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HEIMSUCHUNGEN

1945 1960 1980 2000 2020

OB AUS AFRIKA, AMERIKA ODER EUROPA: MENSCHEN SUCHEN IHR DAHEIM UND WERDEN IHRERSEITS VON VERGANGENHEIT HEIMGESUCHT.

1945 1960 1980 2000 2020

OB AUS AFRIKA, AMERIKA ODER EUROPA: MENSCHEN SUCHEN IHR DAHEIM UND WERDEN IHRERSEITS VON VERGANGENHEIT HEIMGESUCHT.

"Kann man an einen Ort zurückkehren, an dem man nie gewesen ist?" fragt der Somali Bile den amerikanischen Journalisten Malik. Ja, man kann. Malik war zwar noch nie zuvor in Somalia, das Land ist ihm aber sehr nahe: Es ist die Heimat seiner Vorfahren. Deswegen kann er sagen: "Es ist bizarr, an einen Ort zurückzukehren, an dem ich nie gewesen bin."

Fiktion Heimat

Vielleicht ist es in gewisser Weise immer so, wenn man sucht, woher man kommt: dass es zwar eine Art Rückkehr geben kann, dass eine solche aber nie ganz möglich ist. Möglicherweise geht es gar nicht ohne Fiktion. Vielleicht bleibt auch die Heimat, die man sucht - der nicht so sehr geographische, vielmehr emotionale Ort, Vielleicht ist es in gewisser Weise immer so, wenn man sucht, woher man kommt: dass es zwar eine Art Rückkehr geben kann, dass eine solche aber nie ganz möglich ist. Möglicherweise geht es gar nicht ohne Fiktion. Vielleicht bleibt auch die Heimat, die man sucht - der nicht so sehr geographische, vielmehr emotionale Ort, woher man kommt -, Fiktion. Zudem sind es oft nicht die Menschen, die ihre Vergangenheiten heimsuchen und ihr Heim suchen, sondern umgekehrt: Die Erinnerungen, die Vergangenheit, die eigene oder die der Familie, der Eltern, der Geliebten, suchen die Menschen heim. Manchmal brutal und überfallsartig. Oft nicht so, wie man es sich wünscht. Selbst was jahrzehntelang verschwiegen wurde, bricht dann auf einmal hervor.

Von aktiven und passiven Heimsuchungen aller Art erzählt die Literatur, und die Weltliteratur führt dabei zudem noch die Kollektivgeschichten unterschiedlicher Länder vor. Dabei gibt es auch viel Grauen und Kriegsgräuel zu entdecken.

Nuruddin Farah wurde 1945 in Baidoa, Somalia geboren. Er studierte in Indien und Großbritannien und musste 1974 aus politischen Gründen Somalia verlassen. In Abwesenheit wurde er zum Tod verurteilt. Zur Zeit lebt er in Kapstadt. 1996 kam er zum ersten Mal wieder in seine Heimat Somalia, die in seinen Romanen eine große Rolle spielt. Farah weiß nicht nur, was es bedeutet, gezwungenermaßen im Exil zu leben, sondern auch, was es bedeutet, in ein dermaßen von Bürgerkrieg geschütteltes Land wie Somalia zurückzukehren.

In seinem soeben auf Deutsch erschienenen Roman "Gekapert" lässt der Autor Malik mit seinem Schwiegervater Jeebleh nach Mogadischu kommen. "Es ist die große Tragödie von Bürgerkriegen, Hungersnöten und anderen Katastrophen in den ärmeren Regionen der Welt, denkt Jeebleh, daß die Trümmer selten das unter ihnen verborgene Leid preisgeben." Die Stadt bereitet sich gerade "unter der Herrschaft der Union islamischer Gerichte" auf den Krieg gegen das christliche Äthiopien vor, die Menschen verriegeln sich in ihren Wohnungen, man weiß nicht, wem man trauen kann. Journalisten werden ermordet, und über der Stadt hört man nachts die amerikanischen Drohnen fliegen.

Während der Journalist Malik beobachtet und fragt und Beiträge für eine amerikanische Zeitung schreiben will, sucht sein Bruder Ahl in Puntland seinen Stiefsohn, der von den USA aufgebrochen ist, offensichtlich um sich den Piraten anzuschließen. Warum hat er das getan, fragt sich der verzweifelte Stiefvater. Wieso bricht ein junger Amerikaner auf, um sich in Puntland Piraten oder Terroristen anzuschließen?

Ökonomische Interessen

Viele Figuren führt Farah ins Rennen, viele Männer und einige wenige, dafür umso stärkere Frauen, viele Stimmen, die von der Komplexität der politischen Situation Somalias erzählen und den kriegstreibenden Kräften, die mehr von ökonomischen denn religiösen Interessen beflügelt scheinen. Auch das Schicksal der Piraten an dieser längsten Küste Afrikas, die von internationalen Schiffen leergefischt wurde, nimmt Farah in den Blick. Die durch die Piraterie verdienten Millionen scheinen weniger bei den Piraten anzukommen, denn bei den vielen Mittelsmännern, die auch in Londoner Banken sitzen.

Während sich in der Stadt Flüchtlinge sammeln, die mit Menschenschmugglern, die sie ausbeuten und in lecke Boote setzen werden, weg wollen, endlich weg aus diesem Elend, werden in Mogadischu Journalisten umgebracht. Auch Malik gerät in Lebensgefahr ...

Versprengte Familie

Kann man zurückkommen in ein Land, in dem man noch nie war? Das fragen sich auch einige der Protagonisten in Taiye Selasis Roman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so". Vater Kwaku stirbt in Ghana, und jedes Mitglied dieser seit Jahren versprengt lebenden Familie bringt das eigene Drama mit, von dem die anderen meist gar nichts wissen. Der Ghanaer Kwaku, einst angesehener Chirurg in den USA, einer der besten seines Faches, hat vor sechzehn Jahren Hals über Kopf seine Familie verlassen: Eine Frau starb trotz Operation, man gab ihm die Schuld, er verlor seinen Job und den Prozess - und flieht vor seiner Familie, seiner Frau. Wochen später will er zurück: Da sind seine Frau und die Kinder fort. Nie wieder werden die Mitglieder der Familie alle zusammen sein.

Selasi wurde als Kind ghanaischer Ärzte in London geboren und wuchs in Massachusetts auf, sie ist also, um es mit ihrem eigenen Begriff zu sagen, eine "Afropolitan", eine Weltbürgerin mit afrikanischen Wurzeln. In ihrem Roman erzählt sie von der starken Nigerianerin Fola, die schließlich einsam in Ghana leben wird, von ihrem Sohn Ola, der wie sein Vater Arzt geworden ist, von den Zwillingen, die von der Mutter nach Ghana geschickt wurden, um eine gute Schulbildung zu bekommen, dort aber ein grauenhaftes Schicksal erleiden, und von der Jüngsten, Sadie, der Nachzüglerin, die der Vater mit wochenlangen Krankenhausaufenthalten ins Leben begleitet hat.

Einfach nur Immigrantin

Fola und Kwaku lernten sich in Pennsylvania kennen und lieben. Als Immigrant, so Folas Erfahrung, ist man kein Individuum. "Sie hatte aufgehört, Folasadé Somayina Savage zu sein, und war stattdessen ein Mitglied einer generischen Kriegsnation geworden. Ohne spezifische Kennzeichen. Einfach nur irgendeine kriegsgeschundene Nation, hoffnungslos und unmenschlich wie jede Nation im Krieg irgendwo, wie alle Kriegsnationen überall."

Vieles erzählt man einander nicht - trotz aller Liebe. So hat Fola Kwaku nie gesagt, dass sie schon einmal in seiner Heimat Ghana war, hat ihre Vergangenheit bewusst verschwiegen, wie überhaupt die klugen "Enkelsöhne von Sklaven, begabte Immigranten und Flüchtlinge" einen Schwur geleistet zu haben scheinen, "ihr Schweigerecht gemeinsam hochzuhalten (und auf diese Weise nicht ihr früheres Selbst zu bleiben, das zerbrochene, geschlagene, beschämte Selbst, das in Geschichten lebte und schweigend starb)."

Das Schicksal der Immigration beeinflusst auch die Familie, die die Kinder bald als nicht mehr vorhanden erleben. Am Ende des Romans hält die Ex-Frau Fola die Pantoffeln ihres barfuß verstorbenen Mannes in der Hand und spricht mit dem Toten: Er fragt sich und sie, warum er sie je verlassen habe. Sie sagt ihm, dass sie als Immigranten genau das gelernt hätten: Verlassen. Weggehen. Aber es bleibt die Hoffnung: Vielleicht lernen nun ihre Kinder, "wie man bleibt".

"Sind wir da oder wird nur aufgetankt?", fragt ein Bosnier im Flugzeug voller Flüchtlinge, kurz vor der Landung in New York. Auch diese Frage umreißt die Unsicherheit des Immigrantenschicksals. Wann ist man "da"? Zudem meldet sich ständig die Vergangenheit als Gegenwart: "Wie kann es sein, dass sich eine Granate, die vor langer Zeit in Tuzla explodierte, selbst wieder zusammensetzt, rückwärts in die Mündung eines Granatwerfers fliegt, aus dem sie gekommen war, erneut abgeschossen wird und mich hier in der Cafeteria des Moorpark-College erreicht? Wie kann es sein, dass ich gleichzeitig in der Vergangenheit und der Gegenwart existiere, gleichzeitig Körper und Seele bin, gleichzeitig in der Realität und in der Fantasie lebe?"

Wachträume

Ein Feuerwerk, ein Krach - und schon ist der Krieg auch in Amerika. Wie kann man überhaupt erzählen von solchen Heimsuchungen aus der Vergangenheit, wie kann man erzählen, was selbst die rechtzeitige Flucht aus einem macht? Ismet Prci´c, der wie sein Autor in Tuzla geborene und in Amerika lebende bosnische Protagonist in Ismet Prcics Roman "Scherben", versucht es mit Personensplitting. "Ich habe zu allem zwei Ansichten. A-Seite (amerikanisch) und B-Seite (bosnisch). Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, spurlos zu verschwinden und mich zurückzulassen, meinen Geist, und dann neu anzufangen." Oder noch besser: Nach Bosnien zurückzukehren, "ohne es jemanden zu sagen", nicht einmal der eigenen Mutter. Sich einen Bart wachsen lassen und zusehen, wie die Mutter zum Markt geht: Aus diesem Wunsch, diesen Wachträumen erschafft Ismet Prcic sich die Figur des Mustafa.

Ismet ist als junger Mann gerade rechtzeitig aus Bosnien geflohen, um nicht im Krieg als Soldat eingesetzt zu werden. "Ich war nie gezwungen, menschliche Hoden zu essen, einen Menschen zu erschießen oder zuzusehen, wie Schweine meine Landsleute fressen. Nein, ich bin abgehauen. Das ist meine Geschichte. Ich ließ meine Mutter zurück, meinen Vater, meinen Bruder, meine erste Liebe. Das ist alles. Das Ende." Damit muss man erst einmal zurechtkommen. "Deshalb ist Mustafa hier der Schatten unter dem Haus." Ismet erfindet sich Mustafa, er zieht - anders als Ismet - in die Hölle des Krieges, er wird sich später auch um die Mutter kümmern.

Auch der Roman "Scherben" erzählt Traumata, Heimatverlust, Erinnerungen - und die Notwendigkeit der Erfindung. "Ich finde andauernd was in meinen Taschen, an das ich mich nicht erinnere."

Gekapert

Roman von Nuruddin Farah Aus d. Engl. v. Susann Urban Suhrkamp 2013 463 S., geb., € 27,80

Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Roman von Taiye Selasi Aus dem Engl. von Adelheid Zöfel S. Fischer 2013 397 S., geb., € 22,70

Scherben

Roman von Ismet Prcic Aus dem amerikan. Engl. von Conny Lösch. Suhrkamp 2013 441 S., geb., € 22,60

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