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Feuilleton

"DAS MONSTER Leben bändigen"

1945 1960 1980 2000 2020

Karen Köhler erhält für "Wir haben Raketen geangelt" den diesjährigen Rauriser Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt.

1945 1960 1980 2000 2020

Karen Köhler erhält für "Wir haben Raketen geangelt" den diesjährigen Rauriser Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt.

Bereits der erste Blick auf die Homepage der deutschen Autorin Karen Köhler beweist, dass man es mit einer etwas ungewöhnlichen Schriftstellerin zu tun hat: "Ich wollte Kosmonautin werden, habe Fallschirmspringen gelernt und Schauspiel studiert." Dass sie Mathematik und den Weltraum liebt, ist auch kein Geheimnis. Dennoch ist Karen Köhler bei der Schauspielerei gelandet, arbeitet zeitweise als Illustratorin - sogar das Cover ihres eigenen Buches hat sie selbst entworfen - und schreibt seither auch "Theaterstücke und Prosa". Ihre Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Wettlesen musste sie aus Krankheitsgründen absagen. Windpocken. Schade. Denn sie hätte "Il Comandante", das erste Kapitel aus ihrem Erzähldebüt "Wir haben Raketen geangelt", vorgetragen, einen Text, der möglicherweise auch Chancen auf einen Preis gehabt hätte.

Extravagant und innovativ

Genauso wie sie sich auf ihrer Homepage präsentiert, so schreibt sie auch: extravagant und innovativ. Zugleich kommen aber noch gnadenlose Härte und ein sicheres Gespür für die Wundränder des Lebens dazu. Auf jeden Fall lösen ihre Texte Denkprozesse aus. In ihrem Erzählband verdichtet Köhler prägende Ereignisse ihrer Protagonisten. Die Figuren finden sich beispielsweise in Extremsituationen wieder oder reflektieren ihre Bilder vom Leben, die oft einer Revision bedürfen. Über ihre Geschichten sagt Köhler selbst, dass sie versuche, "dieses Monster: Leben zu bändigen". Es liege ihr nicht, über Alltägliches zu schreiben. "Ich ringe mit Tod, Krankheit, Schmerz und Liebe." Auf einer "Blogtour" mit "we read Indie" gibt sie ausführlich Auskunft über die Architektur ihres Erzählbandes. Cover und Inhalt sind demnach fein säuberlich aufeinander abgestimmt: "Aus jedem Text habe ich ein Tier genommen, das entweder real oder als Metapher in der Erzählung auftaucht. Also neun Texte =neun Tiere. Die habe ich nach Größe geordnet und ins Buch gehen lassen. Die Texte ordnen sich im Erzählband inhaltlich so, dass sie sich von der Stadt und der Zivilisation in die Wildnis bewegen. Von der onkologischen Station eines Krankenhauses hin zur sibirischen Wildnis. Untereinander sind sie durch kleine Querverweise verbunden. Sie sind ein Schwarm."

Da ist also eine krebskranke junge Frau, die während ihrer Therapie einen älteren Mann kennenlernt, einen sogenannten "Popstarparadiesvogelpatientenopa" mit Neonsocken, der, wo auch immer er hinkommt, Aufmerksamkeit auf sich zieht, positive Energien verströmt und andere unweigerlich zum Strahlen bringt. Die Ich-Erzählerin durchläuft aufgrund ihrer Krankheit gerade die schwierigsten Phasen ihres Lebens und findet keine Kraft, mit ihrer Situation zurechtzukommen. Der 72-Jährige spricht sie an und inspiriert sie. Die kurze Erzählung wächst sich mit diesen Koordinaten zu einer berührenden Geschichte mit Tiefgang aus.

Oder der Text über die Begegnung mit dem "Indianer" Bill im Death Valley -die Ich-Erzählerin weiß natürlich, "dass man nicht Indianer und Eskimo sagen soll". Er bietet ihr seine Hilfe an, nachdem sie nach dem sexuellen Übergriff eines ihr unbekannten Mannes fluchtartig das Auto verlassen hat. Der Unbekannte hat ihr über eine Onlineplattform eine Mitfahrgelegenheit nach New York geboten. Bill rettet sie vor dem Verdursten in diesem schweigenden Tal: "Kakteen stehen in der Landschaft. Irgendwo schreit ein Raubvogel. Der Highway kommt zu uns ins Tal gekrochen wie eine flimmernde Schlange. Ich habe mit ihr gerungen und bin ihrem Würgegriff entkommen." Sie ist mittellos, weil ihr Rucksack im Auto des Unbekannten geblieben ist. Bill nimmt sie in seinem Pickup-Truck mit. Kurz darauf ist sie an seiner Seite in einer Krisensituation.

Schwungvoll und facettenreich

Es sind vor allem die gnadenlos eindringlichen und unkonventionell präsentierten Situationen, die schwungvoll und immer facettenreich daherkommen. Die Postkartenfolge einer Ich-Erzählerin, die sich eine einmonatige Auszeit in Italien nimmt, um darüber nachzudenken, ob der Schritt zur Heirat der richtige ist. Dann wiederum löst eine unglückliche Liebe den vollkommenen Rückzug von der Gesellschaft aus, die Suche nach den eigenen "Koordinaten": "Ich verdaue mich selbst. Erinnerungen rückwärts nach Wichtigkeit" werden wie von einem Knäuel bis zur ersten Begegnung abgespult. Personen von früher tauchen im Leben der Protagonisten auf, Vergangenheit holt sie ein. Die Trauer um einen geliebten Menschen in der titelgebenden Erzählung, nach dessen Tod nur mehr hemmungsloses Regelbrechen an der "Streitmaschine", einer alten Olympia, bleibt. Den Band beschließt eine Erzählung über Asja, die nichts kennt "außer Gott", nur den Wald und seine Tiere im tiefsten russischen Hinterland. Sie lebt abgeschieden von der Zivilisation und hat bereits vor langer Zeit ihre Eltern und Geschwister begraben. Damit man eines Tages noch von ihr und ihrer Familie weiß, schreibt sie alles auf: "Aber du wirst kommen, eines Tages, ich weiß es, du wirst kommen und mich den Hügel hinauftragen zu den Meinmeinen. Ich bin alt und schwach ... Es fällt mir schwer, Nahrung aufzunehmen. Ich weiß, dass ich den Frühling nicht mehr sehen werde." Zurückbleiben als Einzige - ohne einen Menschen im Umkreis - und auf den Tod warten nach dem 70. Winter. Auf dieser Erfahrung baut die Erzählung auf.

Harte Tonarten und Flapsigkeiten

Die hier geschilderten Episoden sind in ihrer Existentialität oft erschütternd und dennoch funkelt in vielen von ihnen zugleich ungehemmte, unkonventionelle Aufmüpfigkeit, das Hinterfragen des Gewachsenen, der Vergangenheit, der Lebensstrukturen. Auch sprachlich deckt Köhler ein breites Spektrum ab. Zimperlich ist sie mit dem Vokabular aber nicht. Denn mit der Brutalität gewisser Situationen korrelieren auch befremdende, härtere, ja erbarmungslose Tonarten und Flapsigkeit in der Sprache.

Köhlers Debüt versammelt zweifellos lesenswerte Erzählungen. Dass sie formal gesehen zahlreiche unterschiedliche Zugänge präsentiert, dokumentiert ihren Ideenreichtum und ihre Experimentierfreude, die Lust, etwas "auszuprobieren", wie sie im Bloggespräch bekennt. Karen Köhler kann schreiben. Und originell noch dazu! Ursula März hat sie in der Zeit als die "Entdeckung dieser Saison" gefeiert. Das kann man nur unterstreichen.

Bereits der erste Blick auf die Homepage der deutschen Autorin Karen Köhler beweist, dass man es mit einer etwas ungewöhnlichen Schriftstellerin zu tun hat: "Ich wollte Kosmonautin werden, habe Fallschirmspringen gelernt und Schauspiel studiert." Dass sie Mathematik und den Weltraum liebt, ist auch kein Geheimnis. Dennoch ist Karen Köhler bei der Schauspielerei gelandet, arbeitet zeitweise als Illustratorin - sogar das Cover ihres eigenen Buches hat sie selbst entworfen - und schreibt seither auch "Theaterstücke und Prosa". Ihre Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Wettlesen musste sie aus Krankheitsgründen absagen. Windpocken. Schade. Denn sie hätte "Il Comandante", das erste Kapitel aus ihrem Erzähldebüt "Wir haben Raketen geangelt", vorgetragen, einen Text, der möglicherweise auch Chancen auf einen Preis gehabt hätte.

Extravagant und innovativ

Genauso wie sie sich auf ihrer Homepage präsentiert, so schreibt sie auch: extravagant und innovativ. Zugleich kommen aber noch gnadenlose Härte und ein sicheres Gespür für die Wundränder des Lebens dazu. Auf jeden Fall lösen ihre Texte Denkprozesse aus. In ihrem Erzählband verdichtet Köhler prägende Ereignisse ihrer Protagonisten. Die Figuren finden sich beispielsweise in Extremsituationen wieder oder reflektieren ihre Bilder vom Leben, die oft einer Revision bedürfen. Über ihre Geschichten sagt Köhler selbst, dass sie versuche, "dieses Monster: Leben zu bändigen". Es liege ihr nicht, über Alltägliches zu schreiben. "Ich ringe mit Tod, Krankheit, Schmerz und Liebe." Auf einer "Blogtour" mit "we read Indie" gibt sie ausführlich Auskunft über die Architektur ihres Erzählbandes. Cover und Inhalt sind demnach fein säuberlich aufeinander abgestimmt: "Aus jedem Text habe ich ein Tier genommen, das entweder real oder als Metapher in der Erzählung auftaucht. Also neun Texte =neun Tiere. Die habe ich nach Größe geordnet und ins Buch gehen lassen. Die Texte ordnen sich im Erzählband inhaltlich so, dass sie sich von der Stadt und der Zivilisation in die Wildnis bewegen. Von der onkologischen Station eines Krankenhauses hin zur sibirischen Wildnis. Untereinander sind sie durch kleine Querverweise verbunden. Sie sind ein Schwarm."

Da ist also eine krebskranke junge Frau, die während ihrer Therapie einen älteren Mann kennenlernt, einen sogenannten "Popstarparadiesvogelpatientenopa" mit Neonsocken, der, wo auch immer er hinkommt, Aufmerksamkeit auf sich zieht, positive Energien verströmt und andere unweigerlich zum Strahlen bringt. Die Ich-Erzählerin durchläuft aufgrund ihrer Krankheit gerade die schwierigsten Phasen ihres Lebens und findet keine Kraft, mit ihrer Situation zurechtzukommen. Der 72-Jährige spricht sie an und inspiriert sie. Die kurze Erzählung wächst sich mit diesen Koordinaten zu einer berührenden Geschichte mit Tiefgang aus.

Oder der Text über die Begegnung mit dem "Indianer" Bill im Death Valley -die Ich-Erzählerin weiß natürlich, "dass man nicht Indianer und Eskimo sagen soll". Er bietet ihr seine Hilfe an, nachdem sie nach dem sexuellen Übergriff eines ihr unbekannten Mannes fluchtartig das Auto verlassen hat. Der Unbekannte hat ihr über eine Onlineplattform eine Mitfahrgelegenheit nach New York geboten. Bill rettet sie vor dem Verdursten in diesem schweigenden Tal: "Kakteen stehen in der Landschaft. Irgendwo schreit ein Raubvogel. Der Highway kommt zu uns ins Tal gekrochen wie eine flimmernde Schlange. Ich habe mit ihr gerungen und bin ihrem Würgegriff entkommen." Sie ist mittellos, weil ihr Rucksack im Auto des Unbekannten geblieben ist. Bill nimmt sie in seinem Pickup-Truck mit. Kurz darauf ist sie an seiner Seite in einer Krisensituation.

Schwungvoll und facettenreich

Es sind vor allem die gnadenlos eindringlichen und unkonventionell präsentierten Situationen, die schwungvoll und immer facettenreich daherkommen. Die Postkartenfolge einer Ich-Erzählerin, die sich eine einmonatige Auszeit in Italien nimmt, um darüber nachzudenken, ob der Schritt zur Heirat der richtige ist. Dann wiederum löst eine unglückliche Liebe den vollkommenen Rückzug von der Gesellschaft aus, die Suche nach den eigenen "Koordinaten": "Ich verdaue mich selbst. Erinnerungen rückwärts nach Wichtigkeit" werden wie von einem Knäuel bis zur ersten Begegnung abgespult. Personen von früher tauchen im Leben der Protagonisten auf, Vergangenheit holt sie ein. Die Trauer um einen geliebten Menschen in der titelgebenden Erzählung, nach dessen Tod nur mehr hemmungsloses Regelbrechen an der "Streitmaschine", einer alten Olympia, bleibt. Den Band beschließt eine Erzählung über Asja, die nichts kennt "außer Gott", nur den Wald und seine Tiere im tiefsten russischen Hinterland. Sie lebt abgeschieden von der Zivilisation und hat bereits vor langer Zeit ihre Eltern und Geschwister begraben. Damit man eines Tages noch von ihr und ihrer Familie weiß, schreibt sie alles auf: "Aber du wirst kommen, eines Tages, ich weiß es, du wirst kommen und mich den Hügel hinauftragen zu den Meinmeinen. Ich bin alt und schwach ... Es fällt mir schwer, Nahrung aufzunehmen. Ich weiß, dass ich den Frühling nicht mehr sehen werde." Zurückbleiben als Einzige - ohne einen Menschen im Umkreis - und auf den Tod warten nach dem 70. Winter. Auf dieser Erfahrung baut die Erzählung auf.

Harte Tonarten und Flapsigkeiten

Die hier geschilderten Episoden sind in ihrer Existentialität oft erschütternd und dennoch funkelt in vielen von ihnen zugleich ungehemmte, unkonventionelle Aufmüpfigkeit, das Hinterfragen des Gewachsenen, der Vergangenheit, der Lebensstrukturen. Auch sprachlich deckt Köhler ein breites Spektrum ab. Zimperlich ist sie mit dem Vokabular aber nicht. Denn mit der Brutalität gewisser Situationen korrelieren auch befremdende, härtere, ja erbarmungslose Tonarten und Flapsigkeit in der Sprache.

Köhlers Debüt versammelt zweifellos lesenswerte Erzählungen. Dass sie formal gesehen zahlreiche unterschiedliche Zugänge präsentiert, dokumentiert ihren Ideenreichtum und ihre Experimentierfreude, die Lust, etwas "auszuprobieren", wie sie im Bloggespräch bekennt. Karen Köhler kann schreiben. Und originell noch dazu! Ursula März hat sie in der Zeit als die "Entdeckung dieser Saison" gefeiert. Das kann man nur unterstreichen.