erhält und mit den Geschichten der Weltliteratur im Kopf bei reichen Leuten putzt, um den Kindern die höhere Schule zu finanzieren.

Das Spiel der frühen Kindertage wirkt nicht mehr: mit seiner Schwester spielte er tagelang, daß es sie nicht gibt. Später, als er sie als erwachsener Mann im psychiatrischen Krankenhaus besucht, erfährt er, daß ihr nun die Umkehrung nur schwer gelingt: zu spielen, daß es sie gibt.

Kjell Johansson schöpft aus seiner traurigen Kindheit das Potential für seine Kreativität, was ihn wohl trotz all der bitteren, traumatisierenden Details mit ihr versöhnt hat. Seine Mutter genießt es nach dem Tod ihres alkoholkranken Mannes zunehmend, zu den "Gewöhnlichen" zu gehören. An der Supermarktkasse verbringt sie ihre letzten Arbeitsjahre. Nur die Schwester verhindert allzu große Versöhnlichkeit, wehrt sich gegen Vergessen und Beschönigen: "Wie kann man glücklich sein, wenn man die Wahrheit kennt" fragt sie hartnäckig, und: "Was hat denn die Wahrheit mit dem Leben zu tun?" Damit bestätigt sie den Verdacht, daß sich hinter den klug geschriebenen Worten unüberbrückbare Abgründe und noch viele schmerzhafte Wahrheiten verbergen.

Der Geschichtenmacher. Roman von Kjell Johansson Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. Claasen Verlag München, 1999. 360 Seiten, geb., öS 291,- /e 21,14

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