Pöstlingberg - © Foto: picturedesk.com /  Lookphotos / Hermann Erber
Literatur

Subtile literarische Sozialforschung

1945 1960 1980 2000 2020

Anna Weidenholzer legt mit ihrem jüngsten Roman einen leisen Text vor, der in lakonischer Sprache von unspektakulären Veränderungen erzählt, die sich als Zeitbomben entpuppen.

1945 1960 1980 2000 2020

Anna Weidenholzer legt mit ihrem jüngsten Roman einen leisen Text vor, der in lakonischer Sprache von unspektakulären Veränderungen erzählt, die sich als Zeitbomben entpuppen.

In Anna Weidenholzers 2016 erschienenem Roman „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ befragt ein pensionierter Lehrer Menschen in der österreichischen Provinz, um herauszufinden, woher ihre Unzufriedenheit kommt und ihre Angst, „die manche in die falsche Richtung treibt“. Doch er kommt mit seinen Forschungen nicht so recht voran und sich selbst abhanden. Schon in ihren ersten beiden Büchern „Der Platz des Hundes“ und „Der Winter tut den Fischen gut“ widmete sich die Autorin mit großer Empathie der Erkundung gesellschaftlicher Mentalitäten. Sie richtete ihren Blick dabei auf Menschen, die sich nicht selten „abgehängt“ fühlen, alt und einsam sind, zu den Langzeitarbeitslosen zählen oder in einer aussterbenden Gemeinde leben, weil der ausbleibende Schnee keinen Wintertourismus mehr ermöglicht.

Schon die Titel ihrer Bücher sind poetisches Programm: Sie sind rätselhaft, vieldeutig und behalten auch nach der ­Lektüre ihr Geheimnis. Nein, um Tiere geht es nicht in den Texten, auch nicht in ihrem neuen Roman „Finde einem Schwan ein Boot“. Die schwarze Schwänin Petra hat sich tatsächlich in Münster in ein weißes Tretboot in überlebensgroßer Schwanenform verliebt und ist ihm jahrelang treu geblieben. Im Roman wird eine Figur diese Geschichte erzählen, die Assoziationen zum Verhältnis von Realität und Fiktion im Leben und in der Literatur auslöst.

„Was die Leute denken“

Anna Weidenholzers Bücher sind Fortschreibungen am Projekt ihrer literarischen Sozialforschung. In „Finde einem Schwan ein Boot“ beobachtet sie einige Figuren in der Industriestadt Linz. Freilich kommt sie auch diesmal ohne Ortsangabe aus. Aber die Grottenbahn am Pöstlingberg mit dem Nachbau des Hauptplatzes in Miniaturform und dem berühmten Würstelmann wird jedem Kind, das in Linz aufgewachsen ist, in Erinnerung bleiben. Erwachsene können sich in der Grottenbahn als Riesen fühlen, während draußen die Welt schrumpft. Im Roman ist der Pöstlingberg der Ort, an dem Elisabeth und Peter ihre Beziehung beginnen. Elisabeth hofft: „Zwei Liebende, denkt sie, das werden wir sein.“ Wie schwierig das ist und wie sehr die Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit in ein gewohnheitsmäßiges Nebeneinander übergehen kann, ist
Elisabeth von Anfang an bewusst. „Manche Sätze machen Peter zu einem Mann, der nicht auszuhalten ist.“