Bukarest - © Foto: Getty Images / Gamma-Rapho / Eric Bouvet

Catalin Dorian Florescu: Erzählen. Phantasieren. Überleben.

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In seinem ein ganzes Jahrhundert umspannenden Roman „Der Feuerturm“ erzählt Catalin Dorian Florescu vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in Rumänien die Geschichte einer Familie.

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In seinem ein ganzes Jahrhundert umspannenden Roman „Der Feuerturm“ erzählt Catalin Dorian Florescu vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in Rumänien die Geschichte einer Familie.

Am Anfang war die Legende. Die Geschichte, die von einem Mann namens Iane berichtet, der eines Tages aus dem Eichenwald in die Stadt kommt und die Leute warnt: Sie kämen jetzt, sie seien schon nahe, die Feinde. Wer kommt, fragen sich die Einwohner des Städtchens: Türken, Tataren, Kosaken, Söldner aus Ungarn? Aber aus Iane ist nicht viel mehr herauszubekommen, und so vergessen sie, was ihnen droht, und sperren den Propheten ins Gefängnis; das Leben geht weiter seinen gewohnten Gang.

Bis sie dann doch kommen, die Osmanen, eine schlagkräftige Armee, angeführt von dem Großwesir Sinan Pascha. Wer flüchten kann, versteckt sich im Eichenwald. Nur Iane bleibt, wo er ist, obgleich die Tore der Haftanstalt längst offen stehen. Er erlebt, wie die Stadt in Brand gesetzt wird und die Flammen alles rundum verschlingen und am Ende auch ihn erfassen – oder vielleicht auch nicht.

Dichtung und Wahrheit

Die Geschichte, angesiedelt am Beginn der Neuzeit, wird in Bukarest noch lange erzählt, auch noch im Jahre 1892, in dem der Feuerturm gebaut wird, damals das höchste Gebäude in der Stadt. Mit diesem Ereignis setzt die eigentliche Handlung des Romans von Catalin Dorian Florescu ein; Victor Stoica, der Erzähler, aber hält sich an die Tradition, die in seinem Umfeld immer schon gegolten hat, wenn man was erzählt hat, von Iane oder auch von anderen mehr oder weniger verlorenen Helden aus späteren Jahrhunderten: Man erzählte von Katastrophen, von der Pest, von Hungersnöten, Erdbeben, Überfällen, ohne groß zu unterscheiden, ob die Natur wieder einmal zugeschlagen hat oder irgendeine Diktatur; „und jeder dichtete ein bisschen mehr hinzu oder ließ etwas weg“.

So hält es also auch Victor, der geborene Verlierer. Jegliche reflexive Erinnerungsarbeit ist ihm fremd, er erzählt und erzählt, was ihm andere erzählt haben und was er selber im Gedächtnis behalten oder auch längst überschrieben hat, er fügt was hinzu und lässt was weg, beides nach Gutdünken, ohne sich groß Gedanken zu machen über das Verfertigen verbindlicher Geschichten.

An den Anfang seiner Erzählung aber stellt er die Errichtung des Feuerturms: ein Ereignis von historischer Bedeutung, jedenfalls für alle seine Vorfahren; er stammt nämlich aus einer Dynastie von Feuerwehrleuten, schon sein Ururgroßvater hat erstmals, erzählt er, die Stadt gerettet, und alle Nachkommen haben es dem Ahnherrn gleichgetan und gerettet, was gerettet werden konnte: ein Grandhotel, billige Kneipen, feine Geschäfte, Cafés, Bordelle, Kirchen, sie haben eingegriffen, wo immer die Heiligen ihrer Hauptaufgabe, die Menschen zu schützen, eben nicht nachgekommen sind.

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