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Brief von der Grenze

„Selig, ihr Armen; denn euer Ist das Reich Gottes!

Selig, die ihr jetzt weinet; ihr werdet lachen!

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen.“

Luk. 6, 20—22

Es ist bitter kalt draußen und der Wind pfeift über das Land, das ein weißer Schneeteppich den Blicken verhüllt. Die Sterne sind aufgegangen und flimmern, zum Greifen nahe, am Firmament. Und ich, einer von denen, deren Stunden in diesem niederösterreichischen Lande gezählt sind, wandere hinaus aus jenem Dorf, das nicht nur mir, sondern vielen Hunderten zum vorläufigen Asyl' geworden ist. Der Teich, auf dem sich sonst Gänse tummeln, ist zugefroren. Dann bleiben die' Häuser zurück. Wie eine Geistersiedlung hebt sich im fahlen Mondlicht die Reihe von Weinkellern ab, die — sämtlich leer — am Fuße jenes Hügels stehen, der mein Ziel ist. Er ist nicht hoch; denn hier oben gibt es keine Berge, die den Alpen zu vergleichen wären, aber von hier s kann ich das sehen, was wir alle, die noch in diesen Tagen wandern müssen, verloren haben: unsere Heimat.

Dort! Eine Vielzahl von Lichtern, zu Diagonalen und Bündeln geordnet, bannt das Auge. Das ist die kleine südmährische Stadt, wo vor 80 Jahren der Kampf um die Vorherrschaft im deutschsprechenden Europa sein Ende fand. Als ich sie vor eineinhalb Jahren verließ, um wieder an die Front zu gehen, da ahnte ich nicht, daß ich sie s o wiedersehen würde. Aber heute liegt zwischen ihr und mir eine Grenze, ein ganz lächerlicher Graben nur, aber dennoch veine Scheide zweier Völker.

Da steigen die Erinnerungen hoch, meine nächtlichen Fahrten in dieses, nun verbotene Land, in dem ich nichts mehr zu suchen habeSund das ich doch, wie all die anderen Exulanten, so unendlich liebe. Nicht einmal war ich drüben, seitdem ich im Oktober zerlumpt und verlaust aus dem Osten Europas kam. Ich war viele Monate in Gefangenschaft in den weiten Wäldern Rußlands. Wir wußten, allesamt nichts von den Ereignissen, die sich nach Kriegsende hier abgespielt hatten, und kamen ahnungslos in die nahe Grenzstadt, wo uns erst zum Bewußtsein kam, daß unser Leiden noch nicht zu Ende war. Das war der Empfang in der Heimat: ausgestoßen voq der menschlichen Gesellschaft, Verbrechern gleich, harrten wir in einem fensterlosen Raum der Dinge, die kommen würden. Wie bitter war die Erkenntnis, nur die Gefangenschaft getauscht zu haben, wie schwer wog das Unrecht„ festgehalten zu werden, wo wir glaubten, alle würden im Krieg aus den Fehlern der Vergangenheit genau so gelernt haben, wie wir.

Wie ein Wunder erscheint mir heute, da ich hinüberblicke, mein Entkommen aus dieser Gewalt, die denselben Methoden ergeben war, wie diejenigen, die heute“ auf der Anklagebank in Nürnberg sitzen. Ja, ich war nicht nur Emigrant, sondern auch Bettler geworden. Wenn nirgends, so fand ich hier in Niederösterreich — wohin ich als völlig Fremder kam —, daß es noch Leute gibt, die sich Herz und Menschentum bewahrt, haben. Sie alle waren durch den Krieg in schlechten Verhältnissen. Aber konnten sie — als der Strom der Vertriebenen, die als völlige Bettler in dieses wehrlose Österreich kamen, um hier wenigstens die Freiheit* zu behalten — hart und abweisend sein? Ich sah jenes Elend nicht, das ein wild entfesselter Nationalismus unschuldigen Frauen, Kindern und Greisen gebracht hat, aber dort — gar nicht weit von den Lichtern meiner verlorenen Heimatstadt, liegen die Opfer dieses Marsches aus der geliebten Heimat Verstoßener.

Viele Wochen sind nun seit jener Nacht vergangen, wo mich zum erstenmal die Sehnsucht hinübertrieb. Wie klopfte mir damals das Herz, als ich durch das raschelnde Rohr des Grenzgrabens schritt, wie horchte ich in die Nacht hinein, zählte Lichter und Menschen! Nein, es war nicht die Mönchsstadt Lhasa, sondern eine Stadt in Europa. Können Sie meine Empfindungen nachfühlen, die mich bewegten, als ich dort vorbei ging, wo ich früher mein Heim hatte? Sie können es nicht. Die weichen Töne eines wundervollen Flügels klangen durdi die Fenster auf die schweigende Straße hinaus, drangen mir tief ins Herz — und trieben mich fort. Auch dort war ich, mich unvergeßliche Erinnerungen einer glücklichen, sorgenfreien Jugend banden, wo der Fluß, der dem Land seinen Namen gibt, seine Wasser zu seinem größeren Bruder ■wälzt, wo eine Burg so mächtig aus • der Ebene ragt, daß man sie selbst noch von der Hauptstadt • des Landes sehen kann.

Auch niederösterreichisches Land also, wo wir ein sehr bescheidenes Obdach gefunden hatten, werden wir nun verlassen müssen. Das “Wandern hat bereits begonnen und es ist kein Haus, in dem nicht die Koffer gepackt werden. In Niederösterreich allein sind 400.000 Flüchtlinge, die nun mitten im Winter in eine unbekannte Zukunft geschickt werden. Alle, die hier ihre letzten Tage verleben, haben nicht viel über die Grenze retten könen, aber selbst von diesen armseligen Lebensnotwendigkeiten werden sie nur das Wichtigste mitnehmen können. Mit Bangen sehen die Mütter auf ihre Kinder und diese auf ihre alten Großeltern, die nun schon zum zweitenmal in einem halben Jahr ein Land verlassen müssen. In ihren fragenden Blicken und stillen Tränen aber liegt das Schicksal unserer ruhelosen, grausamen Zeit, die auch heute verrinnt, ohne daß wir wahren Frieden auf Erden haben.

Ich sprach unlängst mit einer jungen Frau. Ihren Mann weiß sie in englischer Gefangenschaft — irgendwo in Schleswig wurde er gesehen —, ihr Kind aber ist bei den Großeltern jenseits der Thäya, die noch eine letzte Frist bekommen haben. Drei Menschen in drei Ländern — ein Schicksal von vielen. Aber es gibt auch andere Menschen, die nicht zum Wanderstab greifen wollen. Die einen heiraten — wie es heute geschehen — und verbleiben nach den Gesetzen im Lande, die anderen lassen ihre Ehe scheiden, um nicht alles zu verlieren, was sie sich in saurer Arbeit in ihrem Leben erarbeitet haben. Viele aber tauchen unter. Allesamt aber sind sie nur Ausnahmen, denn die meisten haben sich mit diesem größten Schritt ihres Lebens abgefunden, der ihnen nun auch noch die letzte Hoffnung auf Rückkehr zur Scholle geraubt hat. Indem sie dieses größte Opfer auf sich nehmen, und jenes Land verlassen, das an der Schwelle ihrer Heimat liegt, bekennen sie sich in Wahrheit zu den Traditionen ihrer Ahnen. Während sie es nicht aussprechen, an was sie denken, fühle ich es doch deutlich, was in ihren Herzen geschrieben steht. Es ist das gleiche Bekenntnis, das ua längst ein Schriftsteller der Emigration aussprach: „ ... Alle Deutschen tragen cfie Schuld gemeinsam. Dann will ich sie mittragen, denn ich gehöre zu ihnen. Ich will das Elend teilen und die Strafe... In die völlig - verarmte, ausgeblutete, verwüstete, tief gedemütigte einstige Heimat — warum sollte ich nicht zurückkehren?“ Das sagte mir, mit anderen Worten, heute auch ein Arzt, der hier bleiben könnte, weil nun niemand weit und breit : den Menschen helfen wird, und der dennoch das Land verläßt.

Ein fleißiges Volk, mit tausend Banden dem Donauland verbunden; verläßt Österreich. Von wo werden nun die Bauern ihr Arbeitskräfte nehmen, die ihnen auf den Äckern helfen? Werden die Wiener Arbeiter, die man ihnen für die Aussaat versprochen hat, wirklich kommen und ein Ersatz sein? Und wer wird nun — da der Hilfslehrer von drüben zum Wanderstab greift die Jugend unterrichten, wie er es hier tat? Das ist eine schwerwiegende Frage, wo nun auch der Nazilehrer aus der Schule verbannt ist.

Das überdachte ich, als ich heimwärts ging. Oft war ich im Herbsp hier mit Kartoffeln gefahren, hatte sehnsüchtig in die Weingärten geblickt und auf nächstes Jahr gehofft. Es ist totenstill auf den Straßen, die zur Kirche führen. Ein paar Lichter brennen noch hinter den Fenstern, eine Uhr tickt das Lied der Zeit...

Aber es liegt unsere Hoffnung in dem Wissen um die Vergänglichkeit alles Bösen, daß nichts ewig und unverrückbar ist, was von Menschenhand geschaffen ...

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