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"Das Augenpaar hinter der Linse"

In ihrem Roman "Verschüttete Milch" blickt Barbara Frischmuth mit einer Handvoll Fotos in einer Mischung aus Fiktion und Autobiografie zurück in die Kriegs-und Nachkriegszeit ihrer Kindheit.

"Das Dorf im Gebirge lebte nicht von seinen Agrarprodukten, dafür war das Klima zu rau, sondern vom Salz, das abgebaut, und vom Tourismus, der in den letzten eineinhalb Jahrhunderten aufgebaut worden war." Auch wenn nie explizit davon die Rede ist, lässt sich in dieser knappen Beschreibung, mit der die österreichische Autorin Barbara Frischmuth ihren neuen Roman "Verschüttete Milch" beginnt, unschwer Altaussee erkennen. Dieser kleine Ort im Salzkammergut, in dem sie aufgewachsen ist, hat wegen seiner "landschaftlichen Anziehungskraft" schon viele zum Schreiben inspiriert. Hier wird Altaussee aber auch zu einem Ort "mit eigenem Anspruch", weil Frischmuth den historischen Bezugsrahmen unter mündlichen Überlieferungen aktiviert, um die Puzzleteile der Vergangenheit wieder neu zusammenzusetzen.

Immer schon hat Frischmuth gerne ihre Heimat und biografische Versatzstücke in ihre Werke eingewoben. Für diesen Stoff habe es, wie sie meint, zunächst einmal Abstand gebraucht, um ihre Kindheit in der Kriegs-und Nachkriegszeit in Literatur übersetzen zu können, was hier anhand alter Fotos, die beim Betrachten zum Erzählstimulus werden, in einer Mischung aus Autobiografie und Fiktion geschieht. Wachgerufenes verzweigt und verknüpft sich und stößt als Nachbild Reflexionen über Vergangenes, verschüttete Erzählungen und blinde Flecken der Familiengeschichte und des Ortes an.

In drei Kapiteln begleitet man die Protagonistin Juliane zunächst als die Kleine, dann als Juli, bis sie schlussendlich zu Juliane herangewachsen ist und das Internat verlässt. Als Referenzrahmen fungiert dabei immer wieder die Gegenwart, die als zweite Erzählfläche über das Geschehen gelegt wird; dann das punktuelle Eintauchen in unterschiedliche Phasen der Kindheit, wenn ein Foto zur Hand genommen wird und Situationen, Erlebnisse oder Gespräche aus der Tiefe der Vergangenheit geholt werden. Zuerst habe sie, so Frischmuth, mit Traum und Fantasie das Bewusstsein eines sehr kleinen Kindes erzeugt. Je älter dieses Kind geworden sei, desto mehr Erinnerung war da, die Inspiration durch die Realität sei mit der Zeit größer geworden. Raffiniert entfaltet Frischmuth im Nachspüren dieser Kindheit ein sehr lebendig erzähltes, vielschichtiges Zeitpanorama.

Aktuelle Probleme wie der Klimawandel, der Rückgang der Fischbestände im See, aber auch die Thematisierung des oft noch zurechtgebogenen Umgangs mit der Vergangenheit bilden den Beginn des Romans. Der Zeit sind sukzessive "Geschichten mit angepasster Wahrheitsfindung" entwachsen, die bald "Teil einer breit aufgestellten chronistischen Geschichtsschreibung" geworden sind. "Das Augenpaar hinter der Linse" ist ausschlaggebend, konstatiert Frischmuth ganz lapidar mit Hermann Broch.

Da sind sie also wieder, diese Kartons mit den alten Fotos, die ungeordnet in kleinen und großen Schachteln lagern und dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, wenn Juliane, die wie die Autorin selbst als Tochter einer Hoteliersfamilie "im Sommer 41 auf die Welt gekommen" ist, in ihnen gräbt. Mitten im Krieg ist sie geboren. Die zweijährige Juliane mit Sonnenbrille, dann -kurz nach dem Tod ihres Vaters, der in Russland gefallen ist -zu Weihnachten 1943 in einem "karierten Barchenkleid" mit einem glänzend polierten Apfel in der Hand. " Keine Spur von Christkind oder Weihnachtsengeln." Der Vater wird irgendwann zur Traumfigur, um die immer wieder die Frage kreist, wer er eigentlich war. Direkte Erinnerungen an die Kriegszeit, Wissen um Arisierungen und Verfolgungen fehlen dem Kind zunächst, aktiviert wird das, was sich im Ort zugetragen hat, nur vage in mühevoller Kleinarbeit, herausgefiltert aus den Erzählungen der Leute rings um sie herum, die vielfach schweigen.

Die Familie selbst ist im Krieg politisch gespalten. Während die Großmutter den nationalsozialistischen Ideen zugeneigt ist, gibt sich der Großvater als Monarchist. Die angeheiratete Tante Hanna leistet aktiv Widerstand. Sie versteckt Juden und unterstützt sie mit gefälschten Pässen bei ihrer Ausreise. Später, als über Wien die Bomben fallen, zieht sie nach Altaussee und schließt sich hier "der regionalen Widerstandsbewegung" an, nicht ohne Spionagewissen über die "Endphase der Alpenfestung", das sie über ihren Mann Leo bezieht, der sehr früh der NSDAP beigetreten ist. Ihren Taten hat man im Nachhinein jedoch nicht wirklich Glauben geschenkt, da man ihr dies alles, wie sie vermutet, "als Frau nicht zugetraut habe". Später erfährt Juliane, dass auch Onkel Leo - als Chirurg war er im Wilhelminenspital unabkömmlich -seine Frau unterstützt hat und seinen Bruder, Julianes Vater, mit falschen Diagnosen vor der Einberufung schützen wollte, bevor alles aufgeflogen ist und der Vater kurz darauf an der Front gefallen ist.

Das kleine Mädchen lernt, dass "Evakuierte", der Mangel und Sirenen mit dem Krieg zu tun haben oder dass man zwischen Gewand und Uniform unterscheiden muss. Im Krieg steigen hohe Nazi-Offiziere im Hotel ihrer Familie ab; dann kommt Juliane mit "Mitgliedern der faschistischen Exilregierungen" in Berührung. Gleich im Sommer 1945 wird der Hotelbetrieb wieder aufgenommen; das Haus wird requiriert und man stellt sofort "vom Waffen-auf den Schleichhandel" um.

Ungeklärtes und Verschwiegenes

Fotospuren, die als Momentaufnahmen persönlicher Kindheitsminiaturen beispielsweise die Bedeutung des Sees mit den alten Sagen vom Wassermann zeigen, werden zu heiteren Narrativen, dann folgen wieder Schwenks auf die Währungsumstellung oder auf die Suche nach dem Nazigold. So kristallisiert sich subtil eine Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte heraus, die zudem durch eine verstärkte Integration regionaler Ausdrücke und Austriazismen unterstrichen wird. Mit dem Blick aus der Gegenwart auf die Vergangenheit rollt Frischmuth eine abgeklärte Außenperspektive über das Geschehen, die auch kritische Betrachtungen zulässt. Die Tracht, "das Gewand" der Einheimischen, könne nicht so einfach auf politische Einstellungen reduziert werden, "die genausogut in Jeans und schwarzen Ledermänteln" vertreten werden können.

Die Zeit ist nur mehr in Gedanken zurückzuholen, sagt Frischmuth. "Das, was war, ist nicht mehr veränderbar", daher auch im Titel ein Verweis auf "das Vergebliche". Manches lässt sich gar nicht so einfach eruieren, nur im Gespräch der nächsten Generation fällt Licht auf Ungeklärtes und Verschwiegenes: "Sobald sie aber begannen, dieser Fährte zu folgen, taten sich Sichtweisen auf, geprägt von familiären Vorurteilen, gemischt mit Erklärungen, die das Gedächtnis herausforderten." Lücken treten zutage. "Es lag wohl an der vielen vergangenen Zeit, dass sie sich wesentlich entspannter über diese Art von verschütteter Milch austauschen konnten."

Mit erzählerischer Leichtigkeit dokumentiert Frischmuth souverän ein Stück österreichischer Kultur-und Zeitgeschichte und leistet damit gleichzeitig einen sehr persönlichen Beitrag zur historischen Spurensuche in den Jahren des Umbruchs. Der See, der Ort, die alten Bilder. Am Schluss werden Entscheidungen getroffen, die richtungsweisend sind.

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